Erfahrungsbericht von wildheart
Kuddelmuddel am laufenden Band
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Nein
Die Filmindustrie lebt auch vom Vergessen. Oder sagen wir vielleicht besser: Sie spekuliert mit dem Vergessen. Allerdings sind solche Spekulationen nicht immer von Erfolg gesegnet, zumal die personellen Bezüge des neuen Films von Gore Verbinski („Mouse Hunt“, 1997; „Mexican“, 2001) zu Filmen wie „Shining“ (1980), „The Sixth Sense“ (1999) und „The Others“ (2001) so offensichtlich sind, dass es einem schon die Sprache verschlagen kann. Man erinnere sich etwa an die Figur des kleinen Cole (Haley Joel Osment) in „The Sixth Sense“ oder die des dreiradfahrenden Danny (Danny Lloyd) und der von ihm gesehenen zwei toten Mädchen (Lisa und Louise Burns) in „Shining“, an die düstere Totenstimmung in „The Others“ – und schon gelangt man schnurstracks zu dem kleinen Aidan (David Dorfman) und der (natürlich weiß gekleideten) Samara (Daveigh Chase) in „The Ring“. Die personelle Grundkonstruktion ist damit bereits fast vorgegeben. Und Naomi Watts und Martin Henderson verbleibt die Aufgabe, Licht ins Dunkel einer Geschichte zu bringen, die nicht viel mehr Neues zu bieten hat als die Einführung eines magischen Videobandes, das zum Tode führt.
Das Hollywood-Remake des japanischen Streifens „Ringu“ (1998, Regie: Hideo Nakata, basierend auf einer Romantrilogie von Suzuki Koji – einem Kultfilm, so liest man –, der zwei weitere Filme nach sich zog, „Ringu 2“, 1998, Regie ebenfalls Nakata, und „Ringu 0“, 2000, ein Prequel, Regie: Norio Tsuruta) besticht vor allem durch den trügerischen Schein des Schreckens.
Inhalt
Ein Videoband wird vier jungen Menschen zum Verhängnis. Nach Ansehen des Bandes klingelt das Telefon und eine Mädchenstimme verkündet jedem, er oder sie habe nur noch sieben Tage zu leben. Auch die Nichte der Journalistin Rachel Keller (Naomi Watts) wird Opfer geheimnisvoller Umstände. Sie stirbt auf unerklärliche Weise an einer Herzattacke. Ihre Mutter bittet Rachel, der Sache nachzugehen. Rachel, die einen kleinen Sohn, Aidan (David Dorfman), hat, findet bald das Band, auf dem eine Frau, die sich von einer Klippe stürzt, Maden, ein Tausendfüßler, tote Pferde, eine lange Leiter, ein Mann hinter dem Fenster eines Hauses und anderes zu sehen sind – sowie eine Gestalt, die aus einem Brunnen steigt. Auch Rachel bekommt einen Anruf, in der ihr verkündet wird, sie sterbe in sieben Tagen.
Rachels ehemaliger Freund und Aidans Vater Noah (Martin Henderson), ein Videoexperte, glaubt zunächst nicht an eine abstruse Geschichte, in der ein Videoband zum Tod von Menschen führen soll. Doch bald müssen beide entdecken, dass die Gegenstände auf dem Videoband Hinweise auf eine tragische Familiengeschichte sind. Auf einer abgelegenen Insel steht der Leuchtturm, der auch auf dem Band zu sehen ist. Rachel trifft auf den ehemaligen Pferdezüchter Morgan (Brian Cox), stößt auf die merkwürdigen Umstände des Todes seiner Frau und findet heraus, dass die Morgans eine adoptierte Tochter hatten, die in der Psychiatrie untergebracht war.
Rachel und Henderson, der das Band ebenfalls gesehen hat, läuft die Zeit davon. Vor allem aber macht sich Rachel große Sorgen um Aidan, der mehr über das Band und seine verborgenen Geheimnisse zu wissen scheint, weil auch Aidan heimlich das Band angesehen hat ...
