Sozialwissenschaften Allgemein Testbericht

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Erfahrungsbericht von Indigo

Eine geballte Ladung Hilfe - das Portrait eines Sozialarbeiters

Pro:

es verkürzt die Intervention und spart Geld

Kontra:

es erfordert eine Zusatzqualifikation

Empfehlung:

Nein

Portrait eines professionellen Sozialarbeiters

In der Fachliteratur werden Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und verwandte helfende Berufe in unterschiedlichster Form charakterisiert.

Ohne die Differenzierung von Sozialarbeit, Sozialpädagogik und sozialer Arbeit zu reflektieren, werden in der Folge Merkmale der helfenden Tätigkeiten aus der Fachliteratur der letzten 30 Jahre zusammengeführt. Um widerum allen Faker-Jägern den Wind aus den segeln zu nehmen sei vorausgestellt, dass die folgende Übersicht aus ca. 50 Fachbüchern der letzten dreißig Jahre abgeschrieben wurde.

Es ergibt sich eine geballte Ladung Hilfe. Wir werden sehen, in der Fachliteratur sind die Helfer Übermenschen.

Zur Vereinheitlichung und aus pragmatischen Gründen erhält im Folgenden der Begriff Sozialarbeit hier den Vorzug.

Im Idealfall strebt ein Sozialarbeiter danach, intentionaler, effektiv lebender, selbstaktualisierter und transparenter Mensch zu sein. Der Sozialarbeiter kümmert sich demnach vor allem um seine eigene Reife. Er weiß, dass er eine Vorbild-funktion innehat; er muß das Verhalten selbst leben, das zu erlangen er anderen zu helfen hofft.

Der Sozialarbeiter weiß, daß er nur helfen kann, wenn er im eigentlichen Sinne des Wortes ein potenter Mensch ist, eine willensstarke Persön-lichkeit mit den Mitteln zu handeln.
Der Sozialarbeiter weiß, daß er für ein wirkungsvolles Leben viel Kraft braucht. Somit achtet er auch auf seinen Körper, er trainiert ihn. Ein vernachläs-sigter Körper bedingt Energieverluste.

Der Sozialarbeiter ist sich seinen intellektuellen Fähigkeiten bewußt, er achtet geistige Arbeit und den Reichtum der Ideen. Gedanken und Ideen sind ihm wichtig, er liest engagiert und eifrig, er ist ständig bemüht seine Kenntnisse zu erweitern. Auch gute Literatur, die Welt der Mythen und Bilder bedeuten ihm etwas.

Bei allem Respekt vor Wissenschaft und Theorie ist der Sozialarbeiter doch ein Praktiker, ein Über-setzer, der das Gelesene für sich arbeiten läßt.
Der Sozialarbeiter hat gelernt, gut und effektiv zu lernen. Er kann Theorie und Forschungs-ergebnisse in die Praxis transferieren, wodurch er in der Lage ist, anderen Menschen effektiv und effizient zu helfen.

Schließlich hat der Sozialarbeiter noch das Rüstzeug, seine Hilfsprogramme auszuwerten, zu analysieren und zu interpretieren.
Zentrale Bedeutung für den Sozialarbeiter hat sein gehörig gesunder Menschenverstand.

Seine ausgeprägte soziale Intelligenz. Der Sozialarbeiter ist in der sozial-emotionalen Welt zu Hause; hier ver-fügt er über ein ausgedehntes Repertoire von sozial-emotionalem Können, durch welches er spontan, wirksam und bedürfnisorientiert agieren kann. Diese Kompetenz ist ihm zur zweiten Natur geworden.

Der Sozialarbeiter weiß, Helfen ist ein hartes Stück Arbeit. Er beschäftigt sich physisch und psychisch mit anderen Menschen, er reflektiert seine Körpersprache und versteht die nonverbalen Botschaften seines Gegenübers. Er ist ein aus-gesprochen guter Zuhörer, weil er eben weiß, daß Beratung ein sehr intensiver Vorgang ist, bei dem man durch gute Zusammenarbeit viel erreichen kann. Der Sozialarbeiter versteht sein gegenüber, er kann aus dessen Bezugsrahmen heraus ant-worten und die Welt mit dessen Augen sehen.

Der Sozialarbeiter verzichtet wohlwissend auf Werturteile. Vorurteilsfrei vertraut er auf die konstruktiven Kräfte, die er im Klienten sucht, findet und dann erwartet, daß dieser diese so wirkungsvoll lebt, wie er nur kann. Der Sozialarbeiter ist um den Hilfesuchenden besorgt; ohne innere Abwehr ist er spontan und stets bereit zu sagen, was er denkt und fühlt – natürlich nur, wenn es wirk-lich im Interesse des Klienten ist. Ein guter Professioneller Sozialarbeiter drückt sich konkret, klar und deutlich aus, er benennt aktuelle Gefühle und aktuelles Verhalten und verzichtet auf vage Formulierungen und Verallgemeinerungen. Seine Kommunikationsform ist liebevoll, emphatisch, menschlich sowie knapp, präzise und sachbezogen.

Der Sozialarbeiter integriert. Er hilft dem Klienten seine eigene Welt, seine Erfahrungen und sein Verhalten zu erforschen.. Bringt der Klient selbst Daten und Ereignisse seiner Biographie in den Hilfeprozeß ein, so wird der Sozialarbeiter dieses Material verarbeiten, und zwar so, daß der Klient sich und sein Verhalten begreift. Selbstverständlich teilt auch der Sozialarbeiter seine eigenen Erfahrungen mit, falls es dem Hilfeprozeß förderlich ist.

Auch fürchtet sich der Sozialarbeiter nicht, den Klienten zu konfrontieren, mit liebe-
voller Sorge Forderungen zu stellen, wenn diese aus der Lebenswelt des Klienten abgeleitet sind und nicht aus der des Sozialarbeiters. Seine Beziehung zum Klienten legt der Sozialarbeiter offen, hier ist er so transparent, daß es dem Klienten sein Verhalten und seinen Umgangsstil zu verstehen hilft. Alles, was geschieht, geschieht für den Klienten.

Der Sozialarbeiter achtet sehr darauf, daß seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse dem Hilfeprozeß nicht in die Quere kommen.

Wichtig für den professionellen Sozialarbeiter ist das Handeln. Der Sozialarbeiter ist der Aktive, er packt sein Leben aktiv an anstatt sich ihm zu fügen; schon dadurch ist er in der Lage, anderen Menschen zu helfen. Der Sozialarbeiter erarbeitet Aktionsprogramme, die konzeptionell zu kon-struktiven Verhaltensänderungen führen.

Er ist ein Pragmatiker, der alle potentiellen Hilfsquellen methodisch erschließt, die seinen Klienten in die Lage versetzen, seine Ziele zu realisieren. Der Sozialarbeiter weiß genau, Helfen ist ein Prozeß, eine Entwicklung. Aufgrund seines großen Handlungsrepertoires kann der Sozialarbeiter ein Problem von vielen verschiedenen Punkten aus bearbeiten, so daß alternatives, gewünschtes Verhalten entsteht. Wenn der Sozialarbeiter in einem Beratungsprozeß zu einer reihe von ausgefeilten Techniken greift, so ist er deren Meister; die Interventionstechniken stehen dem Sozialarbeiter zu Gebote, nicht er ihnen.

Der Sozialarbeiter verfolgt einen Plan, doch weicht er auch von diesem ab, wenn es konstruktiv ist und der Sache dient. Letztlich braucht der professionelle Sozialarbeiter womöglich gar keine spezifischen Methoden, Techniken oder Modelle, weil er wirkungsvoll lebt und Helfen ihm instinktiv liegt.

Der gute Sozialarbeiter kennt sich mit Menschen aus. Er hat keine Angst sich in die Lebenswelt seiner Klienten zu begeben, sich auf ihr Elend einzulassen. Die Problematik der Lebenslagen von Klienten schüchtert einen professionellen Sozialarbeiter nicht ein. Der Sozialarbeiter braucht die Intimität, die Nähe im Beratungs-prozeß nicht als Ersatzbefriedigung, dessen ist er nicht bedürftig.

Er ist nicht so ein Mensch, der sich nur wohlfühlt, wenn er Menschen mit Problemen um sich hat, die seinen eigenen Problemen ähneln. Der Sozialarbeiter ist auch Krisenmanager, hier kann er eigene und anderer Leute Energien mobilisieren und aktivieren, kraftvoll und entschieden zu handeln. Der profes-sionelle Sozialarbeiter reflektiert den Sachverhalt, daß die Intervention, der Eintritt in die Lebens-welt anderer ein Vorzug ist. Er weiß dieses Privileg zu schätzen.

Der Sozialarbeiter weicht auch eigenen Pro-blemen nicht aus. Er erforscht sein Verhalten und weiß, wer er ist.
Auch die eigene Arbeit evaluiert der professionelle Sozialarbeiter selbst. So kann er seine Tätigkeit, die Effizienz und Effektivität seiner Handlungen immer wieder korrigieren und optimieren. So entwickelt sich die Tätigkeit des Sozialarbeiters kontinuierlich weiter.

