Simon & Garfunkel - The Concert in Central Park (DVD) Testbericht

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  • Action:  sehr wenig
  • Anspruch:  durchschnittlich
  • Romantik:  hoch
  • Humor:  wenig humorvoll
  • Spannung:  langweilig

Erfahrungsbericht von LosGatos

Zeitreise

5
  • Action:  sehr wenig
  • Anspruch:  durchschnittlich
  • Romantik:  hoch
  • Humor:  wenig humorvoll
  • Spannung:  langweilig
  • Altersgruppe:  keine Altersbeschränkung
  • Meinung bezieht sich auf:  DVD-Version

Pro:

ein Ereignis für alle Ewigkeit

Kontra:

man kann die Zeit nicht wirklich zurückdrehen

Empfehlung:

Ja

Wir schreiben Sonnabend, den 19.9.1981. Ziemlich genau 20 Jahre vor jenem New Yorker Ereignis, das die Welt erschütterte. An diesem Spätsommertag sollte hier im Herzen New York City’s eines der legendärsten Konzerte der Pop-Geschichte stattfinden. Die Zeiten von Woodstock sind längst vorbei, einige ihrer Legenden auch nicht mehr unter den Lebenden, aber einige der Stars jener Zeit noch in aller Munde. Nein, Simon & Garfunkel traten damals nicht in Woodstock auf, vielleicht waren sie dafür einfach zu brav. Aber es war die Zeit, als auch sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen.

Auch das Wetter ist heute nicht wie einst in Woodstock. Menschenmassen müssen sich nicht im Schlamm sielen, Tausende füllen heute die riesigen Rasenflächen des Central Parks, der grünen Lunge Manhattans. Der blaue Himmel sorgt zwar noch nicht für die rechte Konzertatmosphäre, aber endlich betritt New York’s Bürgermeister Ed Koch die Bühne. Statt langer Worte spannt er das Publikum nicht auf die Folter. Ein kurzes „Ladies and Gentlemen, Simon & Garfunkel“ und das Konzert ist eröffnet.

Und dann stehen zwei Jünglinge auf der Bühne, die gerade aus dem College-Alter heraus sein dürften. Der Schein trügt. Denn die beiden, altersmäßig nur wenige Woche auseinander, sind an diesem Tag bereits fast 40! Nicht zusammen, sondern jeder für sich. Dabei ist es in diesem Metier eher umgekehrt, das exzessive Leben hinterlässt oft Spuren in den Gesichtern. Aber wie gesagt, Tom & Jerry waren ja nicht in Woodstock. Tom&Jerry, die Comic-Figuren? Nein, als Teenager traten S&G bereits zusammen auf und hatten auch einen Hit, und damals (1957) nannten sie sich in der Tat Tom (Garfunkel) und Jerry (Simon). Dann erfolgte ihre erste Trennung und ab 1963 gab es dann Simon & Garfunkel.

Art Garfunkel steht hier auf der Bühne und klatscht. Wem applaudiert er? Sich selbst? Na ja, auch im Folgenden habe ich immer wieder den Eindruck, der lange Schlacks weiß nicht, wohin mit seinen Händen. Kann halt ein Nachteil sein, wenn man kein Instrument spielt. Ganz anders dagegen Paul Simon. Der kleine Kerl, der aussieht wie ein Latino und den man gut für einen quirligen südamerikanischen Dribbelkünstler halten könnte, hat sich eine riesige schwarze Akustik-Gitarre um den Hals gehängt. Von den Dimensionen etwa 1:1. Fast hat man Mitleid mit dem schmächtigen Burschen. Aber bei Paul Simon täuscht so vieles. In Wirklichkeit ist er jüdisch-ungarischer Abstammung.

Gleich gibt Paul den Ton an. Er heizt ein. Und sie beginnen mit meinem Lieblingslied von S&G. Kann man von S&G ein Lieblingslied haben? Na klar, man kann. Ich muss. Es war im Jahre 1968, ich war damals im zarten Alter von 14 Jahren auf meiner ersten Fete. Tanzen! Mit Anfassen. „Nicht so schüchtern“ sagte sie. Und ganz zum Schluss – länger als bis 22 Uhr durften wir in dem Alter nicht – legte ein Mitschüler „Mrs. Robinson“ auf. Ja, es war für mich wirklich eine Art Reifeprüfung..

