The Calling Testbericht

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Erfahrungsbericht von *sannah*

Zwischen Boygroup und Rock

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

„Habt Ihr etwa wieder den Sender verstellt?“ waren die drohend-fragenden Worte meiner Mutter, als wir kürzlich zu dritt (meine Mutter, mein Bruder und meine Wenigkeit) beim Frühstück saßen. Doch ihre Zweifel, dass ihr geliebter NDR2 aus dem Küchenradio weichen musste, waren unbegründet, diesmal waren wir unschuldig.

Anlass zu dieser empörten Vermutung gab das eher rockige „Wherever you will go“ von der hier zu beschreibenden CD Camino Palmero der amerikanischen Band The Calling, das auch in die eher Mainstream-Popgedudel-Radiostationen Einzug hielt. Zum Unverständnis meiner Mutter allerdings...

Aus dem sonnigen Kalifornien kommen die fünf Jungs von „The Calling“, einem US-Staat, dem sonst vor allem Punkrock-Bands entstammen. Ihre erste, hier vorliegende CD benannten sie nach der Adresse des Aufnahmestudios, ähnlich unspektakulär auch das Cover – in dunklen Graublautönen gehalten, zeigt es Schienen? Straße? Den Weg ins Nirgendwo? Recht einsam und trostlos wirkt es, entgegengesetzt zu der langläufigen Meinung vom Sonnenland Südkalifornien, speziell von L.A. Abgesehen vielleicht vom blauen Himmel.

Über ebensolche Umwege, wie ich zu dieser CD gekommen bin (ein Freund meines Bruders usw...), entstand auch „The Calling“, namentlich Alex Band (Gesang), Aaron Kamin (Gitarre), Sean Woolstenhulme (Gitarre), Billy Mohler (Bass) und Nate Wood (Schlagzeug). Vor ca. fünf Jahren lernten sich Aaron und Alex über Alex’ Schwester kennen, die mit Aaron ausging, sie entdeckten das gemeinsame Interesse für Musik und spielten häufiger zusammen, so oft sogar, dass sich Alex’ Schwester fragte, mit wem sich Aaron eigentlich verabredete. Nun ja, die beiden Herren spielen heute noch zusammen...
Zuerst fanden sich jedoch keine gleichaltrigen Musiker und Aaron und Alex machten ihre ersten Bandversuche mit einem 40jährigen Bassisten und einem fast 60jährigen Schlagzeuger – fast als generationsübergreifendes Projekt, war Alex zu diesem Zeitpunkt doch noch keine 20. Erst später stießen dann Sean, Billy und Nate dazu – das Quintett war vollständig und „The Calling“ geboren.

Die schon zu Beginn angesprochene Single „Wherever You Will Go“ war zunächst im Film „Coyote Ugly“ zu hören, ehe sie dann in diesem Jahr von den Musiksendern und Radiostationen gehypt wurde, hierzulande wie in den USA, so dass die Band schon dachte, man hätte sie vergessen, wenn sie einmal 20 min bei keinem Radiosender gespielt wurde.

Eine nicht Musiksender-empfangen-könnende Freundin habe ich einmal gefragt, wie sie sich den Sänger zu der meiner Meinung nach fantastischen Stimme vorstellt – ihre Antwort: dunkelhaarig, 25-30, hohe Wangenknochen und durchgehend schwarz angezogen. Doch wer das Video kennt, wird an dieser Stelle auflachen – ist Alex Band doch gerade erst knackige 21 geworden, ähnelt ein wenig Nick Carter (das ist der Blonde von den Backstreet Boys) und wirkt im Video, als trüge er die –zugegeben– schwarze Lederjacke zum ersten Mal.

Ähnlich wie sich das Image der Band zwischen Freunden, die ihre ersten musikalischen (Rock-) Versuche in einer Garage vorgenommen haben, und einer gecasteten Boygroup bewegt, pendelt auch die Musik im weiten Welt zwischen ehrlichem (Alternative-)Rock und Allerweltspop. Die Texte handeln von Liebe und Verlust, glücklichen und unglücklichen Momenten, eben ihrer Sicht auf die vielen Dinge der Welt.

Doch nun zu der CD selbst, die mit einer Gesamtspieldauer von 46:02 für 11 Tracks im gesunden Mittelmaß liegt.

#01 Unstoppable (3:58)
Fast sanft wirkt der Beginn und lässt auch Aarons Fertigkeiten an der Gitarre erahnen. Alex erreicht hier ungewohnte Höhen, hat aber gleichzeitig auch noch diesen rockigen Unterton in der Stimme. Rock voller Sehnsucht, allerdings mit einem gewissen Klang von angezogener Handbremse. Trotzdem gelungener Opener einer CD, der fast an #03 herankommt.

#02 Nothing’s Changed (4:45)
Ich kann mir nicht helfen: Dieses Stück klingt sehr nach Fury In The Slaughterhouse. Untermalt von einem deutlich heraus hörbaren E-Bass versucht Alex mit bekannter Energie in seiner charismatischen Stimme, eine Liebe zu retten. Dennoch kein Stück, das länger im Ohr verweilt, zu sehr wiederholen sich die einzelnen Teile im Lied. Letztendlich bleibt nur ein Eindruck des „Schon-mal-so-ähnlich-gehört-Habens“ – in der Songwriterkunst hat sich also wie in der Liebe auch nichts verändert.

