Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (VHS) Testbericht

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ab 14,24
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Erfahrungsbericht von wildheart

Liga? Rote Laterne!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Ein Film kann zugleich Drama und Sciencefiction sein, oder Komödie und Liebesfilm. Bei dem jetzt in den Kinos angelaufenen „Gentlemen“ allerdings ist die Einordnung etwas schwieriger. Denn der Genre-Mix, den Stephen Norrington auf Grundlage der Comics von Alan Moore und Kevin O’Neill seinem Publikum serviert, ist fast unerträglich unbekömmlich. Man nehme ein bisschen Atmosphäre à la „From Hell“ (2001) – düsteres London mit düsteren Gassen, Regen, Nebel und was da sonst noch dazu gehört –, eine Geschichte, die so eindeutig aus den Bond-Filmen abgekupfert ist, dass einem fast die Haare zu Berge stehen wollen (noch dazu mit Alt-Bond Connery in der Hauptrolle), und ein paar Gestalten aus der Literatur des 19. Jahrhunderts, deren Beschreibung und Charakterisierung den Figuren aus der entsprechenden Literatur nur so spotten, und pfeffere das alles ordentlich mit Action, Action, Action, und fertig sind die Gentlemen für satte 110 Minuten und etlichen Euros Verlust auf seiten der Kinogänger.

Es ist schon katastrophal, was sich manche Studios, Regisseure und Drehbuchautoren, die lieber den Beruf wechseln sollten, anstatt ihr potentielles Publikum weiter zu quälen, erlauben, um Leute fast zwei Stunden daran zu hindern, eine gemütlichen Abend oder Samstagnachmittag zu genießen.

Dabei fängt der Film noch einigermaßen, ich will nicht sagen vielversprechend, aber doch hoffnungsvoll an. Irgendein Gauner à la Bond-Film mit dem ausgefallenen Namen „Phantom“ (wo habe ich das schon einmal gelesen?) will 1899 Zwietracht zwischen Deutschland und England säen, raubt in der Bank von England irgendwelche Grundriss-Zeichnungen von Venedig, alles, um sich am avisierten Rüstungsgeschäft eine goldene Nase zu verdienen, Weltdiktator zu werden – oder was weiß ich denn (man schreibe an James Robinson und bitte um Aufklärung). Schon diese Anfangszenen sind nicht gerade das, was man spannend nennen könnte, sprich mit wenig Lust am Ganzen inszeniert.

Die britische Regierung jedenfalls will den Abenteurer Quatermain (Sean Connery) engagieren, um mit anderen Figuren mit außergewöhnlichen Qualitäten dem Phantom, das über modernste Waffen verfügt, das Handwerk zu legen. Nach und nach bildet sich eine illustre Gesellschaft, die sich bei dem britischen Geheimdienst-Agenten M (Richard Roxburgh) versammelt, nämlich die bezaubernde Mina Harker (Peta Wilson), die im Vampirgeschäft tätig ist – übrigens die einzige aus der Schauspielergarde, die mir einigermaßen gefallen hat –, Oscar Wildes Dorian Gray (Stuart Townsend), der nicht altert und unverwundbar ist, Mark Twains erwachsen gewordener Tom Sawyer (Shane West), der im Auftrag des US-Geheimdienstes an der Verfolgung des Phantoms teilnehmen soll, Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Jason Flemyng), Rodney Skinner (Tony Curran), der sich unsichtbar machen kann bzw. immer ist, es sei denn, er malt sich an und hängt sich einen Mantel um, und schließlich Jules Vernes Captain Nemo (Naseeruddin Shah) samt überdimensionierter Nautilus.

Soweit so gut beginnt nun die Verfolgung des Phantoms in Venedig, wo ein heimliches Treffen der europäischen Regierungen zum Fall Phantom von diesem angegriffen werden soll. Nachdem ein Großteil der Stadt samt Basilika zertrümmert wurde, jagen die außergewöhnlichen Gentlemen zum Schlussspurt in die Mongolei, wo der Übeltäter mitten in den verschneiten Bergen eine Waffenfabrik aufgebaut hat.

