Venedig Testbericht
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Erfahrungsbericht von sugips
Warum ich nie über Venedig schreiben wollte!
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Heute will ich etwas besonderes versuchen. Ohne nachzuschauen, rein aus der Erinnerung meine Erfahrungen mit Venedig zusammenfassen. Und ein bisschen erklären, warum ich bisher über diese Stadt nichts geschrieben habe.
Ich habe einige starke Erinnerungen an Venedig. Venedig als kleiner Bub, das Venedig meiner ersten Kritik, Venedig mit einer Kunsthistorikerin, Venedig im Herbst und eine Hochzeit in Venedig.
Venedig als (Klein)Kind
Beginnen wir der Reihe nach und zwar gleich mit einem Tip. Fahren Sie nie mit kleinen Kindern nach Venedig, es sei denn an den Lido zum Baden und Sand spielen. Meine Ahnen verbrachten in meiner Kindheit gerne einen Monat in Lignano oder Jesolo. War wunderschön – Sonne, Strand und Meer. Leider gab es jedes Mal einen Kulturausflug nach Venedig, weil ja so nahe.
Was soll ich sagen: mir war schlecht im Auto, mir war schlecht auf dem Schiff von Punta Sabbioni zum Markusplatz. Kaum etwas erholt nach einem Lemonsoda gings ans Besichtigen – endlos fade. Naja die Kerker und Verliese des Dogenpalastes hatten schon ein gewisses Spannungsmoment – aber dafür stundenlang in heißer Sonne anstellen? Das ging über meine damalige Logik. Und sonst, die Bilder waren dunkel, die Kanäle stanken, die Nudeln waren eher grauslich – der komische Käse und so, aber immerhin gab es keinen Salat, weil in Italien Pasta ja Vorspeise. Dafür aber auch keinen Luna Park oder ähnliches. Venedig für Kinder und sonstige Banausen bis sechs – a matte Sache.
Über Reiterstandbilder, Tizian, Fresken und die Folgen
Man sollte Venedig immer nur mit einer/einem KunsthistorikerIn besichtigen. Man sollte gleichzeitig Venedig nie mit einer/einem KunsthistorikerIn besichtigen. Dieses Dilemma ist rasch erklärt.
„Normale“ interessierte Venedig-Touristen kommen an, besichtigen Dogenpalast und Markusdom, klettern auf den Campanile, den Glockenturm am Markusplatz – ich nicht, denn ich hasse Stiegensteigen und leide an Höhenangst, gegen zur Rialto-Brücke, schauen am Weg in die eine oder andere Kirche, gehen vielleicht in das Museum der Accademia oder ins Guggenheim-Museum, fahren mit dem Vaporetto (dem Wasserbus) den Canal Grand entlang und erquicken sich mit den letzten Lire oder jetzt Euro im Café Florian. NB Ich habe den Eindruck das Florian rechnet neuerdings 1 Lira ein Euro um. Dann sind sie etwas müde und glücklich und zufrieden und träumen von nächtlicher Liebe mit ihrer Begleitung.