Der Sozialarbeiter ist stets up to date, auf der Höhe der Zeit. Er verfolgt die öffenlich-politische Diskussion genau.
Seine generalistische Qualifikation, die ständig aufgefrischt und aktualisiert wird, verhilft dem Sozialarbeiter zu einer breiten Akzeptanz. Nur er kann übergreifend Probleme erkennen.

Für den Sozialarbeiter ist es selbstverständlich, regelmäßig Fort- und Weiterbildungen zu absolvieren. Nur so ist er in der Lage auf die dynamischen Veränderungen in der Gesellschaft professionell zu antworten. Der Sozialarbeiter beherrscht die ver-schiedenen Rechtsgebiete, durch seine em-phatische Persönlichkeit und seine Beratungs-kompetenzen, kann er in Rechtsfragen effektiver beraten als jeder Volljurist.

Der Sozialarbeiter ist auch ein Manager. In sozialen Einrichtungen wendet er verschiedene Managementtechniken an. Er analysiert Organi-sationsstrukturen und bilanziert die Wirt-schaftlichkeit von Einrichtungen.

Der Sozialarbeiter füllt ebenso Leitungsfunktionen aus. Er bedauert, daß der direkte Kontakt zum Klienten hier zurückstehen muß, aufgrund seiner authentischen Führungstätigkeit vermittelt er zielgerichtet die geeigneten Methoden und Konzepte an seine Kollegen.

In Verhandlungen mit Behörden und Ämtern ist er sachlich, kompetent und durchset-zungsfähig. Der professionelle Sozialarbeiter ist hier Interessenvertreter seiner Einrichtung. Die Authentizität ist dadurch begründet, daß die Intention der Einrichtung stets die Interessen der Klienten verfolgt.

Der professionelle Sozialarbeiter verdient Respekt. Seine qualifizierte und anspruchsvolle Tätigkeit fordert den ganzen Menschen. In über 300 verschiedene Tätigkeiten kann der Sozial-arbeiter sein Können einbringen.

Auch über die geringe Entlohnung sieht der Sozialarbeiter jovial hinweg. Sein Einkommen interessiert ihn nicht in erster Linie. Der Sozialarbeiter ist froh, daß er im Vergleich zu formal ebenbürtigen Berufsgruppen eben nicht über eine exponierte Position verfügt. Dies eröffnet ihm die einzigartige Chance, die notwendige Nähe zum Klienten objektiv und glaubwürdig zu vermitteln.

Ein wahnsinnig toller Mensch, oder?

Alles authentisch aus der gängigen Fachliteratur.



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-19 15:00:55 mit dem Titel Was ist Sozialisation? Nur das Lernen von Normen?

Sozialisationstheorie:

Der Begriff der Sozialisation bezeichnet den Sachverhalt, dass die Entstehung und Bildung der menschlichen Persönlichkeit von gesellschaftlichen Umweltbedingungen abhängig ist.
Der Begriff der Sozialisation sollte nicht von vornherein zu eng gesehen werden, wie z.B. durch die Einschränkung auf bestimmte Ziele (z.B. Anpassung an bestehende Normen und Werte), Institutionen (z.B. Familie), Altersstufen (z.B. frühe Kindheit) oder theoretische Ansätze (z.B. Rollentheorie).

Der Begriff der Sozialisation ist von dem Begriff der Erziehung im Sinne der traditionellen Pädagogik, d.h. dem persönlichen Verhältnis zwischen Edukant und Erzieher und der von diesem intendierten (angestrebten) bewirkten Vermittlung von Bewußtseinsverhalten abgeleitet.
Die Sozialisationstheorie geht von den folgenden empirisch (erfahrungsgemäß) begründeten Annahmen aus:

dass in der Genese der Persönlichkeit Umweltbedingungen notwendig und entscheidend mitwirken,
dass sich die Wirkung auf alle Bereiche der Persönlichkeit, kognitive (erkenntnismäßige) wie motivationale, bewußte wie unbewußte und auf allgemeine wie spezifische Merkmale erstreckt,
dass die Umweltbedingungen über das erzieherisch intendierte (angestrebte) Verhalten anderer Personen weit hinausgehen, d.h. auch nicht intendiertes und unbewußt motiviertes Verhalten anderer einschließen, darüber hinaus auch institutionelle und materielle Gegebenheiten in der Realität, die nicht mehr direkt durch das Verhalten anderer vermittelt wird, dass die Umweltbedingungen Bestandteile einer umfassenderen Lebenswelt sind, die historisch und durch gesellschaftliche Bedingungen geprägt ist und daher in verschiedenen Kulturen, Gesellschaften, subkulturellen Milieus, Gruppen, Institutionen u.s.w. unterschiedlich ist.

Für das methodische Vorgehen folgt aus diesen Charakteristika, dass Sozialisationsprozesse zureichend weder in einer rein geisteswissenschaftlich-hermeneutischen (deutenden, erklärenden) Einstellung noch durch Deduktion (Ableitung des Besonderen bzw. Einzelfalls aus dem Allgemeinen) aus gesellschaftstheoretischen Axiomen (grundlegende Aussage, die zur Definition von Grundbegriffen dient, früher oberster Grundsatz der weder beweisbar ist, noch eines Beweises bedarf) zu erschließen sind, sondern nur durch theoretisch angeleitete erfahrungswissenschaftliche Forschung.

Wenn Sozialisationstheorie die Bildung der menschlichen Persönlichkeit erklären soll, so muß sie auch einen bestimmten Begriff von dem, was \"Persönlichkeit“ heißt, enthalten. Und tatsächlich impliziert (schließt mit ein) jeder bisher vorgelegte sozialisationstheoretische Ansatz eine Persönlichkeitstheorie bzw. ein Menschenbild. Ein solches kann aber nicht einfach vorausgesetzt werden, da dieser Begriff im Alltagsverständnis wie in der wiss. Literatur nicht eindeutig ist und weil höchst unterschiedliche, sich teilweise auch widersprechende Auffassungen darüber gibt.

Vielmehr muß eine Sozialisationstheorie selbst einen Begriff der Persönlichkeit entwickeln.
Z.B. ist jede, auch die erfahrungswissenschaftliche Forschung nie nur reine Beschreibung des Seienden, sondern enthält schon in der zugrundeliegenden Begrifflichkeit normative Implikationen, d.h. unausgesprochene Leitvorstellungen für menschliches Handeln. Im Falle der Sozialisationstheorie z.B. schlagen sich in dem implizierten Persönlichkeitsbegriff Vorstellungen über anzustrebende bzw. nicht anzustrebende Persönlichkeitsmerkmale, letztlich also Ziele der Erziehung, nieder.

Es ist z.B. nicht gleichgültig, ob der Sozialisationsforscher sich vorrangig für die Entstehung von Rollenkonformität oder Kommunikationsfähigkeit, Leistungsmotivation oder Aggressivität interessiert.

Wenn der Gegenstand der Sozialisationstheorie die Entstehung und Bildung der Persönlichkeit aus Umweltbedingungen ist, so muß sie möglichst vollständig und detailliert die innerpsychischen Prozesse darstellen und erklären, durch die jeweils best. Umwelterfahrungen erarbeitet und zu Bestandteilen der Persönlichkeit selbst werden. Soialisationstheorie ist in soweit also Psychologie.

Wenn die der Konstituierung der Persönlichkeit zugrundeliegenden Bedingungen als gesellschaftlich vermittelte angenommen werden, so sind auch die Zusammenhänge zwischen den unmittelbar relevanten Sozialisationsbedingungen, also physische Umwelt und Bezugspersonen bzw. Interaktionsmuster, und den diesen zugrunde liegenden allgemeineren gesell. Bedingungen zu thematisieren und zu klären. In dieser Hinsicht ist Soialisationstheorie soziologisch.

Das theoretische Problem liegt darin, ein Modell zu finden, das gleichzeitig zwei Tatsachen, nämlich der Einmaligkeit individueller Sozialisationsverläufe und der Allgemeinheit der zugrundeliegenden gesell. Bedingungen, gerecht wird.

Folgende Ebenen zunehmender Abstraktion müssen dabei unterschieden werden:

Analyse der Sozialisationsprozesse beim einzelnen Individuum,
Analyse der in begrenzten institutionellen Subsystemen (z.B. Familie, Schule, Heim) liegenden Sozialisationsbedingungen, auf die individuelle Sozialisationsprozesse zurückgeführt werden müssen, Analyse subkultureller Lebenswelten (z.B. bestimmter Bevölkerungsgruppen, sozialer Klassen, Regionen u.s.w.) und Analyse des gesamtgesell. Struktur- und Funktionszusammenhanges, auf den wiederum die Bedingungen der mittleren Ebenen zurückführbar sind.

Der Zusammenhang zwischen diesen Ebenen ließe sich als Vermittlungskette auffassen, etwa nach dem Beispiel: Gesellschaftliche Strukturbedingungen prägen die soziale Situation am Arbeitsplatz, die dabei gelernten Verhaltensweisen und Orientierungssysteme bestimmen das Verhalten gegenüber den Kindern im familiären Kontext, und dieses prägt wiederum die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.

