Die Henkerstochter (Taschenbuch) / Oliver Pötzsch Testbericht
Auf yopi.de gelistet seit 12/2009
Erfahrungsbericht von margy
die tochter des henkers
Pro:
siehe bericht
Kontra:
siehe bericht
Empfehlung:
Ja
Die broschierte 511-seitige Ausgabe dieses Buches erschien im Ullstein Verlag in der deutschen Sprach am 1. April 2008. Unter der ISBN 3548268528 ist das Buch zu einem Preis von 8,95 € erhältlich.
Buchumschlag:
Vor einer Wand in einem hellen orange und weiß, auf der eine Stadt abgebildet ist, zeigt sich eine junge Frau mit einer weißen Binde um die Augen. Sie trägt ein rotes Kleid mit einem weißen Einsatz im Dekolltee. Ein Mann beugt sich von der rechten Seite des Betrachters aus gesehen mit seinem rechten Arm über sie, fasst sie am Ellenbogen und schaut in ihr Gesicht. Die Haare des Mannes schimmern gelbgrün. Er trägt ein schwarzes Gewand mit riesengroßem gelben Kragen.
Autor:
Geboren 1970 als erster von drei Söhnen in München. Vater Allgemeinarzt, Mutter Grundschullehrerin, Urahn Henker.
Abitur 1990 auf dem Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching. Eintrag in die Abiturzeitschrift bei „Zukunftsträume 2010“: Literatur-Nobelpreis.
1991 : Erstes Schreiben von Fantasy-Kurzgeschichten in der Nachtpforte der Zivildienststelle.
1992 bis 1997: Besuch der Deutschen Journalistenschule in München. Stetiges Begraben der Karriereträume vom Bestseller-Autor, Show-Moderator und Soulsänger.
Seit 1997: Fester freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk. Zunächst beim Radio, später vor allem für das Fernseh-Magazin quer.
Ab 1999: Reisefilme für das Freizeit-Magazin (BR) unter anderem aus Kuba, Südafrika und Vietnam.
2000: Geburt meines Sohns Niklas
2003: Geburt meiner Tochter Lily
seit 2005: Glücklich verheiratet mit Katrin Pötzsch, die als Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk das nötige Geld verdient, damit ich als Tomatenzüchter, Kinderhüter, Soulsänger, Fernseh-Autor und Teilzeitschriftsteller über die Runden komme.
Inhalt:
Der Dreißigjährige Krieg des 17. Jahrhunderts fand gerade sein Ende. Schon gau ist ein Ort in Bayern. In der Lech schwimmt ein Junge, der kurz vor seinem Tod aus dem Fluss geborgen wird. Der Junge ist tätowiert. Zur Zeit der Ketzerei und der Inquisition deuten die Leute das als Werk einer Hexe. Die Hebamme von Schongau wird der Tat verdächtigt. Jakob Kuisl ist der Henker des Ortes und er soll sich an das Werk machen, die Hebamme zu foltern, um von ihr zu erfahren, dass sie die Täterin ist. Jakob Kuisl jedoch ist von ihrer Unschuld überzeugt. Mit seiner Tochter Magdalena und einem jungen Medicus versucht er Beweise zu finden, dass die Hebamme nicht die Hexe und Täterin ist.
Textausschnitt:
Prolog
Schongau,
12. Oktober Anno Domini 1624
Der zwölfte Oktober war ein guter Tag zum Töten. Die ganze Woche hatte es geregnet, doch an diesem Freitag nach Kirchweih hatte der liebe Herrgott ein Einsehen. Die Sonne schien trotz des beginnenden Herbstes warm hinunter auf den Pfaffenwinkel, und oben von der Stadt her waren Lärm und Gelächter zu hören. Trommeln dröhnten, Schellen klirrten, irgendwo spielte eine Fiedel. Der Geruch von Schmalznudeln und gebratenem Fleisch drang hinunter bis ins stinkende Gerberviertel. Es würde eine schöne Hinrichtung werden.
