Erfahrungsbericht von FloVi
Wer hat Angst vor Tschernobyl?
Pro:
Umweltbewusstsein wird geschärft
Kontra:
Der Preis dafür ist zu hoch!
Empfehlung:
Nein
Neulich zappte ich mal wieder durchs TV-Programm, als ich bei einem Bericht hängen blieb. Am unteren Bildschirmrand las ich die Jahreszahl 1986 und die Bilder kamen mir auf schauderhafte Weise bekannt vor. Sie zeigten Dokumentaraufnahmen vom der Kraftwerkkatastrophe im russischen Tschernobyl.
Klar, jeder weiß jetzt, worum es geht, aber wie viele von Euch können sich wirklich noch daran erinnern? Was mir vor allem im Gedächtnis blieb ist das Versagen der Politik und der Medien. Nein, das wird jetzt keine Parteienschelte, ich meine das recht allgemein. Über die Verhältnisse in Russland will ich dabei nicht sprechen, zum einen weil ich nicht glaube, dass jemand der nicht wirklich dort lebte, das beurteilen kann. Zum anderen, weil mir unsere eigene Inkompetenz-Elite schon reicht.
Ob ich damals Angst hatte kann ich jetzt nicht einmal mehr sagen. Ich war bereits im Katastrophenschutz tätig und konnte mit den Begriffen die die Experten auf die Bevölkerung losließen einigermaßen was anfangen. Als Ausbilder wollte ich natürlich auch auf den aktuellen Anlass eingehen und nahm mir einen "Bericht" der BZ vor, ein Berliner Lokalblatt aus dem Hause Springer, Sprachstil und Recherchequalität auf bewährtem BILD-Niveau. Tenor des Artikels war, dass man Jod zu sich nehmen sollte, denn das würde gegen die radioaktive Tschernobyl-Wolke einen gewissen Schutz bieten.
Es war sogar etwas dran, denn diese "Wolke" enthielt u. a. radioaktives Jod 131, das sich wie die anderen Mitglieder seiner Familie in der Schilddrüse einnistet. Hat man diese mit stabilem Jod gesättigt, war halt einfach kein Platz mehr für das instabile. Was allerdings unterging war die Tatsache, dass dieses Jod 131 eine Halbwertzeit von etwa 8 Tagen hat, nach ein, zwei Monaten also kaum noch was davon übrig ist. Von dem ebenfalls ausgetretenen Strontium und Cäsium mit Halbwertzeiten von mehreren tausend Jahren verlor man kein Wort.
Übrigens, ich wollte die im Artikel angesprochenen Jod-Kompretten als Anschauungsmaterial mitbringen, konnte aber keine einzige mehr auftreiben, nicht einmal in den Krankenhaus-Apotheken.
Was mich aber richtig irritiert hat, waren die ständigen Beteuerungen der Regierung, es bestünde keine Gefahr, die Strahlenbelastung sei auch nicht viel höher als sonst. Damit hatten sie vielleicht sogar recht, doch die gleichzeitig im den Nachrichten ausgestrahlten Berichte, in denen Männer in Schutzanzügen Autos aus Ost-Europa mit Strahlungsmessgeräten überprüften, bestätigte diese Aussagen nicht gerade.
Und auch die Erfahrungen einer Bekannten, die in der Röntgenabteilung eines Krankenhauses arbeitete, ließ das Vertrauen in die Informationspolitik des Kanzleramtes immer weiter in den Keller rutschen. Was sie sagte war schon beängstigend, denn sie zeigte mir einen kleinen Anstecker, nicht viel größer als eine Brosche. Sie meinte das sei ein Warngerät, das jeder in der Röntgenabteilung tragen musste und auf eine Strahlenbelastung außerhalb der zulässigen Grenzwerte reagierte. Diese kleine Brosche schlug immer dann Alarm, wenn sie aus dem Röntgenbereich raus in die Warteräume ging. Die Strahlenbelastung durch die von draußen kommenden Patienten ließ die Geräte anschlagen.
Tja, und dann waren da noch die Grünen. Sie hatten einen ganz besonderen Service angeboten, den ich in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße entdeckt habe. Dort war ein Stand der Partei, an dem die Bürger ihren Einkauf auf Radioaktivität überprüfen lassen konnten. Was sie allerdings nicht hatten waren Antworten, beispielsweise auf die Frage, was ich denn essen soll, wenn tatsächlich die Milch, der Salat, die Kartoffeln etc. verseucht wären.