#03 Wherever You Will Go (3:27)
Die bisher einzige und vielgelobte Singleauskopplung, die auch mich irgendwie fasziniert hat. Ganz sanft mit Gitarrensolo beginnt es, ehe dann kurze Zeit später Alex mit tiefer, fast sonorer *schmacht* Stimme einsetzt. Nur im Refrain, wenn der Rest der Band einsetzt, wird es lauter. Ein Song, der einen ähnlich verfolgt wie das lyrische Ich seinen weiblichen Gegenpart im Text. Und auch der einzige Song, der wirklich zum Mitsingen herausfordert: „If I could / Then I would / Just go to / Wherever you will go…”

#04 Could It Be Any Harder (4:41)
Das hier sollte wohl eine echte Ballade werden – der sehnsüchtige Eindruck wird auch dadurch erreicht, dass Alex bei der Vertonung der Titelzeile bei “be” und “ha…”-(rder) wieder einmal in gewisse Höhen vorstößt. An anderer Stelle hingegen auch wieder in entsprechende Tiefen, die mir persönlich lieber sind. Insgesamt aber ein Song ohne kompositorische Höhen und Tiefen, der mich nicht wirklich sehnsüchtig hinterlässt.

#05 Final Answer (4:35)
Gitarre, Alex, Schlagzeug, Rest – in dieser Reihenfolge setzen die einzelnen Teile der Band ein. Und schon wieder will Alex jemanden zurückhaben, er wartet auf die letzte Antwort. Vertont wird diese Forderung grundsolide, so dass man eigentlich nicht viel falsch machen kann. Bemerkenswert ist höchstens das erste längere Gitarrensolo (wahrscheinlich von Aaron).

#06 Adrienne (4:31)
Wer ist dieses Mädchen, für das hier wieder relativ rockige Töne eingeschlagen werden? Auch ihr wird nachgetrauert, Alex mimt den Verlassenen, der aber auch gleichzeitig über sie hinwegkommen will. Hier hört man deutlich, dass es sich wirklich um E-Gitarrenklänge hört, mit denen um die Gunst der Dochnoch-Angebeteten geworben wird. Dieses Lied sticht etwas heraus, weil es stellenweise, besonders gegen Schluss, den einfachen Takt verlässt.

#07 We’re Forgiven (4:32)
Dieses Stück erinnert mich von der Taktung und teilweise auch der Melodieführung her stark an „Weatherman“ von Sub7even. Und ebenso vermittelt auch dieses Stück nichts Neues – der Text von einer alten Liebe, der nachgetrauert wird. Also die Idee eines Songs, wie es schon etliche gegeben hat.

#08 Things Don’t Always Turn Out That Way (4:10)
80er? Das war mein erster Gedanke, als ich das Stück zum ersten Mal hörte. Anstelle der Gitarren dominiert hier über lange Zeit das Schlagzeug und schafft den Eindruck von einem 15 Jahre alten Grundgerüst des Songs. Aber das ist auch das einzig Besondere an dem Song, davon abgesehen, dass er sich wieder in mehr als einer Oktave abspielt und der Klang gegen Schluss dahin geht, als würde Alex seinen Text in ein Megaphon flüstern.

#09 Just That Good (3:55)
Wie der Titel schon verspricht, zeigt dieser Song zu Beginn, dass die Fünf eigentlich ganz lieb sind: „Don’t hate me cos I’m just that good“. Intro und Extro sind recht ruhig gehalten, und auch während des Mittelteils lassen die Jungs die Knalleffekte in der Tasche. Der Eindruck „Das rockt“ entsteht ein weiteres Mal nicht.

#10 Thank You (2:58)
Ich horchte zunächst etwas auf, denn in den ersten Sekunden des Songs klingt Alex’ Stimme etwas anders als gewohnt. Doch der Eindruck verfliegt ebenso schnell, wie er gekommen ist. Ein weiteres Stück von vielen, dessen Aufenthaltsdauer im Gehörgang nur auf seine Länge bzw. hier eher Kürze beschränkt ist.

#11 Stigmatized (4:28)
Zum Schluss noch einmal ganz andere, nämlich Softrocktöne von den Jungs. Sanft und harmlos auch diese Nummer, ich staune höchstens darüber, wie wandlungsfähig Alex’ Stimme sein kann, allein schon innerhalb dieses einen Stückes. Und auch nur deshalb vielleicht noch ein Geheimtipp.


F a z i t :
Eins muss man den Jungs lassen: Beim Schreiben von Songs sind sie unermüdlich. Ob diese kreative Ader und Alex’ wirklich fantastische Stimme aber reichen, um den Erfolg von „Wherever You Will Go“ zu wiederholen, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Kein weiteres Stück hat meiner Meinung nach Hitcharakter, es befindet sich nichts Innovatives, nichts, das aufhorchen lässt, auf diesem grundsoliden Erstling. Und so werden „The Calling“ wohl nur einen Sommer im Radio oder TV gehört worden sein. Der Wiedererkennungswert ist zwar hoch, aber nicht in dem Sinne, dass der Gedanke zuerst auf „The Calling“ fällt – in meinem Kopf bilden sich andere Namen, z.B. Fury (D) oder Matchbox20 (USA).

Durchschnittliche drei Sterne für ein durchschnittliches Album, von dem ich bezweifele, dass ich es mir auch gekauft hätte. Reinhören aber schadet nichts, es ist... nett, nicht mehr, und allgemein verträglich – auch meine Mutter hatte sich irgendwann daran gewöhnt. ;-)


(Die biographischen Informationen sind der offiziellen Homepage www.thecallingband.com entnommen.)