Die fabelhafte Welt der Amélie (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von Nilote2

Depressive Goldfische und reisende Gartenzwerge

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Prolog

Nachdem eine gewisse schokoliebende Ciao-Userin mir schon so oft von einem wunderbaren Film vorgeschwärmt hatte, musste ich mir diesen nun auch endlich einmal ansehen. Die Rede ist von dem Meisterwerk des Jean-Pierre Jeneut: Die Fabelhafte Welt der Amélie. Ich muss gestehen anfangs hat mich bereits das Filmplakat dazu gebracht mir diesen Film nicht anzusehen - diese leicht kokett wirkende Person mit dem wirren Franzenhaarschnitt hat mich nicht wirklich angesprochen, aber nachdem ich etwas über den Inhalt gelesen hatte, wurde meine Neugierde doch noch geweckt. Aber lest selbst...


Story

Unsere Protagonistin Amélie Poulain, gespielt von Audrey Tautou führt uns durch den gesamten Film. Anfangs wird uns Amélies Lebensgeschichte in groben Zügen erzählt, wodurch man einen ersten Überblick bekommt. Das Besondere daran ist, dass diese Vorgeschichte nur von einem Erzähler kommentiert wird und es keinerlei Dialoge gibt. Zudem ist diese sehr außergewöhnliche Vorgeschichte in einem Art Zeitraffer abgefilmt worden und die Bilder werden nur durch den Sprecher aus dem Off kommentiert, oder durch Klaviermusik untermalt. Interessant ist auch der Aspekt, dass die Personen vorgestellt werden, indem aufgezählt wird, was sie mögen und was nicht.

Amélie hat ein sehr traurige Kindheit genossen, da sie in ihrem Elternhaus wenig Zuneigung erfahren hat und durch einen Irrtum nicht zur Schule geschickt wurde und so keine Beziehungen zu gleichaltrigen aufbauen konnte. Ein angeblicher Herzfehler führte zu dieser tragischen Entwicklung und dem damit verbundenen Privatunterricht in einer Isolation und Abgeschiedenheit, wie sie nur grausam sein kann für ein kleines Mädchen. Wegen der eisigen Distanz ihres Vaters schlägt ihr Herz wie wild, wenn es zur monatlichen Untersuchung kommt, da sie diese Berührungen nicht gewohnt ist. Daraus resultiert dann leider die falsche Diagnose.

Sie flüchtet sich deswegen in eine Phantasiewelt, in der sie beispielsweise um den suizidgefährdeten Goldfisch „Pottwal“ bangt. Er ist ihr einziger Freund und durch die Hektik der Mutter und die eisige Distanz des Vaters depressiv geworden. „Die Außenwelt erscheint Amélie tot, so dass sie beschließt ihr Leben zu träumen, bis sie alt genug ist auszuziehen.“ Dies sind die wesentlichen inhaltlichen Vorkenntnisse, die man als Zuschauer benötigt, um die eigentliche Geschichte zu verstehen. Erst als Amélie alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen beginnt die wahre Story des Films.

Amelie zieht es ins große Paris und dort lebt ziemlich zurückgezogen. Ihre Tagesabläufe sind wie nach einem Plan gemacht. Man kann durchaus sagen, dass sie in ihrer eigenen kleinen Welt lebt und vor allem Dinge wahrnimmt, die in der Regel von allen übersehen werden. Es sind die Kleinigkeiten des Lebens, die sie mit ihrer leicht verträumten und irgendwie magischen Art und Weise in der Vordergrund hebt.

In Paris und arbeitet sie als Kellnerin in einem kleinen Café Nahe dem Montmartre. Sie ist inzwischen Mitte zwanzig und führt ein zurückgezogenes Leben. Amélie ist die typische Einzelgängerin und hält wenig Kontakt zu den Menschen, weil sich ihre Erwartungen nicht erfüllt haben. Eine gewollte Zurückgezogenheit aus Frust und Angst vor weiteren Enttäuschungen. Dieser sehr menschliche Charakterzug macht sie bereits zu Beginn sehr sympathisch. Durch ihr verträumtes Wesen und ihre leicht kindliche Art und die damit verbundene Naivität lebt sie im Grunde zielstrebig an der Realität vorbei.

