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Erfahrungsbericht von suppengirl

Was vom Tage übrig blieb

Pro:

alles

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Nein

Vorwort:
********

Auch bei "Was vom Tage übrig blieb" handelt es sich um einen meiner absoluten Lieblingsfilme. Wundervoll inszenierte das Regisseur-Produzenten-Dreamteam Merchant/Ivory im Jahre 1993 mit viel Liebe zum Detail eine stille, atmosphärisch dichte und unendlich traurige Geschichte. Ich habe den Film damals mher oder weniger zufällig im Kino gesehen und war vollkommen verzaubert. Wenig später konnte ich ihn auch im Original sehen und war noch hingerissener. Nach dem ich ihn vor Kurzem an einem verregneten Tag auf Video ausgeliehen habe, ist die Erinnerung wieder so frisch, dass ich mich endlich an einen Bericht über dieses Meisterwerk heranwage.

Story:
******

Im England der 30er Jahre herrschen auf dem Gut von Lord Darlington typisch britische Adelsverhältnisse. Der riesige Haushalt ist straff organisiert, die Aufgaben der zahlreichen Bediensteten klar verteilt. Lord Darlington ist von seiner politischen Relevanz überzeugt und will bei den wichtigen Geschehnissen dieser Zeit mitmischen. Zu diesem Zwecke finden in seinem Wohnsitz Treffen internationaler Größen statt, an denen auch deutsche Militärs teilnehmen. Lord Darlington sympathisiert aus trivial naiven und rein emotionalen Gründen mit den Deutschen, was ihm später zum Verhängnis werden soll, denn natürlich wird seine Gutgläubigkeit ausgenutzt.

Eine interessante Geschichte, die sicherlich einen Film füllen könnte. Bei "Was vom Tage übrig blieb" aber ist es nur eine Nebenhandlung oder vielmehr eine Rahmenhandlung, in die eine viel kleinere, vermeintlich unbedeutendere Story eingebettet ist.

Erzählt wird von zwei geschichtlich vollkommen irrelevanten Personen: Von Mr. Stevens, dem langjährigen Oberbutler des Hauses Darlington, und Ms. Kenton, der neu angestellten Haushälterin.

Die Geschichte ist kurz und doch so tiefgründig. Man kann sie in einem Satz abreißen, man könnte aber auch Seiten über sie verfassen. Ich werde versuchen einen Mittelweg zu finden.

Mr. Stevens ist der Idealtyp des englischen Butlers. Er ist pflichtbewusst bis ins Dorthinaus, Etikette und Ordnung bestimmen sein Leben. Gefühle haben in seinem Leben keinen Platz, sein soziales Umfeld - das praktisch nur aus seinen Untergebenen besteht - kennt ihn nur als stets überkorrekten und strengen Vorgesetzten.

Die neue Haushälterin ist die junge Ms. Kenton. Sie ist ebenfalls sehr pflichtbewusst, doch hat sie ihre Erwartungen ans Leben, ihren Sinn für Humor und vor allem ihre Gefühle ihrem Beruf nicht so sehr untergeordnet. Auch sie setzt bei ihren Untergebenen Pflichterfüllung voraus, doch sie sieht in ihnen auch Menschen, denen sie durchaus einen kleinen Fehler durchgehen lässt.

Ms. Kenton versucht auch die harte Schale von Mr. Stevens zu durchbrechen, denn sie hegt für ihn mehr als nur berufliche Emotionen - ohne Erfolg, denn schon die zartesten Annäherungsversuche erstickt er durch vermeintliche Gleichgültigkeit oder gar durch offene Rügen im Keime.

Nachdem sie ein letztes Mal schroff von ihm zurück gewiesen wurde, verlässt sie das Haus um - nicht zuletzt aus Trotz - zu heiraten. Erst Jahre später - nach Ende des zweiten Weltkrieges - hört Mr. Stevens wieder von ihr und hegt neue Hoffnungen, denn mittlerweile ist auch ihm klar geworden, dass mehr als nur Pflichterfüllung ein glückliches Leben ausmacht.

Darsteller:
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Wie schon in "Wiedersehen in Howard´s End" verpflichteten Merchant/Ivory Sir Anthony Hopkins und Emma Thompson für die Hauptrollen. Eine mehr als gute Wahl, wie ich finde, denn ich könnte mir kein Paar vorstellen, dass die Rollen von Mr. Stevens und Ms. Kenton mit mehr Intensität füllen könnte.

Sir Anthony Hopkins (durch "Das Schweigen der Lämmer" nicht nur zu Weltruhm und zum Oscar, sondern auch zum Adelstitel gelangt) verleiht dem Mr. Stevens Würde und Stolz, aber auch eine immer zu spürende Traurigkeit. Man weiß als Zuschauer oft nicht, ob man ihn für seine zur Schau gestellte Kälte ins Gesicht springen will, oder ob man ihn wegen seines Unvermögens Gefühle zuzulassen einfach nur bedauern soll.