Where have you gone, Joe DiMaggio
A nation turns its lonely eyes to you (Woo, woo, woo)
What\'s that you say, Mrs. Robinson?
Joltin\' Joe has left and gone away?
(Hey hey hey...hey hey hey)

Joe DiMaggio wurde nicht nur durch Simon & Garfunkel berühmt, sondern vor allem als Ehemann von Marilyn Monroe. Und dieses Lied lässt mich also immer wieder nicht nur zurück ins Jahr 1981 reisen, sondern sogar noch 13 Jahre weiter. Das ist mein „Wohin“. Nur Art Garfunkel weiß immer noch nicht, wohin mit seinen Händen. Erst steckt er sie sich in die Gesäßtaschen, dann hängt er sich krampfhaft ans Mikrofon. Er sieht richtig dankbar aus, dass er endlich Halt gefunden hat. Irgendwie mag ich ihn nicht, den Art. Und ein Frauentyp ist er wohl auch nicht. Die hohe gewölbte Stirn und die wenig ansehnliche Haarkrause. Sonnenrad-Frisur hätte man zu Zeiten von Jimi Hendrix gesagt. Aber sein Gesicht hat sich der gute Art auch nicht ausgesucht. Ganz anders dagegen Paul Simon. Seinen dunklen Nadelstreifenanzug hat er durch ein weißes T-Shirt „entschärft“. So wirkt er locker und lässig, längst nicht so „artig“.

Mit „Homeward bound“ legen sie dramaturgisch gleich noch einen drauf. Bereits nach zwei Liedern haben sie mich emotional gepackt. Ich fühle mich zu Hause. Ich bin dabei. Einer von Tausenden im Central Park. Obwohl bis zu diesem 19. September 1981 New York und LosGatos sich noch nie begegnet sind. Ja die beiden sind auch hier in New York zu Hause. Das Publikum weiß das zu honorieren. Paul hält eine kurze Ansprache und dankt allen, die das Konzert ermöglicht haben.

Emotional schalten sie einen Gang zurück: Zwei brave Jungs singen „America“. Sehen so Stars aus? Art scheint zeitweise im Stehen zu schlafen. Aber dank des Einheizers Paul Simon wacht auch sein Kollege auf. Paul sieht nicht nur aus wie ein Latino, immer wieder hat er lateinamerikanische Elemente in seine Musik eingebracht. So in „Me and Julio down by the schoolyard“. Die beiden stehen keineswegs allein auf der Bühne. Mindestens 10 Hinterbänkler sind mit von der Partie. Ein Saxophonist entwickelt ordentlich Sound.

Als Beweis, dass auch Art jetzt voll dabei ist, wendet er ein paar Worte ans Publikum. Es folgt das bekannte „Scarborough Fair“. Ein Song, der für mich unter die Rubrik „Langweilig und Schön“ fällt. Simon & Garfunkel sind halt für alle Widersprüche gut. Art verleiht sich selbst Kraft, indem er sich an seinem Hosenbund „aufstützt“. Und endlich dämmert’s im Central Park.

„April come she will“ gehört nicht zu den ganz bekannten Songs. Es ist trotzdem ein schönes Lied. Art kann sich hier voll einbringen. Simon & Garfunkel für alle Jahreszeiten. Falls dieses Lied für jemanden zu beruhigend gewirkt haben sollte, wird er jetzt mit dem Softrock-Klassiker „Wake up, little Suzie“ aufgeweckt. Sofort setzt aber wieder Besänftigung ein. Art darf sich hinsetzen und ausruhen. Paul singt in „Still crazy after all these years“ solo, lässt seine Gitarre auch nur noch hängen. Dafür dürfen sich jetzt die Herren aus der zweiten Reihe profilieren. Jazziger Sound kommt zeitweise auf. Und einer der Musiker hat auch das passende Gesicht dazu.

Art hat die Pause gut getan, er bekennt sich zu guter Stimmung, Glenn Miller’s „In the Mood“ wird dann aber doch nicht angestimmt, sondern es geht mit „American Tune“ sanft weiter. Einfach die Seele baumeln lassen. Art Garfunkel, einer, der bloß singen kann. Das aber einfach gut. Es ist stockfinster. Musikalisch wird das durch „Late in the evening“ unterstrichen. Der Central Park tobt. Paul heizt jetzt “elektrisch”.

Zeit für einen der ganz großen Paul Simon-Songs: „Slip sliding away“. Art gibt Paul ein paar Handzeichen, als wolle er fragen, ob er da mitsingen darf. Er tut es auf jeden Fall. „A Heart in New York“ – ein Liebeslied an New York. Art singt solo: looking down on Central Park….das Publikum nimmt die Textstelle dankbar auf. Zum Schluss spielt Art Miss Liberty. Triumphierend reckt er die Faust gen Himmel. Spätestens jetzt hat er auch bei mir gesiegt.