Inszenierung
„The Ring“ beginnt vielversprechend. Zwei Teenager geraten in eine furchterregende Situation durch ein Videoband. Eine der beiden jungen Frauen ist plötzlich verschwunden, die andere schleicht angsterfüllt durch das Haus. Es ist der siebte Tag nach Anschauen des Tapes. Nur leider bleibt diese Anfangssequenz der Horrorgeschichte der fast einzige gruselige Moment in Verbinskis Remake des japanischen Films vom 1998. Das Genre des Horror- oder Geisterfilms folgt eigenen Regeln. Glaubwürdigkeit bedeutet hier etwas anderes als in „realistischen“ Filmen. Ähnlich wie in Sciencefiction-Filmen aber muss auch hier die Geschichte in sich, das heißt bei Akzeptanz des Übersinnlichen, des Phantastischen, des Erfundenen und so weiter, nachvollziehbar und logisch stringent sein. Daran fehlt es „The Ring“ in jeder Hinsicht.
Allein schon die Tatsache, dass Rachel, die die Gefahren, die mit dem Videotape verbunden sind, ahnt bzw. kennt, dieses Band mehr oder weniger offen zugänglich herumliegen lässt, so dass ihr Sohn Zugriff darauf nehmen kann, ist ein dramaturgischer Mangel, der in keiner Weise gutgeredet werden kann. Und das, obwohl Rachel zudem von den Zeichnungen Aidans weiß, die ihr die Lehrerin gezeigt hat. Auf diesen Zeichnungen wird der Tod der Nichte Rachels vorhergesehen. Aidan weiß oder ahnt mehr von den Geheimnissen hinter dem Tape als alle anderen. Und welche Mutter, bitte schön, würde in einer solchen Situation ihr Kind auch nur einen Moment aus den Augen lassen? Anders Rachel. Sie sagt Bye Bye und begibt sich auf eine Insel.
Die Handlung folgt nun einer mehr als abstrusen Familiengeschichte und setzt darauf, vieles an dieser Geschichte bis zum Schluss im Verborgenen zu belassen. Der springende Punkt dabei ist allerdings, dass diese Spekulation, an der für sich genommen nichts auszusetzen wäre, Mängel des Drehbuchs offenbart. „The Ring“ gibt nur vor, den Betrachter im Ungewissen über verschiedene Dinge zu lassen. In Wirklichkeit versteckt sich hinter dem Ungewissen das Unausgegorene des Drehbuchs.
ACHTUNG: SPOILER !
Die Familiengeschichte ist völlig absurd. Es geht um ein Paar, das keine Kinder bekommen kann und dann eines adoptiert. Dieses Kind wird von seiner Mutter ermordet. Warum? Hat es der Vater missbraucht? Darüber gibt es vage Andeutungen, doch selbst die kann man noch falsch verstehen. Samara, das Kind, scheint auch kein normales Kind, sondern schon zu Lebzeiten mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet zu sein: könnte man jedenfalls vermuten, zumal Szenen gezeigt werden, in denen Samara in der Psychiatrie erzählt, Dinge tun zu können, die ihre übersinnlichen Fähigkeiten offenbaren. Nachdem es von der Mutter in einen Brunnen geworfen wird, um es zu ermorden, bleibt es noch sieben Tage am Leben. Die Mutter stürzt sich von der Klippe. Warum wurde Samara ermordet? Weil sie schon damals gefährlich war, weil der Vater sie missbraucht hat, wenn nicht warum dann? Der Vater bringt sich um, als Rachel der Geschichte auf die Spur kommt – also merkwürdigerweise erst etliche Jahre nach dem Tod von Frau und Adoptivkind: Er steigt, verdrahtet mit Elektrokabeln, in seine Badewanne und stellt den Strom an (äußerst theatralisch!). Warum? Weil Samara wieder herum geistert? Samara hat sich auf dem Videoband sozusagen verewigt.
