Die Päpstin (Taschenbuch) / Donna Woolfolk Cross Testbericht

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  • Niveau:  anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  gering
  • Spannung:  durchschnittlich
  • Humor:  wenig humorvoll
  • Stil:  sehr ausschmückend

Erfahrungsbericht von Anonym114

Einfach unglaublich ...

Pro:

große Spannung, sehr fesselnder historischer Roman

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Ja

... das war mein erster Gedanke, als ich den Titel dieses Buches, Die Päpstin, gelesen hatte. Denn jeder weiß: Noch heute ist die katholische Kirche strikt, was Frauen angeht. Eine Priesterin? Ziemlich undenkbar! Eine Bischöfin? Evangelisch? Ja! Katholisch? Um himmelswillen! Und eine Päpstin? Das gehört zu den wohl abstrusesten (unglaublichsten) Vorstellungen überhaupt! Doch Donna W. Cross schreibt dennoch über eine, über Johanna ...

HANDLUNGSORT UND -ZEIT:
Die Geschichte (und das macht die Sache noch ungewöhnlicher) beginnt im Jahre 814, spielt zunächst im fränkischen Ingelheim, später auch in Fulda und schließlich in Rom.


DIE GESCHICHTE ...
... ist die der Johanna von Ingelheim. Als Leser steigt man schon vor Johannas Geburt in die Geschichte ein. Hrotrud, eine Hebamme ist unterwegs, um die Frau des Dorfpriesters, Gudrun, zu entbinden. Der erste Eindruck (auch dank des Namens Hrotrud): etwas geschwollen, doch das vergeht schnell. Gudrun ist hellblond, eine Sächsin. Der Dorfpriester hat sie von einer Missionsreise mitgebracht. Als Hrotrud Gudrun zu Erleichterung der schweren Geburt ein Mittel verabreichen will, schlägt ihr der Dorfpriester das Mittel aus der Hand. Es laufe der Religion zuwider, der Bibel gemäß hätten Frauen Kinder unter Schmerz zur Welt zu bringen. Hrotrud kann den Dorfpriester erst zur Kooperation bewegen, als sie ihn darauf hinweist, dass Gudrun sterben könne und er dann mit seinen beiden Söhnen allein bleiben würde. Schon in diesem Moment wir ein Stück des Charakters des Dorfpriesters deutlich: Er ist ein herrschsüchtiger Mann, streng religiös, mit wenig Liebe zu seiner Familie.

Johanna wird geboren und ihre Mutter Gudrun überlebt. Doch auch sie hat mit ihrem Mann zu kämpfen, der es nicht duldet, dass Gudrun den Kindern von ihren früheren heidnischen Göttern erzählt. Und der Dorfpriester duldet es auch nicht, dass Johanna lernt. Das geht für seinen Geschmack wider die Natur. Seinen Söhne Matthias (den cleveren) und Johannes (den schwerfälligeren) fördert er dagegen. Mit viel Hartnäckigkeit gelingt es Johanna Matthias zu bitten und zu überzeugen, auch ihr das Lesen und Schreiben beizubringen. Sie erweist sich dabei ähnlich klug wie der große Bruder. Aber Matthias stirbt. Erst als ein Gelehrter auf der Durchreise in Ingelheim auftaucht, ergibt sich für Johanna eine neue Chance. Der Vater will aber nicht, dass dieser Grieche nur die Tochter unterrichtet. So kommt der Gelehrte alle zwei Wochen um Johanna und Johannes etwas beizubringen. Während dem Mädchen das Lernen leicht fällt, hat Johannes weiterhin große Schwierigkeiten. Doch auch der Grieche muss gehen, er schenkt Johanna zum Abschied ein Buch (zu der damaligen Zeit eine ausgesprochene Kostbarkeit) und verspricht ihr, für ihre weitere Schulung zu sorgen.