Nein, ich glaube Angst hatte ich damals nicht wirklich. Aber ich war wütend, frustriert und enttäuscht über die Hilflosigkeit unserer Regierung, der Opposition und der Tatsache, dass nichts erschütternd genug ist, um nicht noch für eine billige Schlagzeile herhalten zu können. Dieses Gefühl hat sich bis heute nicht gelegt.
Klar, jeder weiß jetzt, worum es geht, aber wie viele von Euch können sich wirklich noch daran erinnern? Was mir vor allem im Gedächtnis blieb ist das Versagen der Politik und der Medien. Nein, das wird jetzt keine Parteienschelte, ich meine das recht allgemein. Über die Verhältnisse in Russland will ich dabei nicht sprechen, zum einen weil ich nicht glaube, dass jemand der nicht wirklich dort lebte, das beurteilen kann. Zum anderen, weil mir unsere eigene Inkompetenz-Elite schon reicht.
Ob ich damals Angst hatte kann ich jetzt nicht einmal mehr sagen. Ich war bereits im Katastrophenschutz tätig und konnte mit den Begriffen die die Experten auf die Bevölkerung losließen einigermaßen was anfangen. Als Ausbilder wollte ich natürlich auch auf den aktuellen Anlass eingehen und nahm mir einen "Bericht" der BZ vor, ein Berliner Lokalblatt aus dem Hause Springer, Sprachstil und Recherchequalität auf bewährtem BILD-Niveau. Tenor des Artikels war, dass man Jod zu sich nehmen sollte, denn das würde gegen die radioaktive Tschernobyl-Wolke einen gewissen Schutz bieten.
Es war sogar etwas dran, denn diese "Wolke" enthielt u. a. radioaktives Jod 131, das sich wie die anderen Mitglieder seiner Familie in der Schilddrüse einnistet. Hat man diese mit stabilem Jod gesättigt, war halt einfach kein Platz mehr für das instabile. Was allerdings unterging war die Tatsache, dass dieses Jod 131 eine Halbwertzeit von etwa 8 Tagen hat, nach ein, zwei Monaten also kaum noch was davon übrig ist. Von dem ebenfalls ausgetretenen Strontium und Cäsium mit Halbwertzeiten von mehreren tausend Jahren verlor man kein Wort.
Übrigens, ich wollte die im Artikel angesprochenen Jod-Kompretten als Anschauungsmaterial mitbringen, konnte aber keine einzige mehr auftreiben, nicht einmal in den Krankenhaus-Apotheken.
Was mich aber richtig irritiert hat, waren die ständigen Beteuerungen der Regierung, es bestünde keine Gefahr, die Strahlenbelastung sei auch nicht viel höher als sonst. Damit hatten sie vielleicht sogar recht, doch die gleichzeitig im den Nachrichten ausgestrahlten Berichte, in denen Männer in Schutzanzügen Autos aus Ost-Europa mit Strahlungsmessgeräten überprüften, bestätigte diese Aussagen nicht gerade.
Und auch die Erfahrungen einer Bekannten, die in der Röntgenabteilung eines Krankenhauses arbeitete, ließ das Vertrauen in die Informationspolitik des Kanzleramtes immer weiter in den Keller rutschen. Was sie sagte war schon beängstigend, denn sie zeigte mir einen kleinen Anstecker, nicht viel größer als eine Brosche. Sie meinte das sei ein Warngerät, das jeder in der Röntgenabteilung tragen musste und auf eine Strahlenbelastung außerhalb der zulässigen Grenzwerte reagierte. Diese kleine Brosche schlug immer dann Alarm, wenn sie aus dem Röntgenbereich raus in die Warteräume ging. Die Strahlenbelastung durch die von draußen kommenden Patienten ließ die Geräte anschlagen.
Tja, und dann waren da noch die Grünen. Sie hatten einen ganz besonderen Service angeboten, den ich in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße entdeckt habe. Dort war ein Stand der Partei, an dem die Bürger ihren Einkauf auf Radioaktivität überprüfen lassen konnten. Was sie allerdings nicht hatten waren Antworten, beispielsweise auf die Frage, was ich denn essen soll, wenn tatsächlich die Milch, der Salat, die Kartoffeln etc. verseucht wären.
Nein, ich glaube Angst hatte ich damals nicht wirklich. Aber ich war wütend, frustriert und enttäuscht über die Hilflosigkeit unserer Regierung, der Opposition und der Tatsache, dass nichts erschütternd genug ist, um nicht noch für eine billige Schlagzeile herhalten zu können. Dieses Gefühl hat sich bis heute nicht gelegt.
13 Bewertungen, 1 Kommentar
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12.05.2002, 19:24 Uhr von Maxilenium
Bewertung: sehr hilfreichKönnte besser erklärt werden. lg maxi
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