Ständige Vertretung Testbericht

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Erfahrungsbericht von enno59

Alaaf in Berlin - oder so...

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Die \"Ständige Vertretung\" ist eine Kneipe direkt am S-Bahnhof Friedrichstraße. Sie hat ihren Namen von der \"Ständigen Vertretung der BRD in der DDR\" (um die Abkürzungen zu benutzen), die nur wenige hundert Meter entfernt in der Hannoverschen Straße ihren Sitz hatte und einer Botschaft entsprach. Da die beiden deutschen Staaten sich nicht gegenseitig anerkannt hatten, konnten sie keine Botschaften einrichten.

Nun aber zur Kneipe selbst. Die Betreiber der StäV, Friedel Drautzburg und Harald Grunert, kamen 1997 aus dem Rheinland, genauer: aus Bonn, samt ihrer gastronomischen Einrichtung nach Berlin. Ihre Idee: Im Regierungsviertel den umgezogenen Rheinländern und sonstigen Interessierten eine rheinische Brauhaus- Atmosphäre zu bieten.
Im Angebot der \"Ständigen Vertretung\" sind in erster Linie rheinische Spezialitäten (Rheinischer Sauerbraten, Himmel un Äd, Hämchen, Rievkochen, Eifeler Ärpelzopp, Halven Hahn, Miemuscheln \"Rhein. Art\", Flönz und Kölsch Kaviar). Daneben gibt es typische Berliner Gerichte, aber auch Salate und Klassiker der bürgerlichen Küche wie Wiener Tafelspitz oder einen kräftigen Schwenkbraten vom Spanferkel ebenso, wie gelegentlich Lammkeule im Angebot ist. Neben Gaffel-Kölsch gibt es Köstritzer Schwarzbier sowie Hefe-Weizen. Offene Weine von Rhein, Ahr, Mosel und Saale-Unstrut ergänzen das Angebot an alkoholischen Getränken.
Für diese ihre Idee erhielten die beiden Betreiber 1999 den Deutscher Kneipenoscar.

Soweit die Idee und das Konzept. Wie wird die StäV in Berlin angenommen? Da ich dort beinahe jeden Tag vorbeikomme, kann ich mit der Feststellung, daß die Kneipe boomt, nicht weit von der Wahrheit entfernt sein. Sie ist immer voll. Sofern das Wetter es erlaubt, sind auch die herausgestellte Bänke gut besetzt. Dem Outfit und dem Habitus zu urteilen, sitzen in der StäV häufig sehr bedeutende Leute bzw. solche, die sich dafür halten. In der Karnevalszeit (wie sollte es auch anders sein) ist noch mehr Betrieb.

Letztens ließ es sich nicht vermeiden, die StäV auch selber mal zu testen. Das Wetter war gut, drinnen gab es nicht ausreichend Platz für 5 Leute, also strebten wir wieder nach draußen, mal abgesehen davon, daß mich die Atmosphäre drinnen eher an Mitropa auf den früheren DDR-Bahnhöfen erinnerte. Draußen wurden wir recht schnell daran erinnert, daß die Kneipe sich unmittelbar am S-Bahnhof befindet. Da die S-Bahnen auf der Stadtbahn pro Richtung im Abstand von 2 bis 3 Minuten rollen, kann sich jeder die Frequenz anfahrender und bremsender Züge selber vorstellen. Hinzu kommen noch Regionalbahnen und gelegentliche ICE´s. So war es draußen genauso laut wie drinnen.

Wir saßen kaum, da wurden wir schon gefragt, ob wir 5 Kölsch wollten. Eigentlich bin ich kein Kölsch-Fan, auch in Köln selber umgehe ich dieses Getränk lieber. Ich hatte keine Chance, wollte ich nicht als Spielverderber durchgehen. Speisekarten waren noch nicht gereicht worden, ich konnte also noch gar nicht feststellen, daß kein Pils im Angebot ist.

Na gut, dafür war wenigstens der Kellner unfreundlich. Mit Berliner Schnauze hatte das nicht viel zu tun, wobei die in einer Kneipe, die rheinische Atmosphäre ausstrahlen will, auch kaum etwas zu suchen gehabt hätte. Da der Zeitpunkt des Verlassens der Kneipe dadurch, daß ein Teilnehmer dieser Runde einen bestimmten Zug erreichen mußte, ziemlich genau abzusehen war, hatten wir den Wunsch geäußert, etwas essen zu wollen, was bis dahin auch serviert und gegessen werden konnte. Zunächst bot der Kellner Berliner Buletten an. Buletten sind nicht unbedingt jedermanns Sache, auch mir waren die Dinger nicht so lieb. Auf die vorsichtig laut gewordene Ablehnung antwortete der Kellner, er müsse in der Küche nachfragen. Als er mit dem Ergebnis \"Salat mit Hähnchenbrust\" wiederkam, glaubte er, das 5 mal servieren zu können. Seine verbale und mimische Reaktion darauf, daß dieses nur 2mal gewünscht wurde, dafür dann doch 2mal Buletten, und das auch noch einmal mit und einmal ohne Kartoffelsalat, und einer aus unserer Runde als Vegetarier ganz aufs Essen verzichtete, kann nur als reichlich unflexibel gewertet werden. Dennoch: der Salat (Ruccola-Salat!) hat wirklich gut geschmeckt.

Wenn ich mal zusammenfasse, dann kommt folgendes heraus: Das Konzept wird wohl von denjenigen gut angenommen, die sich in Berlin immer noch nicht zu Hause fühlen und denen ein Schild \"Bonn Hbf.\" in der Kneipe Heimatgefühle vermittelt. Und vielleicht sind ja die Kellner nicht immer unfreundlich. Und wenn es dann auch noch Pilsner geben würde, könnte die StäV selbst Touristen, die nicht aus dem Rheinland kommen, sogar guten Gewissens empfohlen werden. Wer aber Berliner Szene erleben will, ist hier verkehrt. Dazu sollte er/sie sich in die S-Bahn schwingen, am Hackeschen Markt aussteigen und dort seinen Bummel beginnen, oder mit der Straßenbahn, die unweit von der StäV auf der Friedrichstraße verkehrt, in Richtung Prenzlauer Berg fahren.

Nachtrag

Harald Grunert, der ja der eine der beiden Betreiber der StäV ist, hat eine, nun ja, tragende Bedeutung bei der Übertragung rheinischer Lebenskultur ins preußische Berlin - Deswegen ist er einer der Hauptbeteiligten bei der \"Implantierung\" des Karnevals rheinischer Spielart in der Hauptstadt. Einige Zehntausend Zuschauer bei dem von H.G. mitorganisierten Straßenumzug, wenn das nichts ist. An den drei tollen Tagen dann Highlife in der StäV, alle Fenster sind verhängt ... Sollen die Preußen etwa doch nicht merken, wie Rheinländer Karneval feiern?

18 Bewertungen, 1 Kommentar

  • durchdacht

    21.09.2012, 23:38 Uhr von durchdacht
    Bewertung: sehr hilfreich

    Na ja, 2002 war es sicher anderes Personal... Bei meinem kürzlichen Aufenthalt war es nicht nur freundlich, sondern trotz großen Gästeaufkommens erstaunlich schnell und aufmerksam. LG Karin