Jakob Kuisl stand in der lichtdurchfluteten Stube und versuchte seinen Vater wachzurütteln. Zweimal war der Büttel schon vorbeigekommen, um sie abzuholen. Diesmal würde er sich nicht mehr abwimmeln lassen. Der Kopf des Schongauer Scharfrichters lag auf der Tischplatte, das lange, strähnige Haar schwamm in einer Lache aus Bier und Branntwein. Er schnarchte und zuckte gelegentlich im Schlaf.
Jakob beugte sich hinunter bis zum Ohr seines Vaters. Er roch eine Mischung aus Alkohol und Schweiß. Angstschweiß. Vor Hinrichtungen roch sein Vater immer so. Spätestens nach der Urteilsverkündung fing der sonst mäßige Trinker zu saufen an. Er aß nichts und redete kaum noch. In den Nächten wachte er dann oft schreiend und schweißüberströmt auf. Die letzten zwei Tage war er praktisch nicht mehr ansprechbar. Seine Frau Katharina wusste das und zog deshalb regelmäßig mit den Kindern zu ihrer Schwägerin. Nur Jakob musste bleiben, schließlich war er der älteste Sohn und damit der Knecht seines Vaters.
»Wir müssen los! Der Büttel wartet!«
Jakob hatte erst geflüstert, dann laut geredet, mittlerweile brüllte er. Endlich regte sich der schnarchende Koloss.
Johannes Kuisl sah seinen Sohn aus blutunterlaufenen Augen an. Seine Haut hatte die Farbe von trockenem, altem Brotteig; im schwarzen, strähnigen Bart hingen die Reste der Gerstensuppe vom gestrigen Abend. Mit seinen langen, fast klauenartig gekrümmten Fingern fuhr er sich übers Gesicht. Dann richtete er sich in seiner ganzen Länge von fast sechs Fuß auf. Der mächtige Körper schwankte einen Moment lang, kurz schien es, als ob er vornüberfallen wollte. Doch dann hatte Johannes Kuisl Halt gefunden. Er straffte sich.
Jakob reichte seinem Vater den fleckigen Rock, den Lederkoller für die Schultern und die Handschuhe. Gemächlich zog der große Mann sich an und wischte sich die Haare aus der Stirn, dann schritt er ohne ein Wort hinüber zur hinteren Stubenwand. Dort, zwischen der abgewetzten Küchenbank und dem Herrgottswinkel mit Kruzifix und getrockneten Rosen, lehnte das Richtschwert. Es war gut zwei Armlängen lang, mit kurzer Parierstange, ohne Spitze, dafür mit einer Klinge, mit der man ein Haar in der Luft hätte zerschneiden können. Sein Vater schärfte es regelmäßig. Es glänzte in der Sonne, als wäre es gestern erst geschmiedet worden. Keiner konnte sagen, wie alt es war. Vor Johannes Kuisl hatte es seinem Schwiegervater Jörg Abriel gehört und davor dessen Vater und dessen Großvater. Irgendwann würde es Jakob gehören.
Vor der Haustür wartete der Büttel. Immer wieder drehte der kleine, schmächtige Mann den Kopf hinüber zu den Stadtmauern. Sie waren spät dran, wahrscheinlich wurden die Ersten oben schon ungeduldig.
»Mach den Wagen fertig, Jakob.«
Die Stimme seines Vaters klang ruhig und tief. Das Schreien und Schluchzen von heute Nacht war wie durch Zauberei verschwunden.
Als Johannes Kuisl seinen massigen Körper durch die niedrige Holztür schob, wich der Büttel unwillkürlich einen Schritt zur Seite und schlug ein Kreuz. Im Ort war der Henker kein gern gesehener Mann. Nicht zufällig lag sein Haus draußen vor der Stadt im Gerberviertel. Wenn der Hüne im Gasthof schweigend seinen Wein trank, saß er an einem eigenen Tisch. Auf der Straße wich man seinem Blick aus; es hieß, er brachte Unglück, besonders an Hinrichtungstagen. Die Lederhandschuhe, die er heute trug, würden nach der Exekution verbrannt werden.
