Die Rocky Horror Show Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von stefbl
Just a sweet transvesite ...
Pro:
abgedreht und kultig, Publikum muss mitmachen, starke Musik, KULT
Kontra:
man liebt es ... oder man hasst es ...
Empfehlung:
Ja
Musicals liegen in Deutschland ja bekanntlich im Trend. Vor allem Städte wie Hamburg und Stuttgart haben die großen Produktionen wie „Cats“ oder „Das Phantom der Oper“ im Angebot, mit denen die Fans aus ganz Deutschland immer wieder zu den Aufführungen gelockt werden. Vergessen wird dabei aber leider oft, dass es auch noch eine Menge an kleineren Produktionen gibt, die über keine feste Spielstätte verfügen, aber trotzdem Fans in einer riesigen Menge haben. Ein Musical, das für mich hier ganz oben steht, ist „Die Rocky Horror Show“.
Als bekennender Rocky-Horror-Fan mit allem, was dazu gehört, habe ich nicht nur den Film und das Musical mehrfach gesehen, ich besitze auch die Jubiläums-DVD-Edition, das passende Outfit für Rocky Horror-Parties etc. Nun jedoch soll es einmal um die Musicalfassung des Spektakels gehen, das ich bis jetzt schon ca. acht Mal auf diversen Bühnen gesehen habe – zuletzt im vergangenen Oktober im Deutschen Theater in München, wo die Crew vom Londoner Westend ein doch recht lohnenswertes Gastspiel gab.
“Don’t dream it, be it ...” – ein im Musical ausgelebtes Motto, das nicht nur für die Bühnenfassung des Kultfilms absolut die Richtung vorgibt. Denn so viel sei schon verraten: Ein abgedrehteres, verrücktes, krasseres Musical (aus der Feder von Richard O’Brien) mit mehr Publikumsbeteiligung – das gibt es in Deutschland wohl nirgendwo. Mir geht es bei jeder Aufführung immer so, dass ich nicht nur sofort mit Leib und Seele dabei bin und mitmache, wo es nur geht (dazu später mehr), sondern je nach Aufführungsort und Begleitung (zuletzt hatte ich mit meinem Freund einen Rocky-Horror-Neuling dabei und musste mich deshalb entsprechend benehmen *g*) gerne auch in der passenden Rocky Horror-Kostümierung erscheine. Wie die genau aussieht, bleibt jedem Rocky Horror-Fan selbst überlassen. Dazu gehören jedoch auf jeden Fall Strapse, am besten auch noch eine Korsage, je nach Rolle eine Federboa ... und dazu ein recht weiß geschminktes Gesicht mit starkem Augen- und Lippen-Make-Up. Hier sind jedoch auch eine Menge an Variationen möglich.
Doch worum geht es in der „Rocky Horror Show“ eigentlich?
Wer bereits einmal den entsprechenden Film (am besten noch in einem echten Rocky Horror-Kino) gesehen hat, ist schon einmal bestens im Bilde – denn dieser wurde auch 1:1 – abgesehen von winzigen Variationen – auf die Bühne umgesetzt. Brad und Janet, ein gerade frisch verlobtes Paar, macht sich im Auto auf dem Weg, um ihren alten Lehrer Dr. Everett Scott (uh!) zu besuchen, als ihnen eine Reifenpanne einen Strich durch die Rechnung macht. Mitten im größten Sturzregen wird Hilfe benötigt – und so landen die beiden in einem geheimnisvollen Schloss, wo unter der Regie von Ober-Transvestit Frank N’Furter gerade der transsilvanische Jahreskongress festlich begangen wird. Und der hat in diesem Jahr einen besonderen Höhepunkt – will sich Frank doch diesmal mit „Rocky“ einen eigenen, seiner sexuellen Ausrichtung nicht abgeneigten, Gespielen namens Rocky erschaffen. Prompt sind Brad und Janet mitten drin in einem Chaos – von Party freier Sexualität, von Eifersucht und Verführungen – und ... und ... und ... Doch das ist noch nicht alles. Eddie, Geliebter von Franks Gefolgin Magenta, passt nicht ganz ins Konzept und wird mal eben mit der Kettensäge umgebracht, in Stücke geteilt und aufgegessen. Und dann taucht im Schloss zu allem Überfluss auch noch Dr. Everett Scott (uh!) auf, der die Menschheit vor Kreaturen wie Frank möglichst schnell retten will. Und dann nimmt die ganze Geschichte doch noch eine recht überraschende Wendung ...
