Der Nachbar (gebundene Ausgabe) / Minette Walters Testbericht
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Erfahrungsbericht von ikagaga1
Der Vorort der Hölle
Pro:
spannend, psychologisch ausgeklügelt
Kontra:
teilweise vorhersehbare Entwicklungen
Empfehlung:
Ja
Der achte Roman von Erfolgsautorin Minette Walters ist kein eigentlicher Kriminalroman – Walters hat es wieder einmal geschafft, etwas ganz neues zu erschaffen und somit das Genre zu revolutionieren. Der Titel der Originalausgabe ist „Acid Row“ – ein Name, der Programm wird.
Inhalt:
******
Bassindale ist eine kleine Siedlung in England, die in den 50ern und 60ern aus dem Boden gestampft wurde, um Sozialwohnungen für die weniger Privilegierten zu schaffen – ein architektonischer Alptraum. Angelegt wie eine Festung mit wenigen Zugangsstraßen und vielen Sackgassen, bietet die Betonwüste den Bewohnern kaum Platz und der Jugend kaum Ablenkungsmöglichkeiten. Bassindale ist fern von der Musterwohnanlage für Sozialfälle am Stadtrand: Kriminalitäts- und Analphabeten-Rate sind hoch und die Straßen werden von herumlungernden Jugendlichen beherrscht. Schon das Willkommensschild am Eingang der Siedlung weißt den Besucher auf den Charakter des Ortes hin: „Welcome to Assid (Acid) Row“ ist alles, was von „Welcome to Bassindale“ übrig geblieben ist. Alles in allem ein Platz, dem man lieber meidet und den selbst die Polizei nur ungern heimsucht.
Hier leben neben vielen mittellosen Rentnern auch allein erziehende Mütter - mit häufig mehr Kindern als nur den landesdurchschnittlichen zwei, denen zum Spielen nur die Straße bleibt.
Als plötzlich das Gerücht umgeht, dass ein Pädophiler vom Wohnungsamt nach Bassindale umgesiedelt wurde, ist die Siedlung in hellem Aufruhr. Schnell ist auch ein Verdächtiger gefunden – im Nachbarhaus der jungen Mutter Melanie sind erst kürzlich zwei seltsame Männer eingezogen. Aus Angst um ihre Kinder organisieren einige Mütter einen Protestmarsch vor dem Haus der Kinderschänder, um sie so aus ihrer Siedlung zu vertreiben.
Als dann zudem das junge Mädchen Amy am anderen Ende der Stadt verschwindet, wo die neuen Nachbarn ihren letzten Wohnsitz hatten, scheint der Fall eindeutig und der friedliche Marsch verwandelt sich in eine wahre Straßenschlacht. Der wütende Mob, der schon über 3000 Menschen zählt, versammelt sich vor Haus Nr. 23, in dem sich die vermeintlichen Kinderschänder und ihre „Lebensversicherung“ – die junge Ärztin Sophie – verbarrikadiert haben.
Die Situation eskaliert, als Radauschläger Wesley und die Jugendlichen der hiesigen Straßengangs, für die der Marsch ein willkommener Anlass ist, Aggressionen und Brutalität freien Lauf zu lassen, mit Molotov-Cocktails bewaffnet auftauchen.
So verwandelt sich Bassindale plötzlich in einen Hexenkessel, aus dem es kein Entrinnen gibt: die Zugangsstraßen sind verbarrikadiert, sodass weder Polizei oder Feuerwehr hinein kommen – aber auch keiner heraus. Die Mission „Rettet Amy“ ist nun vollkommen außer Kontrolle geraten und fordert die ersten unschuldigen Opfer…
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Personen:
*********
Melanie Patterson:
die 19jährige allein erziehende Mutter von zwei kleinen Kindern – beide von verschiedenen Männern – ist schon wieder schwanger, hat immer Ärger mit dem Sozial- und Jugendamt und scheint tatsächlich auf den ersten Blick keine gute Mutter zu sein: sie trinkt und raucht – und das in der Schwangerschaft. Als sie jedoch von ihrer ewig nörgelnden Sozialarbeiterin erfährt, dass ein Pädophiler in ihre Straße gezogen ist, der wahrscheinlich nur darauf wartet, eines ihrer Kinder in sein Haus zu zerren, wenn Melanie nicht Acht gibt und ihre Kinder weiterhin auf der Straße spielen lässt, wird ihr Mutterinstinkt geweckt. Sie beschließt zusammen mit ihrer Mutter Gaynor, einen Protestmarsch der Nachbarschaft gegen den Kinderschänder zu organisieren, um ihn aus der kinderreichen Siedlung zu vertreiben.
