C/O COMING OUT (gebundene Ausgabe) Testbericht

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Erfahrungsbericht von Levay

Ey, bin ich schwul oder was???

Pro:

goil

Kontra:

goil

Empfehlung:

Ja

Schon im Kindergarten, als ich nicht Levay, sondern noch Klein-Levay war, fand ich Mädchen einfach toll. Warum wusste ich selbst nicht so recht, und wenn ich auch nur geahnt hätte, wie viele Probleme zwischengeschlechtliche Kontakte bergen, wäre ich vermutlich gleich schwul geworden. Aber erstens wusste ich es ja nicht. Zweitens kannte ich nicht mal das Wort – „schwul“. Und drittens hätte ich eben jene Probleme damit auch eher verlagert denn gelöst. Als ob Männer nicht auch zickig und unendlich kompliziert sein könnten…!

Also lebte ich eine lange Zeit erst einmal rein heterosexuell. Eigentlich könnte man auch sagen: asexuell, denn die Begeisterung, die das weibliche Geschlecht für mich hegte, hielt sich doch arg in Grenzen (daran hat sich übrigens bis heute nicht viel geändert). Sie beschränkte sich weitgehend auf das tödliche „Du bist total nett“, und wir wissen ja alle: Nett ist nichts fürs Bett. Etwa mit Beginn der Pubertät erfuhr ich, dass man als Mann durchaus auch einen Mann lieben kann, darüber nachgedacht habe ich vermeintlich mangels eigener Betroffenheit nicht.

Aller Heterosexualität zum Trotz kam ich nicht umher festzustellen, dass ich irgendwie anders war als die meisten Geschlechtsgenossen: So konnte ich mich schon immer besser mit weiblichen Gedanken, Gefühlen und Träumen identifizieren oder eben mit jenen, die gemeinhin als „weiblich“ gelten (auch daran hat sich bis heute nicht viel geändert). Eher „männliche“ Themen empfand ich zumeist als uninteressant (seit neuestem verfolge ich jedoch die Bundesliga). Und wie das so ist mit weiblichen Träumen, so tauchen in denselben früher oder später auch mal ein paar Jungs auf. So war es dummerweise dann auch bei mir.

Ich entwickelte also sexuelle Phantasien, in denen es ganz klar nicht um Mädchen ging, und obschon ich tolerant und weltoffen erzogen worden bin, empfand ich meine Gefühle als verboten, verwerflich, falsch. Ich habe sie daher förmlich zu verdrängen versucht, mir beschämt vorgeschrieben, solche Empfinden nicht mehr zuzulassen. Mit einigem Pseudoerfolg: Sah ich in meiner Pubertär einen hübschen Jungen, dachte ich allenfalls: „Boah, so möchte ich auch aussehen“ und nicht das, was ich eigentlich meinte, nämlich: „Hoppla, den Süßen würde ich aber gern mal näher kennen lernen“.

Der große Wendepunkt kam im Alter von 17 Jahren. Eines lieben Tages ging ich zum Friseur, wie ich es bis heute monatlich zu tun pflege. Ich betrat den Salon als durch und durch heterosexuell und verlies ihn verwirrt und mit viel Neugierde auf das eigene Geschlecht… Falls es jemanden interessiert, es handelte sich um den Friseur im (großen) Famila-Markt in Oldenburg. Natürlich hatte der Friseurbesuch selbst aber nichts mit meinem Wandel zu tun. Was also war passiert?

Meine Wartezeit überbrückte ich mit der Zeitschrift „Prinz“, in der damals wie heute Kontaktanzeigen abgedruckt waren. Seinerzeit waren die aber nicht annähernd so brav wie heute, sondern wirkten, als halte man ein Pornomagazin in Händen. So auch in der Kategorie „Er sucht ihn“, in der Männer ganz ungeniert und wie selbstverständlich die interessantesten sexuellen Praktiken mit anderen Männer suchten. Und dachte ich mir: „Was die können, kann ich auch“. Ich hielt es in diesem Moment wahrscheinlich nicht für möglich, dass ich jemals Gefühle für einen Jungen aufbauen könnte, aber ein wenig Spaß mit ihnen haben, warum eigentlich nicht? Letztlich blieb ich trotzdem ganz und gar hetero.

Noch bevor ich das erste Mal mit einem Jungen intim werden sollte, musste ich mich selbst korrigieren. Verantwortlich war ein gewisser Marc (Name von der Redaktion geändert). Marc besuchte mit mir einige Kurse in der Oberstufe und war zwar hetero, aber leider auch verdammt niedlich. Und so verguckte ich mich ein wenig in ihn. Oder auch ein wenig mehr. Anfangs war es ja nur Schwärmerei. Er sah eben toll aus und hatte eine so süße Art an sich. Aber umso mehr ich spürte, wie ich seine Nähe genoss, umso mehr ich sie suchte und mir wünschte, ihn zu berühren, von ihm in den Arm genommen zu werden, vielleicht ihn gar zu küssen, desto mehr war klar: So richtig doll arg hetero war ich wohl doch nicht.

Also eben bi. Ja, ich war offensichtlich bisexuell, und somit war ein Coming Out früher oder später unumgänglich. Angst hatte ich keine davor, ganz im Gegenteil: Ich war Feuer und Flamme, musste die Jahre der Lüge kompensieren, wollte nun endlich frei sein und leben, wie es meinem Naturell entsprach. Und abgesehen von einigen Usern auf verschiedenen Internetseiten (etwa Shortnews, diverse Chats usw.) hat es auch nie jemanden gegeben, der mich ob meiner Neigung angegriffen hätte.

Das Outing vor meinen Eltern hob ich mir eine Weile auf, obwohl ich mir sicher war, dass sie meine bisexuelle Neigung voll und ganz akzeptieren würden. Eines Tages jedoch ließ ich einen jungen Mann bei mir übernachten – in meinem Bett –, und als ich mich am nächsten Morgen bei meinen Eltern erkundigte, ob sie vielleicht irgendwelche Fragen hätten, hatten sie die auch…

Mein erstes Mal mit einem Jungen erlebte ich übrigens nicht frei von Schuldgefühlen. Nie im Leben hätte ich jemanden für seine Homosexualität verurteilt, aber sie selbst auszuleben, erschien mir einmal, nur dieses eine Mal im Leben falsch. Das Geschehene ließ sich natürlich nicht mehr rückgängig machen, doch die Schuldgefühle verschwanden und kamen nie wieder.

In den Folgejahren zerriss mich die Frage innerlich, ob ich denn nun bisexuell oder nicht vielleicht doch eher schwul sei. Mir selbst zu sagen, auf die Definition komme es nicht an, half mir nicht weiter, ich wollte mich unbedingt selbst in eine Schublade stecken. Sowohl für die Bi-, als auch für die Homosexualität hatte ich stichhaltige Argumente.

Endgültig geklärt habe ich diese Frage bis heute nicht, doch gehört sie auch nicht mehr zu den Problemen, die mich im Leben maßgeblich beschäftigen. Frauen üben nach wie vor einen sexuellen Reiz auf mich aus, sodass ich mich eigentlich nicht wirklich „schwul“ nennen kann. Der Schwerpunkt meines Interesses, meiner Aufmerksamkeit und meiner Träume liegt aber ganz eindeutig bei den Männern, sodass „bisexuell“ zumindest dann nicht stimmt, wenn man darunter ein Gleichgewicht versteht. Da ich chronischer Single bin, spielt all das aber auch nur eine untergeordnete Rolle.

25 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Amy

    05.04.2006, 23:34 Uhr von Amy
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh, freue mich über gegenlesungen =)