Ehe und Familie Allgemein Testbericht

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Erfahrungsbericht von nosianai

Fassadenspiele

Pro:

siehe Text

Kontra:

siehe Text

Empfehlung:

Nein

Fassadenspiele in Indien – Ein kleiner Ausdruck großer Eindrücke

Der Vorher-Nachhertest klappt nicht nur in Werbespots, sondern auch bei Reisen, die Einblicke in ungewohnte Situationen erlauben.
Und schon zaubert Nosianai den „Familientest“ auf die Leinwand, denn zu diesem Thema habe ich mir während meiner halbjährigen Indienreise viele Gedanken machen müssen.

Ganz besonders praktisch: Indien ist so richtig schön „anders“, da gibt es viel zu vergleichen, obwohl man ja von solchen Dingen lieber die Finger lassen sollte.

Und bevor ich mich um Kopf und Kragen rede, stelle ich doch gleich noch zu Beginn fest: Vollständigkeit ist ein Wort, dass man in einem Meinungsforum mit einer Strafe belegen sollte, und so möchte ich diesen Bericht auch gern behandelt sehen.
Ich kann natürlich nur auf Dinge zurückgreifen, die ich mit eigenen Augen gesehen habe.

Auf Los geht’s los:

Das „Mutter-Vater-Kind(er)“-Syndrom lässt in der heutigen Zeit (leider?) nach.
Die versammelte „Sippschaft“ findet sich bei Geburtstagen und solcherlei Anlässen (nicht mehr oft) zusammen und vertreibt sich die Zeit mit Gesellschaftsspielen.
Bücher über Beziehungskisten, die (angeblich) das Leben schreibt.
Wir vertragen aber auch Schwiegermutterwitze. Alleinerziehende Eltern sind keine Ausgestoßenen. Fast schon könnte man meinen, dass sich Singlehaushalte mit Gelegenheitsmitbewohnern schon so weit etabliert haben, dass man sie als „Familie“ durchgehen lässt. Für den Kinderführerschein muss man schon lange nicht mehr vor den Traualtar, und „Kein Sex vor der Ehe“ ist heute so chic (weil anders), dass man damit sogar richtig sexy wird.
Viele Veränderungen haben die Großfamilie aus der Guten Alten Zeit wohl endgültig dachbodenreif gemacht.
Ist das nun gut oder schlecht?

Dieses Brainstorming sollte eher als Stimmungseinstieg dienen als irgendjemanden zu informieren, denn an dieser Stelle schwenken wir die Kamera mal weg von Deutschland.
Ich habe keine Lust, mir hier Kulturenmischmasch vorwerfen zu lassen, oder dass ich mal wieder auf Exotik stehe. Auch will nicht die „verborgenen Geheimnisse fremder Menschen“ ausschlachten, aber wie immer merken wir alle doch erst dann, was wir eigentlich haben, wenn man es uns wegnimmt. Und genau an diesem wunden Punkt möchte ich ansetzen.

Schwierig ist es jetzt allerdings, einen geeigneten Einstieg zu finden.

Ich habe zum Beispiel die kleinen uniformierten Kinderlein nach Hause stapfen sehen. Meist doch in einer streng nach Jungen und Mädchen sortierten Gruppen. Das ist „bei uns“ ja auch nicht unbedingt anders, doch wenn dies den Kleinen schon in der Schule aufgeprägt wird, indem man sie nach Geschlechtern getrennt in verschiedene Ausbildungsstätten schleppt (was nicht überall so ist, aber doch sehr häufig vorkommt), und wenn dies bis ins Jugendalter, eigentlich bis zum Schulbildungsschluss, beibehalten wird, dann ist doch schon eher verständlich, warum man pubertierende Grünschnäbel vorfindet, die steif und fest behaupten, mit dem anderen Geschlecht nichts zu tun haben zu wollen.
Anfang-zwanziger sagen in aller Öffentlichkeit (nämlich auf RadioCity, DEM Radiosender schlechthin in Karnatakas Hauptstadt Bangalore), dass sie gar nicht an Freund bzw. Freundin interessiert sind.

Und warum nicht?

