The Kick Inside - Kate Bush Testbericht
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
- Cover-Design:
- Klangqualität:
Erfahrungsbericht von Anacrusis
In Wort und Bildern nicht zu schildern
Pro:
Die einzigartige Stimme
Kontra:
sehr eigenständig
Empfehlung:
Ja
Kate Bush, die bei Erscheinen des Albums erst zarte 19 Jahre alt war, wurde als Catherine Bush am 30.7.1958 in Bexleyheath, Kent, England geboren. Schon von Kindheit an wird Catherine von ihrem älteren Bruder Paddy – der später auch immer wieder auf ihren Alben zu hören sein wird – und ihrem Vater, ein praktischer Arzt mit großer Vorliebe fürs Komponieren und Texten – in ihrem kreativen Denken unterstützt. Bereits in der Grundschule schreibt sie Gedichte, die für ihr Alter eine beinahe erschreckende Tiefgründigkeit aufweisen. Es dauert nicht lange bis ihr Vater Kate die ersten Übungen auf dem Piano beibringt, was ihre Leidenschaft zur Musik unwillkürlich auslöst. Von nun an begleitet sie Paddy bei seinen heimischen Übungen auf der Geige und fängt bereits mit zwölf Jahren an, eigene Songs zu schreiben. Es entstehen bereits jetzt solche Perlen wie 'The Man With Child In His Eyes' oder 'The Saxophone Song'. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits Musikunterricht und ihre Eltern müssen die Lehrkräfte mehrfach davon überzeugen, dass diese Nummern tatsächlich Eigengewächse ihrer talentierten Tochter sind.
Der nächste wichtige Schritt ihrer Karriere ist sicherlich das Zusammentreffen mit David Gilmore, dem Gitarristen von PINK FLOYD. Paddy, der mit seiner Band mäßig erfolgreich unterwegs ist, hat einen guten Bekannten, der David noch aus frühen Tagen her kennt und diesen dazu bringt, sich Kate anzuhören. Völlig fasziniert von ihrer stimmlichen wie auch musikalischen Leistung, investierte er privates Geld in die Aufnahmen einer ersten Demokassette, die er daraufhin ins legendäre Abbey-Road-Studio schleppt und dort dem EMI Marketing Director Bob Mercer vorspielt. Dieser ist völlig aus dem Häuschen und so kommt es, dass die EMI Kate unter Vertrag nimmt.
Nun geschieht etwas Seltsames. Anstatt im Schnellverfahren ein Album einzuspielen, lässt ihr neuer Arbeitgeber Kate alle Zeit der Welt, sich selbst zu entwickeln. Sie zahlen ihr ein festes Gehalt, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. Diese Art der vorausschauenden Newcomerförderung ist heute natürlich undenkbar, war aber auch damals einmalig. Catherine nutzt die Zeit, will mit Tanz beginnen, landet aber bei der Pantomime. Ein Umstand, der ihr bei späteren Videodrehs und wenigen Liveperformances noch sehr zu Gute kommen soll. Ihr Lehrer ist kein Geringerer als Lyndsay Kemp, der unter anderem die treibende Kraft für David Bowie bei dessen Ziggy-Stardust-Verwandlungen ist. Nach sechs Monaten gemeinsamer Arbeit, beschließt Kate, dass sie sich als Gesamtkunstwerk nun einer kleinen Öffentlichkeit präsentieren kann und tritt in umliegenden Kneipen auf. In dieser Zeit entsteht auch eine Videoaufnahme von 'The Man With The Cild In His Eyes', welches ihre Plattenfirma dazu ermutigt, nun ein Album aufzunehmen.
Und endlich können wir uns der Musik zuwenden.