Das Buch hütet Johanna, liest heimlich nachts. Als sie dabei erwischt wird, schlägt ihr Vater sie fast zu tot. Als tatsächlich ein Bote kommt, um Johanna zur Schule nach Dorstadt zu holen, schickt der Dorfpriester an ihrer Stelle den Sohn. Johanna flieht ihnen nach, da Bote und Bruder überfallen worden sind, holt sie Johannes ein. In Dorstadt erlaubt der Bischof beiden zu bleiben und dort zur Schule zu gehen. Johanna wird bei Markgraf Gerold und dessen Familie unter gebracht. Gerolds ältere Tochter ist in Johannas Alter, er beschützt Johanna, u.a. vor dem Lehrer der Dorfschule, Odo, einem Fiesling, dem die Schlagfertigkeit des Mädchens ein Dorn im Auge ist. Gemeinsam mit Gerold macht Johanna einige Entdeckungen, z.B. sehen beide zu, weiße Wölfe zur Welt kommen und bauen eine besondere Konstruktion, mit der man eine Tür öffnen kann. Johanna (inzwischen etwa dreizehn und für die damalige Zeit im heiratsfähigen Alter) verguckt sich in Gerold. Beide küssen sich nach einem geglückten Experiment, doch Odo beobachtet sie heimlich und informiert Gerolds Frau. Sie arrangiert es, dass ihr Mann für längere Zeit unterwegs ist, sucht einen Heiratskandidaten für Johanna und schafft es durch Erpressung den Bischof dazu zu bringen, Johanna von der Schule zu verweisen. Bei all dem behauptet sie, auch Gerold sei sich mit ihr über die Hochzeit einig. Mit ihr muss auch Johannes Dorstadt verlassen. Der Abschied von der Lernerei fällt ihm nicht schwer, aber er bedauert es, nun auch das Kampftraining nicht mehr machen zu dürfen. Der Vater hat entschieden, dass Johannes statt dessen Mönch in Fulda werden soll. Johanna will nicht heiraten, sieht aber keinen anderen Ausweg. Als sie samt Bräutigam, Gerolds Frau und Töchtern und ihrem Bruder Johannes in der Kirche sitzt, kommt es zu einem Überfall durch Normannen, die Eindringlinge metzeln jeden nieder, nur Johanna gelingt es, sich zu verstecken. Sie beschließt sich nun, sich als Mann zu verkleiden und an Johannes Stelle nach Dorstadt zu gehen.

Auch als Mönch lernt Johanna schnell, findet in dem quasi-Mediziner Benjamin einen väterlichen Freund und lernt schnell die verschiedensten Möglichkeiten der Heilkunst. Aufgrund ihres Wissens und ihrer Auffassungsgabe wird sie relativ schnell zum Priester. Niemand im Kloster deckt ihre wahre Identität als Frau auf.

Gerold kehrt nach Dorstadt zurück, findet sein Anwesen verwüstet vor und entdeckt die Leichen seiner Frau und seiner jüngeren Tochter und muss miterleben, wie die ältere von den Normannen verschleppt wird. Auch Johanna scheint für ihn unwiederbringlich verschwunden. Gerold nimmt an verschiedenen Feldzügen teil.
In Fulda hat Johanna ihr Wissen gemehrt. Mehrere Pestkranke sollen als Aussätzige verbannt werden. Doch Johanna merkt, dass eine Frau anscheinend nur einen Ausschlag hat. Sie setzt sich für sie ein, gemeinsam mit Benjamin gelingt es ihr, die Frau zu heilen. Johanna merkt, dass deren Sohn sehr clever ist, bringt ihm etwas bei und bittet die Frau, den Jungen zur Schule zu schicken.

Eine ganze Weile später wird Johanna schließlich selber krank, befürchtet, dass sie als Frau entlarvt werden könnte. Sie flieht mit einem Boot, findet sich plötzlich in einem Bett wieder. Arn, ein Gutsverwalter und seine Familie, haben sie gefunden und gepflegt. Es stellt sich heraus, dass Arn der inzwischen erwachsene Sohn der vermeintlich Pestkranken ist. Sein kleines Töchterchen zeigt sich ähnlich wißbegierig wie Johanna. Doch die verläßt die Familie und will in Rom ihr Glück suchen.

Aufgrund ihrer Heilkräfte eignet sie sich in der heiligen Stadt schnell eine gute Reputation an. Papst Servius ist schwer krank. Als die römischen Mediziner nichts mehr für ihn tun können, wird Johanna, die immer noch als Johannes Anglicus lebt, geholt. Ihr gelingt es den Papst zu retten. In Rom muss sich Johanna nun ständig mit Intrigen herum schlagen, wird nach Servius Tod auch Hausarzt von dessen Nachfolger Papst Leo. In Rom gibt es für sie ein Wiedersehen mit Gerold, der schließlich zum Befehlshaber der päpstlichen Garde wird. Doch was sich genau in Rom tut, dass sollte man am besten selber lesen, hier will ich die Spannung nicht vorweg nehmen.