Selbst als Rachel es im Brunnen findet und Samara dann begraben wird, „lebt“ sie über das Videotape weiter. Und noch ein Warum: Warum ermordet das Kind Menschen, die mit der Familiengeschichte nichts zu tun haben, wahllos? Wenn diese Morde nach sieben Tagen nichts mit der Familiengeschichte zu tun haben, reduziert sich die Geschichte auf ein mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattetes Mädchen, das nicht älter zu werden scheint, ein Videoband besitzt, auf dem eben dann doch diese Familientragödie verewigt ist, und mir nichts, dir nichts wartet, bis jemand das Tape anschaut, um dann zu verkünden: In sieben Tagen wirst Du sterben. Warum sieben Tage? Weil Samara sieben Tage im Brunnen noch lebte. Also doch wieder Familientragödie.
SPOILER ENDE
Dabei ist die abstruse, wirre und in sich unlogische Handlung nicht einmal besonders spannend inszeniert. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn ein Film auf Blutrausch, Hackebeile und andere Grässlichkeiten verzichtet. Nur: Sofern ein Film auf düstere und unheimliche Atmosphäre setzt, auf Mysteriöses, auf Angstsituationen, dann bitte nicht mit Effekthascherei wie dem Badewannenselbstmord. Die Idee mit dem Videoband mag für sich genommen ja ganz nett sein, doch für sich allein wird daraus noch kein adrenalintreibender Film.
Fazit
What the hell! Die „Warum?“ beziehen sich nicht (!) auf die Glaubwürdigkeit von Geistergeschichten als solchen, sondern auf die innere Logik dieser Geschichte. Je mehr Verbinski erklärt, Erklärungen wieder fallen lässt, neue Wendungen einbaut, neue „Informationen“ liefert, desto mehr verheddert sich das Drehbuch in seiner Absurdität. Naomi Watts und Martin Henderson rasen von einer Erklärung zur nächsten, bis der Schluss des Films den Betrachter zu einer völlig unglaubwürdigen und desolaten Lösung für’s Weiterleben von Rachel und Aidan führt, die einem nur noch die Sprache verschlagen kann. Die zusätzlich deutlichen Anleihen bei „Shining“, „The Others“ und „The Sixth Sense“ – ich kann ehrlich gesagt keine weiß gekleideten Geister-Mädchen und Jungens, die mehr zu wissen scheinen als andere, mehr sehen – reduzieren „The Ring“ auf einen Film, der viel, vor allem viel erklären und viel dem Zuschauer überlassen möchte, an diesem Anspruch aber gnadenlos scheitert. Es macht keinen Sinn, über diese vielen Erklärungen, Scheinerklärungen und das „Offene“ des Films nachzudenken. Und wenn das keinen Sinn mehr macht, braucht man nach dem Genuss eines Videobandes zu Hause auch keine Angst mehr haben, wenn kurz darauf das Telefon klingelt.
Wertung: 3 von 10 Punkten.
The Ring
(The Ring)
USA 2002, 115 Minuten
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Ehren Kruger, nach einem Roman von Koji Suzuki
Musik: Hans Zimmer
Director of Photography: Bojan Bazelli
Schnitt: Craig Wood
Produktionsdesign: Thomas Duffield, Patrick M. Sullivan Jr.
