Pro:
ein unvergleichlicher Geschmack, heute wie vor 40 Jahren
Kontra:
teuer, mit alc.31 % nicht ganz ohne
Empfehlung:
Ja
Es begab sich zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahre 1963, daß eine Familie sich auf den weiten, langen beschwerlichen Weg in den Sommerurlaub machte. Der hellgraue Ford Taunus 17m wurde vollgepackt mit Sonnencreme, Handtüchern, Badelatschen, einer Schwimmente, und was man sonst noch so brauchte, um in einem kleinen, verschlafenen Fischerdörfchen an der Costa Brave namens Lloret de Mar Urlaub zu machen.
Im Auto befanden sich der Bildberichterstatter Herr P. und seine Frau sowie auf dem Rücksitz das 6 Jahre alte Töchterchen. Nach drei anstrengenden, aber auch lustigen Tagen, in denen im Auto viele Ratespiele gemacht worden waren, um die Insassen bei Laune zu halten und den Fahrer von den Geschehnissen auf der Straße abzuhalten, waren sie angekommen. In der Pension Don Jaime, der einzigen Unterkunftsmöglichkeit, von einem teuren Hotel, daß sich die kleine Familie nicht leisten konnte, mal abgesehen. Sie wurden von den Besitzern nebst ihren Kindern überschwänglich begrüßt, wie es alten Bekannten gebührt, waren Herr und Frau P. doch schon vorher, ohne ihre Tochter dort gewesen.
Was wurde das Kind bewundert! So blond! So helle Haut! So aufgeweckt! Sie waren ganz aus dem Häuschen, liebten sie doch Kinder über alles.
Nach einer kurzen Ruhepause als Erholung von der weiten Fahrt begab sich die Familie in den Innenhof, um dort das Abendessen einzunehmen. Don Jaime hatte extra stundenlang in der Küche gestanden, um eine herrliche Paella zu zaubern, die mit ihren Meeresfrüchten auf dem Safranreis in der großen, schweren schwarzen Eisenpfanne verführerisch duftete, reichte dazu einen guten Tropfen roten Weines (für Töchting ein Glas Wasser mit ein paar Tropfen des blutroten Weines darin) und so ließen sie es sich so recht gut gehen.
Nach diesem Mahl, Herr P. zündete sich eine Windsor an, wurde zum Cafe con leche, der immer beidhändig, aus je einer schweren silberfarbenen Kanne mit kräftigem, stark duftendem Kaffee und heißer Milch gleichzeitig eingeschenkt wurde, zum Abschluss ein Likör gereicht.
Goldgelb glänzte er in den kleinen Gläsern, schwer und leicht ölig verströmte er einen herrlichen Duft nach Vanille, neben Zitrusfrüchten aus der Region und heimischen Kräutern, als einer der geheimnisvollen 43 Zutaten, nach denen er benannt wurde: Cuarenta y Tres! Der Legende nach, so heißt es, soll es ihn bereits schon zu Zeiten der Römer gegeben haben, als diese Spanien eroberten, und das Rezept sei teils im Verborgenen von Generation zu Generation weitergegeben worden.
Das kleine Mädchen guckte mit ihren großen blauen Augen die Erwachsenen so erwartungsvoll an, daß sie es nicht über sich brachten, sie nicht auch davon probieren zu lassen... „Aber nur einmal die Zungenspitze ins Glas stecken! Mehr nicht!" Immerhin barg dieses güldene Getränk satte alc.31 % in sich. Und unter ausgelassenem Gelächter der anwesenden Spanier, die ihre helle Freude an der kleinen hellblonden Hellhäutigen hatten, steckte diese ihre kleine hellrosa Zunge in Mamas Glas. Uiiii, bizzelte und zwickte der Alkohol auf der Zunge, aber dann.... dann schmeckte es herrlich! Wie flüssiges Vanilleeis. Mit einem fruchtigen Nachgeschmack nach Orangen und anderen Zitrusfrüchten. Und einem ganz feinen Nachhall an würzigen Kräutern, daß sie ganz, ganz schnell, bevor jemand es merkte, die Zunge noch einmal hineinsteckte, um sich dann das klebrige Mündchen zu lecken wie eine Katze, die an der Sahne genascht hat.
40 Jahre später.
Aus dem kleinen Mädchen ist eine erwachsene Frau geworden, die lesen und schreiben kann. So geschah es, daß sie eines Abends, als sie am Computer saß und durchs Internet reiste, einen Bericht las über einen Likör namens Licor 43 und sich erinnerte. An die goldgelbe Farbe dieser wundersamen Flüssigkeit, die erst die Zunge biß und dann schmeichelte, an die schwarzen Augen von Don Jaime und Maria, seiner Frau, die so schön lachen konnte, an den würzigen Duft nach Vanille, von Kräutern, von Sonnenöl und frischen Fischen am Meer, von Meeresluft und Salzkristallen auf der Haut, die dünne weiße Ränder bildeten und salzig schmeckten, wenn sie sie ableckte. An Seesterne am Strand, Krebse im Wasser, die seitwärts liefen und an große Pulpos, die ihre Tinte verspritzten, wenn man nicht acht gab, so daß das Wasser in dem Eimer, in dem sie gefangen waren, sich tiefschwarz färbte.
Statt nach Spanien zu reisen, denn dieses verträumte Fischerdorf gibt es in dieser Form schon lange nicht mehr, ging sie am folgenden Tag in den Supermarkt und kaufte sich eine Flasche Cuarenta y tres, die heute noch genauso aussieht wie damals: leicht bauchig mit in das Glas geprägtem Wappen und Schriftzug „Diego Zamora" über dem dunkelrot marmorierten Schild, in dessen Mitte eine große goldene 43 prangt. € 13,69 hat sie dafür bezahlt. Gewiss ein stolzer Preis, aber die Dose, in der die Flasche verpackt war, kann sie gut für Katzenfutter gebrauchen...
Ob es die Werbung, die papiernen um den Flaschenhals hing, damals auch schon gab? Daran kann sie sich nicht erinnern. Gerade, als sie sie wegwerfen wollte, denn an irgendwelchen Shopartikeln, die mit einer 43 verziert sind, hat sie wenig Interesse, entdeckte sie ein Longdrinkrezept: 1/4 Licor 43, 1/4 Milch, ½ Orangensaft, und eine weitere Welle von Erinnerungen durchströmte sie, aber das ist eine andere Geschichte...
Aber zum Nachtisch gab es einen hervorragenden Obstsalat, abgeschmeckt mit Cuarenty y Tres und Orangensaft zu gleichen Teilen.
Und während sie all dies schrieb, griff sie immer wieder zu einem kleinen Glas, steckt ihre Zungenspitze hinein und genoss diesen herrlichengeschmack nach Vanille, Zitrus und Kräutern, nach Sonne und Kindheit.
Schade. Nun ist das Glas leer - und der Bericht zu ende...
© LeaofRafiki, 19.06.2003
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ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick regelmäßig bei Ciao, häufig bei Yopi, nach dem Relaunch selten Dooyoo, und noch seltener auf irgendwelchen anderen Plattformen, aber dafür vielleicht auf meiner Homepage www.leaofrafiki.de *grins* weiterlesen schließen
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