Verwirrt? Macht nichts. Denn in der „Rocky Horror Show“ ist einfach nichts normal – „madness takes ist toll“, wie es im wohl bekanntesten Song dieses Musicals, dem „Time Warp“ treffend heißt. Und damit wären wir auch schon bei der Musik des Stücks, die gleichsam rockig wie abgedreht ist. Den Song „Timewarp“ („it’s just a jump to the left ... and then a step to the right”) hat sicherlich jeder schon einmal gehört – auf Partys wird er jedenfalls immer wieder gerne mal gespielt. Echte Klassiker sind darüber hinaus das Solo von Frank N’Furter („Sweet Transvestite“), der Opener („Science Ficture Double Feature“), Brads Heiratsantrag an Janet („Dammit Janet“) sowie das Lied nach der Autopanne („Over aht the Frankensteins Place“). Zu meinen persönlichen Favoriten gehören darüber hinaus noch Janets laszives „Touch-A, Touch-A, Touch Me“ sowie Brads Solo „Once in a while“, das aus der Film-Variante übrigens herausgeschnitten wurde und nur noch in der Bühnen-Version zum Einsatz kommt. Auf der Rocky-Horror-Jubiläums DVD („25 years of absolute pleasure“) ist dieser Ausschnitt aber auch noch zu sehen. Wer wirklich noch keinen einzigen dieser Songs kennt, dem empfehle ich (stefbl) ein baldmöglichstes Probehören – denn auf den einschlägigen Tausch-Plattformen im Internet sind diese Titel auf jeden Fall auch zu finden.
Nun aber zum wichtigsten Punkt – zur Publikumsbeteiligung. Denn das, was die „Rocky Horror Show“ so einmalig macht, ist die Tatsache, dass hier niemand lange auf seinem Platz sitzen bleibt – und wirklich aktives Mitmachen gefordert ist. Zur Grundausstattung eines Rocky Horror-Fans gehören somit Reis, eine gefüllte Wasserpistole, eine Rolle Klopapaier, eine Zeitung, ein Feuerzeug und eine Scheibe Toastbrot. Der Reis wird gleich ganz am Anfang durch die Gegend geworfen, wenn Brad und Janet Besucher einer Hochzeit sind – sowie später einmal, wenn Frank seinen Rocky ehelicht. Der Regen im Wald nach der Reifenpanne wird durch Wasserpistolen simuliert, dazu hält man sich – genau wie Janet auf der Bühne – das Stück einer Tageszeitung über den Kopf. Auch die Zeile „There’s a light“ im Song „Over at the Frankensteins Place“ ist ein schönes Stichwort – denn jetzt sollten überall im Publikum Feuerzeuge aufflammen. Ist Rocky erschaffen und wird der Schönling von seinem Verband befreit, kommen die Klopapier-Rollen zum Einsatz. Und wenn Frank bei einem großen Essen den Satz „A Toast to absent friends“ spricht, ist die Zeit gekommen, die Weißbrot-Scheiben auf die Bühne fliegen zu lassen.
Für „Rocky-Horror-Profis“ bieten sich darüber hinaus noch weitere Variationen und Einsatzmöglichkeiten. Beliebt ist das Repertoire an Zwischenrufen, die aber absolut schon fortgeschrittene Stufe sind. Als Rif Raf, der „Hüter“ des Schlosses, dem nassen Paar die Tür öffnet und zu Janet den Satz „You ´re wet“, sagt, folgt der Zwischenruf „She’s always wet“. Und immer dann, wenn irgendwo im Musical der Name „Dr. Everett Scott“ ertönt, so ist mit einem Lauten „Uh!“ zu kontern.