Hauptdarsteller: Naomi Watts (Rachel Keller), Martin Henderson (Noah), Brian Cox (Richard Morgan), David Dorfman (Aidan), Daveigh Chase (Samara), Lindsay Frost (Ruth), Amber Tamblyn (Katie), Rachael Bella (Becca), Jane Alexander (Dr. Grasnik), Shannon Cochran (Anna Morgan), Sandra Thigpen (Lehrerin), Richard Lineback (Innkeeper), Pauley Perrette (Beth), Sara Rue (Babysitter), Joe Chrest (Doktor), Sasha Barrese (Mädchen), Tess Hall (Mädchen), Adam Brody (Junge), Alan Blumenfeld (Harvey), Ronald William Lawrence (Bibliothekar), Stephanie Erb (Donna), Michael Spound (Dave), Art Frankie (Cal), Billy Lloyd (Darby)
Offizielle Homepage: http://movies.uip.de/ring
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0298130
Weitere Filmkritik(en):
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2002/10/101809.html
„Movie Reviews“ (James Berardinelli):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/r/ring.html
© Ulrich Behrens 2003 für
www.ciao.com
www.yopi.de
www.dooyoo.de
Das Hollywood-Remake des japanischen Streifens „Ringu“ (1998, Regie: Hideo Nakata, basierend auf einer Romantrilogie von Suzuki Koji – einem Kultfilm, so liest man –, der zwei weitere Filme nach sich zog, „Ringu 2“, 1998, Regie ebenfalls Nakata, und „Ringu 0“, 2000, ein Prequel, Regie: Norio Tsuruta) besticht vor allem durch den trügerischen Schein des Schreckens.
Inhalt
Ein Videoband wird vier jungen Menschen zum Verhängnis. Nach Ansehen des Bandes klingelt das Telefon und eine Mädchenstimme verkündet jedem, er oder sie habe nur noch sieben Tage zu leben. Auch die Nichte der Journalistin Rachel Keller (Naomi Watts) wird Opfer geheimnisvoller Umstände. Sie stirbt auf unerklärliche Weise an einer Herzattacke. Ihre Mutter bittet Rachel, der Sache nachzugehen. Rachel, die einen kleinen Sohn, Aidan (David Dorfman), hat, findet bald das Band, auf dem eine Frau, die sich von einer Klippe stürzt, Maden, ein Tausendfüßler, tote Pferde, eine lange Leiter, ein Mann hinter dem Fenster eines Hauses und anderes zu sehen sind – sowie eine Gestalt, die aus einem Brunnen steigt. Auch Rachel bekommt einen Anruf, in der ihr verkündet wird, sie sterbe in sieben Tagen.
Rachels ehemaliger Freund und Aidans Vater Noah (Martin Henderson), ein Videoexperte, glaubt zunächst nicht an eine abstruse Geschichte, in der ein Videoband zum Tod von Menschen führen soll. Doch bald müssen beide entdecken, dass die Gegenstände auf dem Videoband Hinweise auf eine tragische Familiengeschichte sind. Auf einer abgelegenen Insel steht der Leuchtturm, der auch auf dem Band zu sehen ist. Rachel trifft auf den ehemaligen Pferdezüchter Morgan (Brian Cox), stößt auf die merkwürdigen Umstände des Todes seiner Frau und findet heraus, dass die Morgans eine adoptierte Tochter hatten, die in der Psychiatrie untergebracht war.
Rachel und Henderson, der das Band ebenfalls gesehen hat, läuft die Zeit davon. Vor allem aber macht sich Rachel große Sorgen um Aidan, der mehr über das Band und seine verborgenen Geheimnisse zu wissen scheint, weil auch Aidan heimlich das Band angesehen hat ...
Inszenierung
„The Ring“ beginnt vielversprechend. Zwei Teenager geraten in eine furchterregende Situation durch ein Videoband. Eine der beiden jungen Frauen ist plötzlich verschwunden, die andere schleicht angsterfüllt durch das Haus. Es ist der siebte Tag nach Anschauen des Tapes. Nur leider bleibt diese Anfangssequenz der Horrorgeschichte der fast einzige gruselige Moment in Verbinskis Remake des japanischen Films vom 1998. Das Genre des Horror- oder Geisterfilms folgt eigenen Regeln. Glaubwürdigkeit bedeutet hier etwas anderes als in „realistischen“ Filmen. Ähnlich wie in Sciencefiction-Filmen aber muss auch hier die Geschichte in sich, das heißt bei Akzeptanz des Übersinnlichen, des Phantastischen, des Erfundenen und so weiter, nachvollziehbar und logisch stringent sein. Daran fehlt es „The Ring“ in jeder Hinsicht.