Problematisch sind dabei erstens Kriterien und Art der begrifflichen Zusammenfassung bzw. Unterscheidung von Bevölkerungsgruppen und zweitens scheint die Annahme nur einer Bedingungskette unzureichend zu sein, die Erklärung der in einer Fam. vorliegenden Sozialisationsbedingungen aus den Merkmalen des Arbeitsplatzes des Vaters z.B. läßt zahlreiche Einflußgrößen wie die Wohnregion, Ausbildung und Arbeit der Mutter, subkulturelle Traditionen usw. außer acht.

Die in der sozialisationstheoretischen Literatur auffindbaren unterschiedlichen Menschenbilder lassen sich in mindestens fünf idealtypischen Modellen zusammenfassen.

1.) Anthropologisch-funktionalistisches Modell
2.) Wissensmodell
3.) Integrationsmodell
4.) Repressionsmodell
5.) Individuationsmodell

Die genannten Modelle repräsentieren zwar wesentliche Dimensionen, aber ein systematischer Persönlichkeitsbegriff ist damit noch nicht erreicht. Als theoretischer Ausgangspunkt, von dem aus sich ein solcher Begriff entwickeln ließe, zeichnet sich in der Diskussion zunehmend der Begriff der Handlungsfähigkeit ab.

Der sozialisierte Mensch wäre demnach als in der Gesellschaft autonom und kompetent handlungsfähige Subjekte zu bestimmen. Die zu klärende Frage ist, auf welche Weise und durch welche Qualifikation der Begriff der sozialen Handlungsfähigkeit konkret bestimmt werden kann.

Eine Grundlage des allgemeinen Begriffes von Handeln könnte als tätiger Verwirklichung von Zielen die psychologischen Bedingungen der Orientierung an anderen Subjekten, nicht nur im Rollenhandeln, sondern auch im Verstehen, sprachliche Kommunikation und taktischem wie politisches Handeln sein.

Ansätze der Persönlichkeitsgenese sind der psychoanalytische Ansatz nach Freud, der behavioristisch-lerntheoretische Ansatz (Konditionierung, Verstärkung bzw. Löschung) und der Ansatz der kognitiven Entwicklung (steht gegenwärtig im Mittelpunkt der sozialisationstheoretischen Diskussion). Dem Ansatz der kognitiven Entwicklung ähnlich ist die Aneignungstheorie in der sowj. Entwicklungspsychologie).

Der Ansatz der kognitiven Entwicklung beschreibt und erklärt die Entstehung des Intellekts in der Kindheit. Eine grundlegende Annahme ist, dass Denken nicht a priori gegeben, sondern Ergebnis einer tätigen Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt ist, genauer gesagt sind Denkoperationen verinnerlichte Handlungen.

Die große Zahl der Einzeluntersuchungen der empirischen Sozialisationsforschung kann wie folgt untergliedert werden:

nach Persönlickeits- bzw. Verhaltensbereichen, wie z.B. (1) Normenkonformität, Moral, moralisches Bewußtsein, (2) kognitive Fähigkeiten, (3) Sprache und kommunikative Fähigkeiten, (4) soziale Kognition, Wahrnehmung und Verstehen anderer, (5) Geschlechtsidentität und geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, (6) Leistungsmotivation, (7) psychischer Abhängigkeit und Unselbständigkeit; nach besonderen subjektiven Voraussetzungen, wie dem Alter;
nach sozialisierender Instanz bzw. Institution, wie z.B. der Familie, hier besonders die Eltern-Kind-Beziehungen aber auch die Auswirkungen einer Trennung von den Eltern, der nach gesellschaftlicher Lage und nach gesellschaftlichen Systemen.

Auf der Ebene soz.päd. Arbeit in bestimmten Feldern und Institutionen ist die Sozialisationsforschung prinzipiell in der Lage, die jeweils vorliegenden Sozialisationsbedingungen nach ihren typ. Auswirkungen zu beurteilen bzw. umgekehrt anzugeben, welche Bedingungen hergestellt werden müßten, damit die ihnen ausgesetzten Individuen überhaupt die Chance erhalten, sich zu autonomen und handlungsfähigen Subjekten zu bilden.

Auf der Ebene der Arbeit mit einzelnen Menschen schließlich ist ein sozialisationstheoretisches Vorverständnis Voraussetzung dafür, Individuen in ihrem konkreten Gewordensein zu verstehen.



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-22 20:51:03 mit dem Titel Re - Sozialisierung und rechtliche Implikationen

Recht der Resozialisierung

Die Vielzahl der gesetzlichen Regelungen auf dem Gebiet der Resozialisierung macht deutlich, daß eine starke Verrechtlichung dieses Bereiches der sozialen Kontrolle und der sozialen Hilfe stattgefunden hat.

Deshalb sind interdisziplinäres Zusammenwirken der handelnden Fachkräfte (Juristen, Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen u.a.) und Koordination und Kooperation der relevanten Institutionen und Gruppen wesentliche Voraussetzungen, um den gesamtgesellschaftlichen. Prozess der Resozialisierung erfolgreich voranzutreiben.

Der Begriff der Resozialisierung. selbst wird in keiner gesetzlichen Regelung verwandt, und der deutsche Bundestag hat es abgelehnt, die Wiedereingliederung des Täters in die Gemeinschaft als Strafzweck dem Strafgesetzbuch voranzustellen.

Das BVG hat das Ziel der Resozialisierung oder Sozialisation, insbesondere beim Vollzug von Freiheitsstrafen aus dem Sozialstaatsprinzip abgeleitet und wie folgt beschrieben:

\"Dem Gefangenen sollen Fähigkeit und Willen zur verantwortlichen Lebensführung vermittelt werden, er soll es lernen, sich unter Bedingungen einer freien Gesellschaft ohne Rechtsbruch zu behaupten, ihre Chancen wahrzunehmen...Als Träger der aus der Menschenwürde folgenden und ihren Schutz gewährleistenden Grundrechte muß der verurteilte Straftäter die Chance erhalten, sich nach Verbüßung seiner Strafe wieder in die Gemeinschaft einzuordnen\"

Ebenso geht das Strafvollzugsgesetz in seiner Beschreibung der Aufgaben, der Gestaltung und der Behandlungsmaßnahmen des Vollzugs vom Vorrang des Ziels der Resozialisierung vor dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten aus. Leitmotiv ist die soziale Eingliederung des Täters und damit zugleich die Verhinderung des Rückfalls.

In der sozialwissenschaftlichen, speziell sozialpädagogischen Literatur wird der Begriff der Resozialisierung abgeleitet vom Oberbegriff der Sozialisation.

Sozialisation beinhaltet in erster Linie den Prozeß der Lebenslagenentwicklung des Individuums in der Wechselwirkung zur umgebenden Gesellschaft.

Resozialisierung wird verstanden als Teil des lebenslangen Sozialisationsprozesses, wobei die Vorsilbe \"Re-\" ausdrücken soll, daß ein Teil der Sozialisation außerhalb der gesellschaftlich vorgegebenen Normen und Wertvorstellungen stattgefunden hat, so daß eine \"Wieder\"-Eingliederung notwendig ist.

Damit wird Resozialisierung. inhaltlich gebunden und geprägt durch das Faktum abweichendes Verhalten von gesellschaftlich definierten Erfordernissen. Zentrale Rollenerwartungen werden durch abweichendes Verhalten von einzelnen Mitgliedern oder Gruppen der Gesellschaft verletzt.

Instanzen der sozialen Kontrolle, wie z.B. Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und Vollzugsanstalten, aber auch Jugend- und Sozialämter, haben die Aufgabe, diese Abweichung zu sanktionieren und die soziale Ordnung zu stabilisieren. Sie tun dies durch repressive Maßnahmen und Aussonderung und deren Androhung, aber auch über den Prozeß der Resozialisierung mit dem Ziel der sozialen Integration in die Gesellschaft.

Beide Prozesse, der der Aussonderung und der der Resozialisation, treten heute in verschiedener Hinsicht gemeinsam oder sogar gemischt auf.

Dies bedeutet für Straffällige, daß sie durch den stattfindenden individuellen Lernprozess und durch eine Verbesserung ihrer Lebenssituation dazu gebracht werden sollen, die Wertvorstellungen und Rollenerwartungen der Gesellschaft so zu internalisieren, dass weitere Straffälligkeit vermieden werden.




----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-19 15:04:00 mit dem Titel Professionelles Helfen in der sozialen Arbeit

Professionalisierung in der Sozialarbeit:

Der Begriff \"Profession\" ist schon seit 1541 bekannt und wurde ursprünglich mit den Tätigkeiten des Theologen, Philosophen, Juristen und Mediziners ver-bunden.