Ich weiß nicht, was Sean Connery dazu bewogen hat, diesem dämlichen Spektakel beizuwohnen. Große Lust oder gar so etwas wie Engagement scheint ihn jedenfalls nicht getrieben zu haben – die anderen Mimen übrigens auch nicht. Denn getrieben werden sie alle nur von einem dämlichen Drehbuch mit platten Dialogen. Man könnte fast annehmen, das hinter der Kamera ein Einpeitscher stand, der die Crew in Bewegung halten sollte. Man kann kaum davon absehen, dass beispielsweise dem Publikum vorgemacht wird, ein Schiff wie die Nautilus könne durch die engen Kanäle von Venedig schippern, wo doch Gondeln schon so ihre Schwierigkeiten damit haben. Oder dass es in Venedig Gräber geben soll (werden die Toten dort unter Wasser begraben?). Nachdem Venedig fast vollständig zerstört ist, schießen plötzlich des Phantoms Soldaten von Dächern! Dann jagen auch noch Wagen durch die Straßen (!!) von Venedig! Und als Resümee hält unser alter Quatermain fest: „Venedig steht noch.“ Ich fass es nicht! Noch besser wird’s in der Mongolei. Während Nemo die gefangenen Angehörigen der Wissenschaftler, die das Phantom gekidnappt hat, befreien und Quatermain das Phantom unschädlich machen soll, und unser Vampir sich mit Dorian Gray anlegt, verteilt der Unsichtbare Bomben. Abgesprochen scheint das alles jedoch nicht zu sein, denn die Bomben gehen hoch, während der Rest der Außergewöhnlichen noch in Kämpfe verstrickt ist und unser Hulk-Hyde sich mit einem Gegner befassen muss, der noch einmal dreimal größer ist als er, weil er von dem Hyde-Süppchen genommen hat.

Nicht nur Genre, Handlung und Figuren wurden zu einem ungenießbaren Brei verrührt, auch der Look des ganzen Films ist zum größten Teil schlichtweg geklaut: bei Adaptionen von Verne-Stoffen, wie schon gesagt, „From Hell“, und bei „Star Wars“ (man schaue sich die Fabrik in der Mongolei an).

Noch schlimmer aber sind die Mimen dieses Ganz-und-Gar-nicht-Vergnügens. Stuart Townsend versucht sich als eitler Geck und Lebemann; beim Versuch bleibt es. Dr. Jekyll bleibt ein blamabler Abklatsch der literarischen Vorlage und Mr. Hyde ist eine so offensichtlich unbrauchbare Hulk-Kopie, dass man sich nach Eric Banas „Hulk“ (2003) nur sehnen kann – abgesehen davon, dass der literarische Hyde nicht drei- oder viermal so groß wie sein Schöpfer Jekyll war. Was Shane West mit Tom Sawyer außer dem Namen gemein hat, bleibt ein Geheimnis. Tony Curran ist glücklicherweise zumeist unsichtbar und abwesend und Naseeruddin Shah ist nichts weiter als eine missratene Witzfigur als Captain Nemo. Mit Methusalem-Bart und ins Leere starrenden Augen gibt er dem ganzen die Würze eines versalzenen Eintopfs. Sean Connery hastet mit gequälter Langeweile durch den aufwendig computeranimierten Film, und lediglich Peta Wilson lässt ab und an davon etwas spüren, was Schauspielkunst sein könnte. Richard Roxburgh schließlich als M wirkt so blass und fade, dass er wahrscheinlich selbst nicht weiß, was ihm geschieht.

Und nun rate man einmal, wer das berüchtigte Phantom ist? Da braucht man nicht einmal eins und eins zusammenzählen.

„Die Liga“ ist eine katastrophale Fehlleistung. Und es bleibt zu hoffen, dass das Publikum der reißerischen Werbung für diesen Streifen trotzdem nicht auf den Leim geht.

Wertung: 1 von 10 Punkten.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen
(The League of Extraordinary Gentlemen)
USA 2003, 110 Minuten
Regie: Stephen Norrington

Drehbuch: James Robinson, nach den Comics von Alan Moore und Kevin O’Neill
Musik: Trevor Jones
Director of Photography: Dan Laustsen
Schnitt: Paul Rubell
Produktionsdesign: Carol, Spier, Jindrich Koci, Elinor Rose Galbraith, James McAteer, James F. Truesdale, Marco Bittner Rosser
Hauptdarsteller: Sean Connery (Allan Quatermain), Naseeruddin Shah (Captain Nemo), Peta Wilson (Mina Harker), Tony Curran (Rodney Skinner), Stuart Townsend (Dorian Gray), Shane West (Tom Sawyer), Jason Flemyng (Dr. Henry Jekyll / Mr. Edward Hyde), Richard Roxburgh (M), Max Ryan (Dante), Tom Goodman-Hill (Sanderson Reed), David Hemmings (Nigel), Terry O’Neill (Ishmael), Rudolf Pellar (Draper), Winter Ave Zoli (Eva), Robert Wilcox (Constable Dunning)

Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0311429

Weitere Filmkritik(en):
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert) (1 von 4 Punkten):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2003/07/071102.html

„Movie Reviews“ (James Berardinelli) (2,5 von 4 Punkten):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/l/league_extraordinary.html


© Ulrich Behrens 2003 für
www.ciao.com
www.yopi.de
www.dooyoo.de

23 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    21.06.2010, 12:36 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    oh ja, dieser film ist ja wirklich ein james bond verschnitt. könnte mich auch nicht so vom hocker reißen, aber wie immer 1a geschrieben, bw und ganz liebe grüße

  • campino

    08.04.2008, 09:27 Uhr von campino
    Bewertung: sehr hilfreich

    LG Andrea