Spiel mir das Lied vom Tod (VHS) Testbericht

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ab 8,08
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Erfahrungsbericht von LosGatos

Der Junge mit der Mundharmonika

Pro:

Kameraführung und Musik

Kontra:

ich habe den Film für mich erst spät entdeckt

Empfehlung:

Ja

Die Besiedlung Amerikas erfolgte bekanntlich von Ost nach West. Halt, nein, wie die Indianer das gemacht haben, wissen wir wohl nicht so genau. Das, was die einwandernden Europäer, getrieben von ihrem Traum nach Gold, Zivilisierung nannten, begann in Boston mit der Mayflower und endete im Westen mit Union Pazific. Dazwischen lag viel Blutvergießen, was komischerweise Jung und Alt immer wieder begeistert hat. Im Kino jedenfalls, und von Kindern auch vor Lex Barker und Pierre Brice immer wieder nachgespielt. So gehören zu einem guten Western normalerweise ein paar Schurken, einige Gerechte und eine Horde Indianer.

Der Kult-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“, der im Original „ C’era Una Volta il West“ und im Englischen entsprechend „Once upon a time in the West“ heißt, kommt zumindest ganz ohne letztere aus. Da ist der irische Auswanderer Brett McBain, der sich irgendwo, wo sich Wüstenfuchs und Klapperschlange gute Nacht sagen, „in the middle of nowhere“, wie der Amerikaner sagt, ein Grundstück mit einer Farm gekauft hat. Wegen dieser Schnapsidee mit Sweetwater, so hat er die Lokalität getauft, gilt er als verrückt. Doch McBain hat sich durchaus etwas dabei gedacht. Das Grundstück besitzt nämlich den einzigen Brunnen weit und breit. Und die Zivilisierung Amerikas wird begleitet vom Bau der Eisenbahnlinie von Ost nach West. Auf ihr fahren Dampfloks, und die brauchen vor allem eins: Wasser. Somit sollte Sweetwater bald zur Tankstelle und Oase werden. Für Puffgänger gelten mitunter zwei Klischees: die Draufgänger sind von dem Ehrgeiz getrieben, die Prostituierten zum Orgasmus zu bringen, die „Heiligen“ sind von dem Wunsch beseelt, die Damen „da rauszuholen“. McBain scheint zur zweiten Kategorie zu gehören. Denn vor kurzem hat er in einem Bordell in New Orleans die Nutte Jill (Claudia Cardinale) kennengelernt und auch gleich geheiratet. Sie soll zu ihm nach Sweetwater ziehen und an die Stelle seiner verstorbenen Frau treten und seine 3 Kinder hüten. Doch als Jill mit Eisenbahn und Kutsche Sweetwater erreicht, ist die Familie McBain bereits ausgelöscht.

Männer mit langen Staubmänteln und riesigen Schlapphüten waren hier am Werke. Ihr Anführer ist Frank (Henry Fonda). Der skrupellose Schurke ist jedoch nur Handlanger des reichen Morton (Gabriele Ferzetti), der zwar schwer krank, aber von dem Wunsch beseelt ist, mit dem Bau seiner Eisenbahn die Westküste Amerikas zu erreichen und den Pazifik zu sehen. McBain ist nur ein Stein auf seinem Weg, wobei Frank jedoch überzieht, indem er „auf seine Art“ handelt, während Morton es vorzieht, Angelegenheiten mit Geld zu erledigen.

Die Hauptfiguren in diesem Psycho-Western sind außer Frank der Outlaw Cheyenne, ein steckbrieflich gesuchter Schurke (Jason Robards) und der geheimnisvolle Fremde „Mundharmonika“ (Charles Bronson), der mit Frank eine alte Rechnung zu begleichen hat. Frank ist sich dessen aber nicht bewusst und rätselt die ganze Zeit über den sonderbaren Fremden, der ihm zwar bekannt vorkommt, den er aber nicht einordnen kann. In der Mitte dieses Dreiecks steht mit Jill eine schöne Frau, die dem Film den nötigen Glanz verleihen soll. Sie ist allen Dreien irgendwie verbunden. Für Cheyenne darf sie den Kaffe kochen, Mundharmonika beschützt sie und von Frank lässt sie sich flach legen.

Auch wenn Cheyenne schon manchen umgelegt hat und deshalb steckbrieflich gesucht ist (5000 $ Belohnung), ist er mehr ein Robin Hood als ein Schurke. Er wird zwar verdächtigt, die McBains ausgelöscht zu haben, aber einer wie er schießt weder auf Kinder noch auf wehrlose Krüppel wie Morton. Für ihn gibt es so etwas wie Ganovenehre. Obwohl Jason Roberts auch schon Oscars für beste Nebenrollen erhielt und zahlreiche Filmrollen spielte, war er zeitlebens mehr ein Bühnendarsteller. So ist es durchaus erklärlich, dass dieser hervorragende Schauspieler vergleichsweise zu Fonda oder Bronson eher wenig Weltruhm erlangt hat.