Jimmy James:
Melanies Freund und Vater ihres ungeborenen Babys, ist gerade aus dem Knast entlassen worden und ist gar nicht begeistert von Melanies Absicht, selbst etwas gegen den Pädophilen zu unternehmen. Eigentlich will er lieber die Füße still halten so kurz nach seiner Entlassung, aber Melanie und Gaynor lassen sich nicht abbringen. Und so wird Jimmy unaufhaltsam in den Strudel der Ereignisse gerissen und wächst dabei über sich selbst hinaus.
Sophie Morrison:
ist zuständige Ärztin für Bassindale und besucht dort täglich ihre Patienten, zu denen Melanie, aber auch sehr viele ältere Menschen gehören, die ihr Haus nicht mehr verlassen können und auf medizinische Betreuung angewiesen sind. Sophie ist richtig beliebt im Viertel, da sie nicht ständig den Zeigefinger hebt und Predigten hält, sondern zuhört und mitfühlt und auch kein verzärteltes Seelchen ist, die die Wohltäterin spielt und insgeheim ihre Patienten für hoffnungslose Asoziale hält. Als sie den letzten Notruf des Tages in Bassindale annimmt, gerät sie in eine schreckliche Falle: die beiden neuen Nachbarn – Vater und Sohn – nehmen sie als Geisel, um sie als „lebendes Schutzschild“ gegen den mordlüsternen Mob zu benutzen. In dem engen Zimmer mit den Männern zusammengepfercht und auf die ersten Straßenschlächtler wartend, lernt sie die beiden kennen und hassen.
Amy und ihre „Familie“:
Seit sich ihre Eltern Laura und Martin getrennt haben, zieht sie mit ihrer Mutter zu ständig neuen Liebhabern. Bei ihrem derzeitigen Stiefvater erlebt sie die Hölle auf Erden, da war der letzte Mann ihrer Mutter Ed schon um einiges netter – Geschenke, Ausflüge etc. Die Sprösslinge ihres Stiefvaters sagen aus, Amy wäre jeden Morgen verschwunden und erst kurz bevor ihre Mutter von der Arbeit kam, zurückgekehrt –wo ging sie also jeden Tag hin? Wurde sie Opfer eines Verbrechens oder ist sie wie viele Teenager abgehauen, weil sie es zuhause nicht mehr aushielt?
≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈•≈
Stil:
****
Wie von Walters gewöhnt, verfolgt der Leser die Geschehnisse vor allem, indem er den Gesprächen der Charaktere lauscht, oder ihnen durch die Handlung folgt – wie immer steht dabei die Entwicklung des Einzelnen im Mittelpunkt. Dazwischen wird der Leser mit anderen „authentischeren“ Informationen gefüttert, indem er Polizeiberichte, Behördenmemos und medizinischen Berichte im laufenden Text findet. Das Konzept des Buches erinnerte mich an typische CNN-Übertragungen, in denen zwischen den Schauplätzen, sachverständigen Kommentaren, Augenzeugenberichten und Hintergrundinfos hin- und hergeschaltet wird. Der Hauptteil des Buches umfasst einen Zeitraum von nur wenigen Stunden im Leben der Charaktere, somit ist dieses Konzept sehr gut geeignet, um die simultanen Ereignisse aus verschiedenen Winkeln zu beleuchten.