Schon der erste Song des Albums - 'Moving' - verzaubert den Hörer mit einer beinahe verschachtelten, dennoch höchst effektiven Melodieführung. Sofort wird man mit dem eigenständigen und fesselnden Gesangsstil von Kate Bush konfrontiert. Teilweise sehr hoch, dabei aber immer feinfühlig und zerbrechlich wirkend, versteht sie es Emotionen zu transportieren und eine eigene Welt zu kreieren, in der man augenblicklich gefangen ist. Und mit dieser Nummer tastet sich Kate behutsam vorwärts. Das dezente Schlagzeug untermalt beinahe beschwingend die Pianotasten, die hier ausschlaggebend die Melodie vorgeben. Und auch wenn dieser Song gerade mal drei Minuten lang ist, passiert doch verhältnismäßig viel während der Spielzeit. So tauchen überraschende Backgroundchöre auf, die spannende Akzente setzen und auch der Text, der angeblich von Lyndsay Kemp handeln soll, ist mehr als lesenswert. Ein toller Einstieg in ein grandioses Werk.
Der oben erwähnte 'Saxophone Song' schließt sich nun etwas flotter an und – man konnte es erahnen – wartet natürlich mit einem Saxophon als Soloinstrument auf. Schon jetzt wird klar, wie facettenreich sowohl die Musik als auch die Stimme unserer Hauptakteurin ausfällt, singt sie in dieser Komposition doch deutlich tiefer, ohne dabei natürlich an Gefühl einzubüßen.
'Strange Phenomena' – besser könnte der Titel für diese Nummer gar nicht gewählt sein. Alleine der schrille Gesangsanfang des Tracks ist mehr als schräg, aber auch der weitere Verlauf ist nicht unbedingt das, was man gemeinhin als easy listening bezeichnen wird. Eine emotionale Berg- und Talfahrt, die fasziniert umgesetzt ist. Wie in vielen ihrer Texte, arbeitet Kate auch hier mit etlichen Metaphern, die es manchmal schwer machen, den wirklichen Inhalt zu ergründen. Vielleicht sieht sie sich selbst als das "schräge Phänomen" an, wer weiß. Allein die letzte Zeile des Refrains "Om mani padme hum" hat mich etliche schlaflose Nächte gekostet, bis ich irgendwann feststellen durfte, dass es sich hierbei um ein buddhistisches Mantra handelt. Benutzte ich das Attribut "schräg" eigentlich schon?
Weiter im Text geht es mit dem Song, der die B-Seite der ersten Single ausmachen durfte: 'Kite'. Der Song, dessen Inhalt auch Anlass zum Covermotiv gab, ist eine sehr zackige Nummer mit einer überraschend rockigen Gitarre. Unnötig zu erwähnen, dass ihre Stimmlage wieder Karussell fährt und selbst eine derart gradlinige Komposition aufs erste Ohr, wirr klingen lässt.
Was nun folgt, ist in Wort und Bildern nicht zu schildern: 'The Man With The Child In His Eyes' ist ein Song, wie man ihn vielleicht einmal pro Dekade zu hören bekommt. Mehr Emotionen und mehr Tiefgang kann man nicht vertonen. Lediglich mit Piano und behutsamer Orchesterbegleitung untermalt, säuselt Kate Kindheitsträume ins Mikrophon. Ich bekomme jedes Mal – und ich meine wirklich JEDES Mal – einen Kloß im Hals, wenn ich diesen, leider relativ kurzen Song höre. Ein Seufzer, ein Schluchzer, aber auch ein Tröster. Gänsehaut im Abonnement inbegriffen. Übrigens auch die Version im Duett mit Peter Gabriel. Aber das nur am Rande. Während ich jetzt erneut auf "Repeat" drücke, dürft ihr euch kurz die Nase putzen oder einen frischen Kaffee holen gehen. So nett bin ich.
So, wieder da, Tränen abgewischt und auf ihren vielleicht bekanntesten Song gefreut: 'Wuthering Heights' ist inspiriert vom gleichnamigen Roman – zu Deutsch "Sturmhöhe" – von Emily Brontë, die allerdings unter dem Pseudonym Ellis Bell 1851 veröffentlichte. Mit dieser Nummer löste Kate Bush Abba – 'Take A Chance On Me' – von der Spitze der britischen Charts ab. Und das als absoluter Newcomer. Sensationell. Zu der Nummer selbst muss ich wohl kaum etwas schreiben, da sie ab und an in gut sortierten Radiosendern läuft. Erstaunlich finde ich hierbei in erster Linie den Umstand, wie viele Menschen auf solch extreme Gesangslagen abfahren können, wenn sie die entsprechenden Songs nur häufig genug vorgespielt bekommen. Klar, dieser Track ist sehr eingängig, hat eine beruhigende musikalische Umsetzung mit dezenten Streichern, einem sanften Piano und einem unaufdringlichen Rhythmus, verfügt sogar über ein E-Gitarren-Solo, ist aber allein von der gesanglichen Umsetzung her, kantig, wie alle anderen Kate-Bush-Kompositionen. Die Kunst anspruchsvolle Musik, eingängig zu verpacken halt. Ach, ich muss nörgeln: Ausblendungen – gerade beim gefühlvollen Solo – fand ich schon immer doof.