Weil sie weder etwas mit dem anderen Geschlecht zu tun haben, noch zu tun haben sollen. Ich will hier weder Propaganda betreiben, mich als Messias der indischen Kultur beschreiben noch an Dingen mäkeln, die ich gesehen und erklärt bekommen habe, die mir aber auf Grund meiner Erziehung so fern liegen, dass ich nicht mit Verständnis prahlen kann.
Und dennoch: Ein Großteil der Hochzeiten Indiens im 21. Jahrhundert sind arrangiert, und fast keiner regt sich darüber auf. Nicht einmal die Zu-Verheiratenden!

Für mich mutet das Ganze paradox an. Weil man überzeugt davon ist, dass eine sog. „Love Marriage“ nicht funktioniert (zumindest nicht auf Dauer), vertraut man auf die Weisheit der Eltern und Tanten (denn es sind meist die Tanten, die auf Jagd nach einem geeigneten Partner gehen), denn diese sind ja schon viel älter und müssen deshalb zwangsweise auch wissen, was gut für einen ist.

„Alter schützt vor Torheit nicht“

Zu meinem Erstaunen fügen sich die meisten „Kinder“ dem Wunsch der Eltern. Man könnte ja meinen, dass die Erziehung und das Aufwachsen in Geschlechtergruppen dafür ausschlaggebend sind.
Doch auch in Indien gibt es Fernsehen und internationale Magazine. Viele derer, die im Ausland arbeiten, kommen für eine arrangierte Hochzeit wieder zurück. Was geschieht mit den Einflüssen, die auf die „Kinder“ einwirken, wenn sie zum Beispiel reisen?
Sie müssen wohl sang- und klanglos untergehen.

Ich habe mit vielen Leuten aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen über diesen Sachverhalt diskutiert. Das war nicht immer einfach, denn manche „Argumente“ klangen für mich wirklich weit hergeholt. Das wahllose Ausschlachten irgendwelcher Scheidungsraten anderer Länder beispielsweise klang für mich wie schlechte Propaganda.
Es war sehr schwierig, den meisten Leuten klarzumachen, dass auch in Europa nicht jeder nach dem Ex-und-Hopp-Prinzip durch die Betten der Stadt zieht.

Das Ansehen europäischer Frauen läuft geradewegs gegen Null. Freizügig und schamlos sind wir. Und wir können auch nicht gut für eine Familie sorgen. Außerdem würden wir unseren Männern davon laufen.
Dazu sage ich nicht viel. Es gibt immer welche, auf die jede Beschreibung passen würde. Und in einen Topf mit vielen lass ich mich sowieso nicht werfen.

Aber was ist mit der indischen Frau, die ihren Mann ein paar Mal sieht und im nächsten Moment mit ihm verheiratet ist?
Die Zeremonien haben sich gelockert und heute sind auch ein, zwei Treffen mit dem Auserwählten drin, und man kann sich auch mal allein mit ihm unterhalten. Auch so was wie „Demokratie in der Familie“ ist heute weniger abwegig als noch vor 50 Jahren. Die Kinder dürfen ihr Votum zum Vorschlag ihrer Eltern abgeben, aber „Selber Aussuchen“ ist dennoch in den meisten Fällen nicht drin.

Und wenn, dann in einer sehr abstrakten Form:
Ein guter Bekannter hat von sich regelrechte Bewerbungsfotos geklickt und sich bei seinem (hoffentlich) zukünftigen Schwiegervater wie ein Produkt selbst geworben.
Faszinierend! Und ich war nah dran, dasselbe zu tun. Leider wurde mein Termin zum Vorstellungsgespräch vom oberen Gremium nicht gewährt.

Niederschmetternd? Beleidigend? Oder gar demütigend?
Ich habe versucht, das Ganze nicht persönlich zu nehmen. Ist wirklich besser so.