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Bewertung:**
**********
Walters schildert diesmal einen schrecklichen „Mehrfrontenkrieg“, in dem sie zwischen dem Erleben der einzelnen Charaktere hin und her springt. Zwei Handlungsstränge werden beleuchtet:
1. Die Vorgänge in Bassindale:
hier springt Walters zwischen mehreren Schauplätzen – in und vor Haus Nr. 23. Während im Haus ein beklemmendes Psychospiel zwischen Sophie und den beiden Männern stattfindet, weitet sich die Katastrophe auf der Straße weiter aus. Walters Protagonisten Melanie, Jimmy und co. kämpfen sich durch Massenhysterie, Panik und blanken Hass. Nebenbei werden alle gängigen Vorurteile aus der Kiste gekramt und mit dem Plot verwoben. Da ist zum Beispiel Jimmy, der Ex-Sträfling, der sich plötzlich in der Situation wieder findet, einer verletzten Polizistin zu helfen. Oder Melanie – „White Trash“ äußerlich – starke Persönlichkeit innerlich. Colin, der alten Omas eiskalt und feige die Handtasche aus den arthritischen Fingern klauben würde, sich dann aber heldenhaft vor seine schwangere Schwester Melanie wirft.
Außerdem schwenkt Walters immer wieder zur Polizei und ihren vergeblichen Anstrengungen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Dieser Teil des Buches mutet an wie eine bissige Gesellschaftskritik.
2. Die Ermittlung im Fall Amy:
Die Suche nach dem Mädchen gestaltet sich äußert schwierig, da die Mutter Laura in eine Art Lethargie verfällt und viele Geheimnisse zu haben scheint, die scheinbar mit ihrem Ex-Mann Martin und ihrem letzten Freund Ed zu tun haben. Diese beiden zeigen sich auch nicht gerade kooperativ, sodass die Polizei auf einen Hinweis von außen angewiesen ist. Doch die Frage bleibt: warum redet Laura nicht, zumal es um das Leben ihrer einzigen Tochter geht. Dieser Handlungsstrang bildet den eigentlichen Krimi-Teil des Romans.
Das Buch hat mich gleichzeitig gefesselt und abgestoßen. Die Geschichte ist extrem spannend und schnell – die Ereignisse überschlagen sich förmlich. Das Thema des rasenden Mobs, der selbst vor Lynchjustiz nicht zurückschreckt, wird eindringlich bearbeitet (Wobei mir das Sprichwort einfiel: Was ist das Gegenteil von GUT? – Gute Absichten! )
Ich habe den Roman wirklich mit angehaltenem Atem verfolgt und war wie gebannt von den unfassbaren Vorgängen in Bassindale.
Getrübt wurde die packende Geschichte leider durch die vorhersehbare Metamorphose, die Walters Charaktere im Verlauf der Handlung durchlaufen. Wie bereits erwähnt werden fast sämtliche Klischeeregister gezogen – wahrscheinlich um die moralische Botschaft zu unterstreichen. Fast alle, denen man alles, aber nichts wahrhaft mutiges zugetraut hätte, wandeln sich zu Gutmenschen, die alten Omis über die Straße helfen oder für sie einkaufen gehen. Nach dem Terror des Protestmarsches scheinen plötzlich alle geläutert – sogar Behörden und Städteplaner. Mir persönlich ist dies ein wenig zu platt und eindimensional, tut aber der Geschichte an sich keinen Abbruch. Helden muss es schließlich geben.
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Fazit:
*******
Ein gutes Buch mit ernstem Hintergrund*, das wirklich zu empfehlen ist. Es ist gut recherchiert, intelligent geschrieben und sehr ergreifend. Walters wartet erneut mit ihren Stärken auf: ein sehr guter Sinn für Timing und ein exzellentes Einfühlungsvermögen in ihre Figuren.
*für Interessierte dazu mehr am Ende des Berichts
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Infos:
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Autor:
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Minette Walters arbeitete zunächst als Redakteurin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von spannenden Büchern widmete. Mit ihrem Erstling „Im Eishaus“ gewann sie den Crime Writers’ Association John Creasey Award 1992, für ihren zweiten Roman „Die Bildhauerin“ den Edar Allen Poe Award 1993. Es folgten weitere erfolgreiche Romane, wie
„Die Schandmaske“, „Das Echo“ und „Wellenbrecher“. Ihre beiden wohl bekanntesten Werke „Die Bildhauerin“ und „Dunkle Kammern“ wurden erfolgreich vom BBC verfilmt, worauf auch weitere Adaptionen (Im Eishaus, Die Schandmaske, Das Echo) folgten.