Venedig-Besichtiger und Forscher mit kunsthistorischer Fachführung lernen alles über Reiterstandbilder und Statuen und auch den Unterschied. Vor allem sie lernen alle kennen. Steht das Pferd auf drei Beinen und hebt ein Vorderbein, dann hat der Held ehrenvoll, aber doch verloren. Steht das Pferd nur auf den Hinterbeinen und streckt die Vorderbeine jubelnd in die Luft und hat sonst auch keine Stütze, dann ist es erstens eine Statue und zweitens hat der Reiter ehrenvollst gewonnen. NB Zur Verzweiflung bringt man aber solcherart Begleitung, wenn man nach Pferden mit allen vier Pferden am Boden fragt: der Held hat schmachvoll verloren, aber wegen früherer Verdienste bekam er doch ein Standbild; oder auch nach solchen mit den zwei Hinterbeinen in der Luft: der Held ist durch nichts mehr in seiner Schande zu retten aber das Pferd hatte Klasse. Ein mitleidiges Pfft ist das Wenigstes, was man daraufhin erwarten kann. Dazu kommen noch alle Fresken oberhalb und unterhalb der Erde, die alle in den Kunstgeschichten farbenprächtiger und größer ausgeschaut haben, weswegen man genau, wenn geht mit Lupe, nach dem letzten nicht verblassten Fleckchen Rot Ausschau halten muß, ob es nicht doch genau den Übergang von Erd- zu Kunstfarben markiert. Einen guten Rat habe ich auch noch: es gibt keine unbekannten Tizians und Tintorettos etc. mehr zu entdecken. Es handelt sich entweder um Leihgaben in- oder ausländischer Museen oder man hat einfach einen schlechten Reiseführer. In der Kunstgeschichte Venedigs in zehn Bänden sind alle aufgeführt. Erhältlich in jeder guten Universitätsbibliothek oder in den Handbibliotheken der kunsthistorischen Institute. Ehe ich weiter ins Detail gehe, man landet zuletzt in einem Self-Service-Restaurant um Zeit zu sparen, ist im Kopf verwirrt, müde und träumt von Fußzonenreflex- und Heilmassage und glaubt nie wieder Liebe machen zu können.
Jedenfalls Venedig ist ein Eldorado für dergleichen Umtriebe, mehre Wochen Zeit, etwas Kleingeld, gutes Schuhwerk und Kondition vorausgesetzt.
Jetzt kommt aber mein Geheimtip:
Genug von Touristenmassen und Kirchen? Lust auf Ruhe und fast vergessene Kultur? Dann ab vom Trampelpfad, recht kurz nach der Rialto-Brücke vom weg Markusplatz-Bahnhof rechts ab, hundert Meter gegangen, einem kleinen Schild nach rechts durch ein Haus gefolgt: und dann?
Dann befindet man sich im ehemaligen Ghetto von Venedig. Eine andere Welt – hohe Häuser aber nur halbe Stockwerkshöhe. Der Grund: 1. der begrenzte Platz, 2. sollte man bei den zahlreichen Progromen nie so genau wissen, wie viele Familien wirklich in den Häusern wohnten. Oft waren die Zwischenstöcke nur von oben zu begehen, es gab geheime Verbindungsgänge zwischen den Häusern etc. Sehr zu empfehlen – eine geführte Tour durch das Ghetto. Treffpunkt das jüdische Museum, das man während des Wartens auf die nächste Führung in Ruhe besichtigen kann: Kultgegenstände, Hausrat etc. Dann geht es los mit einer Erklärung der Geschichte des Ghettos und einem Rundgang zu den verschiedenen Synagogen. Eine ist immer in betrieb, also dem Kult vorbehalten und kann daher nicht besichtigt werden. Zu den Synagogen? Ja: es gibt, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht deren fünf: eine spanische, eine französische, eine deutsche, eine italienische und eine östliche. Eine schöner als die andere, alle im eigenen Stil, den die nach Venedig geflüchteten Juden mitgebracht hatten. Meine Bewertung: sechs von fünf möglichen Sternen.
Sondertip für kunsthistorisch begleitete:
Auf ins Guggenheim Museum oder wenn es gerade an der zeit ist zur Kunst Biennale. Da ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er/sie genau so wenig Ahnung hat wie ihr. Außerdem bekommt man den perfekten Überblick über die Kunst der letzten Jahrzehnte.