Allein schon die Tatsache, dass Rachel, die die Gefahren, die mit dem Videotape verbunden sind, ahnt bzw. kennt, dieses Band mehr oder weniger offen zugänglich herumliegen lässt, so dass ihr Sohn Zugriff darauf nehmen kann, ist ein dramaturgischer Mangel, der in keiner Weise gutgeredet werden kann. Und das, obwohl Rachel zudem von den Zeichnungen Aidans weiß, die ihr die Lehrerin gezeigt hat. Auf diesen Zeichnungen wird der Tod der Nichte Rachels vorhergesehen. Aidan weiß oder ahnt mehr von den Geheimnissen hinter dem Tape als alle anderen. Und welche Mutter, bitte schön, würde in einer solchen Situation ihr Kind auch nur einen Moment aus den Augen lassen? Anders Rachel. Sie sagt Bye Bye und begibt sich auf eine Insel.
Die Handlung folgt nun einer mehr als abstrusen Familiengeschichte und setzt darauf, vieles an dieser Geschichte bis zum Schluss im Verborgenen zu belassen. Der springende Punkt dabei ist allerdings, dass diese Spekulation, an der für sich genommen nichts auszusetzen wäre, Mängel des Drehbuchs offenbart. „The Ring“ gibt nur vor, den Betrachter im Ungewissen über verschiedene Dinge zu lassen. In Wirklichkeit versteckt sich hinter dem Ungewissen das Unausgegorene des Drehbuchs.
ACHTUNG: SPOILER !
Die Familiengeschichte ist völlig absurd. Es geht um ein Paar, das keine Kinder bekommen kann und dann eines adoptiert. Dieses Kind wird von seiner Mutter ermordet. Warum? Hat es der Vater missbraucht? Darüber gibt es vage Andeutungen, doch selbst die kann man noch falsch verstehen. Samara, das Kind, scheint auch kein normales Kind, sondern schon zu Lebzeiten mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet zu sein: könnte man jedenfalls vermuten, zumal Szenen gezeigt werden, in denen Samara in der Psychiatrie erzählt, Dinge tun zu können, die ihre übersinnlichen Fähigkeiten offenbaren. Nachdem es von der Mutter in einen Brunnen geworfen wird, um es zu ermorden, bleibt es noch sieben Tage am Leben. Die Mutter stürzt sich von der Klippe. Warum wurde Samara ermordet? Weil sie schon damals gefährlich war, weil der Vater sie missbraucht hat, wenn nicht warum dann? Der Vater bringt sich um, als Rachel der Geschichte auf die Spur kommt – also merkwürdigerweise erst etliche Jahre nach dem Tod von Frau und Adoptivkind: Er steigt, verdrahtet mit Elektrokabeln, in seine Badewanne und stellt den Strom an (äußerst theatralisch!). Warum? Weil Samara wieder herum geistert? Samara hat sich auf dem Videoband sozusagen verewigt.
Selbst als Rachel es im Brunnen findet und Samara dann begraben wird, „lebt“ sie über das Videotape weiter. Und noch ein Warum: Warum ermordet das Kind Menschen, die mit der Familiengeschichte nichts zu tun haben, wahllos? Wenn diese Morde nach sieben Tagen nichts mit der Familiengeschichte zu tun haben, reduziert sich die Geschichte auf ein mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattetes Mädchen, das nicht älter zu werden scheint, ein Videoband besitzt, auf dem eben dann doch diese Familientragödie verewigt ist, und mir nichts, dir nichts wartet, bis jemand das Tape anschaut, um dann zu verkünden: In sieben Tagen wirst Du sterben. Warum sieben Tage? Weil Samara sieben Tage im Brunnen noch lebte. Also doch wieder Familientragödie.