Mit ihrem außergewöhnlichen Stil revolutionierte sie das Krimigenre förmlich.
Sie lebt zur Zeit mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Dorset, England.
Alle ihre Romane im Überblick:
Im Eishaus (The Icehouse)
Die Bildhauerin (The Sculptress)
Die Schandmaske (The Scold’s Bridle)
Dunkle Kammern (The Dark Room)
Das Echo (The Echo)
Wellenbrecher (The Breaker)
Schlangenlinien (The Shape of Snakes)
Der Nachbar (Acid Row)
Ihr nächstes Buch „Fox Evil“ erscheint im November bei Macmillan.
Zum Buch:
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Deutsche Ausgabe:
Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, Goldmann, Mchn. August 2002, ISBN: 3442309697 ab 22.90 € im Handel.
Englische Ausgabe „Acid Row“:
Gebunden, 376 Seiten, Macmillan, London, 2002, ISBN: 0330489461 ab 10,80 € im Handel
Als Hörbuch:
Hörkassette, BMG Wort, München, 2002, ISBN: 3898304299 oder
CD, BMG Wort, München, 2002, ISBN: 3898304280 ab 39,50 € im Handel
Der Hintergrund:
---------------------
Vor einigen Jahren wurde in den Staaten das so genannte Megan’s Law verabschiedet. Nachdem in New Jersey die 7-jährige Megan Kanka von einem Nachbar missbraucht und ermordet wurde, bei dem es sich, wie sich später herausstellte, um einen mehrfach verurteilten Vergewaltiger handelte, wurden Stimmen in der Bevölkerung laut, die Namen und Adressen von Sexualstraftätern zu veröffentlichen, um die Eltern zu warnen. Nach langen Bemühungen einiger gemeinnütziger Verbände wurde Megan’s Gesetz teilweise durchgesetzt – Anwohner sollen in Zukunft benachrichtigt werden, wenn ein Sexualstraftäter in ihre Wohngegend zieht. Dabei werden die Anwohner lediglich darauf hingewiesen, verantwortungsvoll mit den Informationen umzugehen. Nach der Absegnung des Gesetzes durch Ex-Präsident Clinton, haben nun alle Eltern in den USA Zugang zu den Daten von Sexualstraftätern in ihrem Staat.
Die Folge war allerdings nicht die gewünschte, denn viele Straftäter änderten ihren Namen, ohne die Behörden zu informieren oder lebten einfach unter falschen Namen – aus Angst, von ihren Nachbarn terrorisiert zu werden.
Als im Juli’2000 die 8-jährige Sarah Payne verschwindet und nackt (ob sie missbraucht wurde, wollte die Polizei nicht bekannt geben) und ermordet aufgefunden wurde, wurden auch in Großbritannien Forderungen für die englische Variante von Megan’s Law – Sarah’s Law laut. Da die Regierung der Veröffentlichung von Namen und Adressen skeptisch gegenüber stand, fanden die Medien einen anderen Weg. The News of the World startete die Kampagne „NAME and SHAME sex offenders”, das heißt, ihre Namen und Taten zu veröffentlichen – natürlich mit Photo. Gesagt getan – und obwohl das Blatt scheinheilig dazu aufrief, von Selbstjustiz abzusehen, kam es zu regelrechten Hetzjagden auf Kinderschänder. Im Ergebnis gab es Tote und Selbstmorde unter den verfolgten Pädophilen. Es kam des Weiteren auch zu tragischen Verwechslungen: so wurden unschuldige Rentner terrorisiert und erhielten Morddrohungen, nur weil sie dem Photo in der Zeitung ähnlich sahen. In einem Fall wurde sogar das Haus einer Kinderärztin angegriffen, weil der Unterschied zwischen Pädiaterin und Pädophiler den Angreifern nicht bewusst war.
Diese Art von Hexenjagd – angestachelt von einem Medien – Kreuzzug und der Unwissenheit der Bürger, ist es, den Walters in diesem Roman beschreibt und bissig hinterfragt. Vorbild für ihren Roman könnten die Begebenheiten in Portmouth und Manchester sein, wo es zu schweren Krawallen kam, wütende Anwohner die Häuser von Pädophilen belagerten und sogar drohten, die Häuser in Brand zu stecken.
