Die Toten Hosen Testbericht

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Erfahrungsbericht von AlterPlunder

Die Hosen singen ungarisch

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Ich habe nicht vor, der werten Yopi-Leser zum sechshundertundsechsundsechszigsten Mal von einem Toten Hosen Konzert zu erzählen, bei dem die Düsseldorfer einmal mehr die mit Untertanen ausverkaufte Halle vom ersten Moment an für sich und nur für sich begeistern konnten. Es soll auch mehr als eine Randerwähnung sein, dass ich mich weder als Hosen Fan, noch als Hosen Hasser verstehe. Immerhin eine (Best Of) CD der Hosen nenne ich mein Eigen. Die Songs von dieser Collection sind mir geläufig, ebenso wie so manch anderer Song aus dem Repertoire, das sich die Düsseldorfer in den vergangenen zwanzig Jahren zusammenkomponiert- und geklaut haben. Songs, die jeder kennt; schliesslich haben sich die Hosen zu Deutschem Kulturgut gemausert. Ich erkenne ihren Status an und höre das eine oder andere Lied der Hosen gelegentlich recht gerne. Vor allem wenn\'s auf einer Partyrecht viel zu trinken gibt.

Und trotzdem...! Trotzdem würde ich niemals 30 €uro auf den Tisch legen, um dieses Deutsche Kulturgut bei einem Tourneetriumphzug erleben zu dürfen. Meine Gelegenheit, Die Toten Hosen live zu erleben bot sich am ersten Augustwochenende des letzten Jahres beim Pepsi Sziget Festival in Budapest. Anmerkung: Das Pepsi Sziget findet auf der Donauinsel in Budapest statt, dauert eine Woche und ist mit bis zu einer halben Millionen Besucher das grösste Rockfestival Europas.
Eine interessante Kulisse finde ich. So mancher Ungar steht uns Deutschen eh\' skeptisch gegenüber und von ein paar Tausend Deutschen Urlaubern und Kurztripmachern abgesehen waren wohl eher wenige Zuschauer angereist, die eine gewohnte Kulisse für die Hosen darstellen hätten können. Es versprach also spannend zu werden, zu sehen, ob und wie die Toten Hosen um die Gunst eines nicht vertrauten Publikums erstmal kämpfen müssen.

Am Sonntag Abend waren Deutschlands Finest Punks also der Hauptact nach der ungarischen Kultband Tankscada, deren Status dortzulande ich einfach mal mit dem Status der Onkelz hierzulande vergleiche. Vor allem in musikalischer Hinsicht, ebenso vom Kult her. In Ungarn kennt diese Band jeder - vor und nach dem Tankscada Gig gröhlten ungarische Zuschauer in Chören deren Songs. Die Stimmung war nach einer umjubelten eineinhalbstündigen Performance von Tankscada auf dem Höhepunkt und ich fragte mich, wie die Hosen dem noch eins draufsetzen wollen - ob die Hosen überhaupt noch eine Chance hatten, das vor der Hauptbühne versammelte Grüppchen von schätzungsweise 15 000 Tankscada Fans halbwegs bei Laune halten. Doch die alten ausgebufften Profis gingen diese Herausforderung äusserst gelassen an. Hosen Fans gibt\'s in Ungarn, wie sich herausstelte nämlich eine ganze Menge. Als die Herrschaften aus Düsseldorf mit einem gelassenen Lächeln die Bühne betraten wurden sie von nahezug allen Anwesenden mit frenetischen Applaus und Gebrüll empfangen.
Nach einem griechischen Intro schnappten die Hose sich ihre instrumente, verharrten eine Sekunde -ausser der Drummer; 1 2 3 4 - und legten mit \"Olé\" (ich bin mir nicht sicher, aber die häufige Wiederholung dieses Worts im Refrain lässt mich vermuten, dass dieser Song so heisst) los - ein goldrichtiger Schach, weil diesen Song JEDER mitgröhlen kann und gerne mitgröhlt. Die Deutschen Besucher, die im Vorfeld schon vergeblich versuchten, den Ungarn in ihr \"Wir wolln die Hosn sehn schalalalalala\" Gegröhle mit einzubringen rasteten aus, tanzten und poogten. Die Ungarn wären übrigens gewillt gewesen, in den erwähnten Chor mit einzustimmen. Sprachliche Barrieren hinderten die meisten aber dran. Denn eins war während dem ersten Song schon klar: Auch die Ungarn stehen auf Punk aus Deutschen Landen. Denn auch das einheimische Publikum hatten die Mannen um Campino zu meiner Überraschung vom ersten Song an auf ihrer Seite.
Auf Experimente liessen sich die Hosen dennoch nicht ein. Aus einem grossen Sack voller Hits konnten die Hosen Songs zum Stimmung machen schöpfen. Und was Mann und Frau kennen wurde nur unter Berücksichtigung der Partytauglichkeit der Meute zum Fras vorgeworfen. Schon beim dritten Song brüllte Campino, dass es jetzt richtig losgehe. \"Hiiiieeer koooommmt Aaaallleeexx!\".
Die Ansage zu diesem Song war übrigens die einzige, die er nur auf Deutsch tätigte. Normal las er seine Ansagen zuerst in holprigen ungarisch von einem Zettel ab, danach folgte eine Englische Ansage und dann erst die Deutsche.
Das war schon recht witzig: Da steht eine Deutsche Band auf der Bühne und erzählt etwas in einer mir unverständlichen Sprache. Die Ungarn um mich rum murmeln plötzlich \"ahh...ok...no problem\". Ich frage mich was los ist (ich hatte echt keinen Bock, als Deutscher einen Ungarn auf englisch zu fragen, was denn los sei) - erst eine Minute später verstehe dann auch ich, \"Wir spielen mit geliehenem Equiment. Unseres ist auf\'m Flugplatz verloren gegangen. Also sorry schonmal, wenn nicht alles ganz klappt.\"