Folgende Merkmale machen einen Beruf zur Profes-sion:

- lange dauernde, theoretisch fundierte Spezialaus-bildung
- ethische Normen und Verhaltensregeln für Berufsangehörige
- Berufsverbände mit weitgehender Selbstver-waltung, die einen wesentlichen Einfluß auf Ausbildung und Zugang haben, sind vorhanden
- die Tätigkeit dient dem \"öffentlichen Wohl
- Berufsangehörige gelten als Experten und genie-ßen weitgehende persönliche und sachliche Entscheidungsfreiheit
- Sie genießen hohes Ansehen, erhalten überdurch-schnittliche Einkommen und haben ein entspre-chendes Selbstbewußtsein (vgl. Hesse, 1972)

Zusammenfassend läßt sich sagen:

"Professionen sind Tätigkeiten, worin das für professionalisiertes Handeln konstitutive Element der Autonomie immer schon eingeschlossen ist. Professionen im Sinne der freien Berufe sind Dienstleistungen jenseits staatlicher Kontrolle, was etwa die auto-nome Gestaltung der Ausbildung sowie die Standards der Berufsausübung betrifft." (Olk, 1986)

Dabei handelt es sich um solche Berufe, denen es in einem historischen Prozeß gelungen ist, für ihre auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Gesundheit etc. bezogenen Interventionen eine Lizenz zu erhalten, sich sozial zu etablieren und dabei gleichzeitig weitgehend staatsfrei in relativer Autonomie zu organisieren

In der Berufssoziologie wird aus verschiedenen Per-spektiven diskutiert:

aus traditioneller Sicht:
als Prozeß der Höher-qualifizierung eines Berufes bzw. einer Berufspo-sition
aus einer funktionalen Sicht:
als ein Komplex von Strategien, die von Berufen angewendet werden, um eine privilegierte Stellung zu erreichen
aus einer bildungssoziologischen Sicht:
als Auswirkung der "Automation" auf die Tätigkeiten in Fabrikhallen und Büros (Daheim, 1977)

Historisch betrachtet, erfolgte die Entwicklung von Professionen bzw. professionalisierten Berufen im Zusammenhang mit der Entwicklung kapitalistischer Wirtschaftsordnungen. Spezialisiertes Wissen wurde vermarktbares Eigentum und kann deshalb auch markt-strategisch gedeutet werden (Beck, 1980).

Professionen sind demnach besondere Arten von Berufen bzw. der beruflichen Institutionalisierung und Professionalisierung ist ein strategisch-politisch zu interpretierender Prozeß, in dessen Verlauf Berufs-gruppen versuchen, in den Genuß der Vorteile der Pro-fessionen zu gelangen. Die professionelle Berufs-struktur wirft aber auch Probleme der sozialen Kon-trolle auf. Auf der einen Seite wird die endgültige Lö-sung der Probleme, für die eine Profession zuständig ist, verhindert, da mit den Problemen auch die Existenzgrundlage der Berufsinhaber verschwinden würde, auf der anderen Seite strahlt die privilegierte Position der Professionen auch auf andere Bereiche aus, so daß der Experte mehr Einfluß auf die "öffentlichen Angelegenheiten gewinnt, als sein eigentliches Fachwissen zuläßt. Wenn der Inhaber einer professio-nellen Position gegenüber seinem Klientel das Recht zur Definition ihrer Probleme und zur Wahl der geeig-neten Abhilfe für sich beansprucht, kann daraus auch eine "Entmündigung durch Experten" (Illich) erfolgen

Prozesse der Professionalisierung sozialer Arbeit in Deutschland:

Da auch Sozialarbeiter/Sozialpädagogen wie Ärzte, Theologen oder Richter nicht arbeiten, im Sinne von nichts herstellen, lag es nahe sie zu den Professionen zu rechnen, war aber durch ihre Verstaatlichung und Funktionalisierung für Steuerungszwecke der Gesell-schaft von vornherein begrenzt. Im Zuge einer allge-meinen Durchstaatlichung der Gesellschaft verwischt sich aber heute diese Differenz zu den klassischen Professionen. Mit der Bildungsreform in den 60er Jahren erfolgte 1971 eine formale Anhebung des Aus-bildungs- und damit des Prestigeniveaus. Eine spezi-elle, formalisierte Ausbildung sollte die Garantie für eine sachgerechte, dem jeweiligen wissenschaftlichen Entwicklungsstand entsprechend abgeben. Aber haupt-sächlich sollte eine Abgrenzung, berufsintern zwischen Laien und Berufsträgern und extern anderen Berufen gegenüber, erreicht werden. Die Ausbildung war eine naive Reduktion der Anstrengungen zur Professionali-sierung auf eine Strategie der Akademisierung. \"Pro-fessionalisierung\" wurde mit \"Verwissenschaftlichung\" gleichgesetzt und war überwiegend standespolitisch motiviert, d.h. im Mittelpunkt der Diskussion standen die Charakteristika, die ein Sozialarbeiter bzw. Sozial-pädagoge von Beruf ausweisen müßte, um in die Reihe der anerkannten und etablierten Professionen aufge-nommen zu werden.
Der Umstand, das wiss. Wissen nicht gleichzeitig ein besseres Handeln-Können impliziert, wurde dabei nicht berücksichtigt. \"Erklärungswissen\", welches auf Generalisierung ausgerichtet ist, ist als solches prinzi-piell unanwendbar und kann mit \"Handlungswissen\" nicht gleichgesetzt werden. In Verrenkung der Diffe-renz zwischen Erklärungs- und Handlungswissen konzentrierte man sich auf die Ermittlung innovations-hemmender Organisationsstrukturen sowie auf die Manipulation von Persönlichkeitsvariablen ihrer Adressaten.

Der Transfer wissenschaftlichen Wissens wird als ein \"Transportproblem\" behandelt oder, um mit den Worten von Beck/Bonß (1989) zu sprechen, nach dem Modell des Rieselns im Stundenglas gedacht. Dabei ist die obere Hälfte des Glases angefüllt mit den Sandkör-nern der wiss. Erkenntnis, die allmählich in die gesell-schaftlichen Praxisfelder absinken.

Auch wenn versucht wurde, unmittelbar an die Problem- und Fragestellungen der praktisch Handeln-den anzuschließen, waren es didaktisch motivierte und weiterhin unter dem Effektivitätsanspruch wiss. ange-leiteter Innovation stehende Ansätze, d.h. es erfolgte die kommunikative Vermittlung von vorab erzeugten, außerhalb des praktischen Handlungsvollzuges zustande gekommenen, nach Kriterien wiss. Logik bestätigter Wissensbestände, die aber im Diskurs nicht gerade auf ihre Geltungsbedingungen hin untersucht wurden, sondern eher überredend in den Deutungs-haushalt der Praktiker integriert werden sollten.

Mitte der 70er Jahre wurde die professionstheoretische Debatte kurzfristig unterbrochen. Die Expansion und weitere Ausdifferenzierung des Bildungs- und Sozial-wesens wurde gestoppt und teilweise zurückgenom-men. Gleichzeitig machte sich in der Erziehungs-wissenschaft, der Pädagogik und bei ihrem Klientel Ernüchterung breit, die in eine Deprofessionalisie-rungsdebatte mündete. Diese greift die negativen Folgen professionalisierten Handelns auf, wie z.B. die Übernahme expertokratischer, technokratischer und institutioneller Problembearbeitung; sie setzt mögliche und noch tragfähige Alltagsressourcen außer Kraft und führt auf lange Sicht zur Abhängigkeit von Experten-meinung und -hilfe.

Die Forderung nach Deprofessionalisierung versteht sich somit auch als Basis einer Demokratisierung, mit dem Ziel die Mithilfe der Betroffenen zu erreichen, Laienhilfe zu stärken und Hilfe zur Selbsthilfe zu lei-sten. Diese Kritik an einer ausufernden sozialen Arbeit, Stichworte wie Selbsthilfe, neue Subsidiarität und burn-out bezeichneten die neuen Themen, die der Professionalisierungsdiskussion den Boden zu entzie-hen drohten. Angesichts des Scheiterns der Transfer-konzeptionen rückten nun Transformationsvorstel-lungen in den Vordergrund.

Stand bei den Transferkonzepten die Überwindung von Rezeptionswiderständen im Mittelpunkt, so reagieren Transformationsmodelle unter dem Eindruck phäno-menologischer und kognitionsphysiologischer Theo-rieelemente auf die Entdeckung der Strukturdifferenz von wissenschaftlichem und handlungspraktischem Wissen. Die zentrale Annahme dieser Überlegung lautet, daß die Praxis nicht als ein verdorrtes Feld auf-zufassen ist, das von der Wissenschaft zu bewässern wäre. Zusammengefaßt behauptet die Tranformati-onsposition, daß sozialwissenschaftliche Denkweisen nicht in schlichter Übersetzungsregel in die Praxis vermittelt werden Können.

Anfang der 80er Jahre sind Ansätze einer strukturtheo-retisch informierten Professionalisierungsdebatte zu registrieren. Der strukturtheoretischen Perspektive geht es darum, zu analysieren wie die Spezifität sozialen Handelns beschrieben und in Relation zu den Profes-sionen gebracht werden kann. Auch hier wurde mit Übertragung gearbeitet: die Parssonsche Analyse ärzt-lichen Handelns wurden verallgemeinert und als Prin-zipien und Regeln (bzw. Hypothesen) für die Analyse sozialen Handelns verwendet.