Emma Thompson spiegelt Ms. Kentons Kampf um Anerkennung - sowohl in beruflicher, aber eben vor allem in menschlicher Hinsicht - in feinsten Nuancen wider. Man spürt förmlich ihren Schmerz, wenn ihre zarten Versuche Mr. Stevens näher zu kommen erneut scheitern, den sie fast nur durch Mimik so ausdrückt, dass es einem das Herz zusammenschnürt.

Das Zusammenspiel der beiden ist überwältigend, beklemmend (*nach Superlativen such*), einfach unbeschreiblich. Selten habe ich einen Film gesehen, bei dem sich die Chemie zwischen den beiden Protagonisten einen direkteren Weg von der Leinwand mitten ins Herz der Zuschauer bahnt.

Und wenn Ms. Kenton in der meines Erachtens intimsten Szene des Films versucht Mr. Stevens das Buch, das er gerade liest aus den Händen zu reißen, um herauszufinden, worum es sich handelt (und es ist - wie erstaunlich - ein Liebesroman), sie ihn dabei kaum berührt und er sie ansieht mit einem Blick, der seinen inneren Kampf verdeutlicht (ohne dass sie diesen bemerkt), dann strahlt das mehr Erotik aus, als wenn sich Tom Cruise und Nicole Kidman die Kleider vom Leibe reißen würden und auf dem Küchenboden... aber lassen wir das. :-)

Die Nebenrollen sind fast zu vernachlässigen, auch wenn einige bekannte Namen erscheinen und die meisten Darsteller ihren Job mehr als gut machen.
Zu erwähnen sind James Fox, der als Lord Darlington zum einen genau in die Zeit und die gesellschaftliche Position passt, und zum anderen dessen Naivität in politischen Dingen glänzend als Kontrapunkt setzt.
Sein Patensohn - ein angehender Journalist - wird dargestellt von Hugh Grant. Noch vor "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" durfte dieser tatsächlich auch einmal andere Rollen spielen als den schusseligen romantischen Helden. Und er überzeugt darin durchaus.
Christopher Reeve - in einer seiner (oder der?) letzten Rolle vor seinem Reitunfall - stellt den amerikanischen Millionär dar, der nach dem Ende des Krieges und dem Tode des Lords das Gut Darlington mitsamt seinem Hausstaat ersteigert. Ihn empfindet der Zuschauer - genau wie der Hausstaat, allen voran natürlich Mr. Stevens - als Fremdkörper in seiner neuen Umgebung.

Umsetzung und Regie:
******************

Wie schon im Vorwort erwähnt, ist dem Duo Merchant/Ivory auch mit "Was vom Tage übrig blieb" ein intensives und wunderschönes Stück Gefühlskino geglückt, eine perfekte Umsetzung der Romanvorlage von Kazuo Ishiguro also.
In Rückblicken erfährt der Zuschauer aus der Erinnerung von Mr. Stevens, der sich gerade auf den Weg macht Mrs. Kenton zu besuchen, was vor vielen Jahren passiert ist. Mit nur wenig Worten, dafür mit viel Liebe zu Details und Ausstattung und mit dem Mut sich Zeit zu lassen, um eine Geschichte zu erzählen, wird im Zuschauer mehr an Emotionen ausgelöst, als dies durch großspurige und langatmige Dialoge jemals passieren könnte. Kleine, leise, eigentlich unbedeutende Szenen, werden so zu einem cinematographischen Großereignis, das sich für immer ins Gedächtnis bohrt.
Auch der dezente Einsatz von Filmmusik tut hier sein übriges. Wie oft wird in Filmen heute künstliche Dramatik erzeugt, in dem entsprechend bedrohliche Musik eingesetzt wird. Bei "Was vom Tage übrig blieb" bleibt sie immer im Hintergrund, wirkt höchstens unterstützend.

Fazit:
*****

"Was vom Tage übrig blieb" ist einer der Filme, der den Schwerpunkt nicht auf das WAS, sondern auf das WIE legt. Für Actions-Fans sicher nicht das Richtige. Doch wer sich gerne von einer Geschichte verzaubern lässt und dabei viel Geduld mitbringt und auf nervenzerreißende Spannung durchaus mal verzichten kann, der wir von "Was vom Tage übrig blieb" genauso hingerissen sein wie ich.
Es ist schade, dass es nur noch wenig Filme dieser Art gibt, die sich Zeit nehmen und dafür umso intensiver sind. DAS ist wahres Gefühlskino, denn hier steht tatsächlich das Gefühl im Vordergrund und ist nicht nur Beigabe zu einem Schiffsuntergang oder der Bombadierung von Pearl Harbor.

Und wie immer der Tipp vom Suppengirl: Wenn ihr die Gelegenheit habt, unbedingt im Original ansehen. Wenn euer Englisch einigermaßen passabel ist, dann dürftet ihr keine Probleme haben, der gestochenen Aussprache von Anthony Hopkins und Emma Thompson zu folgen!

24 Bewertungen, 1 Kommentar

  • roma1

    06.06.2002, 21:24 Uhr von roma1
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein guter Bericht. LG Joanna