Die CD von Capercaillie "Nadurra" aus dem Jahre 2000 ist eine von diesen kleinen hinterhältigen Dingern, denen man beim ersten Hören lediglich ein gefälliges "Naja" gönnte.
Spätestens beim dritten Mal schleicht sich dann der Drang in die unerforschten Verhaltensmechanismen, die "Nochmal-Taste" des CD-Gerätes mit einem Kaugummie auf Dauerbetrieb zu justieren. Nach dem fünften Mal Hören weiß man nichts mehr von einem überquellenden CD-Regal und es braucht eine Zeit, bis wieder Ruhe in eingekehrt ist im unkaputtbaren CD-Player zwischen den Ohren.
Capercaillie machen schottische Musik. Wer sich jetzt jedoch Dudelsäcke über rotkarierten Bäuchen mit Rock drunter vorstellt, liegt etwa genauso falsch, wie derjenige, der amerikanische Musik ausschließlich im Western-und Country-Musik definiert oder meint, Irland hätte nur U2 vorgebracht.
Das keltische Musikgut hat viele verschiedene Gesichter. In Schottland sind es beispielsweise die Tweed-Walkerinnen, die sich mit Wechselgesängen die Eintönigkeit ihrer Arbeit erleichterten und dabei das musikalische Erbe wachhielten. Diese Wechselgesänge sind auch ein Teil der Musik Capercaillies, doch nicht ausschließlich.
So mischen sie diesen gaelischen Wechselgesängen durchaus auch Dancefloorrhythm unter. Popsongs stehen neben flotten Traditionells, ein Lied klingt wie Madonna in ihren besten Zeiten. Kurz danach gibt es wieder ein verträumtes Lied, sanft und leise, wie ein Herbsttag am schottischen Loch Lochy. Am Ende nochmal ein neukomponiertes Traditionell, wie aus einem Pup in Aberdeen, getragen von Fiddel, Akkordeon und der irischen Uilleanpipe.
Auf der CD "Nadurra" beweisen sie einmal mehr wie gut Traditionelles und Modernes harmonieren können. Doch damit machen sich Capercaillie in ihrer Heimat nicht nur Freunde. Traditionalisten werfen ihnen Verwässerung des musikalischen Erbes der Kelten vor. Dabei tun sie nur das, was sie am besten können. Sie machen Musik, bestehend aus den Elementen die sie am meisten prägen. Und das sind nun mal die Musik Schottlands zum einen und die elektronisch beeinflusste Tanzmusik zum anderen.
Nach der Musik von Capercaillie tanzt man auf den Dancefloors zwischen Edinbourg und Inverness genauso wie in den Pub am Caledonian Channel. Damit einen sie das schottische Volk im Endeffekt wesentlich wirkungsvoller als all die zerstrittenen Nationalisten.
Die ganz vorzügliche Sängerin Karen Matheson, die auf der Covergestaltung immer ein wenig finster wirken will, ist in Natur ein liebenswertes, filigranes Wesen von zurückhaltender aber ehrlicher Herzlichkeit. Ich habe sie beim Folkfest im dänischen Tønder kennenlernen dürfen und bin ihr nachhaltig verfallen. Live ist Capercaillie ein unbedingter Genuss, was die Dänen leider nicht zu schätzen wussten.
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Moderner keltischer Folk aus Schottland
ein Testbericht von emmtie2002-02-25 16:36:01vom 25.02.2002Empfehlung: ja
Capercaillie als Bandname wird den wenigsten etwas sagen. Doch wer den Film Rob Roy gesehen hat, kennt auch ihre Musik, da fast der gesamte Sondtrack zu diesem Film von ihnen stammt.
Innerhalb der keltischen Folkszene hat sich die Band Capercaillie (gesprochen: Kap-er-key-li; bedeutet übrigens Auerhahn) aber schon seit Mitte der 80er Jahre mehr und mehr einen Namen gemacht mit ihrem Mix aus traditioneller gälischer Musik und moderneren Pop-Elementen. Vergleichen kann man sie etwa mit Bands wie Clannad, den Corrs mir ihrem ersten Album „Forgiven not forgotten“ oder Interpreten wie Enya. Doch im Gegensatz zu diesen und den meisten anderen bekannten keltischen Band stammen Capercaillie nicht aus Irland, sondern aus Schottland.
Aufmerksam geworden bin ich auf die Band vor einigen Jahren durch einen Sampler. Die Sängerin der Band, Karen Matheson, hat eine so schöne und einprägsame Stimme, dass ich aufgrund des einen Liedes auf dem Sampler meine erste CD quasi „blind“ bestellte (damals gab es noch keinen Napster : -)). Und ich habe es keine Sekunde bereut und besitze mittlerweile alles, was es von der Band gibt.
Was mich an deren Musik neben der Stimme der Sängerin fasziniert, ist schwer zu beschreiben, vielleicht trifft es der Begriff atmosphärische Dichte am besten, die meisten Lieder haben einen leicht melancholischen Grundton, der sehr beruhigend, aber nicht einschläfernd auf mich wirkt. Aber gleichzeitig hat die Musik immer einen gewissen Pep.