In diesen Studien wird Professionalisierung als ein Hervorbringen einer Handlungsstruktur verstanden, die es ermöglicht, in der Alltagspraxis auftretende Hand-lungsprobleme (von Patienten oder Klienten) aus der Distanz stellvertretend wissenschaftlich reflektiert zu bearbeiten. Damit reicht für eine Bestimmung dieses Handlungstyps nicht mehr nur das Kriterium des wissenschaftlichen Expertentums, vielmehr ist ein interpretatives Sinn- und Bedeutungsverstehen gefor-dert, worin ein situatives Urteilsvermögen eingeschlos-sen ist. Daraus ergibt sich, daß die professionelle Handlungslogik aus dem ambivalenten Nebeneinander zweier grundlegender Komponenten besteht: erstens die Beherrschung eines wissenschaftlich fundierten Regelwissens mit der dazugehörigen Befähigung zum Umgang mit Theorien und zweitens die hermeneu-tische Kompetenz des Verstehens eines Einzelfalles in der Sprache des Falles selbst.

Vom revidierten Konstruktivismus und der neueren Systemtheorie inspirierte Konzeptualisierungen über-winden die Transformationstechnik radikal und spre-chen von Konstituierung einer \"dritten\" Wissensform, die aus der Begegnung wiss. und alltags- bzw. berufspraktischer Sichtweisen resultiere.

Nicht mehr am Modell der physikalischen Mechanik linearer Kausalitäten, sondern am biologischen Modell der \"Selbständigkeit\" und \"Selbstbezüglichkeit\" sind systemtheoretische Vorstellungen gewonnen, die die Denkfigur der Vermittlung von Theorie und Praxis aufgeben und ihre \"Begegnung\" zu einem eigenstän-digen Ereignis machen.

D.h. wissenschaftliche Erkenntnis und praktisches Handlungswissen beobachten sich gegenseitig und Können die blinden Flecken der jeweils anderen Per-spektive aufdecken (Luhmann 1988). Bis heute tun sich aber Kritiker wie Befürworter einer Professionali-sierung sozialer Arbeit schwer, sich von einem, im Sinne klassischer Professionen verstandenen Professi-onskonzept, zu lösen. Auf der einen Seite behindert dies eine konstruktive Kritik, da das Versagen des klass. Konzeptes an sich übertragen wird (Antiprofes-sionalismus von Illich, 1979). Auf der anderen Seite können sich die Befürworter einer alternativen Profes-sionalisierung aber nicht eindeutig auf inhaltliche, sozialstrukturelle sowie handlungslogische Alternativ-konzepte festlegen.

Trotzdem scheint es wenig fruchtbar zu sein, sich weiter mit \"Nachahmungsversuchen\" an den klassi-schen Professionen zu messen, weiterführender scheint es zu sein, auf Differenz zu setzen und das Besondere professioneller sozialer Arbeit zu rekonstruieren. Ein dritter Weg besteht darin, Professionswissen auf dem Wege der Rekonstruktion der spezifischen Struktur-logik professionellen Handelns einer genaueren Bestimmung zuzuführen.

Professionelles Wissen wird in dieser Konzeption auf-gefaßt als ein eigenständiger Bereich zwischen prakti-schen Handlungswissen, mit dem es den permanenten Entscheidungsdruck teilt, und dem systematischen Wissenschaftswissen, mit dem es einem gesteigerten Begründungszwang unterliegt.

Im professionellen Handeln begegnen sich wissen-schaftliches und praktisches Handlungswissen und machen die Professionalität zu einem Bezugspunkt. Daraus ergibt sich notwendigerweise, daß sich seine Realisierung nur außerhalb des Bereiches deduktiver Theorieanwendung und Technologisierung (Transfer), aber auch nur jenseits bürokratischer Handlungsmaxi-men vollziehen kann. Professionalität wird dann als Voraussetzung für das Hervorbringen einer besonderen Handlungsstruktur verstanden, die es ermöglicht, in der Alltagspraxis auftretende Handlungsprobleme aus der Distanz \"stellvertretend\" für den alltagspraktisch Handelnden wissenschaftlich reflektiert zu deuten und zu bearbeiten.

Damit reicht das Kriterium des wissenschaftlichen Expertentums allein nicht mehr aus. Die Logik profes-sionellen Handelns besteht also nicht mehr in der \"Vermittlung\", sondern in der Relationierung von Urteilsformen.

Konstitutiv für die Handlungslogik des professionellen Praktikers ist die gleichzeitige Verpflichtung auf beide Urteilsformen (Wahrheit und Angemessenheit), ohne einer den Vorrang zu geben, nicht aber das Zusam-menzwingen zweier Wissenskomponenten unter einem Einheitspostulat. Professionen bilden eine Institutiona-lisierungsform der Relationierung von Theorie und Praxis, in der wissenschaftliche Wissensbestände praktisch-kommunikativ in den Prozeß der alltäglichen Organisation des Handelns und der Lösung hier auftretender Probleme eingewoben werden.


Alltagsorientierte Professionalisierung wurde als neue Chance eine der grundsätzlichen Erkenntnisse der Selbsthilfebewegung. Daß es gut ist, \"das wir im Alltag nicht wissenschaftlich, sondern alltäglich handeln\", diese Erkenntnis setzt an einem der Haupt-kritikpunkte der klass. Professionalisierung der Sozialarbeit an, nämlich der Entfremdung des Sozi-alarbeiters vom Adressaten aufgrund der Scientifizie-rung von persönlichen und sozialen Dienstleistungen.

Hier zeigt sich eine Trendwendung in der sozial-pädagogischen Theoriebildung. Sie nimmt aktuelle Diskussionen über neg. Professionalisierungserschei-nungen, \"Deprofessionalisierung\" und \"Selbsthilfe\" auf. Setzte man bisher auf Handlungskonzepte, die von der in Zielen und Mitteln diffusen Alltagspragmatik Abstand gewinnen sollten, um Soziale Arbeit \"als Ziel- und mittelklares Handeln planbar zu machen\", so will der Trend zur Alltagsorientierung alltägliches Handeln nicht überwinden, sondern selbst zum Gegenstand von Untersuchungen und theoretischen Konzepten erheben.

Für die praktische Tätigkeit bedeutet das, daß soziale Arbeit in der alltäglichen Lebenswelt ihrer Adressaten mit ihren Problemen, ihrem Lebensverständnis und vor allem ihren Handlungsmöglichkeiten ansetzen muß. Um diese Aufgabe umzusetzen muß sie situativ variie-ren und flexibel mit lebensweltlichen Deutungen um-gehen Können sowie zu enger Kooperation mit Laien und zur Aktivierung von Selbsthilfe fähig sein.

Somit stellt sich die Frage nach pragmatisch angewen-deter, alltagsorientierter Sozialer Arbeit auch als Frage nach den Methoden, denn die Wendung zum Alltag (Und damit die Abkehr von einer klinisch-kurativen und sozial-technischen Professionalisierung) bedeutet nicht, daß soziale Arbeit auf Interventionsmöglich-keiten verzichten soll.

Sozialarbeiterisches Handeln muß sich durch sachliche und methodische Kompetenz ausweisen, die konkret auf Situationen und Aufgaben angewendet werden kann. Die Wendung der Professionalisierungsdiskus-sion hin zur Handlungskompetenz bedeutet einen erheblichen Perspektivwechsel in Bezug auf die Ziel-setzung von Professionalisierungsvorgängen.

Bisher interessierte sich die Professionalisierungs-debatte für die machttheoretische Frage, d.h. unter welchen Umständen und mittels welcher Strategien eine Berufsgruppe es schafft, sich ein exklusives Kompetenzmonopol anzueignen und welche Möglich-keiten und Grenzen einer gesellschaftlichen Kontrolle der Arbeitserledigung dieser Berufsgruppe es dann noch gibt.

Der Kompetenzdebatte geht es primär darum, welche kognitiven, normativen und motivationalen Kompeten-zen einer Berufsrolle zukommen müssen, damit das der jeweiligen Berufstätigkeit zugrundeliegende gesell-schaftliche Problem adäquat bewältigt werden kann.

Lag der konventionellen Professionalisierungstheorie noch das Bild von relativ unabhängig nebeneinander existierenden Wissensformen (wiss. Wissen in Gestalt von Erklärungs-, Deutungs- und Problemlösungs-wissen, beruflichen Erfahrungs-, Methoden und Regelwissen und auf Kommunikation bezogenes Alltagswissen) zugrunde, so hat die neuere Verwen-dungsforschung das Professionswissen als nicht vom Wissenschaftswissen abgeleitetes Wissen kategorial als Bestandteil des praktischen Handlungswissens veror-tet. Treffend stellt Kade (1989) fest, daß \"Wissen-schaftswissen ... ein professionelles Handlungswissen nicht ersetzen kann, das Handlungen anleitet, Orientie-rungen ermöglicht und durch Routinisierung entlastend wirkt. Das Handlungswissen der pädagogischen Pro-fession behauptet seinen Eigensinn.\"

Die Differenz von Können und Wissen ist gerade der Pädagogik nicht unbekannt.

Handlungstheoretisch betrachtet hat das wissenschaft-liche Regelwissen für den professionellen Praktiker lediglich den Status \"eines Inbegriffs von Vorkennt-nissen\". Zwar ist jeder Professionelle auf den Besitz derartiger Vorkenntnisse angewiesen; solche Kenntnis alleine garantiert aber noch keine Aussicht auf gelin-gende Handlungspraxis.