Weiter im Takt. 'James And The Cold Gun' handelt von Jesse James und seiner Truppe. Entsprechend ruppig, schrill und zackig galoppiert Madame Bush hier aus den Lautsprechern. Die rhythmische Untermalung einer Orgel und der verstärkte Einsatz von Stromgitarren machen diese Nummer zu einem echten Schmankerl. Für mich alten Progressiv-Rock-Hörer, ein weiteres Beispiel für einen extrem (ich mag dieses Wort) gelungenen kurzen Longtrack. Der erfahrene Leser wird erahnen, was ich sagen will. In 210 Sekunden passiert so viel, wie bei anderen während einer ganzen LP (nicht).
Nachdem eben musikalisch gerockt wurde, driftet unsere gefühlvolle Kate beim getragenen 'Feel It' in andere "Rock"-Gefilde. Sie will, er nicht. Irgendwann aber wohl doch, denn "synchronize rhythm now". Dieser Song knistert gefährlich. Trotz seiner sanften Umsetzung spürt man die Spannung zwischen den beiden Partygästen. Erotisierend.
Da Kate aber offensichtlich keine Freundin der oben beschriebenen Eine-Nacht-Steht-Er-Bekanntschaften ist, sehnt sie sich im anschließenden 'Oh To Be In Love' nach dem einen Richtigen. "Oh, to be in love and never get out again". Schön. Sehr schön. Hier hören wir übrigens ihren Bruder Paddy an der Mandoline.
Und kaum spricht sie es aus, da findet sie den Einen auch schon: 'L'amour Looks Something Like You' tönt spritzig, ja lebendig mit einer quietsch vergnügten Kate, die auch diesem Song einen Text verpasst hat, der Bilder im Kopf des Hörers erzeugt. Kopfkino Deluxe. "The thoughts of you make me shiver".
Bevor es zu besinnlich wird, ehrt Kate in 'Them Heavy People' ihre Mentoren David und Lyndsay – "wonderful teachers ready to teach me" – und man merkt dem temporeichen Song an, wie viel Freude sie daran hat. Ein lustig pumpender Bass quakt prominent durch die Gegend während das Bandgefüge rockig-flockig zu Werke geht. Eine Nummer zum mitwippen.
Nun wird es erneut sehr tiefsinnig, denn Kate beschreibt den biologischen Unterschied zwischen den Geschlechtern in 'Room For The Life'. Ein herrlich verträumter, bei dem sie erneut mit den hohen Höhen kokettiert und dabei sehr energisch und kraftvoll klingt. Kein Wunder, beschreibt sie doch die (körperliche) Stärke von werdenden Müttern. Musikalisch bekommen wir auch in ein spannendes Cocktail aus sanfter Popmusik, Reggae-Rhythmik und orchestralen Arrangements, die einlullen. Vor allem rhythmische Umsetzung dieses Songs ist sehr interessant, denn nicht umsonst werden als Instrumente hier "beer bottles" erwähnt. Man hört sie auch;)
Der abschließende Titelsong ist dann noch einmal so ein Schmachtfetzen, wie wir ihn nur von Kate serviert bekommen können. Zauberhaft oder sollte ich besser elfenhaft schreiben? Man munkelt von inzestuösen Tendenzen in dem Song, was ich aber anhand der extrem metaphorischen Wortwahl nicht nachvollziehen kann. Bin halt blond.