Mehr Infos dazu gibt es z.B. unter http://www.arcados.ch (deutsch) oder beim guten alten BBC http://www.news.bbc.co.uk (english).
Vielen Dank fürs Durchhalten beim Lesen ;-)!
Inhalt:
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Bassindale ist eine kleine Siedlung in England, die in den 50ern und 60ern aus dem Boden gestampft wurde, um Sozialwohnungen für die weniger Privilegierten zu schaffen – ein architektonischer Alptraum. Angelegt wie eine Festung mit wenigen Zugangsstraßen und vielen Sackgassen, bietet die Betonwüste den Bewohnern kaum Platz und der Jugend kaum Ablenkungsmöglichkeiten. Bassindale ist fern von der Musterwohnanlage für Sozialfälle am Stadtrand: Kriminalitäts- und Analphabeten-Rate sind hoch und die Straßen werden von herumlungernden Jugendlichen beherrscht. Schon das Willkommensschild am Eingang der Siedlung weißt den Besucher auf den Charakter des Ortes hin: „Welcome to Assid (Acid) Row“ ist alles, was von „Welcome to Bassindale“ übrig geblieben ist. Alles in allem ein Platz, dem man lieber meidet und den selbst die Polizei nur ungern heimsucht.
Hier leben neben vielen mittellosen Rentnern auch allein erziehende Mütter - mit häufig mehr Kindern als nur den landesdurchschnittlichen zwei, denen zum Spielen nur die Straße bleibt.
Als plötzlich das Gerücht umgeht, dass ein Pädophiler vom Wohnungsamt nach Bassindale umgesiedelt wurde, ist die Siedlung in hellem Aufruhr. Schnell ist auch ein Verdächtiger gefunden – im Nachbarhaus der jungen Mutter Melanie sind erst kürzlich zwei seltsame Männer eingezogen. Aus Angst um ihre Kinder organisieren einige Mütter einen Protestmarsch vor dem Haus der Kinderschänder, um sie so aus ihrer Siedlung zu vertreiben.
Als dann zudem das junge Mädchen Amy am anderen Ende der Stadt verschwindet, wo die neuen Nachbarn ihren letzten Wohnsitz hatten, scheint der Fall eindeutig und der friedliche Marsch verwandelt sich in eine wahre Straßenschlacht. Der wütende Mob, der schon über 3000 Menschen zählt, versammelt sich vor Haus Nr. 23, in dem sich die vermeintlichen Kinderschänder und ihre „Lebensversicherung“ – die junge Ärztin Sophie – verbarrikadiert haben.
Die Situation eskaliert, als Radauschläger Wesley und die Jugendlichen der hiesigen Straßengangs, für die der Marsch ein willkommener Anlass ist, Aggressionen und Brutalität freien Lauf zu lassen, mit Molotov-Cocktails bewaffnet auftauchen.
So verwandelt sich Bassindale plötzlich in einen Hexenkessel, aus dem es kein Entrinnen gibt: die Zugangsstraßen sind verbarrikadiert, sodass weder Polizei oder Feuerwehr hinein kommen – aber auch keiner heraus. Die Mission „Rettet Amy“ ist nun vollkommen außer Kontrolle geraten und fordert die ersten unschuldigen Opfer…
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Personen:
*********
Melanie Patterson:
die 19jährige allein erziehende Mutter von zwei kleinen Kindern – beide von verschiedenen Männern – ist schon wieder schwanger, hat immer Ärger mit dem Sozial- und Jugendamt und scheint tatsächlich auf den ersten Blick keine gute Mutter zu sein: sie trinkt und raucht – und das in der Schwangerschaft. Als sie jedoch von ihrer ewig nörgelnden Sozialarbeiterin erfährt, dass ein Pädophiler in ihre Straße gezogen ist, der wahrscheinlich nur darauf wartet, eines ihrer Kinder in sein Haus zu zerren, wenn Melanie nicht Acht gibt und ihre Kinder weiterhin auf der Straße spielen lässt, wird ihr Mutterinstinkt geweckt. Sie beschließt zusammen mit ihrer Mutter Gaynor, einen Protestmarsch der Nachbarschaft gegen den Kinderschänder zu organisieren, um ihn aus der kinderreichen Siedlung zu vertreiben.
