Der Nachtwandler (Taschenbuch) / Sebastian Fitzek Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Niveau:  sehr anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  sehr hoch
  • Spannung:  sehr hoch
  • Humor:  wenig humorvoll
  • Stil:  sehr ausschmückend

Erfahrungsbericht von LilithIbi

"Ich fürchte, mir fehlt ein Teil meiner selbst."

5
  • Niveau:  anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  durchschnittlich
  • Spannung:  sehr hoch
  • Humor:  kein Humor
  • Stil:  ausschmückend
  • Zielgruppe:  Erwachsene

Pro:

Schreibstil, Thematik, Erklärungen, beunruhigende Nachwirkungen

Kontra:

so spannend, dass aus meinem Abendessen ein Mitternachtssnack wurde

Empfehlung:

Ja

Sebastian Fitzek lernte ich persönlich erst so richtig wertzuschätzen, als ich in der Vorpremiere zu „Das Kind“ sitzen durfte. Während nicht wenige von dem Film enttäuscht waren, kannte ich die Buchvorlage nicht und beschloss umgehend, mir diverse Werke des Autoren nachträglich anzueignen. So wirklich dazu gekommen bin ich nie ~ dass der im April 2013 erschienene Psychothriller

“Der Nachtwandler“


ebenfalls verfilmt werden soll, erschien mir beinahe wie ein Zeichen. Fakt ist: die gesamten 319 Seiten (inklusive persönliches Nachwort des Autoren, welches nicht minder packend formuliert wurde) habe ich ohne nennenswerte Unterbrechung gelesen. Lediglich eine Toilettenpause gestattete ich mir, verzichtete andererseits auf mein Abendessen, um die Lektüre nicht unnötig aus der Hand legen zu müssen.

Obschon mich die Thematik an sich nicht sonderlich gereizt hatte, gab es für mich keinerlei Zweifel, das Buch unbedingt lesen zu müssen. Es ist, wie es ist: Sebastian Fitzek fasziniert mich derzeitig, so dass es vollends ausgereicht hätte, sein Werk mit einem Pseudonym zu versehen, und ich hätte es vermutlich niemals zu Gesicht bekommen.

„Der Nachtwandler“ handelt von dem, was man sich Dank des Titels bereits ansatzweise denken kann:
Natalie scheint ihren Mann Leon überstürzt zu verlassen. Dieser kann sich ihre mannigfaltigen Verletzungen nicht erklären, ahnt aufgrund kindlicher Erfahrungen jedoch, dass er an jenen vielleicht nicht so ganz unschuldig ist. Diverse Zeichen häufen sich flugs, die darauf hinweisen, dass Leon nicht nur schlafwandelt, sondern in diesen Streifzügen förmlich ein zweites Leben führt. Der kontaktierte Psychotherapeut Dr. Volwarth, der Leon bereits in dessen Jugend behandelte, versucht erneut, Leon zu beruhigen ~ schließlich gab es nie einen Beweis dafür, dass er vor zig Jahren seinem Adoptivbruder wahrhaftig etwas antun wollte. Warum sollte es in Bezug auf die Frau, die er liebt, nun anders sein?
So wenig ernst Dr. Volwarth Leons Situation zu nehmen scheint, so sehr steigert sich dieser in eklatante Befürchtungen hinein. Die Idee, sich nachts zu filmen, erweist sich als buchstäblich Türöffnend...

Die Umsetzung

erinnert zwangsläufig ein ganz klein wenig an „Paranormal Activity.“ Die Idee, des nächtens aufzuzeichnen, was im Hause vor sich geht, hat inmitten „Der Nachtwandler“ indes noch eine Besonderheit für sich: es geht nicht exakt um absonderliche Ereignisse im Haus, sondern vielmehr um das, was Leon im Schlaf alles tut.

Besonders positiv hervorzuheben in diesem Kontext, dass der Autor gewissenhaft dafür Sorge trug, den Leser mit allem Wissenswerten wie notwendigen Hintergrundwissen rund um die Somnambulie-Forschung respektive die sog.“Schlaflähmung“ auszustatten. Passagen, die über den (tatsächlich existierenden) Fall von Kenneth Park berichten, der sich schlafwandelnd in sein Auto begab und kilometerweit fuhr, um jemanden zu ermorden, geben nicht nur Aufschluss, sondern sorgen überdies für weiteren Tiefgang wie eine beklemmende Atmosphäre.

Erwähnenswert de facto ebenfalls, wie verschlungen und verschnörkelt „Der Nachtwandler“ zu Papier gebracht wurde. Etliche Wendungen, Offenbarungen in winzigen Details oder gar ein Traum im Traum im Traum fordern eine hohe Aufmerksamkeitsspanne des Lesers ~ jene, die eine locker-unterhaltsame (oder zumindest nicht ganz so anspruchsvollen) Lektüre suchen, sollten sich meiner Vermutung nach lieber nach einer Alternative umsehen.

So nervig umfangreiche Aufklärungsmonologe allzu oft sein mögen, so galant packte Sebastian Fitzek jene Enthüllung in nicht minder fesselnde Seiten, ohne die man meines Empfindens nach nahezu unmöglich die gesamte Ereignispalatte (be)greifen könnte.
Hinsichtlich dessen kann ich sagen, dass ich nach Abschluss des meinigen Leseprozesses das Gefühl innetrug, hier einen Thriller in den Händen halten zu dürfen, den man als Film sicherlich zweimal betrachten wollen würde, um sämtliche Details noch einmal mit dem „neuen“ Wissen zu betrachten. Die „Mühe“ hingegen, ein Buch erneut zu lesen, wird sich meiner These nach kaum jemand machen wollen, so dass wohl oder übel kleinere Unmutsfragmente über bleiben könnten. Das, oder aber das Gefühl, etwas fürwahr komplex-großartiges gelesen zu haben.