Weitere Varianten:
Beim Essen – leider nicht in jeder Bühnen-Fassung präsent – kommt es gut, sich gegenseitig mit Papptellern zu bewerfen. Profis haben auch Gummihandschuhe dabei, und lassen sie gemeinsam mit Frank N’Furter zur Einleitung der Operation „Rocky“ laut knallen. Und wenn im Lied „I’m going home“ der Satz „cards for sorrow, cards for pain“ gesungen wird, können beizeiten auch schon einmal Spielkarten auf die Bühne fliegen. Der Phantasie sind aber keine Grenzen gesetzt.
Wer die Publikumsbeteiligung für seinen Besuch im Musical komplett einstudieren möchte, dem empfehle ich auf jeden Fall wieder einmal die Jubiläums-DVD. Denn dort gibt es das komplette „Trainingsprogramm“.
Wie sieht es aber nun mit den Inszenierungen aus?
Da das Musical wie schon eingangs erwähnt keinen festen Standpunkt in Deutschland hat, taucht es in den verschiedensten Variationen immer wieder mal für kurze Zeit überall in Deutschland in Theatern etc. auf. Mein Tipp: Ihr solltet unbedingt auch mal darauf achten, ob es vielleicht irgendwo eine Laienaufführung einer kleinen Musicalgruppe sind, denn solche Shows sind nicht nur durch das oft besonders aktiv agierende Publikum, sondern auch durch die Art der Umsetzung echte Bringer. So fand eine der besten Aufführungen der Rocky Horror Show, die ich jemals gesehen habe, auf einer Kleinkunstbühne im kleinen, bayerischen (katholischen!) Eichstätt statt – hier herrschte einfach so eine Stimmung, dass man es kaum in Worte fassen kann. Auch eine Schüleraufführung, die ich mal in einer anderen Stadt sah, stand den großen Theater-Produktionen in wirklich nichts nach. Meine erste Rocky Horror Show hingegen hatte ich im zarten Alter von 14 Jahren im „Neuen Theater Hamburg“ erlebt – eine vergleichsweise kleine Bühne mit toller Show, die mich schlussendlich auch mit dem Rocky-Virus infizierte. Eher schwach dagegen die Rocky Horror Show im Stadttheater Dortmund (hier hatte man versucht, eine besonders moderne Aufführung auf die Bühne zu bringen, was in meinen Augen missglückt war – denn wenn Transvestiten lilane, dreieckige, spitze Hüte tragen, wirkt das irgendwie seltsam) sowie in der Philharmonie München. Hier hatte ich zwar auch die Crew vom Londoner Westend gesehen, die jetzt wieder in München im Deutschen Theater gastiert, doch die Theaterbetreiber hatten das Werfen von Reis und Spritzen von Wasser verboten. Tolle Sache. Die Aufführung im Deutschen Theater hingegen ist schon ziemlich klasse – wobei als einziges Manko zu erwähnen wäre, dass die Crew aus London die Rolle des Rocky mit einem Farbigen besetzt hat. So gut dieser Schauspieler auch ist – Rocky muss für mich muskulös, hell, blond und dumm sein. Sonst geht leider ein Teil der Aussage verloren.
Geheimtipp ist übrigens auch die Rocky Horror Show im Landestheater Halle/Saale. Hier wird das Stück höchst abgedreht auf die Bühne gebracht – zum Beispiel fahren Brad und Janet nicht mit irgendeinem Auto, sondern einem Trabbi über die Bühne – während draußen Schilder mit Orten wie „Bitterfeld“ etc. vorbeigetragen werden. Hier hat auch ein wahnsinnig gutes Rocky-Publikum das Theater in der Macht – wobei ich als Theaterbetreiber wohl eher weniger glücklich wäre, wenn im Zuge der Essens-Party eine ganze Mehlbombe sich über Publikum und Sitze ausbreitet ...