Jimmy James:
Melanies Freund und Vater ihres ungeborenen Babys, ist gerade aus dem Knast entlassen worden und ist gar nicht begeistert von Melanies Absicht, selbst etwas gegen den Pädophilen zu unternehmen. Eigentlich will er lieber die Füße still halten so kurz nach seiner Entlassung, aber Melanie und Gaynor lassen sich nicht abbringen. Und so wird Jimmy unaufhaltsam in den Strudel der Ereignisse gerissen und wächst dabei über sich selbst hinaus.
Sophie Morrison:
ist zuständige Ärztin für Bassindale und besucht dort täglich ihre Patienten, zu denen Melanie, aber auch sehr viele ältere Menschen gehören, die ihr Haus nicht mehr verlassen können und auf medizinische Betreuung angewiesen sind. Sophie ist richtig beliebt im Viertel, da sie nicht ständig den Zeigefinger hebt und Predigten hält, sondern zuhört und mitfühlt und auch kein verzärteltes Seelchen ist, die die Wohltäterin spielt und insgeheim ihre Patienten für hoffnungslose Asoziale hält. Als sie den letzten Notruf des Tages in Bassindale annimmt, gerät sie in eine schreckliche Falle: die beiden neuen Nachbarn – Vater und Sohn – nehmen sie als Geisel, um sie als „lebendes Schutzschild“ gegen den mordlüsternen Mob zu benutzen. In dem engen Zimmer mit den Männern zusammengepfercht und auf die ersten Straßenschlächtler wartend, lernt sie die beiden kennen und hassen.
Amy und ihre „Familie“:
Seit sich ihre Eltern Laura und Martin getrennt haben, zieht sie mit ihrer Mutter zu ständig neuen Liebhabern. Bei ihrem derzeitigen Stiefvater erlebt sie die Hölle auf Erden, da war der letzte Mann ihrer Mutter Ed schon um einiges netter – Geschenke, Ausflüge etc. Die Sprösslinge ihres Stiefvaters sagen aus, Amy wäre jeden Morgen verschwunden und erst kurz bevor ihre Mutter von der Arbeit kam, zurückgekehrt –wo ging sie also jeden Tag hin? Wurde sie Opfer eines Verbrechens oder ist sie wie viele Teenager abgehauen, weil sie es zuhause nicht mehr aushielt?
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Wie von Walters gewöhnt, verfolgt der Leser die Geschehnisse vor allem, indem er den Gesprächen der Charaktere lauscht, oder ihnen durch die Handlung folgt – wie immer steht dabei die Entwicklung des Einzelnen im Mittelpunkt. Dazwischen wird der Leser mit anderen „authentischeren“ Informationen gefüttert, indem er Polizeiberichte, Behördenmemos und medizinischen Berichte im laufenden Text findet. Das Konzept des Buches erinnerte mich an typische CNN-Übertragungen, in denen zwischen den Schauplätzen, sachverständigen Kommentaren, Augenzeugenberichten und Hintergrundinfos hin- und hergeschaltet wird. Der Hauptteil des Buches umfasst einen Zeitraum von nur wenigen Stunden im Leben der Charaktere, somit ist dieses Konzept sehr gut geeignet, um die simultanen Ereignisse aus verschiedenen Winkeln zu beleuchten.
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Walters schildert diesmal einen schrecklichen „Mehrfrontenkrieg“, in dem sie zwischen dem Erleben der einzelnen Charaktere hin und her springt. Zwei Handlungsstränge werden beleuchtet:
1. Die Vorgänge in Bassindale:
hier springt Walters zwischen mehreren Schauplätzen – in und vor Haus Nr. 23. Während im Haus ein beklemmendes Psychospiel zwischen Sophie und den beiden Männern stattfindet, weitet sich die Katastrophe auf der Straße weiter aus. Walters Protagonisten Melanie, Jimmy und co. kämpfen sich durch Massenhysterie, Panik und blanken Hass. Nebenbei werden alle gängigen Vorurteile aus der Kiste gekramt und mit dem Plot verwoben. Da ist zum Beispiel Jimmy, der Ex-Sträfling, der sich plötzlich in der Situation wieder findet, einer verletzten Polizistin zu helfen. Oder Melanie – „White Trash“ äußerlich – starke Persönlichkeit innerlich. Colin, der alten Omas eiskalt und feige die Handtasche aus den arthritischen Fingern klauben würde, sich dann aber heldenhaft vor seine schwangere Schwester Melanie wirft.