DIE PERSONEN DES ROMANS:
JOHANNA:
Johanna von Ingelheim alias Johannes Anglicus ist eine starke Frau und die stärkste Figur des Romans. Sie ist der absolute Mittelpunkt. Donna W. Cross zeichnet sie sehr komplex, man erlebt Johannas Leben von der Geburt bis zum Tod mit. Gerade weil sie viele Kämpfe für ihre Liebe zum Wissen viele Kämpfe zu durchleiden hat, diese aber durchsteht, wirkt sie sympathisch. Sie ist jedoch keine Heldin ohne Ecken und Kanten, muss manchmal selber feststellen, dass sie zu forsch vorgeht und sich damit Feinde schafft.

DER DORFPRIESTER:
Ein Stück weit habe ich ihn ja gerade schon charakterisiert. Er ist in gewisser Weise das personifizierte Konservative der Kirche und ein Tyrann im eigenen Haus. Frauen dürfen aus seiner Sicht keine Rechte genießen und kein Wissen erwerben. Das sieht er als gottlos an. Im umgekehrten hält er sich selber nicht hundertprozentig an die Regeln, ist verheiratet und das auch noch mit einer Frau, die eigentlich eine Heidin ist.

GUDRUN, JOHANNAS MUTTER:
Sie ist das genaue Gegenteil von Johannas Vater, liebevoll und fürsorglich zu ihren Kindern. Doch da sie Angst vor ihrem Mann hat, kann sie Matthias, Johanna und Johannes nicht so erziehen, wie sie es möchte.

MATTHIAS:
Johannas ältester Bruder wird zunächst gleich zu Beginn als ein untersetzter Junge beschrieben. Er ist clever, folgt damit dem Wunsch und Ziel des Vaters, evtl. einmal in dessen Fußstapfen zu treten. Doch zugleich hat er auch die liebevolle Ader der Mutter, läßt sich von der Wissbegierigkeit der kleinen Schwester mitreißen und lehrt sich zu lesen und zu schreiben.

JOHANNES:
Er ist der zweite Bruder von Johanna, drei Jahre älter als sie. Doch Johannes ist weit weniger clever als die Geschwister, Johanna muss ihn nach dem Tod von Matthias trösten, das Johannes befürchtet, dass er in die Fußstapfen des klügeren Bruders treten soll. Später verhält sich Johannes unfair seiner Schwester gegenüber, schneidet sie an der Schule, weil er sich so mehr Respekt von den anderen Jungen erhofft.

MARKGRAF GEROLD:
Auch er wirkt als sehr positive Figur und wie ein zweiter allerdings wesentlich kleinerer, schmalerer, roter Faden durch den Roman. Er taucht wesentlich seltener auf als Johanna, ist aber immer ihr Beschützer, entspricht in gewisser Weise den Vorstellungen eines Edelmannes.

ANASTASIUS:
Fast hätte ich ihn vergessen, aber er ist die dritte Person, die fast von Beginn an eine Rolle spielt. Auch ihn lernt der Leser als kleinen Jungen kennen. Eigentlich, so war mein erster Eindruck, könnte aus Anastasius ein Freund von Johanna werden. Denn sie sind etwa gleichaltrig. Anastasius wächst in Rom auf, ein Onkel arbeitet im Vatikan, er muss miterleben, wie dieser ermordet wird.
Doch Anastasius wird letztendlich zu einem Gegenspieler von Johanna, da seine Familie machtbesessen ist und mit allen Mitteln erreichen will, dass Anastasius zum Papst wird.