Eigentlich kann man alle CDs von Capercaillie durchgängig empfehlen, aber ich habe ohne eine besondere Gewichtung einfach mal ihr jüngstes Werk „Nadurra“ von 2000 ausgewählt, um zu versuchen, die Faszination dieser Musik an einzelnen Titeln etwas genauer zu beschreiben:
1. Sky waulking song
Langsam beginnend, getragen von einer Geige und einer Gitarre und der prägenden gaelischen Gesang der Sängerin Karen Matheson. Später stimmt die Band, insbesondere das Akkordeon ein. Basierend auf einem alten gaelischen Volkslied.
2. Hope spring eternals
Etwas flotter, mit E-Gitarre und Keyboards, englischer Song, besonders auffällig sind Flöte und Geige, die als Einstreuung dem eigentlich fast zu poppigen Song wieder den entsprechenden Folktouch gibt.
3. Michaels matches
Instrumental, klingt mit der bestimmenden Geige fast wie ein irischer Tanz; da sieht man wieder das die gaelischen Musiker, egal ob aus Irland, Schottland oder auch Betronen doch aus den selben Quellen schöpfen. Und der Song ist kein Traditional, sondern vom Geige der Band geschreiben.
4. Tighinn air ...
Traditional, gaelisch, sehr ruhiges und getragenes Lied, wieder ein sehr schönes, nachdenkliches Zusammenspiel zwischen den Instrumenten und der Sängerin. Eines meiner Lieblingslieder auf der CD.
5. Hoireann O
Beginnt mit einem Rhythmusinstrument und einsetzender Stimme, ein Traditional, laut Textheft aus einer Kollektion von Waulking songs. Und diesen Laufrhythmus kann man auch in der Musik und dem teilweise zweistimmigen Gesang deutlich mithören. Ein wenig an Arbeiterlieder amerikanischer Sklaven erinnernd, aber nicht ganz so monoton, sondern eher fröhlich anmutend.
6. Truth is calling
Es wird wieder langsamer und wir kommen zu einem weiteren meiner Lieblingslieder. Dieses Lied verkörpert genau das, was ich an Capercaillie so sehr mag und warum ich all ihre CDs habe. Das Lied hat
eine ruhigen, fast getragenen Grundton, nachdenklich und irgendwie entspannend. Und obwohl der Text auf Englisch und damit im Gegensatz zu den gaelischen Texten verständlich ist (irgendwann lerne ich doch noch gaelisch : -)) und fast etwas schulzig wirkt, passt er wunderbar in diesen Kontext.
7. Argyll lassies
Ein aus 4 Teilen bestehendes Instrumental, typische Soundelemente für das was man so allgemein unter keltischer (in Deutschland meist gleichbedeutend mit irischer, hier aber schottisch, aber ohne Dudelsäcke :-)) Tanzmusik versteht. Flott und mitreißend.
8. Mo chailin dileas Donn
Diesesmal gibt die Gitarre den Ton an, insbesondere in schönen Passagen, in denen sie quasi gegenläufig zu der Stimme spielt. Auch die Flöte und Geige sind in schönem Zwiegespräch zu hören. Ein Midtempo-Song, der durch den gekonnten Einsatz der Instrumente zu glänzen weiß.
9. Rapture
Wieder ein typischer Capercaillie-Song. Mid-tempo, mit einem sehr schönen Refrain. Auch hier für mich wieder eine „Bauchsache“ und eigentlich nicht durch irgendwelche Songelemente zu belegen.
10. The Hollybush
Fängt fast wie eine Country-Bluessong mit einzelner Gitarre, dann setzt die Flöte ein und steigert ein wenig das Tempo, der Rest der Band steigt ein. Der Song bleibt irgendwie gleichzeitig getragen durch die gleichmäßige Gitarre und hat doch eine Art Drive durch die anderen Instrumente, die in einer Art Improvisation um die Gitarre und die Drums gruppiert sind; auch jetzt beim Schreibne und Hören wippt mein Fuß ganz automatisch mit.
11. Gaol troimh aimsirean
Und wieder etwas ruhiger, einmal mehr hauptsächlich durch die phantastische Stimme von Karen Matheson getragen. Gegen Ende mit einem Stück Erzähltext angereichert; aber auch der auf Gaelisch und damit für mich nicht zu verstehen, macht aber nichts, trotzdem sehr sehr schön.
12. The Cockrel in the creel
Und zum Abschluß gibt es nochmal ein dreiteiliges Instrumental, mit schneller Fidel und Akkordeon im Duell, dann nach und nach alle Instrumente einsetzend und sich im eine immer schneller werdenen Rausch spielend. Genau das richtige Stück zum Ende.
Insgesamt wieder eine hervorragende Platte (wie all ihre Vorgänger), die gelungen klassische keltische und gleichzeitig moderne Popelemente im Einklang bringt. Ein schöner Mix aus flotteren und nachdenklichern Songs; aber insgesamt mit einem etwas ruhigeren, besinnlicheren Grundton.
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