Muß schauen, dass ich nichts vergesse, Venedig als Kritiker
Jeder fängt einmal klein an. Also auch einmal eurer buhsi. Nach dem Studium – wir wissen es schon Theaterwissenschaft, Schwerpunkt Ballett und moderner Tanz – suchte ich nach einem Brötchenerwerb. Tanzkritiker das war es in der ersten zeit und bis heute auch. Damals bei der Wiener Zeitung, der ältesten Tageszeitung der Welt. Bringen Sie uns etwas Interessantes, in die Staatsoper geht unser Musikkritiker, die Kellerproduktionen interessieren niemand. „In Venedig führen sie ein romantisches Ballett auf, nach fast einem Jahrhundert, eine Rarität“, so mein Stimmchen. „na gut, wenn Sie die Reise zahlen“, die Antwort. Trotzdem war ich glücklich. Ins kleine Auto gesetzt, nach Venedig gedüst, Billigstpension, auf zum Theatro La Fenice – abgebrannt in der Zwischenzeit, leider, wieder restauriert. Eine Pressekarte. Für wen, für was. Die älteste Tageszeitung der Welt war in Venedig gänzlich unbekannt. Anruf nach Wien, Fax verlangt, das die besondere Bedeutung der Zeitung meiner Wenigkeit und der besonderen Auswirkungen einer Kritik auf Venedig, La Fenice und überhaupt bestätigte. Pressekarte bekommen, hätte aber besser die Karte selber gekauft, wäre billiger gewesen, aber wenigstens war auch das Programmheft umsonst, also gratis. Es gab „La Peri“, für Nicht-Fachleute eine Mischung zwischen Schwanensee und Giselle. Es gibt verwunschene Wesen, die Peri, die den zweiten Akt bestimmen, ein Liebespaar, das nicht zusammenkommen konnte, weil verzaubert etc. die Stars der Mailänder Scala tanzten, ich schrieb eifrig mit und wirklich, eine Kritik erschien, meine erste. Ich glaube vierzig Zeilen, oder zwanzig Doppelzeilen, das Stück zu 25 Cent heutiger Währung, also Zehn Euro und Umsatzsteuer. Das erste und einzige Verlustgeschäft, dass ich in meinem Berufsleben je gemacht habe, aber die Erinnerung ist schön.
Venedig im Spätherbst
Wie ich Venedig liebe. Im Spätherbst, im Winter bis der Karneval beginnt. Graue Nebelschwaden umhüllen die Stadt, alle Gebäude schauen ein wenig anders aus, hinter jeder Ecke lauern plötzlich wieder Überraschungen. Auf vielen Plätzen gibt es Flohmärkte dafür weniger Tafeln Wursteln con Krauti, mehr Einheimische, weniger Touristen.
Noch ein Tip: Ein Spaziergang über die Friedhofsinsel San Michele zu den Gräbern Nijinskis, Diaghilews, Klaus Manns vieler Komponisten, Sänger, Literaten (ich glaube Gertrude Stein). Eine ruhige, verzauberte, verklärte Welt – Ohrenstöpsel nicht vergesse, denn vor Schließen der Tore gibt es einen italienischen Sermon gefolgt von dem höflichen Satz Ausländer raus.
Oder wie wärs mit einer Fahrt auf dem Trenta-Kanal nach Padua? Vorbei an schönsten Villen, auch von Palladio, einem Spaziergang durch Padua und Rückfahrt mit dem Bus.
Ich empfehle auch einen Besuch des Wintercasinos, manchmal durch Gutscheine einmal gratis und auch für Nicht-Spieler ein Erlebnis. Mamas mit Bambini im Café oder Restaurant, die Papas die Millionen über Tische schieben – zumindest in der Lire Zeit – Mindesteinsatz an manchen Tischen 10 Millionen Lire. Das Bauwerk ein Erlebnis, es war die ehemalige Villa Richard Wagners.
Ein Streifzug durch Parks und Hinterhöfe mit oft erstaunlichen Entdeckungen von Trattorien ohne mehrsprachige Speisenkarten mit dicken Mamas, die kochen, billig und köstlich. Ein Mittagskuscheln, ein Streifzug durchs Nachtleben .... so liebe ich Venedig.
Hätte ich sagen sollen, meine Schwester hat eine Wohnung in Venedig, gleich hinter dem Markusplatz. Das ist überhaupt der Supertip. G
Eine Hochzeit in Venedig
Man kann in Venedig auch heiraten. Nona. Dank Tradition und Eu sogar relativ einfach. Das Standesamt ist direkt am Canal Grande mit Blick auf die Rialtobrücke. Hab ich dort geheiratet? Nein, aber mein bester Freund und ich war Gast.
