Erfahrungsbericht von audicla
Fußball ist sexy
Pro:
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Kontra:
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Empfehlung:
Ja
Fußball ist sexy
Es war am letzten Wochenende. Die Fußball-Weltmeisterschaft hatte gerade begonnen, als ich eines morgens Marianne anrief und mich mit ihr für das Freibad verabreden wollte. Ihre Worte klingen mir noch im Ohr, so verwundert war sie über meine Frage. „Heute ins Freibad?“, fragte sie entgeistert. „Heute spielt doch Frankreich. Hast du das vergessen?“ Sicher, ich hatte wohl im Kollegenkreis einige Bemerkungen zu den beginnenden Spielen ausgeschnappt und die Tageszeitungen waren voller Berichterstattungen über die Meisterschaft. Aber die hatte ich seit jeher wie selbstverständlich überblättert. Was gingen mich schon Fußballspiele an? Ehrlich gesagt spottete ich insgeheim ein wenig über die Millionen erwachsener Menschen, die sich dafür begeisterten einem unscheinbaren Lederball hinterher zustarren, der in den 90minütigen Spielen mit Glück zwei bis drei Mal das Netz erreichte. Dass nun auch meine Freundin Marianne dieses trübselige Glotzen einem erfrischenden Freibad-Besuch bei schönstem Wetter mit mir vorzog, empörte mich. Mir fehlte dafür jegliches Verständnis. Beleidigt beendete ich das Telefongespräch und beschloss insgeheim mich in der nächsten Zeit erst einmal nicht mehr bei ihr zu melden. Wenn nun schon Fußball wichtiger war, als unsere Freundschaft ...
Ich probierte an diesem Vormittag noch ein paar andere Telefonnummern aus. Aber es war niemand für das Freibad zu gewinnen. Gekränkt legte ich meine Schwimmbadpläne einstweilen auf Eis, obgleich ich doch erst letzte Woche dort einen ganz erbaulichen Mann getroffen hatte. Der weitere Tag verlief dann zunächst einmal etwas frustrierend. Wieder einmal sinnierte ich über mein Leben. Mittlerweile lebte ich schon einige Jahre allein und im nächsten Jahr schon würde ich 40 werden. Die Suche nach dem Mann fürs Leben hatte ich eingestellt, nachdem mich eben dieser vor vier Jahren verlassen hatte. Ich war zwar einer Liebelei nicht abgeneigt. Aber was auf dem freien Markt noch zu haben war, glich immer mehr den Restposten am letzten Tag von einem Schlussverkauf.
Vielleicht wollte ich einfach nur verstehen, warum so ein Fußballspiel Marianne wichtiger war als ich. Jedenfalls schaltete ich etwas gelangweilt meinen Fernsehapparat ein und suchte den Kanal heraus, auf dem das Spiel übertragen wurde. Eigentlich hatte ich vorgehabt nur einen Blick darauf zu werfen und mir schon ein gutes Buch herausgelegt. Da standen sie nun die 22 Jungs in einer Linie aufgereiht und leierten mit ehrfürchtigen Minen die Hymnen herunter. Ich musste zugeben, es waren ein paar recht anschauliche Gestalten darunter. Für mich natürlich viel zu jung. Aber ... na ja.
Das Spiel begann. Angetan jagte mein Blick schon in den ersten Minuten einigen bemerkenswerten Wadenpaaren hinterher. Durchtrainiert waren die ja alle. Sicher ganz stattliche Kerle, wenn sie sich mal der etwas zu weiten Trikots und Hosen entledigen würden. Die waren überhaupt äußerst unvorteilhaft geschnitten. Außerdem gefielen mir die farblichen Zusammenstellungen überhaupt nicht. Dazu diese lächerlichen Kniestrümpfe, die in hartem Kontrast zu den behaarten Männerbeinen standen. Ich designte gedanklich neue Spielerkleidung, in denen die Jungs viel besser rauskommen würden und zeichnete nebenher ein paar Entwürfe auf die Fernsehzeitung. Allerdings muss ich zugeben, dass es wohl einige entrüstete Kommentare gegeben hätte, wären die Spieler irgendwann tatsächlich in meinen knackigen Anzügen auf dem Feld erschienen. Ich hatte ihnen pobetonte hauchenge kurze Hosen und gut sitzende Muskelshirts zugedacht. So bräuchten die weiblichen Zuschauer nicht immer sehnsüchtig auf das Spielende zu warten, wo sich endlich ein paar vereinzelte Spieler das Trikot herunterrissen.