Am Rande sei noch erwähnt, dass die „Rocky Horror Show“ eines der wenigen Musicals ist, bei dem die Texte nicht auf deutsch übersetzt wurden. Es soll zwar vor zehn Jahren mal die eine oder andere deutsche Aufführung gegeben haben, diese kamen aber beim Publikum nicht richtig an. Meistens spricht bei den deutschen Aufführungen nur der Erzähler deutsch, die Dialoge bleiben englisch. Und manchmal wird selbst bei dieser Rolle auf die Übersetzung verzichtet. Ob die „Rocky Horror Show“ auch für Kinder geeignet ist, lasse ich (stefbl) mal dahingestellt. Fest steht, dass einige Szenen schon nicht ohne sind – und die sexuelle Ausrichtung ganz klar die ganze Handlung bestimmt. Ich vermute aber mal, dass diese Zusammenhänge von den Kleinen sowieso nicht verstanden werden – und somit mit Sicherheit keine „Jugendgefährdung“ erfolgt. Ob sie aber Spaß an dem Stück haben und ob der gewaltsamen Tötung von Eddy nicht Albtäume kriegen, das weiß ich nicht. Ich würde insgesamt einen Besuch des Stücks Jugendlichen unter 14 Jahren nicht empfehlen. Ich war 14 bei meiner ersten Rocky Horror Show – und man sieht ja, wohin das geführt hat ...
Kommen wir also nun zum Fazit:
Mit „The Rocky Horror Show“ wurde ein einmaliger Kult auf die Bühne gebracht, der sich von allen Konventionen, von allen Schnulz-Musicals etc. verabschiedet hat – und noch dazu deutlich distanziert. Die „Rocky Horror Show“ ist einfach auf der ganzen Linie durchgeknallt und abgedreht – und deswegen macht es ja so Spaß, sich das Stück im Theater anzuschauen und sich einfach von der Sucht treiben zu lassen. Eine coole, rockige Musiklinie rundet diesen Trend ab – Rocky MUSS man einfach zumindest einmal im Leben gesehen haben, sonst hat man was verpasst.
Also raus mit den Strapsen, her mit dem Reis – und schon ist der Weg geebnet ...
Give youself over to absolute pleasure
Swin the warm waters of sins of the flesh
Erotic nightmares beyond any measure
And sensual daydream to treasure forever
Can’t you just see it?
Don’t dream it – be it!
stefbl, 8. September 2003
(Erstveröffentlichung bei ciao im Oktober 2002)
Als bekennender Rocky-Horror-Fan mit allem, was dazu gehört, habe ich nicht nur den Film und das Musical mehrfach gesehen, ich besitze auch die Jubiläums-DVD-Edition, das passende Outfit für Rocky Horror-Parties etc. Nun jedoch soll es einmal um die Musicalfassung des Spektakels gehen, das ich bis jetzt schon ca. acht Mal auf diversen Bühnen gesehen habe – zuletzt im vergangenen Oktober im Deutschen Theater in München, wo die Crew vom Londoner Westend ein doch recht lohnenswertes Gastspiel gab.
“Don’t dream it, be it ...” – ein im Musical ausgelebtes Motto, das nicht nur für die Bühnenfassung des Kultfilms absolut die Richtung vorgibt. Denn so viel sei schon verraten: Ein abgedrehteres, verrücktes, krasseres Musical (aus der Feder von Richard O’Brien) mit mehr Publikumsbeteiligung – das gibt es in Deutschland wohl nirgendwo. Mir geht es bei jeder Aufführung immer so, dass ich nicht nur sofort mit Leib und Seele dabei bin und mitmache, wo es nur geht (dazu später mehr), sondern je nach Aufführungsort und Begleitung (zuletzt hatte ich mit meinem Freund einen Rocky-Horror-Neuling dabei und musste mich deshalb entsprechend benehmen *g*) gerne auch in der passenden Rocky Horror-Kostümierung erscheine. Wie die genau aussieht, bleibt jedem Rocky Horror-Fan selbst überlassen. Dazu gehören jedoch auf jeden Fall Strapse, am besten auch noch eine Korsage, je nach Rolle eine Federboa ... und dazu ein recht weiß geschminktes Gesicht mit starkem Augen- und Lippen-Make-Up. Hier sind jedoch auch eine Menge an Variationen möglich.