Außerdem schwenkt Walters immer wieder zur Polizei und ihren vergeblichen Anstrengungen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Dieser Teil des Buches mutet an wie eine bissige Gesellschaftskritik.
2. Die Ermittlung im Fall Amy:
Die Suche nach dem Mädchen gestaltet sich äußert schwierig, da die Mutter Laura in eine Art Lethargie verfällt und viele Geheimnisse zu haben scheint, die scheinbar mit ihrem Ex-Mann Martin und ihrem letzten Freund Ed zu tun haben. Diese beiden zeigen sich auch nicht gerade kooperativ, sodass die Polizei auf einen Hinweis von außen angewiesen ist. Doch die Frage bleibt: warum redet Laura nicht, zumal es um das Leben ihrer einzigen Tochter geht. Dieser Handlungsstrang bildet den eigentlichen Krimi-Teil des Romans.
Das Buch hat mich gleichzeitig gefesselt und abgestoßen. Die Geschichte ist extrem spannend und schnell – die Ereignisse überschlagen sich förmlich. Das Thema des rasenden Mobs, der selbst vor Lynchjustiz nicht zurückschreckt, wird eindringlich bearbeitet (Wobei mir das Sprichwort einfiel: Was ist das Gegenteil von GUT? – Gute Absichten! )
Ich habe den Roman wirklich mit angehaltenem Atem verfolgt und war wie gebannt von den unfassbaren Vorgängen in Bassindale.
Getrübt wurde die packende Geschichte leider durch die vorhersehbare Metamorphose, die Walters Charaktere im Verlauf der Handlung durchlaufen. Wie bereits erwähnt werden fast sämtliche Klischeeregister gezogen – wahrscheinlich um die moralische Botschaft zu unterstreichen. Fast alle, denen man alles, aber nichts wahrhaft mutiges zugetraut hätte, wandeln sich zu Gutmenschen, die alten Omis über die Straße helfen oder für sie einkaufen gehen. Nach dem Terror des Protestmarsches scheinen plötzlich alle geläutert – sogar Behörden und Städteplaner. Mir persönlich ist dies ein wenig zu platt und eindimensional, tut aber der Geschichte an sich keinen Abbruch. Helden muss es schließlich geben.
ťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťť
Fazit:
*******
Ein gutes Buch mit ernstem Hintergrund*, das wirklich zu empfehlen ist. Es ist gut recherchiert, intelligent geschrieben und sehr ergreifend. Walters wartet erneut mit ihren Stärken auf: ein sehr guter Sinn für Timing und ein exzellentes Einfühlungsvermögen in ihre Figuren.
*für Interessierte dazu mehr am Ende des Berichts
ťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťťť
Infos:
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Autor:
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Minette Walters arbeitete zunächst als Redakteurin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von spannenden Büchern widmete. Mit ihrem Erstling „Im Eishaus“ gewann sie den Crime Writers’ Association John Creasey Award 1992, für ihren zweiten Roman „Die Bildhauerin“ den Edar Allen Poe Award 1993. Es folgten weitere erfolgreiche Romane, wie
„Die Schandmaske“, „Das Echo“ und „Wellenbrecher“. Ihre beiden wohl bekanntesten Werke „Die Bildhauerin“ und „Dunkle Kammern“ wurden erfolgreich vom BBC verfilmt, worauf auch weitere Adaptionen (Im Eishaus, Die Schandmaske, Das Echo) folgten.
Mit ihrem außergewöhnlichen Stil revolutionierte sie das Krimigenre förmlich.
Sie lebt zur Zeit mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Dorset, England.