Dieses triste Leben führt Amélie bis sie eines Tages durch einen Zufall in einer kleinen Nische in ihrem Badezimmer hinter einer Fliese versteckt ein kleines Kästchen findet, dass einmal einem kleinen Jungen gehört hat. Dieser hatte vor gut vierzig Jahren in dieser Wohnung gelebt. In diesem Kästchen hat er seine gesamten kindlichen Schätze aufbewahrt. Amélie beschließt diesen Mann ausfindig zu machen, um ihm das Kästchen zu übergeben. Bevor sie das Kästchen dem Besitzer übergeben will, schleißt sie einen Pakt mit sich selbst. Sofern der Besitzer mit Freude und Rührung reagieren sollte, will sie in Zukunft versuchen mehr auf die anderen Mitmenschen einzugehen und ihnen etwas Freude bringen. Allerdings steht für sie gleichzeitig auch fest, dass sie bei Ablehnung mit dem Thema Mitmenschen ein für alle mal abschließen wird.

Der Mann zeigt sich sehr gerührt und ist überwältigt von seinen Erinnerungen und beschließt in seiner sentimentalen Phase selbst wieder offener für seine Umwelt und seine Familie zu sein. Er will versuchen den Kontakt zu seiner Tochter und dem inzwischen geborenen Enkel wieder aufzunehmen. Amélie fängt nun an sich in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen, um deren Glück etwas auf die Sprünge zu helfen, da sie dieser Zwischenfall zu überwältigt hat. In ihrem Umwelt gibt es passender Weise auch genügende Menschen die ihre Hilfe gebrauchen können. So kann Amélie in der Folge mal als Glücksfee oder auch als böser Racheengel ihrem Ziel nachgehen.

Dies geschieht zum Teil auf sehr einfache Art und Weise und zum Teil sind ihre Ideen auch ziemlich skurril. Eines Tages entdeckt sie in der Zeitung einen Artikel, der davon handelt, dass ein vor Jahren abgestürztes Flugzeug in den Bergen gefunden wurde. Dieses Flugzeug hatte als Ladung unter anderem einen Postsack und diese wurde nun mit großer Verspätung noch ausgeliefert. Eine Frau wurde damit sehr glücklich gemacht.

So beschließt Amelie einer Nachbarin einen Brief von ihrem Ehemann zukommen zu lassen, in dem er ihr sagt, wie sehr er sie liebt, da die Frau ihrem Ehemann immer noch nachtrauert und den Schmerz nicht vergessen kann. Natürlich glückt ihr auch diese Tat die Liste an Beispielen ließe sich noch lange fortführen, aber ich möchte auch nicht alle Teile der Geschichte vorwegnehmen. Amélie hat für alles einen Trick parat und kennt immer eine passende Lösung. Aber genauso wie sie für die Mitmenschen Glück bringt setzt sie sich auch bei Ungerechtigkeit ein.

Der behinderte Hilfsarbeiter, der von seinem Chef, dem Gemüsehändler bis auf das Tiefste gedemütigt und tyrannisiert wird hilft sie, indem sie seinen Chef an den Rande eines Nervenzusammenbruchs bringt. Aber bei allen Taten verfolgt sie nur ein Ziel: Den Menschen gutes tun. Ausgesprochen phantasievoll und ideenreich bringt sie so die Menschen ihrem Glück ein kleines Stückchen näher.

Leider bleibt Amélies eigenes Glück auf der Strecke, denn sie schafft es nicht, den schüchternen Nino für sich zu gewinnen und über ihren eigenen Schatten zu springen und den ersten Schritt zu machen. Ihre heimliche Liebe scheint für immer unerreichbar, oder wird jetzt ihrem Glück auf die Sprünge geholfen?


Schauspieler

Die Auswahl der Schauspieler ist sehr gut gelungen, denn sie alle versprühen viel Natürlichkeit und man entwickelt sofort viel Sympathie für die Protagonisten. Ich denke, gerade die Tatsache, dass es keine Hollywoodhelden sind hilft hier sehr. Die unbekümmerte und leichte Lebensart der Amélie wird von Audrey Tautou nahezu perfekt verkörpert. Besonders schön ist es festzustellen, wie es gerade die kleinen Dinge des Lebens sind, die ihr Leben lebenswerter und sie glücklich machen. In meinen Augen eine wunderbare Botschaft, die man sich durchaus zu Herzen nehmen kann.

Der junge Mann für den sich Amélie sehr interessiert wird von Mathieu Kassovitz gespielt. Er hat ein sehr überzeugendes und auch interessantes Wesen. Ihm gelingt die Darstellung des verspielt und leicht verrückt wirkenden jungen Mannes ebenfalls sehr gut. Durch seine Art gelingt es ihm Amélie aus ihrer verträumten Welt zu entführen und sie der Realität ein Stückchen näherzubringen.