Eine Hochzeit in Venedig könnte so verlaufen:
Treffpunkt am Markusplatz unter den Arkaden des Dogenpalastes. Alle, außer der Braut und ihres Vaters sind anwesend. Alle gehen zum Standesamt. Alle warten davor. Eine Gondel mit Braut mit naturweiß-seidenem Kenzo-Kleid samt stolzem Vater. Der jedoch im dunklen Anzug nicht im Kleid. Danach normale Hochzeit mit Dolmetsch vom Konsulat. Danach wird Reis über das Brautpaar geworfen. Das kann man woanders natürlich auch, aber eben selten mit diesem Blick.
Eine kurze Fahrt mit zwei Wassertaxis zur Terrasse des Palazzo und Hotel Gritti. Dieses Luxushotel, ich kann meine Ausschweifungen nicht lassen, prunkt mit der schönsten Bar der Stadt, einen wunderschönen Ausblick auf den Canal Grande, die Kirche Santa Maria della Salute und wenn man sehr nach rechts beugt das Meer und die Insel Giudecca und den Lido. Ein wenig oder mehr Champagner, kleine Köstlichkeiten im sinne italienischer Happen und Vorspeisen, Gratulationen, Plauschen etc.
Die Braut wird entführt. Auch das passiert woanders auch, wenngleich nicht über Wasser und bei so vielen denkbaren Versteckmöglichkeiten. Wenn Sie in Murano, Burano und eine der sonstigen kleinen Inseln in einer Trattoria verkommen wäre, wir säßen jetzt noch dort. Was wäre dann aber aus der Hochzeitsnacht geworden? Ein Spaziergang zum Markusplatz mit Stärkung im Florian und dann in die Harris Bar – ihr wisst der Erfinder des Bellini (Sekt mit Pfirsichmark), des Carpaccio und Lieblingsplatz Hemingways sowie des Brautpaares - , seltsamerweise saß diese dann auch dort.
Der Nachmittag im Brautgemach, im Hochzeitsgemach und auf historischem Boden. In der Dogensuite des Hotels Danieli, gleich neben der Seufzerbrücke. Dort residierten wirklich einmal die Dogen: ein Wohnzimmer im Ausmaß einer herkömmlichen Eigentumswohnung, holzgetäfelt im Stil des 15. Jahrhunderts möbliert mit zwei Balkonen aufs Meer, ein Schlafzimmer fast gleichen Ausmaßes und die üblichen Nebenräume- Bad, WC. Dort Jause, Gitarrenmusik und für ein paar Banausen die Fußball-WM 1998 im TV.
Zur Verdauuung eine Gondelfahrt für alle durch die verbotenen Kanäle. Kanäle, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind, weil sie zu gefährlich, unübersichtlich sind oder deren Befahren den angrenzenden Häusern zu viel Schaden antun würde. Völlig neue seiten der Stadt. Das Brautpaar in der berühmten goldenen Gondel, der ältesten noch erhaltenen, mit dem besten Gondoliere der Stadt. Wenn das nicht Romantik ist.
Abendessen auf der Dachterrasse. Hochzeitsnacht für das Paar und Nachtleben für den Rest der Mannschaft. Irgendwie bin ich in mein Hotel gekommen. Der Rest ist Schweigen. Alles super, versteh eine, warum die Hochzeitsreise dann auf eine Insel vor Key West führte?
Das darf ich aber nicht vergessen!
Angenehme Möglichkeiten für Vendig sind auch, sich eine Tageskarte für die Öffis zu besorgen, möglichst die erste Reihe Oberdeck zu erringen – schafft man spätestens beim zweiten Vaporetto und einfach Händchenhalten durch und um die Stadt zu gondeln. Im Park liegen und Wolken und Menschen vorbeiziehen lassen, ein „Strandrestaurant“ aufsuchen, mein Geheimtip liegt in den Gemüsefeldern des Lido, gut essen und den Schiffen zusehen ....