Doch worum geht es in der „Rocky Horror Show“ eigentlich?
Wer bereits einmal den entsprechenden Film (am besten noch in einem echten Rocky Horror-Kino) gesehen hat, ist schon einmal bestens im Bilde – denn dieser wurde auch 1:1 – abgesehen von winzigen Variationen – auf die Bühne umgesetzt. Brad und Janet, ein gerade frisch verlobtes Paar, macht sich im Auto auf dem Weg, um ihren alten Lehrer Dr. Everett Scott (uh!) zu besuchen, als ihnen eine Reifenpanne einen Strich durch die Rechnung macht. Mitten im größten Sturzregen wird Hilfe benötigt – und so landen die beiden in einem geheimnisvollen Schloss, wo unter der Regie von Ober-Transvestit Frank N’Furter gerade der transsilvanische Jahreskongress festlich begangen wird. Und der hat in diesem Jahr einen besonderen Höhepunkt – will sich Frank doch diesmal mit „Rocky“ einen eigenen, seiner sexuellen Ausrichtung nicht abgeneigten, Gespielen namens Rocky erschaffen. Prompt sind Brad und Janet mitten drin in einem Chaos – von Party freier Sexualität, von Eifersucht und Verführungen – und ... und ... und ... Doch das ist noch nicht alles. Eddie, Geliebter von Franks Gefolgin Magenta, passt nicht ganz ins Konzept und wird mal eben mit der Kettensäge umgebracht, in Stücke geteilt und aufgegessen. Und dann taucht im Schloss zu allem Überfluss auch noch Dr. Everett Scott (uh!) auf, der die Menschheit vor Kreaturen wie Frank möglichst schnell retten will. Und dann nimmt die ganze Geschichte doch noch eine recht überraschende Wendung ...
Verwirrt? Macht nichts. Denn in der „Rocky Horror Show“ ist einfach nichts normal – „madness takes ist toll“, wie es im wohl bekanntesten Song dieses Musicals, dem „Time Warp“ treffend heißt. Und damit wären wir auch schon bei der Musik des Stücks, die gleichsam rockig wie abgedreht ist. Den Song „Timewarp“ („it’s just a jump to the left ... and then a step to the right”) hat sicherlich jeder schon einmal gehört – auf Partys wird er jedenfalls immer wieder gerne mal gespielt. Echte Klassiker sind darüber hinaus das Solo von Frank N’Furter („Sweet Transvestite“), der Opener („Science Ficture Double Feature“), Brads Heiratsantrag an Janet („Dammit Janet“) sowie das Lied nach der Autopanne („Over aht the Frankensteins Place“). Zu meinen persönlichen Favoriten gehören darüber hinaus noch Janets laszives „Touch-A, Touch-A, Touch Me“ sowie Brads Solo „Once in a while“, das aus der Film-Variante übrigens herausgeschnitten wurde und nur noch in der Bühnen-Version zum Einsatz kommt. Auf der Rocky-Horror-Jubiläums DVD („25 years of absolute pleasure“) ist dieser Ausschnitt aber auch noch zu sehen. Wer wirklich noch keinen einzigen dieser Songs kennt, dem empfehle ich (stefbl) ein baldmöglichstes Probehören – denn auf den einschlägigen Tausch-Plattformen im Internet sind diese Titel auf jeden Fall auch zu finden.