Des weiteren gibt es in diesem Film noch zahlreiche kleine aber nicht minder unbedeutendere Rollen, die alle ihre kleinen Botschaften vermitteln. Auch hier ist in meinen Augen eine gute Besetzung gelungen. Beeindruckend ist hier in erster Linie der zurückbebliebende Hilfsarbeiter Lucien, der von Jamel Debbouze verkörpert wird. Er versprüht durch seine fröhliche Art pure Lebensfreude und mit dieser Einstellung steckt er seine Mitmenschen an.

Bei allen Schauspielern hat man stets den Eindruck als ob die Mimik und Gestik passend sind und als ob sie sich selber spielen würden. Auf jeden Fall eine exzellente Besetzung mit hauptsächlich Theatererfahrenen Schauspielern. Ich denke, der verzicht auf große bekannte Stars hat sehr zum Gelingen des Films beigetragen.


Epilog

Ich finde dieser Film ist sehr unterhaltsam und auch humorvoll, aber keineswegs gradlinig. Irgendwie wirkt der Film sehr verschnörkelt und er ist eine Mischung aus Poesie und Wirklichkeit. Alleine schon der Anfang des Films erzeugt eine besondere Wirkung, da die Vorgeschichte in einem atemberaubenden Tempo dargestellt wird. Alle diese einzelnen Ereignisse sind mit großer Liebe zum Detail geschildert und umgesetzt worden. Obwohl die gesamte Gesellschaft auf eine sehr skurrile Art und Weise dargestellt wird und die Menschen alle ihre speziellen Problem haben, wirken sie auf den Zuschauer sehr sympathisch. Vielleicht ist es auch gerade diese Menschlichkeit, die eine Identifikation zulässt.

Die Liebe zum Detail hat auch Amelie selber, weshalb während der Geschichte immer wieder kleine alltägliche Dinge in den Vordergrund gehoben werden, welche man normalerweise selber gar nicht beachten würde. Durch diese Alltäglichkeiten und Greifbarkeit wirkt die Liebesgeschichte nie kitschig und versprüht einen gewissen Charme und lässt den Zuschauer mitträumen.

Dieser Film ist einfach nur ungewöhnlich, äußerst phantasievoll und skurril zugleich. Das faszinierende an diesem Film ist sicherlich auch, dass der gesamte Weg von Amélie von merkwürdigen Erscheinungen und skurrilen Gestalten gepflastert ist. Als Zuschauer sieht man die Welt mit Amélies Augen und kann sich gut in sie hineinversetzen und mit ihr mitfühlen. Auf eine wunderbare Art und Weise geht man mit ihr ihren schweren Weg zwischen Traumwelt und Realität.

Die Kameraführung ist sicherlich an einigen Stellen untypisch, aber sie hilft immer die passende Stimmung zu vermitteln. Der gesamte Film wurde übrigens später am Computer noch nachgearbeitet. Ein weiterer gelungener und gleichermaßen untypischer Effekt des Filmes ist es auch, Fotos, Bilder und Gegenstände zum Leben zu erwecken. Durch Computeranimation werden sie so zu liebevollen und skurrilen Lebewesen.

Die gesamte Geschichte ist durch wundervolle Bilder hinterlegt und diese ergänzen sich perfekt mit der Musik, die auch sehr zu empfehlen ist. Wenn ihr darüber mehr erfahren wollt, kann ich euch nur den Beitrag von Giulietta „Lasst euch verzaubern“ zum Soundtrack empfehlen. Teilweise wirken die Bilder etwas kitschig, aber sie passen immer zu den Szenen und verdeutlichen den Moment. In der Regel erwecken sie einen sehr ästhetischen Eindruck auf den Zuschauer. Diese gelungene Kombination von Bildern und Ton trägt sehr zu dem guten Gesamteindruck bei und macht den Film zu einem Erlebnis. Die zeitweise allegorischen Szenen sind ein deutliches Plus für diesen Film.

Der Film ist sicherlich nicht nur für die Träumer unter uns gedacht, denn er enthält viel Botschaften und der Zuschauer wird sich sicherlich in einigen Situationen wiedererkennen können und gerade diese Tatsache macht den Film sehenswert. Zudem ist er eine tolle Kombination aus Liebesgeschichte, Wortwitz und Charme. Einfach ein Film zu mitfühlen und genießen. Amélie gelingt es immer wieder ein für Momente Glück und Freude und somit auch Farbe in das Leben ihrer Mitmenschen zu bringen. Es wäre wünschenswert, wenn auch die Realität manchmal so sein könnte. Wer sturen Realist ist, wird aus diesem Grund wohl auch kaum Gefallen an diesem Film finden. Von mir erhält er auf jeden Fall das Prädikat: Besonders wertvoll!

„Das Leben ist nichts als die endlose Probe einer Vorstellung die niemals stattfindet.“

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