Professionswissen erwirbt man zuallererst auf dem Wege des berufsförmigen Vollzugs dieser Tätigkeiten im Sinne der Routinisierung und Habitualisierung, d.h. durch den Eintritt in eine kollektiv gültig gemachte Praxis. Genau hier liegen die Grenzen möglichen Wis-senstransfers. Es geht nicht mehr darum, von der Wis-senschaft direkt auf Entscheidungen in der Praxis \"durchzugreifen\", sondern zunächst das in der Praxis vorhandene Begründungswissen, das der nachträg-lichen Bedeutungszuschreibung und Bewertung von Handlungen dient, ins Auge zu fassen. Der Professio-nelle ist derjenige, der die Dialektik von Entscheidung und Begründung in seiner Person mit der Ausbildung entsprechenden Kompetenzen bewältigen muß und der dabei zudem organisatorisch eingebunden ist.

Soziale Arbeit - auf dem Weg zu ihrer Normalität

Das Berufsbild der sozialen Arbeit stellt sich als äußerst heterogen dar und gehört zur \"Randzone\" des Sozialstaates. Öffentliches Desinteresse, Zweifel an der Leistungsfähigkeit, Sparzwänge und Überforde-rung sind die Charakteristika der gesamten sozialen Arbeit. Einerseits wird sie immer wieder zur Lösung politischer, ökonomischer und sozial-kultureller Probleme angefordert, andererseits ebenso wie ihre Adressaten, wenn es das politische Kalkül erlaubt, zu den Anwärtern sozialstaatlicher Rotstiftmaßnahmen gezählt. Sozialarbeiter/-innen sind gegenüber anderen akademischen Berufen und analogen Tätigkeitsprofilen mit niedrigen tariflichen Einstufungen und eher unsicheren Arbeitsverhältnissen ausgestattet. Der Kontakt mit den Klienten wird z.B. durch das verwei-gerte Zeugnisverweigerungsrecht erschwert.
Berufsangehörige stehen unter dem Vorurteil in der Öffentlichkeit, sich ihr eigenes Klientel zu schaffen und daß sie den Sozialstaat als einen Selbstbedie-nungsladen betrachten. Diesen Beschränkungen stehen ein in der Entwicklung befindliches Berufsprofil und eine sich entwickelnde berufliche Identität gegenüber. Belastet wird die Bildung einer eigenen Berufsidentität durch die Heterogenität des Berufsfeldes:

vertikale Gliederung der Ausbildung = Uni, FH, Fach-schule, und 2. horizontale Gliederung in einzelne Tätigkeitsfelder; hinzu kommt das breite Spektrum der Träger sozialer Arbeit.

Die eigene Wahrnehmung verfestigen aber auch theo-retische Analysen, die der sozialen Arbeit die unge-liebte Funktion der heimlichen Kontrolleure und Kolo-nialisten der Lebenswelt und die Rolle der Feuerwehr zuschreiben ( die immer zu spät kommt und nur den Brand eingrenzen kann, nicht jedoch die Ursachen behebt ).

Hinzu kommen zahlreiche Fremd- und Selbstdiagno-sen, die das Scheitern der Professionalisierungsbemü-hungen herausstreichen. Derartige Selbstbeschreibun-gen sind aber folgenreich, d.h. sie beeinflussen den professions- und sozialpolitischen Verständigungs-prozeß und erzeugen Folgen für die Theorieentwick-lung ( d.h. Theoriebildung primär aus der \"Noch-Nicht\" Perspektive gedacht ).

Trotzdem hat sich die soziale Arbeit in einigen Teilbe-reichen sozialpädagogischer Praxis mittlerweile vergleichsweise problemlos etabliert, erbringt Leistun-gen, die selbstverständlich angenommen werden und gehört zur \"normalen\" Infrastruktur des Bildungs- und Dienstleistungsangebotes.

Sozialpädagogische Angebote und Leistungen lassen sich nicht mehr umgehen angesichts bröckelnder Familienstrukturen und des Schwunds der Gewißheit, daß familiare Erziehung die Vergesellschaftungs- und Personalitätsprozesse für moderne Gesellschaften hinreichend erbringen.

Nicht minder ist die Schulpädagogik beispielsweise auf Sozialarbeit/Sozialpädagogik angewiesen und nimmt sie dankbar an, wenn es sich z.B. um eine kommunal getragene, vom Jugendamt initiierte, freilich mit ABM-Stellen ausgestattete Hausaufgabenbetreuung handelt. Wenn schulische Pädagogik nicht funktioniert verlas-sen wir uns nur zu gern auf Sozialpädagogik.

Darin deutet sich eine Art Normalisierung sozialer Arbeit an, doch weder die soziale Praxis noch die Theoriebildung haben sich auf die veränderte Situation eingelassen. Von Normalisierung kann z.B. gesprochen werden im Zusammenhang der enormen quantitativen Zunahme des sozialpädagogischen Personals ( nicht nur als Folge zunehmender Absolventenzahlen) als Folge völlig neuer Tätigkeitsbereiche (durch die Verberuflichung ehrenamtlich ausgeübter Tätigkeiten, Ausdifferenzierung des Angebots z.B. im Beratungs-bereich, in der Etablierung neuer Zuständigkeiten wie z.B. Streetwork und die Arbeit mit Aids-Kranken)

Mit diesen Veränderungen geht ein Wandel der quan-titativen und qualitativen Nachfrage einher ( es wird nicht mehr ausschl. mit \"gefährdeten\" und \"schwie-rigen\" Kindern und Jugendlichen gearbeitet, man trifft Sozialarbeiter in Bereichen der Prävention, der Kulturarbeit etc.), die Grenze zw. \"problematischen\" und \"normalen\" Lebenslagen wird immer unschärfer.

Die Angebote werden zunehmend durch neue Bevölke-rungsgruppen in Anspruch genommen. Diese ausge-weitete Zuständigkeit muß aber auch im Zusammen-hang mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen gese-hen werden. Sozialpädagogische Praxis kann nicht mehr auf eine reaktive Integrations- und Kontroll-funktion reduziert werden, sondern übernimmt immer mehr Lebenslagen stützende und im weiten Sinne prä-ventive, personenbezogene und infrastrukturelle Dienstleistung.

Hinzu kommt die fortschreitende Inanspruchnahme sozialpädagogischen Wissens in Politik, Verwaltung, Öffentlichkeit und Alltag (z.B. das Deutsche Jugendin-stitut in München, das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt a.M. u.a.)

Zusammenfassende These könnte sein: Das Vorhan-densein und die Inanspruchnahme von Sozialer Arbeit ist mittlerweile auf allen Ebenen und in nahezu jeder Hinsicht zur Normalität geworden, bedarf aber noch einem weiteren theoretischen Klärungsbedarf. Das bislang spezifisch sozialpädagogische Angebot, die \"Maßnahme der Jugendhilfe, gewinnt Züge der Regelhaftigkeit, die weniger auf Hilfeleistung in Not-fällen abheben, sondern stärker Probleme des Auf-wachsens und der Erziehung in modernen Gesell-schaften schlechthin zum Gegenstand haben. überspitzt formuliert: Sozialpädagogik wird zur Pädagogik schlechthin in einer Gesellschaft, die alle Kinder und Jugendlichen mit Problem- und Lebenslagen konfron-tiert, die nach neue pädagogischen Antworten verlan-gen.

Die Gefahr besteht dabei darin, das die \"klassischen Problemlagen\", wie Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Suchtverhalten, instabile Beschäfti-gungsverhältnisse und wachsende Mobilitätsansprüche aus dem Blick geraten.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2005-02-03 15:04:57 mit dem Titel Kann mir mal einer helfen?

WAS IST HELFEN ?

Ein Alltagsbegriff wird genauer beleuchtet.

Eine (kurze) systemische Erläuterung

Die Begriffsexplikation bezieht sich in erster Linie auf die systemtheoretischen Überlegungen von Niklas Luhmann:

Unter Helfen ist zunächst einmal „ein Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse eines anderen Menschen“ zu verstehen.

Es geht folglich nicht um die Erreichung der ideellen Zielperspektive, sondern um den qualitativen Beitrag zur Zielerreichung. Es ist zwischen Selbsthilfe und Fremdhilfe zu unterscheiden.

Es wird sich zeigen, dass der jeweils zur Hilfe befähigte niemals darüber zu entscheiden hat, was Hilfe ist. In unserer Alltagskultur sieht das oft genug ganz anders aus.

Helfen kommt weiterhin nur zustandet, wenn (zeitlich) und soweit (Umfang) es erwartet werden kann. Nur erwartbares Handeln kann in soziale Interaktion aufgenommen, verstanden und angemessen erwidert werden.

Helfen hängt weiterhin davon ab, wie die Beteiligten die Situation definieren und welche Erwartungen sie in bezug auf die Handlungen, auf ihre Motive und auch auf die Erwartungen der anderen Seite hegen.

Hilfe wird demnach durch Strukturen wechselseitigen Erwartens definiert und gesteuert. Dazu müssen jeweils kulturelle Typen und Vorverständigungen vorhanden sein.