Das war mein Venedig
Fakten:
310.000 Einwohner
150 Kanäle
mehr als 400 meist steinerne Brücken
452 als Flüchtlingsinsel und Schutz vor den Hunnen erbaut
Bahnanschluß, Flughafen
Seit 697 gibt es Dogen
1797 von Napoleon besetzt
Von 1815 bis 1866 österreichisch
Ich habe einige starke Erinnerungen an Venedig. Venedig als kleiner Bub, das Venedig meiner ersten Kritik, Venedig mit einer Kunsthistorikerin, Venedig im Herbst und eine Hochzeit in Venedig.
Venedig als (Klein)Kind
Beginnen wir der Reihe nach und zwar gleich mit einem Tip. Fahren Sie nie mit kleinen Kindern nach Venedig, es sei denn an den Lido zum Baden und Sand spielen. Meine Ahnen verbrachten in meiner Kindheit gerne einen Monat in Lignano oder Jesolo. War wunderschön – Sonne, Strand und Meer. Leider gab es jedes Mal einen Kulturausflug nach Venedig, weil ja so nahe.
Was soll ich sagen: mir war schlecht im Auto, mir war schlecht auf dem Schiff von Punta Sabbioni zum Markusplatz. Kaum etwas erholt nach einem Lemonsoda gings ans Besichtigen – endlos fade. Naja die Kerker und Verliese des Dogenpalastes hatten schon ein gewisses Spannungsmoment – aber dafür stundenlang in heißer Sonne anstellen? Das ging über meine damalige Logik. Und sonst, die Bilder waren dunkel, die Kanäle stanken, die Nudeln waren eher grauslich – der komische Käse und so, aber immerhin gab es keinen Salat, weil in Italien Pasta ja Vorspeise. Dafür aber auch keinen Luna Park oder ähnliches. Venedig für Kinder und sonstige Banausen bis sechs – a matte Sache.
Über Reiterstandbilder, Tizian, Fresken und die Folgen
Man sollte Venedig immer nur mit einer/einem KunsthistorikerIn besichtigen. Man sollte gleichzeitig Venedig nie mit einer/einem KunsthistorikerIn besichtigen. Dieses Dilemma ist rasch erklärt.
„Normale“ interessierte Venedig-Touristen kommen an, besichtigen Dogenpalast und Markusdom, klettern auf den Campanile, den Glockenturm am Markusplatz – ich nicht, denn ich hasse Stiegensteigen und leide an Höhenangst, gegen zur Rialto-Brücke, schauen am Weg in die eine oder andere Kirche, gehen vielleicht in das Museum der Accademia oder ins Guggenheim-Museum, fahren mit dem Vaporetto (dem Wasserbus) den Canal Grand entlang und erquicken sich mit den letzten Lire oder jetzt Euro im Café Florian. NB Ich habe den Eindruck das Florian rechnet neuerdings 1 Lira ein Euro um. Dann sind sie etwas müde und glücklich und zufrieden und träumen von nächtlicher Liebe mit ihrer Begleitung.
Venedig-Besichtiger und Forscher mit kunsthistorischer Fachführung lernen alles über Reiterstandbilder und Statuen und auch den Unterschied. Vor allem sie lernen alle kennen. Steht das Pferd auf drei Beinen und hebt ein Vorderbein, dann hat der Held ehrenvoll, aber doch verloren. Steht das Pferd nur auf den Hinterbeinen und streckt die Vorderbeine jubelnd in die Luft und hat sonst auch keine Stütze, dann ist es erstens eine Statue und zweitens hat der Reiter ehrenvollst gewonnen. NB Zur Verzweiflung bringt man aber solcherart Begleitung, wenn man nach Pferden mit allen vier Pferden am Boden fragt: der Held hat schmachvoll verloren, aber wegen früherer Verdienste bekam er doch ein Standbild; oder auch nach solchen mit den zwei Hinterbeinen in der Luft: der Held ist durch nichts mehr in seiner Schande zu retten aber das Pferd hatte Klasse. Ein mitleidiges Pfft ist das Wenigstes, was man daraufhin erwarten kann. Dazu kommen noch alle Fresken oberhalb und unterhalb der Erde, die alle in den Kunstgeschichten farbenprächtiger und größer ausgeschaut haben, weswegen man genau, wenn geht mit Lupe, nach dem letzten nicht verblassten Fleckchen Rot Ausschau halten muß, ob es nicht doch genau den Übergang von Erd- zu Kunstfarben markiert. Einen guten Rat habe ich auch noch: es gibt keine unbekannten Tizians und Tintorettos etc. mehr zu entdecken. Es handelt sich entweder um Leihgaben in- oder ausländischer Museen oder man hat einfach einen schlechten Reiseführer. In der Kunstgeschichte Venedigs in zehn Bänden sind alle aufgeführt. Erhältlich in jeder guten Universitätsbibliothek oder in den Handbibliotheken der kunsthistorischen Institute. Ehe ich weiter ins Detail gehe, man landet zuletzt in einem Self-Service-Restaurant um Zeit zu sparen, ist im Kopf verwirrt, müde und träumt von Fußzonenreflex- und Heilmassage und glaubt nie wieder Liebe machen zu können.