Die Rolle des Bösen ist hier ausgerechnet dem großen Henry Fonda vorbehalten. Lange hatte er sich gewunden, sie zu übernehmen, war er doch bis dahin immer nur der Gute. Die meisten Schauspieler sind ja auf einen bestimmten Typ festgelegt, vielleicht, weil es das Publikum so will. Wahre schauspielerische Größe zeigt sich darin, auch ungewohnte Rollen übernehmen zu können. Henry Fonda, der seinen Kindern Peter und Jane nur wenig von seinem Charisma vererbt hat, ist es hier gelungen.

Und Charles Bronson? Er spielt hier den Rächer des Bösen, in seiner unnachahmbaren Art des großen Schweigers mit dem Indianergesicht. Vielleicht seine berühmteste und beste Filmrolle. Ich kann es aber schwer beurteilen, weil ich nicht so übermäßig viele Bronson-Filme gesehen habe, zumal er doch später mehr ein Action-Film-Darsteller war.

Sind damit alle Hauptdarsteller genannt? Keineswegs. Denn alle Genannten spielen in diesem Film eigentlich nur Nebenrollen. Die Hauptrollen gebühren hingegen der Musik und der Kamera. Einer der berühmtesten Soundtracks, der je geschrieben wurde, bestimmt hier in einmaliger Art und Weise den Takt des Films. Mal ist es die Titelmelodie „Unce upon a time in the West“, dann die Schreckensmelodie „Das Lied vom Tod“ und zwischendurch die eher beruhigende Grundmelodie, die ein wenig an die Filmmusik aus „Ein ungleiches Paar“ erinnert. Alles aus der Feder von Ennio Morricone, der mit vielen Western-Soundtracks bekannt wurde, hier jedoch zweifelsohne sein Meisterwerk abgeliefert hat. Gleiches gilt für die Kameraführung. Egal, ob die himmelblauen Augen Henry Fondas, die rehbraunen Augen Claudia Cardinales oder das gelassene Indianergesicht Bronsons, nie hat eine Kamera Gesichter eindrucksvoller eingefangen. Allein durch den „längsten Vorspann aller Zeiten“ wird der Zuschauer bereits in den Bann des künstlichen Auges gezogen, dem jedoch auch das kleinste Detail nicht entkommen kann. Da, wo noch Nebendarsteller agieren, lässt die Kamera auch diese glänzen. Sie haben fast keine andere Wahl. Selbst ein lästige Fliege wird zum Star.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ ist zwar ein Hollywood-Film (Paramount), doch uraufgeführt wurde er 1968 zu Weihnachten in Italien. Denn zu dem Film gehören nicht nur Bella Italia in Gestalt von Claudia Cardinale und die Musik von Ennio Morricone, sondern vor allem Sergio Leone als Regisseur, der Vater der Italo-Western. Eigentlich war er längst western-müde und wollte sich anderen Themen widmen. Einmal ließ er sich noch überreden. Heraus kam sein Meisterwerk, das als Abrechnung Leones mit dem Thema Western angesehen werden kann. Waren seine „Halleluja“-Filme mit Terence Hill alias Mario Girotti und Bud Spencer bis dato eher billige Unterhaltung gewesen, setzte er mit seinem berühmtesten Film einen eindrucksvollen Schlusspunkt. Nun konnte keiner mehr behaupten, dass man noch bessere Western machen könne, und wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich gehen. Das Thema Western war für Leone damit ein für alle Mal erledigt. „Once upon a time in America“ sollte aber erst viel später folgen. Zumindest vom Titel her ein nahtloser Übergang.

Neben den genannten Darstellern und der nie zuvor da gewesenen Inszenierung kommt noch der Eisenbahn eine besondere Rolle zu. Sie ist nicht nur Fortbewegungsmittel zur Erschließung des Westens, sondern auch Symbol für Geld und Macht. Wie auch heute noch in manchen Teilen der Welt festgestellt werden kann, macht die sogenannte Zivilisation die Menschen nicht unbedingt glücklicher und besser. Der Einfluss von Geld und damit verbundener Korruption als Katalysator begleiten auch hier den Siegeszug nach Westen ins gelobte Land.

Der Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist so intensiv. Ein einmaliger Genuss ist längst nicht ausreichend. Folgebehandlungen sind dringend empfohlen. Man wird immer wieder Neues entdecken. Und über zweieinhalb Stunden (Heim-)Kino vom Feinsten sind immer schnell vorbei.

Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 17.10.2004
Veröffentlicht außer bei Ciao derzeit nur noch bei Yopi

25 Bewertungen, 1 Kommentar

  • BLueer

    27.02.2006, 01:15 Uhr von BLueer
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh, einer meiner Lieblingsfilme - alt aber gut. MFG BLueer