Auch Nichthilfe in Situationen, in denen "man" Hilfe erwarten könnte, ist dadurch zu erklären, dass niemand unter den Anwesenden sie konkret erwartet hatte, oder dadurch, dass der zur Hilfe Befähigte erwartet hatte, dass niemand sie erwartet.

Als Beispiel kann die Situation in einem vollbesetzten Bus herangezogen werden, wo eine Frau mit Säugling und zwei Einkaufstaschen in der Hand zusteigt. Mein erster Gedanke in dieser Situation war jeweils: „Ist irgendjemand mit Sitzplatz im Bus jünger als ich?“

Die Hilfeerwartung richtet sich nach meiner Erziehung jeweils gegen den Jüngsten. Es gehört sich, dass dieser aufsteht und Platz macht. Ergo, wird die Hilfe nicht von mir erwartet, sondern von demjenigen, der aufgrund der kulturellen Typifizierung und Vorverständigung die wechselseitige Erwartung hervorrufen kann. Selbst wenn ich aufstehe und die Frau mit Kind und Einkaufstüten setzt sich, ist es keine Hilfe, da sie es von mir nicht erwarten konnte.

Auf gesellschaftlicher Ebene liegt allem Helfen ein gemeinsames Grundproblem voraus und dieses Problem ist unter sehr verschiedenartigen Bedingungen zu lösen, nämlich das " PROBLEM DES ZEITLICHEN BEDARFSAUSGLEICHS."

Hier sind Sachdimension und Sozialdimension zu unterscheiden, d.h. welches Bedürfnis und wessen Bedürfnis. Das Problem besteht nun darin, dass man nicht davon ausgehen kann, dass dieselben Bedürfnisse aller zum gleichen Zeitpunkt akut werden. Die hier beschriebene Nichtidentität dieser Dimensionen führt zu genau den Spannungen, in denen Ausgleichsmöglichkeiten in einer Gesellschaft bewußt werden.

In einem komplexen Sozialsystem – nehmen wir die BRD als Beispiel - ist es höchst unwahrscheinlich, dass eine Bedürfnislage und entsprechende Befriedigungsmöglichkeiten zur gleichen Zeit akut werden und auch noch den Beteiligten bewußt werden. Würde man auf diesen, wie gesagt, recht unwahrscheinlichen Zustand warten, würde in der Zwischenzeit das soziale System zerfallen.

Will das soziale System aber nun Bedürfnisse an Befriedigungsmöglichkeiten knüpfen, so ist die zeitliche Dimension wichtig. Probleme/Bedürfnisse sind also über eine gewisse zeitliche Spanne wartefähig zu halten, Befriedigungsstrategien zeitlich zu strecken. Dadurch läßt sich die Abhängigkeit vom Zufall erheblich reduzieren.

Gehen wir nun vom einzelnen sozialen System weg und betrachten unser Gesellschaftssystem als Ganzes, so kann man dieses deutlich als ein sehr komplexes Gebilde bezeichnen. Folglich sind in unserer Gesellschaft auch mit Einführung der Zeitdimension große Koordinationsprobleme auszutragen, die einmal mit der Vielzahl von Menschen, zum anderen aber auch durch die Individualität bzw. Verschiedenartigkeit von Bedürfnißlagen zu erklären ist.

Die moderne Gesellschaft verfolgt das zentrale Ziel, Problemfälle zu beseitigen. Viele Funktionen werden durch funktionale Differenzierung und Leistungsspezialisierung auf sogenannte Subsysteme verteilt, um eine höhere Effektivität des gesamtgesellschaftlichen Systems zu erreichen.
In der modernen Gesellschaft finden wir eine Umwelt vor, in der sich organisierte Sozialsysteme bilden können, die sich aufs Helfen spezialisieren. Das hat den gravierenden Vorteil, dass Hilfe in nie zuvor erreichter Weise eine zuverlässig erwartbare Leistung wird..

Um den Entscheidungsprozeß zu beschleunigen, d.h. die Zeitdimension des Bedarfsausgleich zu reduzieren, bedarf es neben kurzer Informationswege und der raschen Ermittlung von Tatbeständen, Steuerungsmechanismen, die je nach Lage der Dinge (Funktionalität) mehr über Personal oder eben mehr über Programme laufen.

Der Schwerpunkt in der organisierten Hilfe liegt in der modernen Gesellschaft in Entscheidungsprogrammen, d.h. über Hilfe wird hier zweimal entschieden: einmal über das Programm der Hilfe, zweitens über den Einzelfall in der Ausführung des Programms. Es gilt also nicht mehr die Hilfsbedürftigkeit nachzuweisen, sondern die Kompabilität mit einem Hilfsprogramm.

Helfen ist nun professionelle berufliche Tätigkeit für einen begrenzten Zeitraum in der Woche. Ob sie zuteil wird ist eine Frage der methodischen Schulung und der Auslegung des Programms. Zentrales Hilfsmittel ist das Geld. Der Helfer wird aktiviert durch einen Vergleich von Tatbestand und Programm, d.h. es gibt nur eine Notlage, wenn es auch ein passendes Programm dafür gibt. Die Programme beseitigen Problemfälle, indem sie durch die Struktur des gesellschaftlichen Systems hervorgerufene Disfunktionalitäten funktionalisieren. Es ist nicht Sache von Hilfe, sich eine Änderung der Strukturen zu überlegen, die konkrete Formen der Hilfsbedürftigkeit erzeugen.

Niklas Luhmann hegt die Vermutung, dass jedem Hilfsprogramm eine Stelle entspricht, und dass jemand Hilfe eigentlich nur noch braucht, um diese Stelle zu finden

Hilfe löst heute keine Probleme mehr von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, sondern Probleme in Teilsystemen der Gesellschaft. Die Gründe dafür liegen in der Komplexität unserer Gesellschaft. Kein arbeitsamt entspannt den Arbeitsmarkt, kein Gesundheitssystem bewirkt die Gesundung der Bevölkerung, kein Jugendförderungsprogramm reduziert die gewaltbereitschaft und Delinquenz ausgewählter sozialer Milieus. Ein rationaler Bedarfsausgleich läßt sich gesamtgesellschaftlich nicht mehr einrichten.

Mit dem Pathos des Helfens ist es vorbei . Man kann es tun oder auch lassen.

Die Gesellschaft konzediert, die Freiheit des individuellen Entschlusses, hierin liegen Bedingungen der Individualisierung und der Freiwilligkeit des helfenden Handelns.



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-25 22:05:46 mit dem Titel Die Logik des Misslingens - Erfahrung kann auch dumm machen !

Die Logik des Misslingens - Erfahrung kann auch dumm machen !

Es ist schon bemerkenswert, die meisten Menschen glauben, dass Erfahrung notwendig klug macht. Die Psychologe Dietrich Dörner hat in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“ sehr eindruckvoll erläutert, wie häufig genau das Gegenteil eintritt: Erfahrung kann auch dumm machen.

Das Problem lässt sich ganz einfach darin zusammenfassen, dass Menschen gern dazu neigen, neue Sachverhalte auf der Basis bisheriger Erfahrungen zu beurteilen und ebenso zu behandeln.

Teilweise sind die Erfahrungen sogar wissenschaftlich begründet und führen in der praktischen Anwendung dennoch zu katastrophalen Ergebnissen. So wird von Entwicklungshilfeprojekten aus Afrika berichtet, wo engagierte und hochqualifizierte Entwicklungshelfer mit großem Aufwand den Wassermangel durch modernen Brunnenbau beheben wollten.

Der Brunnenbau gelang auch, die Menschen hatten Wasser, aber der Grundwasserspiegel sank durch die zahlreichen Brunnen, so dass das Vieh auf der Weide keine Nahrung mehr fand. In diesem Fall wurde die Erfahrung nicht mit der komplexen Realität abgeglichen, sondern monokausal reflektiert.

Ein weiteres alttagspraktisches Beispiel ist sicherlich nachvollziehbar darzustellen, in dem der Hausarzt den Patienten aufgrund der geschilderten Symptome (und seiner Ausbildung natürlich) diagnostiziert und die so erhobenen Informationen mit seiner Erfahrung von anderen Patienten abgleicht. Das gelingt solange, bis ein Irrtum auftritt. Tritt jedoch längere Zeit kein Irrtum auf, wird der Arzt seine internalisierten Erfahrungen von anderen Patienten immer wieder auf neue Patienten anwenden. Die Überlegung, dass ein Patient ganz andere Ursachen für gleichartige Symptome in sich trägt, verblasst.

Lehrer wurden in einem Experiment mit einer Mathematikaufgabe konfrontiert, die nur mit einem komplizierten Rechenweg gelöst werden konnte. Diese Art der Aufgabe wurde fünf Mal wiederholt. Beim sechsten Mal wurde eine textlich gleichförmige Aufgabe gestellt, die jedoch von jedem Schüler der dritten Klasse ohne jede Formelkenntnis gelöst werden kann. Alle Lehrer, die die vorhergehenden Aufgaben mit der Formel erfolgreich gelöst hatten, wendeten auch bei dieser Aufgabe die Formel wieder an. Sie scheiterten kläglich.