Nun aber zum wichtigsten Punkt – zur Publikumsbeteiligung. Denn das, was die „Rocky Horror Show“ so einmalig macht, ist die Tatsache, dass hier niemand lange auf seinem Platz sitzen bleibt – und wirklich aktives Mitmachen gefordert ist. Zur Grundausstattung eines Rocky Horror-Fans gehören somit Reis, eine gefüllte Wasserpistole, eine Rolle Klopapaier, eine Zeitung, ein Feuerzeug und eine Scheibe Toastbrot. Der Reis wird gleich ganz am Anfang durch die Gegend geworfen, wenn Brad und Janet Besucher einer Hochzeit sind – sowie später einmal, wenn Frank seinen Rocky ehelicht. Der Regen im Wald nach der Reifenpanne wird durch Wasserpistolen simuliert, dazu hält man sich – genau wie Janet auf der Bühne – das Stück einer Tageszeitung über den Kopf. Auch die Zeile „There’s a light“ im Song „Over at the Frankensteins Place“ ist ein schönes Stichwort – denn jetzt sollten überall im Publikum Feuerzeuge aufflammen. Ist Rocky erschaffen und wird der Schönling von seinem Verband befreit, kommen die Klopapier-Rollen zum Einsatz. Und wenn Frank bei einem großen Essen den Satz „A Toast to absent friends“ spricht, ist die Zeit gekommen, die Weißbrot-Scheiben auf die Bühne fliegen zu lassen.
Für „Rocky-Horror-Profis“ bieten sich darüber hinaus noch weitere Variationen und Einsatzmöglichkeiten. Beliebt ist das Repertoire an Zwischenrufen, die aber absolut schon fortgeschrittene Stufe sind. Als Rif Raf, der „Hüter“ des Schlosses, dem nassen Paar die Tür öffnet und zu Janet den Satz „You ´re wet“, sagt, folgt der Zwischenruf „She’s always wet“. Und immer dann, wenn irgendwo im Musical der Name „Dr. Everett Scott“ ertönt, so ist mit einem Lauten „Uh!“ zu kontern.
Weitere Varianten:
Beim Essen – leider nicht in jeder Bühnen-Fassung präsent – kommt es gut, sich gegenseitig mit Papptellern zu bewerfen. Profis haben auch Gummihandschuhe dabei, und lassen sie gemeinsam mit Frank N’Furter zur Einleitung der Operation „Rocky“ laut knallen. Und wenn im Lied „I’m going home“ der Satz „cards for sorrow, cards for pain“ gesungen wird, können beizeiten auch schon einmal Spielkarten auf die Bühne fliegen. Der Phantasie sind aber keine Grenzen gesetzt.
Wer die Publikumsbeteiligung für seinen Besuch im Musical komplett einstudieren möchte, dem empfehle ich auf jeden Fall wieder einmal die Jubiläums-DVD. Denn dort gibt es das komplette „Trainingsprogramm“.
Wie sieht es aber nun mit den Inszenierungen aus?
Da das Musical wie schon eingangs erwähnt keinen festen Standpunkt in Deutschland hat, taucht es in den verschiedensten Variationen immer wieder mal für kurze Zeit überall in Deutschland in Theatern etc. auf. Mein Tipp: Ihr solltet unbedingt auch mal darauf achten, ob es vielleicht irgendwo eine Laienaufführung einer kleinen Musicalgruppe sind, denn solche Shows sind nicht nur durch das oft besonders aktiv agierende Publikum, sondern auch durch die Art der Umsetzung echte Bringer. So fand eine der besten Aufführungen der Rocky Horror Show, die ich jemals gesehen habe, auf einer Kleinkunstbühne im kleinen, bayerischen (katholischen!) Eichstätt statt – hier herrschte einfach so eine Stimmung, dass man es kaum in Worte fassen kann. Auch eine Schüleraufführung, die ich mal in einer anderen Stadt sah, stand den großen Theater-Produktionen in wirklich nichts nach. Meine erste Rocky Horror Show hingegen hatte ich im zarten Alter von 14 Jahren im „Neuen Theater Hamburg“ erlebt – eine vergleichsweise kleine Bühne mit toller Show, die mich schlussendlich auch mit dem Rocky-Virus infizierte. Eher schwach dagegen die Rocky Horror Show im Stadttheater Dortmund (hier hatte man versucht, eine besonders moderne Aufführung auf die Bühne zu bringen, was in meinen Augen missglückt war – denn wenn Transvestiten lilane, dreieckige, spitze Hüte tragen, wirkt das irgendwie seltsam) sowie in der Philharmonie München. Hier hatte ich zwar auch die Crew vom Londoner Westend gesehen, die jetzt wieder in München im Deutschen Theater gastiert, doch die Theaterbetreiber hatten das Werfen von Reis und Spritzen von Wasser verboten. Tolle Sache. Die Aufführung im Deutschen Theater hingegen ist schon ziemlich klasse – wobei als einziges Manko zu erwähnen wäre, dass die Crew aus London die Rolle des Rocky mit einem Farbigen besetzt hat. So gut dieser Schauspieler auch ist – Rocky muss für mich muskulös, hell, blond und dumm sein. Sonst geht leider ein Teil der Aussage verloren.