So viel zu dem musikalischen und textlichen Inhalt dieses grandiosen Albums, welches mich im Sturm erobern konnte. Ich erinnere mich noch wie heute daran, dass ich zu Beginn der 90er die "The Whole Story" als erstes Hörerlebnis von Kate Bush in meine, damals fast ausschließlich von harter Rockmusik dominierten Sammlung, einverleibte. Die Auswirkung war einschneidend. Innerhalb kürzester Zeit musste ich alle regulären Alben der Dame besitzen und es verging eine lange Weile kein Tag, an dem nicht irgendeine Scheibe von Kate Bush zwischen Slayer, Rush und Queensryche in meinen Player wanderte. Bis zum heutigen Tag ist aber dieses erste Album mein absolutes Highlight in ihrer Diskographie geblieben, vielleicht weil Kate auf diesem Werk irgendwie am elfenhaftesten klingt. Auf allen späteren Werken experimentiert sie noch mehr mit anderen Klangfarben und Instrumenten, was manchmal leider etwas gekünstelt und überladen wirkt. Wobei es natürlich kein mittelmäßiges oder gar schlechtes Album von ihr gibt.
In meiner internen Reihenfolge kommen im direkten Anschluss "Hounds Of Love" und "Sensual World". Aber das nur am Rande.
Wer jetzt denkt, dass er gar nichts von dieser außergewöhnlichen Künstlerin kennt, dem sei mit auf den Weg gegeben, dass sie unter anderem mit 'Babooshka' und 'Cloudbusting' (ein exquisites Video mit Donald Sutherland) zwei weitere sehr bekannte Chartbreaker komponiert hat, die gerne mal in öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt werden.
Zu meinem persönlichen "Kick Inside" fehlt jetzt nur noch das livehaftige Erlebnis. Ein Herzenswunsch, der sich wahrscheinlich nie erfüllen wird, da Kate Bush schon zu ihrer Hochzeit sehr bühnenscheu war und kaum Auftritte oder gar Tourneen gespielt hat. Gründe dafür sind unter anderem ihr Drang zum Perfektionismus und ihre Aversion gegen Starkult. Als Anekdote am Rande: Ihr erster Auftritt vor einem deutschen Publikum war tatsächlich im legendären "Bio's Bahnhof" von und mit Alfred Biolek.
Damit entschwinde ich nun und genieße noch einmal dieses wundervolle Album.
'Wuthering Heights" bei Bio:
http://www.youtube.com/watch?v=IL6Cgulys0c
'The Man With The Child In His Eyes'
http://www.youtube.com/watch?v=9F5XHZ0NPGc
'Strange Phenomena'
http://www.youtube.com/watch?v=PHtxf-NOmAo
33 Bewertungen, 10 Kommentare
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06.12.2011, 15:29 Uhr von linksgewinde
Bewertung: sehr hilfreichSehr umfangreich- toller Bericht! Sonnige Grüße zum St. Nikolaus vom Rheinufer!
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03.12.2011, 17:20 Uhr von campino
Bewertung: besonders wertvollbw und liebe Grüße, Andrea
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27.11.2011, 00:28 Uhr von anonym
Bewertung: besonders wertvollHöchstnote, ganz klar
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27.11.2011, 00:02 Uhr von katjafranke
Bewertung: sehr hilfreichEinen lieben Gruß von der KATJA
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26.11.2011, 23:59 Uhr von Lale
Bewertung: sehr hilfreichAllerbesten Gruß *~*
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26.11.2011, 22:30 Uhr von goat
Bewertung: besonders wertvollKate Bush ist klasse. Ich habe mir jetzt die neueste CD von ihr geholt.
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26.11.2011, 21:50 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichToll beschrieben. Würd mich freuen, wenn du auch mal bei mir reinschauen würdest! LG
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26.11.2011, 21:44 Uhr von ChrisS91
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreicher Bericht!
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26.11.2011, 21:34 Uhr von anonym
Bewertung: besonders wertvollschön, Dich hier zu sehen lg Celles
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26.11.2011, 21:24 Uhr von kruegerchristine
Bewertung: sehr hilfreichEin BW gebe ich Dir nur deswegen nicht, weil ich gerade mein letztes vergeben habe! Aber der Bericht ist TOP! LG Günter
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