Ich selbst war und bin wie bereits ausgeführt von „Der Nachtwandler“ rigoros angetan. Ein hoher Spannungsbogen ist von den ersten Seiten an gegeben, übertrifft sich im weiteren Verlauf immerfort, ohne das man als Leser sich bis dato hätte vorstellen können, dass dies überhaupt möglich gewesen sein könnte. Obschon ich an für sich vorhatte, mir das Buch auf zwei Tage aufzuteilen, konnte ich mich Dank eines durch den Auftritt eines Polizisten absoluten Knaller-Momentes auf der 156.ten Seite nicht mehr von den Seiten lösen. Nur vier Seiten später findet sodann eine weitere völlig ungeahnte und zu guter Letzt nicht minder glaubwürdige Wendung ihren Platz, die mich förmlich mitfühlen lies, wie Leon der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
So wirklich viel sollte man von „Der Nachtwandler“ durchaus nicht vorab preisgeben; funktioniert das Buch am besten, je weniger der potentiell Interessierte im Vorfeld darüber weiß.

Wie gewohnt erwischt der Autor seine Leser mit diversen Alltagsgrausamkeiten eiskalt, so dass man sich neben der eigentlichen Story auf ähnliche Art und Weise mit einem dumpfen Gefühl in der Magen- wie Herzgegend auseinander setzen muss:

„Vor einem Supermarkt um die Ecke brach er zusammen.
Niemand sprach ihn an. Keiner wollte dem offensichtlich geistesgestörten Menschen zu nahe kommen, aber Leon sah, wie sich eine Traube von Schaulustigen um ihn bildete.
Viele hatten ihr Handy gezogen.
(…)
„Beeilen Sie sich. Er erfriert“, hörte er eine Frau rufen. Autos hupten. Jugendliche lachten und machten Fotos.“
(Zitat, S. 276)

Machtlosigkeit wie auch Verzweiflung darüber, dass Umstehende sich mehr und mehr distanzieren, von der Situation rund um das Nicht-Wissen, was man im Schlafzustand getan haben mag vollends überfordert sind bzw. sich solcherlei nicht einmal vorstellen können, bilden den zentralen Kernpunkt in „Der Nachtwandler“. Nur schwerlich kommt man meiner Meinung nach umhin, sich nicht direkt in die Lage von Leon hineinzuversetzen, während man zugleich mit der Frage kämpft, diesen als ausschließliches Opfer oder gar als möglicher Täter sehen zu dürfen.

So oft, wie sich die Vermutungen, Schlussfolgerungen und Verdachtsmomente des Lesers unfreiwillig drehen und wenden, kann einem durchaus schwindelig werden. Dringlich anzuraten wäre meiner Meinung nach somit der Versuch, den Thriller möglichst ohne allzu viele Pausen zu lesen, um sich im Verlauf an möglichst jedwede Details zu erinnern.

Summa summarum


muss ich gestehen, dass ich die Aufklärung des Ganzen im ersten Moment als ~ pardon ~ a bisserl plemplem befand. Nur wenige Momente später hingegen tat sich in mir die eher gegenteilige Überzeugung auf, vielmehr an einem durchweg genial-raffinierten Einfall des Autoren teilhaben zu dürfen, der nicht minder verwirrend geblieben ist.
Verwirrend aufgrund des Umstandes, dass es schwerfällt, sich gewisse Dinge vorzustellen, solange man nicht selbst betroffen ist. Bzw. davon schlicht und ergreifend nichts ahnt.

Insbesondere Dank des Umstandes, dass der Psychothriller durchweg authentischer Natur bleiben durfte, worüber hinaus man mit dem Rätselraten ob der eigenen Person schlussendlich alleine gelassen wird, konnte ich mich noch am Morgen danach nicht der Atmosphäre entziehen. Wer weiß schon so genau, was ich nachts getan habe, als ich dachte, das Buch lediglich auf mich wirken zu lassen? Habe ich wirklich noch eine DVD geschaut, oder habe ich vielmehr geträumt, dies zu tun?
Es ist, wie es ist: „Der Nachtwandler“ verfügt nicht nur über eine Nachwirkung, sondern regt darüber hinaus zum Grübeln wie eigenständigen Nachforschen an, welche Auswirkungen die thematisierten Schlafstörung im Laufe der Menschheit bereits beweisführen durfte.

Immer dann, wenn ich dachte, der Lösung ein Schritt näher gekommen zu sein und das alles überaus grausam zu finden, dreht sich das bis dato zurechtgelegte um etliche Grade, um mich vor einer noch viel grausigeren Zwischenmenschlichkeit zu stellen ~ so perplex wie zugleich gefesselt war ich persönlich aufgrund eines Buches schon lange nicht mehr.
Logische Konsequenz: volle Punktzahl, eindringliche Leseempfehlung sowie innerliche hoffend-bangende Vorfreude auf die geplante Leinwandumsetzung.

15 Bewertungen, 3 Kommentare

  • Lucky130

    10.04.2013, 09:50 Uhr von Lucky130
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH & LG!

  • katjafranke

    10.04.2013, 00:50 Uhr von katjafranke
    Bewertung: sehr hilfreich

    Einen lieben Gruß KATJA

  • Lale

    09.04.2013, 19:31 Uhr von Lale
    Bewertung: sehr hilfreich

    Allerbesten Gruß *~*