Weiter im Text: Anschliessend kommt \"Schön sein\", einer meiner Faves der Hosen. Ich habe mich wieder etwas weiter nach vorne durchgeschlagen. Einige der Herren Musiker haben tatsächlich schon etwas lichtes Haar. Ein Zeichen des Alters? Gewiss. Trotzdem tänzeln die Fünf fit wie ein Turnschuh über die Bühne. Allen voran Campino und selbstverständlich ausgenommen des Schlagzeugers. Der kann nicht über die Bühne tänzeln, der muss hinterm Schlagzeug sitzen bleiben. Das Getänzel von Campino wird von manchen Konzertbesuchern allerdings als etwas merkwürdig empfunden. Kann ich nicht ganz nachvollziehen, vor allem weil dies bestimmt eine ziemlich subjektive Sache ist. Ich sehe halt einfach, dass den Hosen das Krach machen nach über zwanzig Jahren immer noch tierisch viel Freude bereitet.

Als nächstes im Programm \"Liebesspieler\". Alle, auch die Ungarn mal wieder, gröhlen begistert mit. Ich nicht. Dem subjektiven Empfinden mal wieder wegen. Ganz anders wieder bei \"Liebeslied\". Und dann - ich würde sagen All Hell Breaks Loose, was dann bei diesem \"Alle Für Einen\" los war. Dieser kleine vertonte Schüttelreim scheint wirklich weltbekannt zu sein. Und die Ungarn als auch die Österreicher, die Deutschen, die Tschechen, Polen, Rumänen (ein repräsentativer Querschnitt des Nationalitätenmischmaschs auf diesem Festival) scheinen ihn in der punkigen Hosen Version am liebsten zu hören / zu singen. Naja, wer den Chorus nach dem ersten mal hören beim zweiten mal nicht mitgröhlen kann, der hat auf einem Konzert eh\' nichts verloren. Die Stimmung ist schon wieder auf dem Höhepunkt und wenn\'s am schönsten ist soll man aufhören. Die Hosen lassen sich mit dem Beenden des Konzerts zur Freude des Publikums viel Zeit. Zuerst noch ein paar Punk Klassiker Coverversionen, unter anderem \"Should I Stay Or Should I Go\", die die paar Zweifler und Miesmacher, die es an diesem Abend auf diesem Gelände bestimmt gegeben hat auch noch aus der Reserve lockten. Dann eben noch ein paar Schlagerklassiker, bei deren positiver Reaktion Campino gar nicht glauben kann, dass \"ihr auf diese Volksmusikscheisse steht\". Zuerst natürlich auf englisch, dann auf deutsch. Nicht auf ungarisch, weil spontane Reaktionen nicht auf ungarisch auf einem Spickzettel niedergeschrieben sind.
Zum Schluss hin mach\' ich mir nochmal so richtig Feinde, als ich die Ansage zum Bayern München Song ausbuhe (ich bin übrigens auch kein Bayern Fan...).
Danach ist Schluss. Für ein paar Minuten erstmal, bevor die Hosen zu einem ausgedehnten Zugabe-Part zurück auf die Bühne kommen und diesen standesgemäss mit \"Eisgekühlter Bommerlunder\" beenden.

Was bleibt?
Zwei Hände voller Deutscher ausgepowerter oder besoffener Fans. Noch mehr ausgepowerte oder besoffene ungarische Fans, die vergeblich versuchen, das zu brüllen, was die Deutschen da brüllen. Klingt irgendwie nach \"Zullglaber\".
Was ich vermute, was geblieben ist: Eine glückliche Band, die vor alles anderem als einem heimischen Publikum nicht ganz erwartet einen Triumphzug auf die Bretter gelegt hat. Und ich hoffe, dass irgendwer nach der Show dem guten Campino einen Slibowitz vorbeigebracht hat. Er hat das Publikum im Laufe des Auftritts inständig drum gebeten... und meiner Meinung hat er sich diesen an diesem Abend redlich verdient.

Ungefähr 90 Minuten gaben die Hosen Vollgas. Für diesen und zahlreiche andere Acts und Attraktionen habe ich 3000 Fl (12 €uro) bezahlt. Saubillig, gell. Darum fahre ich nächstes Jahr wieder auf dieses Festival. Und wer mehr zum Pepsi Sziget Festival in Budapest wissen will, der kann dies in meinem Bericht tun *Schleichwerbung*, der hier erscheinen wird, sobald diese Kategorie auf yopi.de existiert.

Angemerkt zum Schluss: Ist es Zufall, dass das nächste Hosen-Konzert zwei Tage später auf der Zugspitze - in meiner Heimat - stattfand?


Veröffentlicht auf yopi.de und auf ciao.com vom LastHardMan, welcher ich selbst bin, den ein paar wenige ganz gerne auch mal LastBlödMan rufen.

15 Bewertungen, 1 Kommentar

  • LiFo

    21.03.2009, 12:12 Uhr von LiFo
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr hilfreich. Liebe Grüße, Lifo