SPOILER ENDE
Dabei ist die abstruse, wirre und in sich unlogische Handlung nicht einmal besonders spannend inszeniert. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn ein Film auf Blutrausch, Hackebeile und andere Grässlichkeiten verzichtet. Nur: Sofern ein Film auf düstere und unheimliche Atmosphäre setzt, auf Mysteriöses, auf Angstsituationen, dann bitte nicht mit Effekthascherei wie dem Badewannenselbstmord. Die Idee mit dem Videoband mag für sich genommen ja ganz nett sein, doch für sich allein wird daraus noch kein adrenalintreibender Film.
Fazit
What the hell! Die „Warum?“ beziehen sich nicht (!) auf die Glaubwürdigkeit von Geistergeschichten als solchen, sondern auf die innere Logik dieser Geschichte. Je mehr Verbinski erklärt, Erklärungen wieder fallen lässt, neue Wendungen einbaut, neue „Informationen“ liefert, desto mehr verheddert sich das Drehbuch in seiner Absurdität. Naomi Watts und Martin Henderson rasen von einer Erklärung zur nächsten, bis der Schluss des Films den Betrachter zu einer völlig unglaubwürdigen und desolaten Lösung für’s Weiterleben von Rachel und Aidan führt, die einem nur noch die Sprache verschlagen kann. Die zusätzlich deutlichen Anleihen bei „Shining“, „The Others“ und „The Sixth Sense“ – ich kann ehrlich gesagt keine weiß gekleideten Geister-Mädchen und Jungens, die mehr zu wissen scheinen als andere, mehr sehen – reduzieren „The Ring“ auf einen Film, der viel, vor allem viel erklären und viel dem Zuschauer überlassen möchte, an diesem Anspruch aber gnadenlos scheitert. Es macht keinen Sinn, über diese vielen Erklärungen, Scheinerklärungen und das „Offene“ des Films nachzudenken. Und wenn das keinen Sinn mehr macht, braucht man nach dem Genuss eines Videobandes zu Hause auch keine Angst mehr haben, wenn kurz darauf das Telefon klingelt.
Wertung: 3 von 10 Punkten.
The Ring
(The Ring)
USA 2002, 115 Minuten
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Ehren Kruger, nach einem Roman von Koji Suzuki
Musik: Hans Zimmer
Director of Photography: Bojan Bazelli
Schnitt: Craig Wood
Produktionsdesign: Thomas Duffield, Patrick M. Sullivan Jr.
Hauptdarsteller: Naomi Watts (Rachel Keller), Martin Henderson (Noah), Brian Cox (Richard Morgan), David Dorfman (Aidan), Daveigh Chase (Samara), Lindsay Frost (Ruth), Amber Tamblyn (Katie), Rachael Bella (Becca), Jane Alexander (Dr. Grasnik), Shannon Cochran (Anna Morgan), Sandra Thigpen (Lehrerin), Richard Lineback (Innkeeper), Pauley Perrette (Beth), Sara Rue (Babysitter), Joe Chrest (Doktor), Sasha Barrese (Mädchen), Tess Hall (Mädchen), Adam Brody (Junge), Alan Blumenfeld (Harvey), Ronald William Lawrence (Bibliothekar), Stephanie Erb (Donna), Michael Spound (Dave), Art Frankie (Cal), Billy Lloyd (Darby)
Offizielle Homepage: http://movies.uip.de/ring
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0298130
Weitere Filmkritik(en):
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2002/10/101809.html
„Movie Reviews“ (James Berardinelli):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/r/ring.html
© Ulrich Behrens 2003 für
www.ciao.com
www.yopi.de
www.dooyoo.de
37 Bewertungen, 1 Kommentar
-
30.11.2010, 09:02 Uhr von XXLALF
Bewertung: besonders wertvollwenn mir der film mal unter die finger kommt, werde ich ihn mir auch mal anschauen, zumal ich die grundidee ziemlich spannend halte, wie du sie geschildert hast. bw und ganz liebe grüße
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