Jedenfalls Venedig ist ein Eldorado für dergleichen Umtriebe, mehre Wochen Zeit, etwas Kleingeld, gutes Schuhwerk und Kondition vorausgesetzt.
Jetzt kommt aber mein Geheimtip:
Genug von Touristenmassen und Kirchen? Lust auf Ruhe und fast vergessene Kultur? Dann ab vom Trampelpfad, recht kurz nach der Rialto-Brücke vom weg Markusplatz-Bahnhof rechts ab, hundert Meter gegangen, einem kleinen Schild nach rechts durch ein Haus gefolgt: und dann?
Dann befindet man sich im ehemaligen Ghetto von Venedig. Eine andere Welt – hohe Häuser aber nur halbe Stockwerkshöhe. Der Grund: 1. der begrenzte Platz, 2. sollte man bei den zahlreichen Progromen nie so genau wissen, wie viele Familien wirklich in den Häusern wohnten. Oft waren die Zwischenstöcke nur von oben zu begehen, es gab geheime Verbindungsgänge zwischen den Häusern etc. Sehr zu empfehlen – eine geführte Tour durch das Ghetto. Treffpunkt das jüdische Museum, das man während des Wartens auf die nächste Führung in Ruhe besichtigen kann: Kultgegenstände, Hausrat etc. Dann geht es los mit einer Erklärung der Geschichte des Ghettos und einem Rundgang zu den verschiedenen Synagogen. Eine ist immer in betrieb, also dem Kult vorbehalten und kann daher nicht besichtigt werden. Zu den Synagogen? Ja: es gibt, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht deren fünf: eine spanische, eine französische, eine deutsche, eine italienische und eine östliche. Eine schöner als die andere, alle im eigenen Stil, den die nach Venedig geflüchteten Juden mitgebracht hatten. Meine Bewertung: sechs von fünf möglichen Sternen.
Sondertip für kunsthistorisch begleitete:
Auf ins Guggenheim Museum oder wenn es gerade an der zeit ist zur Kunst Biennale. Da ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er/sie genau so wenig Ahnung hat wie ihr. Außerdem bekommt man den perfekten Überblick über die Kunst der letzten Jahrzehnte.