Der Henker setzte sich auf die Bank neben dem Haus und genoss die Mittagssonne. Wer ihn so sah, konnte kaum glauben, dass er noch vor einer Stunde im Delirium vor sich hingemurmelt hatte. Johannes Kuisl galt als guter Scharfrichter. Schnell, stark, ohne Zaudern. Keiner außerhalb der Familie wusste, wie viel er vor den Hinrichtungen in sich hineinschüttete. Jetzt hatte er die Augen geschlossen, als lauschte er irgendeiner fernen Melodie. Noch immer war der Lärm aus der Stadt zu hören. Musik, Gelächter, irgendwo in der Nähe zwitscherte eine Amsel. Das Schwert lehnte wie ein Spazierstock an der Bank.
»Denk an die Stricke!«, rief der Henker seinem Sohn zu, ohne die Augen zu öffnen.
Jakob zäumte in dem ans Haus angrenzenden Stall den klapprigen Schimmel auf und spannte ihn vor den Wagen. Stundenlang hatte er den zweirädrigen Karren gestern noch geschrubbt. Zwecklos, wie er jetzt feststellen musste. Schmutz und Blutflecken hatten sich in das Holz eingefressen. Jakob warf auf die schlimmsten Stellen ein wenig Stroh. Dann war der Wagen bereit für den großen Tag.
Mit seinen zwölf Jahren hatte der Sohn des Henkers bereits einige Hinrichtungen aus nächster Nähe erlebt, zwei Erhängungen und das Ertränken einer dreimal verurteilten Diebin. Beim ersten Hängen war er gerade sechs Jahre alt gewesen. Jakob erinnerte sich noch gut, wie der Straßenräuber fast eine viertel Stunde lang am Seil getanzt hatte. Die Menge hatte gejohlt, und der Vater war an diesem Abend mit einem extragroßen Stück Hammelfleisch heimgekommen. Nach Hinrichtungen ging es den Kuisls besonders gut.
Jakob holte ein paar Seile aus der Truhe hinten im Stall und packte sie in einen Sack zu den Ketten, den rostigen Beißzangen und den Leinentüchern zum Aufwischen des Blutes. Dann warf er den Sack auf den Wagen und führte den aufgezäumten Schimmel nach draußen vor das Haus. Sein Vater kletterte auf den Karren und setzte sich im Schneidersitz auf den Holzboden. Das Schwert ruhte auf seinen mächtigen Oberschenkeln. Der Büttel schritt eilig vorneweg. Er war froh, außerhalb der Reichweite des Henkers zu sein.
»Los jetzt!«, rief Johannes Kuisl.
Jakob zog an den Zügeln, und der Wagen setzte sich quietschend in Bewegung.
Schreibstil:
die alte Zeit herauf beschwörend, bilderreiche Erzählungen, Szenenänderungen gut in Worte gefasst, ausführliche, detailreiche Beschreibungen, mitreißend, fesselnd, in den Bann ziehend, interessant, spannend, realisitisch, berührend, bewegend
Meinung:
Der sterbende Junge, der in Schongau aus dem Lech gezogen wird, hat viele Messerstiche, die ihm sein Leben rauben. Die Tätowierung auf der Schulter lässt die Menschen jener Zeit daran glauben, dass eine Hexe im Spiel war. Also wird die Hebamme des Ortes verdächtigt und eingekerkert. Auch andere Kinder sterben noch. Also wird der Henker Jakob Kuissl beauftragt, durch Folter der Hebamme ein Geständnis zu entlocken. Der aber glaubt an ihre Unschuld und macht sich mit seiner Tochter und dem Medicus auf die Suche nach Gegenbeweisen.