Mitleid überkam mich, wenn ausgerechnet wieder eines der schönsten Exemplare mit angewinkelten Beinen, die Hände vors Gesicht geschlagen, wimmernd am Spielfeldrand lag. Gern hätte ich meine Hilfe angeboten und wäre als Sanitäterin eingesprungen. Aber meistens waren es nur Schwalben, wie der Kommentator meinte, die lediglich einen Freistoß oder gar ein Elfmeter erzwingen sollten.
Aber sie waren auch hart im Nehmen diese Fußballer. Nicht solche Jammerlappen wie die Männer, die ich ständig traf. Die sich schon mokierten, wenn man ihnen beim Tanzen mal auf den Zeh trat. Richtige Kerle eben, wie man so schön sagt. Natürlich mit einigen unangenehmen Macken und schlechten Manieren behaftet. Manche von ihnen schubsten oder stellten dem Gegner ein Bein. Das war nicht die feine Art, wie ich fand. Aber im Stillen vergab ich ihnen, wenn der Gegner im darauf folgenden Sturz eine besonders gute Figur machte und meine Phantasie anstachelte. Schon malte ich mir aus, wie ich mich zwischen Umkleideräumen und Duschen aufopferungsvoll um die Verletzten kümmern würde.
Was mir wirklich missfiel war das dauernde Gerotze. Machten diese Männer sich denn gar keine Gedanken darüber, wie sehr die normale Zuschauerin ein solches Verhalten befremdet? Auch dieses ständige Gezupfe an den Hosen hätte etwas dezenter verlaufen können. Allerdings fand ich es entzückend bei einem Freistoß die aufgereihten Verteidiger zu betrachten, wie sie sich verschämt die Hände vor die Weichteile hielten. „Ja, ja“, dachte ich bei mir, „passt nur schön drauf auf. Wäre doch auch schade drum.“
Die 90 Minuten gingen schnell vorbei. Genau kann ich mich an den Ausgang dieses Spiels gar nicht erinnern. Ob Tore geschossen wurden? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich entsinne mich, dass ich an diesem Abend beschwingt in mein Bett ging und ein paar schöne Träume hatte. In der kurzen Zeit, die seither vergangen ist, habe ich kein Spiel verpasst und beginne eine richtige Leidenschaft für Fußball in mir zu entdecken. Ich hatte vorher einfach nicht geahnt wie aufregend solche Spiele sein können. Auch habe ich mich mit einigen Zeitschriften eingedeckt und kenne jetzt die meisten Spieler. Ich weiß wie alt sie sind, welche Schulbildung sie haben und mit welchem Model sie gerade leiert sind. Ehrlich gesagt: ich finde es richtig schade, dass ich mich nicht schon viel früher dafür interessiert habe. Denn eigentlich finde ich Fußball schrecklich sexy.
Heute rief mich eine Freundin an und wollte mit mir shoppen gehen. Ich lächelte nur belustigt. Wie kann sie nur auf die Idee kommen an so einem Tag einkaufen zu gehen?
„Nein“, anwortete ich, „tut mir leid. Ich habe schon was besseres vor.“
10 Bewertungen, 4 Kommentare
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13.06.2002, 13:57 Uhr von FlankerB
Bewertung: sehr hilfreichsuper geschrieben
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09.06.2002, 22:45 Uhr von McBommels
Bewertung: sehr hilfreichna na na Andreas68 - nichtgs gegen fussball! - souveräner Bericht!
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06.06.2002, 10:44 Uhr von Andreas68
Bewertung: sehr hilfreichAlso, ich hasse Fußball u. Sportsendungen. Der einzige, positive Aspekt ist für mich, bei einem Tor mal heimlich einen Knaller aus dem Fenster werfen zu können, das befreit die Seele. Aber ich bin ja auch keine Frau u. nehme daher nicht Eur
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05.06.2002, 14:32 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichInteressanter Sinneswandel. Aber 90min Gucken ohne Anfassen wäre mir dann doch zu langweilig. Gruß, nosianai
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