Alle ihre Romane im Überblick:
Im Eishaus (The Icehouse)
Die Bildhauerin (The Sculptress)
Die Schandmaske (The Scold’s Bridle)
Dunkle Kammern (The Dark Room)
Das Echo (The Echo)
Wellenbrecher (The Breaker)
Schlangenlinien (The Shape of Snakes)
Der Nachbar (Acid Row)
Ihr nächstes Buch „Fox Evil“ erscheint im November bei Macmillan.
Zum Buch:
--------------
Deutsche Ausgabe:
Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, Goldmann, Mchn. August 2002, ISBN: 3442309697 ab 22.90 € im Handel.
Englische Ausgabe „Acid Row“:
Gebunden, 376 Seiten, Macmillan, London, 2002, ISBN: 0330489461 ab 10,80 € im Handel
Als Hörbuch:
Hörkassette, BMG Wort, München, 2002, ISBN: 3898304299 oder
CD, BMG Wort, München, 2002, ISBN: 3898304280 ab 39,50 € im Handel
Der Hintergrund:
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Vor einigen Jahren wurde in den Staaten das so genannte Megan’s Law verabschiedet. Nachdem in New Jersey die 7-jährige Megan Kanka von einem Nachbar missbraucht und ermordet wurde, bei dem es sich, wie sich später herausstellte, um einen mehrfach verurteilten Vergewaltiger handelte, wurden Stimmen in der Bevölkerung laut, die Namen und Adressen von Sexualstraftätern zu veröffentlichen, um die Eltern zu warnen. Nach langen Bemühungen einiger gemeinnütziger Verbände wurde Megan’s Gesetz teilweise durchgesetzt – Anwohner sollen in Zukunft benachrichtigt werden, wenn ein Sexualstraftäter in ihre Wohngegend zieht. Dabei werden die Anwohner lediglich darauf hingewiesen, verantwortungsvoll mit den Informationen umzugehen. Nach der Absegnung des Gesetzes durch Ex-Präsident Clinton, haben nun alle Eltern in den USA Zugang zu den Daten von Sexualstraftätern in ihrem Staat.
Die Folge war allerdings nicht die gewünschte, denn viele Straftäter änderten ihren Namen, ohne die Behörden zu informieren oder lebten einfach unter falschen Namen – aus Angst, von ihren Nachbarn terrorisiert zu werden.
Als im Juli’2000 die 8-jährige Sarah Payne verschwindet und nackt (ob sie missbraucht wurde, wollte die Polizei nicht bekannt geben) und ermordet aufgefunden wurde, wurden auch in Großbritannien Forderungen für die englische Variante von Megan’s Law – Sarah’s Law laut. Da die Regierung der Veröffentlichung von Namen und Adressen skeptisch gegenüber stand, fanden die Medien einen anderen Weg. The News of the World startete die Kampagne „NAME and SHAME sex offenders”, das heißt, ihre Namen und Taten zu veröffentlichen – natürlich mit Photo. Gesagt getan – und obwohl das Blatt scheinheilig dazu aufrief, von Selbstjustiz abzusehen, kam es zu regelrechten Hetzjagden auf Kinderschänder. Im Ergebnis gab es Tote und Selbstmorde unter den verfolgten Pädophilen. Es kam des Weiteren auch zu tragischen Verwechslungen: so wurden unschuldige Rentner terrorisiert und erhielten Morddrohungen, nur weil sie dem Photo in der Zeitung ähnlich sahen. In einem Fall wurde sogar das Haus einer Kinderärztin angegriffen, weil der Unterschied zwischen Pädiaterin und Pädophiler den Angreifern nicht bewusst war.
Diese Art von Hexenjagd – angestachelt von einem Medien – Kreuzzug und der Unwissenheit der Bürger, ist es, den Walters in diesem Roman beschreibt und bissig hinterfragt. Vorbild für ihren Roman könnten die Begebenheiten in Portmouth und Manchester sein, wo es zu schweren Krawallen kam, wütende Anwohner die Häuser von Pädophilen belagerten und sogar drohten, die Häuser in Brand zu stecken.
Mehr Infos dazu gibt es z.B. unter http://www.arcados.ch (deutsch) oder beim guten alten BBC http://www.news.bbc.co.uk (english).
Vielen Dank fürs Durchhalten beim Lesen ;-)!
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