Menschen neigen allgemein dazu, ihre positiven und auch negativen Erfahrungen, auf neue Sachverhalte anzuwenden. Es ist nahezu logisches Misslingen vorprogrammiert, wenn keine Entscheidungsalternativen mitgedacht werden und nicht immer wieder gefragt wird: „Kann es nicht auch ganz anders sein?“

Denken wir nur an den zwischenmenschlichen Bereich. Beurteilen wir andere Menschen nicht allzu oft auf der Basis des Vergleichs mit anderen Menschen. Werden wir so dem Einzelnen dem Individuum gerecht?

Ich glaube, es lohnt sich eine selbstkritische Haltung zu eigenen Erfahrungen zu kultivieren und kann das Taschenbuch von Dietrich Doerner nur zur Lektüre empfehlen.

Mit den besten Wünschen.

Indigo


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-17 20:19:02 mit dem Titel Die Welt ist ein System - Soziale Arbeit ist systemisch!

Systemtheorie und soziale Arbeit


Was ist ein System?

Frederic Vester spricht von Netzwerken, Dietrich Dörner davon, daß Handlungssituationen komplex und dynamisch sind, und Bertalanffy, ein Begründer der Systemtheorie definiert System ganz einfach als \" eine Anzahl von in Wechselwirkungen stehenden Elementen\" (Bertalanffy 1949, S. 115 ). So kurz diese Definition ist, so unvollständig ist sie auch.

Insbesondere bei komplexeren, größeren Systemen geht es nicht nur um die Beziehung der Elemente zueinander, sondern gleichfalls um ihre Beziehung zur Gesamtheit der Elemente. weiterhin sind alle biologischen, psychischen und sozialen Systeme offene Systeme, d.h. das System steht in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umwelt.

Talcott Parsons spricht von Interpenetration von System und Umwelt. gemeint ist erstens ein Komplex von Interdependenzen zwischen Teilen, Komponenten und Prozessen mit erkennbar regelmäßigen Beziehungen, und zweitens eine entsprechende Interdependenz zwischen einem solchen Komplex und seiner Umwelt. In diesem Kontext interpretiert Luhmann das Umweltverhältnis als Konstitutivum für die Systembildung;die Umwelt ist also Voraussetzung der Identität des Systems.

Was ist Systemtheorie?

Die Systemtheorie beschreibt, wie Systeme strukturell und prozessual organisiert sind und wie sie sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Wesentliche Begriffe sind: Ganzheit (Übersummativität), Integration, Selbstorganisation, Strukturerhaltung, Sinn, Finalität, Konvergenz, Differenzierung, Generativität, Emergenz, Selbstreferenz, Funktion
( bzw. Dysfunktion ), Interdependenz, Rückkopplung ( Feedback ), Homöostase, Hierarchie, Subsystem, Systemebene, Systemgrenze, Adaption, Personal, Programm, Reduktion, Komplexität und Funktionalität.

Das tatsächliche Verstehen der Systemtheorie, der o.g. Begriffe respektive dieser Denkart, setzt in der Realität jedoch etwas voraus, was dem System-Modell entspricht. Die Welt an sich müßte somit systemisch sein, sofern systemtheoretisches Denken an weltlichen Phänomenen Erfolgsaussichten ableiten möchte.

In den diversen Wissenschaftsdisziplinen hat sich die Systemtheorie in den letzten Jahrzehnten zum führenden wissenschaftstheoretischen Paradigma entwickelt, weil dieses Grundkonzept des Denkens hinsichtlich weiterführender Einsichten insbesondere in Biologie und Kybernetik überragende Erfolge erzielte. Man kann sagen, daß das systemische Paradigma im 20. Jahrhundert das lineare Paradigma überholt hat. Wissenschaftlich ausgedrückt lassen sich lineare Ergebnisse aus Denkprozessen durch Systemdenken falsifizieren bzw. verifizieren, die Umkehrung ist jedoch nicht möglich. Wenn systemisches Denken möglich ist, so ist als nächstes zu klären, inwiefern man systemisch handeln kann.

Luhmann interpretiert Sozialarbeit als System, welches im Zuge seiner Professionalisierung sich nicht mehr (oder noch nie) auf Probleme des Gesellschaftssystems ausrichtet. Die Sozialarbeit ist nach Luhmann in Entscheidungsprogrammen organisiert. Diese Programme regeln die Richtigkeit von Entscheidungen. So wird über Hilfe nun zweimal entschieden: einmal über das Programm und dann über den individuellen Einzelfall. Dem Individuum wird das Programm als fertige Struktur entgegengehalten.

Da das zu befriedigende Bedürfnis in der sozialen Praxis in der Regel sehr komplex gestaltet ist, muß diese Komplexität so reduziert werden, daß die Kompabilität mit vorhandenen Programmen größer wird. Führen wir als Beispiel eine Familie an, so handelt es sich um ein hochkomplexes System, deren Elemente untereinander und zugleich in diversen Subsystemen wirksam sind.

Konfrontiert mit Sozialer Arbeit ( gleichfalls ein hochkomplexes System ) kann Hilfe nur wirksam werden, wenn einerseits die Struktur des Systems Familie diagnostiziert wird, die funktionalen und dysfunktionalen Beziehungen definiert werden und ein qualifizierter Steuerungsmechanismus die adäquaten Programme ( gleichfalls Systeme ) der jeweiligen Dysfunktionalität zugeordnet werden.

In der Ausführung der Programme agiert i.d.R. Personal, welches ohne vorherige Reduktion der Komplexität und erhebliche Differenzierungskompetenzen im Sinne von Dörner (1994) die Logik des Mißlingens beweisen würde.

System wird bei Peter Lüssi als eine Anzahl von in Wechselwirkung stehenden Elementen definiert. Lüssi genügt diese Definition nicht, da er über die Beziehung der Elemente hinaus die Elemente in ihrer Gesamtheit in Beziehung gesetzt wissen will. Er spricht von der Beziehung des Systems zu sich selbst. Hiermit nicht genug: Er meint sagen zu können, daß \"Alle biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Systeme ... offene Systeme\" sind. (S. 56)

Luhmann will in seiner Systemtheorie die offenen Systeme überwinden und spricht in seinem Hauptwerk auch von einem Paradigmawechsel. Er löst die Begrifflichkeit Selbstreferenz ab mit der Begrifflichkeit der Autopoesie. Lüssi hingegen setzt diese Begriffe synonym .

\"Ein System kann man als selbstreferentiell bezeichnen, wenn es die Elemente, aus denen es besteht, als Funktionseinheiten selbst konstituiert und in allen Beziehungen zwischen diesen Elementen eine Verweisung auf diese Selbstkonstitution mitlaufen läßt, auf diese Weise die Selbstkonstitution also laufend reproduziert. In diesem Sinne operieren selbstreferentielle Systeme notwendigerweise im Selbstkontakt, und sie haben keine andere Form für Umweltkontakt als Selbstkontakt.\" (Soziale System. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 59, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984)

In Lüssis Buch hat man diese nicht bis zu Ende gedachten Voraussetzung zu akzeptieren. Aus dieser Perspektive bauen sich die weiteren Begrifflichkeiten auf.

Mit den drei Sammelbegriffen - Systemzugehörigkeit, Systemfunktionalität und Systembeziehung - glaubt Lüssi die fundamentalen Begriffe gefunden zu haben, die eine systemische Sozialarbeit ausmachen.

Er führt löblicher Weise die Schwächen seiner weiteren Arbeit an und gibt nochmals zu erkennen, daß für ihn eine Weiterentwicklung von Parsons zu Luhmann nicht stattgefunden hat.


Systemzugehörigkeit

Lüssi macht darauf aufmerksam, daß man als Mensch verschiedenen System wie Familie, Sportverein, Spital etc. angehört. \"Er muß viele verschiedene Rollen spielen, um sein Leben zu bewältigen - eben weil er auch vielen Sozialsystemen angehört.\" (S. 66) Die Systemangehörigkeit bindet Lüssi an die Fähigkeit handelnd interagierend mit anderen Systemangehörigen. Lüssi zeigt in einem weiteren Schritt, daß die Sozialsysteme mit den \"Elementen\" oder Systemangehörigen in der Realität Interdependenzen (wechselseitig abhängig) aufweisen. Dies wird erklärt über das Vorhandensein weiterer Systemkategorien die sich aufeinander beziehen:

Organismus = biochemisch gesteuertes System
Persönlichkeit = psychisches System
Kultur = geistiges, durch Ideen und Werte bestimmtes System.

Den Gegenstandsbereich der Sozialarbeitslehre ist für ihn der \"Funktionskomplex\" menschlicher Interaktion. Die so gebildeten sozialen Systeme können unterschiedliche Formen annehmen. Er unterscheidet zwischen Makro- (Staat), Meso- (Konzern) und Mikrosystemen (Ehepaare).
Die Tatsache das Makrosysteme oder Mesosystem andere System enthalten, läßt ihn eine Unterscheidung zwischen Suprasystemen und Subsystemen differenzieren. Hieraus ergibt sich bei der Betrachtung die Konsequenz von Referenzsystem.

\"Die Familie (Kernfamilie) z.B., bestehend aus Elternpaar und Kindern, ist ein Subsystem der Verwandtschaft, zugleich aber ein Suprasystem des

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