Muß schauen, dass ich nichts vergesse, Venedig als Kritiker
Jeder fängt einmal klein an. Also auch einmal eurer buhsi. Nach dem Studium – wir wissen es schon Theaterwissenschaft, Schwerpunkt Ballett und moderner Tanz – suchte ich nach einem Brötchenerwerb. Tanzkritiker das war es in der ersten zeit und bis heute auch. Damals bei der Wiener Zeitung, der ältesten Tageszeitung der Welt. Bringen Sie uns etwas Interessantes, in die Staatsoper geht unser Musikkritiker, die Kellerproduktionen interessieren niemand. „In Venedig führen sie ein romantisches Ballett auf, nach fast einem Jahrhundert, eine Rarität“, so mein Stimmchen. „na gut, wenn Sie die Reise zahlen“, die Antwort. Trotzdem war ich glücklich. Ins kleine Auto gesetzt, nach Venedig gedüst, Billigstpension, auf zum Theatro La Fenice – abgebrannt in der Zwischenzeit, leider, wieder restauriert. Eine Pressekarte. Für wen, für was. Die älteste Tageszeitung der Welt war in Venedig gänzlich unbekannt. Anruf nach Wien, Fax verlangt, das die besondere Bedeutung der Zeitung meiner Wenigkeit und der besonderen Auswirkungen einer Kritik auf Venedig, La Fenice und überhaupt bestätigte. Pressekarte bekommen, hätte aber besser die Karte selber gekauft, wäre billiger gewesen, aber wenigstens war auch das Programmheft umsonst, also gratis. Es gab „La Peri“, für Nicht-Fachleute eine Mischung zwischen Schwanensee und Giselle. Es gibt verwunschene Wesen, die Peri, die den zweiten Akt bestimmen, ein Liebespaar, das nicht zusammenkommen konnte, weil verzaubert etc. die Stars der Mailänder Scala tanzten, ich schrieb eifrig mit und wirklich, eine Kritik erschien, meine erste. Ich glaube vierzig Zeilen, oder zwanzig Doppelzeilen, das Stück zu 25 Cent heutiger Währung, also Zehn Euro und Umsatzsteuer. Das erste und einzige Verlustgeschäft, dass ich in meinem Berufsleben je gemacht habe, aber die Erinnerung ist schön.
Venedig im Spätherbst
Wie ich Venedig liebe. Im Spätherbst, im Winter bis der Karneval beginnt. Graue Nebelschwaden umhüllen die Stadt, alle Gebäude schauen ein wenig anders aus, hinter jeder Ecke lauern plötzlich wieder Überraschungen. Auf vielen Plätzen gibt es Flohmärkte dafür weniger Tafeln Wursteln con Krauti, mehr Einheimische, weniger Touristen.
Noch ein Tip: Ein Spaziergang über die Friedhofsinsel San Michele zu den Gräbern Nijinskis, Diaghilews, Klaus Manns vieler Komponisten, Sänger, Literaten (ich glaube Gertrude Stein). Eine ruhige, verzauberte, verklärte Welt – Ohrenstöpsel nicht vergesse, denn vor Schließen der Tore gibt es einen italienischen Sermon gefolgt von dem höflichen Satz Ausländer raus.
Oder wie wärs mit einer Fahrt auf dem Trenta-Kanal nach Padua? Vorbei an schönsten Villen, auch von Palladio, einem Spaziergang durch Padua und Rückfahrt mit dem Bus.
Ich empfehle auch einen Besuch des Wintercasinos, manchmal durch Gutscheine einmal gratis und auch für Nicht-Spieler ein Erlebnis. Mamas mit Bambini im Café oder Restaurant, die Papas die Millionen über Tische schieben – zumindest in der Lire Zeit – Mindesteinsatz an manchen Tischen 10 Millionen Lire. Das Bauwerk ein Erlebnis, es war die ehemalige Villa Richard Wagners.
Ein Streifzug durch Parks und Hinterhöfe mit oft erstaunlichen Entdeckungen von Trattorien ohne mehrsprachige Speisenkarten mit dicken Mamas, die kochen, billig und köstlich. Ein Mittagskuscheln, ein Streifzug durchs Nachtleben .... so liebe ich Venedig.
Hätte ich sagen sollen, meine Schwester hat eine Wohnung in Venedig, gleich hinter dem Markusplatz. Das ist überhaupt der Supertip. G
Eine Hochzeit in Venedig
Man kann in Venedig auch heiraten. Nona. Dank Tradition und Eu sogar relativ einfach. Das Standesamt ist direkt am Canal Grande mit Blick auf die Rialtobrücke. Hab ich dort geheiratet? Nein, aber mein bester Freund und ich war Gast.