DIE HISTORISCHE QUALITÄT DES ROMANS:
Hier geht es eigentlich um zwei Dinge. Denn in Die Päpstin wird einerseits die Geschichte der Zeit, also die Geschichte des 9. Jahrhunderts erzählt. Zum zweiten erlebt man als Leser die spezielle Geschichte der Johanna von Ingelheim mit.
Über die Zeit der Handlung erfährt man einiges in Bezug auf Konventionen und Kirche. Denn diese beiden Punkte sind ja die zentralen Themen des Romans. Es wird die minderwertige Stellung der Frau ganz deutlich. Wissen ist allein Männersache, Frauen sollten nach der Vorstellung der damaligen Zeit nicht einmal lesen und schreiben können. Begründet wurde das unter anderem auch durch die Kirche damit, dass weibliche Personen einfach nicht die Fähigkeiten hätten, so clever wie Männer zu sein. Jungen und Mädchen galten bereits mit 14 Jahren als Erwachsen und wurden dann auch häufig verheiratet.
Auch in das kirchliche Leben der Zeit gewinnt man einige Einblicke. So scheint das heute in der katholischen Kirche immer noch existierende Zölibat für Priester der damaligen Zeit (z.B. Johannas Vater) nicht so streng gehandhabt worden zu sein. In Zusammenhang mit der Kirche früherer Zeiten ist ja immer wieder die Rede von Ausschweifungen der Geistlichen. Auch die werden hier geschildert, so z.B. beim Bischof in Dorstadt, der sehr gerne und sehr reichlich ißt und trinkt und zudem wohl noch Geliebte haben soll. Die Völlerei ist dann auch Thema in Bezug auf Papst Servius, dem es nicht gelingt, sich beim Essen zu zäumen und durch seine Ausschweifungen sein Leben riskiert.
Einige Intrigen spielen in dem Roman ebenfalls eine wichtige Rolle. So hat der Bruder Servius aufgrund von dessen schlechter Gesundheit eigentlich das Zepter in der Hand, schafft es, sich durch den Verkauf von Ämtern und andere krumme Geschäfte Geld anzueignen. Wichtig ist in der Hinsicht auch der Handlungsstrang des Anastasius.
Insgesamt ist es schwierig einzuschätzen, wie genau Donna W. Cross die tatsächlichen Konventionen der Zeit wiedergegeben kann. Ich denke, dass einige der gerade von mir auch beschriebenen Punkte zu einem guten Teil der damaligen Wirklichkeit entsprechen, sie aber mehr den Hintergrund für die Geschichte der Johanna bilden.

GAB ES JOHANNA WIRKLICH?
Die Autorin Donna W. Cross scheint das eindeutig mit Ja beantworten zu wollen. Sie schildert im Anhang die Materiallage. Demnach gibt es einige Unterlagen und Hinweise, die darauf hindeuten, dass Johanna von Ingelheim alias Johannes Anglicus tatsächlich Papst war. So sollen z.B. nach Johannas Pontifikat eine Zeit lang die folgenden Päpste auf einem Stuhl untersucht worden sein um festzustellen, dass es sich tatsächlich um einen Männer handelte. Andererseits muss Cross auch einräumen, dass viele Unterlagen (wie sie schreibt durch die Kirche) vernichtet worden sind. Daten, so schildert sie, sollen gefälscht worden sein, um die Amtszeit von Johannas Vorgänger zu verlängern.
Ich selber würde auf die Frage, ob es Johanna gab, mit einem Vielleicht antworten. Die vorhin kurz beschriebene Situation der Frauen legt es nahe, das einzelne besonders clevere weibliche Wesen auf jede nur mögliche Art versucht haben könnten, sich Wissen anzueignen. Für sie blieb dann oft nur der Ausweg, sich als Männer zu verkleiden und als Männer zu leben. Insofern könnte es in den vielen hundert Jahren der katholischen Kirche durchaus möglich sein, dass eine dieser cleveren Frauen, z.B. Johanna von Ingelheim, es geschafft haben könnte, Papst zu werden.


PREIS:
Ich habe das Buch als Taschenbuch gekauft. Es war bei Kaufhof in einer Sonderausgabe mit Pappschuber für 9,95 Euro zu haben.

FAZIT:
Am Anfang hat mich dieses Buch etwas geschreckt. Ich hatte zuvor Harry Potter gelesen und kam auf diese Weise aus der mit Zauber angereicherten phantastischen Welt der Gegenwart rund 1200 Jahre zurück ins Mittelalter. Der Beginn der Päpstin machte es dann auch zunächst nicht einfach. Namen wie Hrotrud (die Hebamme) oder Worte wie Wintermonath erschweren zunächst das Lesen. Aber ich habe fast den Eindruck, dass solche Ausdrücke dann doch schnell verschwinden. Spätestens mit dem Moment von Johannas Geburt ist man (und das fast durchgehend) an der Seite der Hauptfigur, begleitet sie durch ihr Leben. Johanna ist so komplex geschildert, dass man sie schon fast spüren kann und all ihre Freude und ihr Leid miterleben will. Insofern entwickelt der Roman einen guten Sog, der mich dann auch nicht mehr losgelassen hat.
Ich kann die Päpstin als einen sehr kurzweiligen, spannenden Roman nur empfehlen!

29 Bewertungen, 1 Kommentar

  • leuchttuermin

    06.08.2006, 12:38 Uhr von leuchttuermin
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schade, dass man hier kein "besonders hilfreich" geben kann!