Dann kündigt Paul Simon ein ganz neues Lied an: „The late great Johnny Ace“. Ein sehr nachdenkliches Lied, das die musikalischen Zeiten von S&G durchstreift, 1956 beginnend. Dann kommt die Zeit der Stones und der Beatles und von JFK. Und schließlich die Nachricht von der Ermordung John Lennons. Letzteres liegt damals nicht einmal ein Jahr zurück. Und zum Ort des entsetzlichen Geschehens ist es vom Central Park nur ein paar Schritte entfernt.

Bei „Kodachrome / Maybellene“ herrscht tolle Stimmung im Central Park. It’s Party-Time. Kaum auszumalen, was los wäre, würden sie jetzt „Bridge over troubled water”, ihr wohl berühmtestes Lied, zum besten geben. Und genauso kommt es. Dass ein Lied eine Brücke sein kann, wissen S&G seit 1969. Art Garfunkel singt solo, vom Keyboard begleitet. Art Garfunkel at his best. Ein großer Sänger, der den Central Park jetzt fest in der Hand hat. Seine Augen glänzen. „Bright eyes“ wird er uns dennoch heute schuldig bleiben. Sein Krauskopf wird jetzt zum Heiligenschein. Kein Schwenk der Kamera aufs Publikum. Trotzdem spürt man, dass sich hier und jetzt Tausende in den Armen liegen. Love & Peace 12 Jahre nach Woodstock. Und der Applaus ist bombastisch.

Der nächste Solo-Auftritt gebührt Paul. Mit „50 ways to leave your lover“ eröffnet er die Kategorie „Tipps & Tricks, wie man seine (n) Geliebte(n) los wird“. Auch eine seiner Sternstunden.

Gibt es noch eine Steigerungsmöglichkeit? Durchaus. Denn ein Lied wie „The Boxer“ darf bei einem solchen Konzert natürlich nicht fehlen. Das Lied vom einsamen und mittellosen New Yorker Obdachlosen, der aber weiß, er wird nie aufgeben. Es ist einfach einer der größten Songs von S&G, dafür muss man sie einfach lieben, egal was Art mit seinen Händen macht. Und ihnen selbst sieht man an, dass sie diesen Moment im Central Park genießen. Geeint treten sie hier auf, nirgendwo wirken sie harmonischer. Standing Ovations sind dafür sicher. Heimspiel-Atmosphäre.

In the clearing stands a boxer,
And a fighter by his trade
And he carries the reminders
Of ev\'ry glove that laid him down
And cut him till he cried out
In his anger and his shame,
\"I am leaving, I am leaving.\"
But the fighter still remains

Lie-la-lie...

Wenn’s am schönsten ist, soll man bekanntlich gehen oder zumindest seinen Abgang vorbereiten. Deshalb ist an dieser Stelle das offizielle Ende des Konzertes erreicht. Aber natürlich gibt es Zugaben. Nachdem sich das Duo kurz zurückgezogen hat, geht es mit „Old Friends“ / „Bookends“ weiter, zwei Titel werden hier vereint. Danach wird mit dem „59th Street Bridge Song (Feeling groovy)“ die „echt geile“ Stimmung nochmals unterstrichen. Statt Feuerwerk gibt es schließlich „Sounds of Silence“, das Lied, das wie ein Motto über der Musik von Simon & Garfunkel steht. Letztlich liegen sich die beiden zaghaft in den Armen.

Vor der allerletzten Zugabe im tosenden Central Park, der bis in die letzten Ecken gefüllt ist, werden endlich die Musiker vorgestellt. Paul Simon schnappt sich ein letztes Mal die E-Gitarre und beschließt den Abend nochmals mit „Late in the Evening“. Die Zeitreise ist nach knapp eineinhalb Stunden zu Ende.

Es gibt kaum Musiker, die so viele Seelen geeint haben wie Simon & Garfunkel. Aus Anlass der „Wiedervereinigung“ von S&G im Herbst 2003 erschien kürzlich die Aufzeichnung des Central Park- Konzerts auf DVD auch in Deutschland. Zu erhalten z.B. bei Amazon zum Preis von 15,99 EUR. Ich habe sofort zugegriffen. Somit kann ich die Zeitmaschine immer wieder anwerfen und kann bei diesem einzigartigen Konzert dabei sein. Wozu also 50 – 100 EUR oder mehr ausgeben, um bei heutigen Live-Konzerten dabei zu sein, von denen man hinterher womöglich enttäuscht ist, so wie es mir dieses Jahr bei den Stones passierte? Zum Abschluss einfach nochmals meine persönliche S&G Top3:

1) Mrs. Robinson
2) The Boxer
3) Bridge over troubled water


Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 15.12.2003
Veröffentlicht außer bei Ciao derzeit nur noch bei Yopi

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