Eine Hochzeit in Venedig könnte so verlaufen:
Treffpunkt am Markusplatz unter den Arkaden des Dogenpalastes. Alle, außer der Braut und ihres Vaters sind anwesend. Alle gehen zum Standesamt. Alle warten davor. Eine Gondel mit Braut mit naturweiß-seidenem Kenzo-Kleid samt stolzem Vater. Der jedoch im dunklen Anzug nicht im Kleid. Danach normale Hochzeit mit Dolmetsch vom Konsulat. Danach wird Reis über das Brautpaar geworfen. Das kann man woanders natürlich auch, aber eben selten mit diesem Blick.
Eine kurze Fahrt mit zwei Wassertaxis zur Terrasse des Palazzo und Hotel Gritti. Dieses Luxushotel, ich kann meine Ausschweifungen nicht lassen, prunkt mit der schönsten Bar der Stadt, einen wunderschönen Ausblick auf den Canal Grande, die Kirche Santa Maria della Salute und wenn man sehr nach rechts beugt das Meer und die Insel Giudecca und den Lido. Ein wenig oder mehr Champagner, kleine Köstlichkeiten im sinne italienischer Happen und Vorspeisen, Gratulationen, Plauschen etc.
Die Braut wird entführt. Auch das passiert woanders auch, wenngleich nicht über Wasser und bei so vielen denkbaren Versteckmöglichkeiten. Wenn Sie in Murano, Burano und eine der sonstigen kleinen Inseln in einer Trattoria verkommen wäre, wir säßen jetzt noch dort. Was wäre dann aber aus der Hochzeitsnacht geworden? Ein Spaziergang zum Markusplatz mit Stärkung im Florian und dann in die Harris Bar – ihr wisst der Erfinder des Bellini (Sekt mit Pfirsichmark), des Carpaccio und Lieblingsplatz Hemingways sowie des Brautpaares - , seltsamerweise saß diese dann auch dort.
Der Nachmittag im Brautgemach, im Hochzeitsgemach und auf historischem Boden. In der Dogensuite des Hotels Danieli, gleich neben der Seufzerbrücke. Dort residierten wirklich einmal die Dogen: ein Wohnzimmer im Ausmaß einer herkömmlichen Eigentumswohnung, holzgetäfelt im Stil des 15. Jahrhunderts möbliert mit zwei Balkonen aufs Meer, ein Schlafzimmer fast gleichen Ausmaßes und die üblichen Nebenräume- Bad, WC. Dort Jause, Gitarrenmusik und für ein paar Banausen die Fußball-WM 1998 im TV.
Zur Verdauuung eine Gondelfahrt für alle durch die verbotenen Kanäle. Kanäle, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind, weil sie zu gefährlich, unübersichtlich sind oder deren Befahren den angrenzenden Häusern zu viel Schaden antun würde. Völlig neue seiten der Stadt. Das Brautpaar in der berühmten goldenen Gondel, der ältesten noch erhaltenen, mit dem besten Gondoliere der Stadt. Wenn das nicht Romantik ist.
Abendessen auf der Dachterrasse. Hochzeitsnacht für das Paar und Nachtleben für den Rest der Mannschaft. Irgendwie bin ich in mein Hotel gekommen. Der Rest ist Schweigen. Alles super, versteh eine, warum die Hochzeitsreise dann auf eine Insel vor Key West führte?
Das darf ich aber nicht vergessen!
Angenehme Möglichkeiten für Vendig sind auch, sich eine Tageskarte für die Öffis zu besorgen, möglichst die erste Reihe Oberdeck zu erringen – schafft man spätestens beim zweiten Vaporetto und einfach Händchenhalten durch und um die Stadt zu gondeln. Im Park liegen und Wolken und Menschen vorbeiziehen lassen, ein „Strandrestaurant“ aufsuchen, mein Geheimtip liegt in den Gemüsefeldern des Lido, gut essen und den Schiffen zusehen ....
Das war mein Venedig
Fakten:
310.000 Einwohner
150 Kanäle
mehr als 400 meist steinerne Brücken
452 als Flüchtlingsinsel und Schutz vor den Hunnen erbaut
Bahnanschluß, Flughafen
Seit 697 gibt es Dogen
1797 von Napoleon besetzt
Von 1815 bis 1866 österreichisch
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