Der Nachbar (gebundene Ausgabe) / Minette Walters Testbericht

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ab 11,93
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Erfahrungsbericht von Prisca

Prisca liest wieder!

Pro:

spannend, sehr lebendig

Kontra:

sehr viele Handlungsstränge (was nicht unbedingt ein Nachteil ist, das Einlesen aber erschwert)

Empfehlung:

Ja

Ich weiß, ihr habt sie vermisst, meine Buchberichte. Leider war ich aber in letzter Zeit so in Renovierungsstress, das ich nicht zum Lesen gekommen bin. Aber jetzt ist es soweit und ich habe endlich wieder ein Buch gelesen.

DER NACHBAR von MINETTE WALTERS

Hört sich ein wenig unspektakulär an, oder? Ich hätte mir diesen Buch wohl auch nie zugelegt - zumal ich Minette Walters eher etwas zwiegespalten gegenüber stehe, manche Romane von ihr finde ich ganz gut, andere dagegen einfach nur nervend - wenn ich es nicht durch Zufall als gebundenes Mängelexemplar für 5,-- Euro entdeckt hätte. Und damit kann man doch eigentlich nichts falsch machen, oder?

Jedenfalls stand das Buch noch längere Zeit ungelesen in meinem Bücherregal bis ich es Anfang der Woche endlich herauskramte und zu lesen begann. Heute will ich es euch mal etwas näher vorstellen.

Fangen wir mit dem Inhalt an. Acid Row (so auch der Originaltitel des Buchs) wird der Stadtteil Bassindale von seinen Bewohnern genannt. Eine Gegend, in die niemand freiwillig zieht - hier herrscht Armut und Gewalt. Eine gute Schulbildung ist fast unmöglich, Ausbildungsplätze für die Jugend gibt es nicht, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Zahl der minderjährigen, alleinerziehenden Mütter auch.

In dieser Gegend lebt die kaum volljährige Melanie mit ihren beiden kleinen Kindern - betreut von einer frustrierten Sozialarbeiterin. Diese Frau ist es schließlich auch, die einen Stein ins Rollen bringt, der nicht mehr zu stoppen ist. Um Melanie klar zu machen, das sie sich mehr um ihre Kinder kümmern soll, erzählt sie ihr, das im Nachbarhaus zwei Männer eingezogen sind, von denen zumindest einer als Pädophiler gilt!

Die Warnung erreicht Melanie, die ihre Kinder wirklich liebt und sich jetzt Sorgen macht. Die Situation spitzt sich noch mehr zu als bekannt wird, das ein kleines Mädchen, Amy, verschwunden ist - und das Amy in der Nachbarschaft der beiden Männer gewohnt hat, die jetzt neben Melanie wohnen. Für Melanie ist klar das nur die beiden etwas mit dem Verschwinden von Amy zu tun haben können - und sie beschließt zu handeln.

Gemeinsam mit ihrer Mutter organisiert sie einen Protestmarsch - so wollen sie der Stadt klarmachen, das sie nicht gewillt sind, solche Nachbarn in der Nähe ihrer Kinder zu dulden. Doch die Sache gerät aus den Fugen.

Was Melanie nicht bedacht hat: die jungen Leute im Viertel haben nur nach einem Grund gesucht um ihre Gewalt offen ausleben zu können! Sie verbarrikadieren das Viertel, so das keiner mehr herein (oder heraus!!!) kommt und ziehen dann mit selbstgebastelten Brandbomben zum Haus der beiden Männer....

So, jetzt habe ich euch aber genug verraten - obwohl das Buch noch andere interessante Handlungszweige aufweist. Aber wenn ihr darauf neugierig geworden seid, dann müsst ihr eben das Buch lesen. Ob sich das auch wirklich lohnt, wollt ihr wissen? Tcha, dann lest mal schön weiter!

Das Buch ist anders als man es von Minette Walters erwartet. Sie gilt nicht umsonst als Meisterin des Krimis - hier jedoch findet man vielleicht zu 20 % Krimi (das Verschwinden Amys und die Suche nach ihr). Die restlichen 80 % muss sich der Leser auf ein echtes Psychoabenteuer einlassen. Da werden Menschen beschrieben, von der Gesellschaft Ausgestoßene, Menschen die nur Armut und Gewalt kennen gelernt haben - und die jetzt diese Gewalt ausleben wollen. Rücksichtslos, gefühllos gehen sie dabei - im wahrsten Sinne des Wortes - über Leichen.

Aber es gibt auch noch andere Menschen, die in dieser Extremsituation plötzlich die guten Seiten in sich entdecken und zum “Helden” werden. Vielleicht ein wenig unrealistisch und übertrieben - aber mir als Leser hat diese Entwicklung mancher gefallen, bringt sie doch einen kleinen Lichtblick in die sonst eher düstere Handlung.

Das Buch ist wahnsinnig spannend geschrieben - man vermag es kaum aus der Hand zu legen, wenn man sich erst einmal eingelesen hat. Einlesen muss man sich allerdings. Der Stil ist recht einfach, wenn auch sehr anschaulich, stellenweise wirklich sehr grausam. Aber er ist typisch für Minette Walters. Es gibt viele handelnde Personen und ebenso viele Handlungsstränge. Dazwischen schiebt Minette Walters immer wieder mal Polizeiberichte ein, das gibt dem Roman einen unwahrscheinlich realistischen Touch. Für dem “Walters-Neuling” mag dieser Schreibstil im ersten Moment etwas verwirrend erscheinen, aber gerade er macht ihre Bücher (ganz besonders dieses Buch) aus! Diese Vielschichtigkeit, diese vielen verschiedenen Menschen, die sie vorstellt!

Ich habe dieses 400 Seiten dicke Buch (zugegeben aber recht große Schrift) innerhalb von drei Tagen verschlungen - es hat mich wirklich nicht mehr los gelassen. Besonders gefesselt hat mich dabei die “Hauptgeschichte” um das Geschehen in der Acid Row - alles andere - Amys Verschwinden, die Suche nach ihr - nein, es hat mich wahrlich nicht gelangweilt, aber es dient in meinen Augen eigentlich nur dazu, das Buch komplett abzurunden. Alles in allem ein sehr spannender Roman, ich möchte sogar behaupten, der beste, den ich bisher von Minette Walters gelesen habe.

Ich weiß, ihr seid jetzt neugierig und wollt gern wissen, was dieses Buch kostet. Wie gesagt, ich hatte das Glück ein günstiges Mängelexemplar zu ergattern (unnötig zu erwähnen, das ich mal wieder keinen einzigen Mangel entdecken konnte) - falls ihr dieses Glück nicht habt, könnt ihr es z.B. bei Amazon versuchen. Da kostet die gebundene Ausgabe 22,90 Euro - eine Taschenbuchausgabe kann vorbestellt werden ist aber noch nicht lieferbar. Wer sparen will, dem empfehle ich Ebay, hier gehen Bücher von Minette Walters oft für ein paar Euro über den “Ladentisch”.

Mein Fazit: Für mich DAS Buch von Minette Walters - hier zeigt sie endlich was wirklich in ihr steckt. Ein rundherum gelungenes Buch, das ich euch in jedem Fall empfehlen kann.

@ Prisca - März 2004 - ich schreibe für Ciao und Yopi, manchmal auch für Dooyoo

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