Geheimtipp ist übrigens auch die Rocky Horror Show im Landestheater Halle/Saale. Hier wird das Stück höchst abgedreht auf die Bühne gebracht – zum Beispiel fahren Brad und Janet nicht mit irgendeinem Auto, sondern einem Trabbi über die Bühne – während draußen Schilder mit Orten wie „Bitterfeld“ etc. vorbeigetragen werden. Hier hat auch ein wahnsinnig gutes Rocky-Publikum das Theater in der Macht – wobei ich als Theaterbetreiber wohl eher weniger glücklich wäre, wenn im Zuge der Essens-Party eine ganze Mehlbombe sich über Publikum und Sitze ausbreitet ...
Am Rande sei noch erwähnt, dass die „Rocky Horror Show“ eines der wenigen Musicals ist, bei dem die Texte nicht auf deutsch übersetzt wurden. Es soll zwar vor zehn Jahren mal die eine oder andere deutsche Aufführung gegeben haben, diese kamen aber beim Publikum nicht richtig an. Meistens spricht bei den deutschen Aufführungen nur der Erzähler deutsch, die Dialoge bleiben englisch. Und manchmal wird selbst bei dieser Rolle auf die Übersetzung verzichtet. Ob die „Rocky Horror Show“ auch für Kinder geeignet ist, lasse ich (stefbl) mal dahingestellt. Fest steht, dass einige Szenen schon nicht ohne sind – und die sexuelle Ausrichtung ganz klar die ganze Handlung bestimmt. Ich vermute aber mal, dass diese Zusammenhänge von den Kleinen sowieso nicht verstanden werden – und somit mit Sicherheit keine „Jugendgefährdung“ erfolgt. Ob sie aber Spaß an dem Stück haben und ob der gewaltsamen Tötung von Eddy nicht Albtäume kriegen, das weiß ich nicht. Ich würde insgesamt einen Besuch des Stücks Jugendlichen unter 14 Jahren nicht empfehlen. Ich war 14 bei meiner ersten Rocky Horror Show – und man sieht ja, wohin das geführt hat ...
Kommen wir also nun zum Fazit:
Mit „The Rocky Horror Show“ wurde ein einmaliger Kult auf die Bühne gebracht, der sich von allen Konventionen, von allen Schnulz-Musicals etc. verabschiedet hat – und noch dazu deutlich distanziert. Die „Rocky Horror Show“ ist einfach auf der ganzen Linie durchgeknallt und abgedreht – und deswegen macht es ja so Spaß, sich das Stück im Theater anzuschauen und sich einfach von der Sucht treiben zu lassen. Eine coole, rockige Musiklinie rundet diesen Trend ab – Rocky MUSS man einfach zumindest einmal im Leben gesehen haben, sonst hat man was verpasst.
Also raus mit den Strapsen, her mit dem Reis – und schon ist der Weg geebnet ...
Give youself over to absolute pleasure
Swin the warm waters of sins of the flesh
Erotic nightmares beyond any measure
And sensual daydream to treasure forever
Can’t you just see it?
Don’t dream it – be it!
stefbl, 8. September 2003
(Erstveröffentlichung bei ciao im Oktober 2002)
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