Im Buch aufgebaut ist die Hexenverfolgung nach gut recherchiertem Hintergrundwissen jener Zeit des 17. Jahrhunderts. Spannung aufbauend zu Beginn des Romans bleibt es spannend zu lesen bis zum Schluss.
Auch der Aberglaube dieser Zeit ist gut nachzuvollziehen.
Sehr glaubwürdig und realistisch, spannend und fesselnd nahmen mich die Handlungen und die Worte des Autors mit auf die Reise in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg in Deutschland.
Jakob Kuisl hat es in seinem Beruf nicht einfach. Auch sein Vater wwar schon bereits ein Henker und er vererbte diesen Beruf. Bei den Leuten in Schongau war er verhasst wegen seines Berufsstandes. Die Leute mieden die Familie.
Alle Informationen dieser längst vergangenen Zeit baut der Schriftsteller in sein Werk gekonnt und realistisch ein. Der Beruf des Henkers und sein Dasein mit der Verachtung und dem Hass seiner Mitmenschen sind ebenso wahrheitsgetreu wie die Szenen der Folter und der Hexenverfolgung mit dem dazu gehörenden Wahn.
Der Roman ist aus der Sicht des Henkers geschrieben und damit konnte ich alles aus der Sicht des vom Gericht beauftragten Menschen, der Menschen nach einem Urteil des Gerichtes zu töten hatte, miterleben.
Tod, Liebe, Politik zeigen die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg sehr lebendig auf.
Die Dialoge zwischen den Personen sind in einem Dialekt gehalten und niedergeschrieben.
Die Henkerstochter spielt nur eine Nebenrolle, die Hauptrolle spielt der Henker selbst in diesem Buch.
Der Prolog beginnt am 12.10.1624.
1. Kapitel: April 1659 und Kapitel 16 ist das letzte Kapitel des Romans am 1.5.1659.
Jedes dieser Kapitel hat ein Datum, Uhr- und Tageszeit und umfasst den Zeitraum von nivht ganz einem Monat.
Epilog: bringt den Abschluss dieses Romans und wird im Buch "Die Henkerstochter und der Mönch" weiter ausgeführt.
Der Zauber des Mittelalters kommt gut zur Geltung, die Denkweisen und der Aberglaube. Der Berufsstand des Medicus und auch des Henkers sind sehr gut beschrieben, auch die Traditionen aus dieser Zeit.
Ich bin begeistert von dem Roman, obwohl manche Sätze immer mal wieder wiederholt wurden. Mich hat das nicht allzu sehr gestört. Grausame und brutale Szenen zeigen an, in welcher Zeit die Menschen lebten und welchen Machenschaften der Kirche sie ausgeliefert waren.
37 Bewertungen, 9 Kommentare
-
05.09.2010, 19:38 Uhr von Humpen77
Bewertung: sehr hilfreichSehr schöner Bericht! Lieben Gruß
-
05.09.2010, 15:25 Uhr von Powerdiddl
Bewertung: sehr hilfreichLG und noch einen schönen Sonntag.
-
04.09.2010, 18:15 Uhr von Lanch999
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Bericht! LG von Lanch999
-
04.09.2010, 17:53 Uhr von morla
Bewertung: sehr hilfreichein schönes wochenende wünsch ich dir lg. petra
-
04.09.2010, 16:13 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichWünsche ein schönes Wochenende ..Lg Sigi
-
04.09.2010, 16:08 Uhr von Nina1805
Bewertung: sehr hilfreichSH! Würde mich über eine Gegenlesung freuen. Lg.
-
04.09.2010, 15:19 Uhr von Mondlicht1957
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich und liebe Grüsse
-
04.09.2010, 14:03 Uhr von trullilu
Bewertung: sehr hilfreichGrüße schickt dir trullilu !!!
-
04.09.2010, 14:01 Uhr von atrachte
Bewertung: sehr hilfreichsh. lg
Bewerten / Kommentar schreiben