Es hat wirklich nichts damit zu tun, dass die Eltern „ungebildet“ oder gar „dumm“ sind. Gott behüte, das ist wirklich nicht der Fall! Und trotzdem verstoßen intelligente Menschen ihre eigenen Kinder lieber, als dass „unpassende“ Hochzeiten bewilligt werden. So nach dem Motto: „Dann doch lieber gar keinen Sohn, als einen, der mit einer Frau verheiratet ist, die nicht ins Bild passt!“
Ein faszinierender Aspekt, denn: Sind diese Leute darum weniger gute Eltern? Oder die besseren? Ich erlaube mir darüber kein Urteil, denn dafür fehlt mir der Einblick in die Ursachen dieses Verhaltens. Mit bloßer „Rückbesinnung auf die eigene Erziehung“ ist dieses Verhalten nämlich ganz und gar nicht zu erklären. Und auch „Bildung“ spielt weniger eine Rolle, als die meisten gerne behaupten....

Hat man für die Kinder erst mal etwas Passendes gefunden, geht’s ab zur Verlobung, welche ein Haltbarkeitsdatum von bis zu einem halben Jahr hat. In der Zwischenzeit sollte man dann unter der Haube sein.
Wie es weiter geht?
Die Frau zieht zur Familie des Mannes. Somit kommt es nicht zu einer splitterhaften Aufteilung wie „bei uns“, wo man sich eine eigene Bude sucht.
Vorteile? Auf alle Fälle. Jeder weiß, wo er hingehört, auch wenn es für die Frau heißt, dass sie ihre Familie aufgeben muss.

Aber dann muss man mit den Schwiegereltern unter einem Dach hausen und diese als die richtigen Eltern annehmen. Die Familie der Braut hat sowieso einen geringeren Rang und die Aufgabe, die Familie des Mannes bei guter Laune zu halten.
Doch das ist ein anderes Thema.

Was mich so tief bewegt hat ist die Tatsache, dass so viele Menschen bedenkenlos zustimmen, wenn es darum geht, das eigene Kind jemandem „mitzugeben“, für die oder den nicht die geringsten Gefühle existieren.
Gut, die meisten von uns sind in dieser Hinsicht auch ein bisschen blauäugig. Eines Tages kommt der Prinz auf seinem weißgesprenkeltem Ross daher und nimmt uns mit. Und wenn wir nicht geschieden sind, dann lieben wir noch heute.
Doch das halte ich immer noch für besser als von Rumpelstilzchen eingefangen und bei der bösen Schwiegermutter getrimmt zu werden.

Tatsächlich ist es so, dass die meisten der jungen Spunds weder eigenen Haushalt noch etwas ähnliches wie eine Beziehung erlebt haben. DA man alles richtig machen will und für gute Vorschläge immer offen ist, adoptiert man die Angewohnheiten der Eltern/Schwiegereltern und findet sich eines Tages als Abklatsch derselben wieder.
Kein eigenes Leben. Kein eigener Stil.

Doch die Familienverbundenheit ist stärker als der Drang nach Individualität. Tatsächlich wird nicht an sich zuerst gedacht, sondern an die Familie. Daraus ergibt sich auch die Tatsache, dass die Scheidungsrate so gering ist.
Eine Scheidung ist noch immer ein Tabu. Wer sich dennoch dazu durchgerungen hat, ist schlecht. Findet kaum mehr Anschluss. Als Frau bleibt man ein Leben lang eine Bürde für die Familie. Als Mann nimmt man die Kinder mit und hat es noch ein bisschen besser.

Deshalb auch dieses kollektive Trauma, wenn man sich mit dem Gedanken konfrontiert sieht, warum die eigene Ehe gescheitert ist.
Zunächst die Frage: Ist sie denn gescheitert? Nicht immer haben die Eltern mit ihrem Wahlverfahren recht, und nicht immer geht der ganze arrangierte Zirkus gut aus.
Man nimmt an, dass sich die zwei frisch Vermählten aufeinander einstimmen und sich zu lieben lernen. In unseren Breitengraden wählt man dafür andere Worte: An ein Übel gewöhnen zum Beispiel. Und wenn man Dinge oft genug hört, glaubt man sie eines Tages sowieso.
Nun gut, aber was, wenn all das nicht funktioniert? Dann kann doch nicht die Scheidung kommen, oder? Was werden die anderen denken? (Dies ist übrigens eine sehr wichtige Frage für viele Inder. Immer nur die anderen. Was denken sie wohl über mich?) Was wird aus meiner Familie? Wo lande ich?
Scheidung als gesellschaftlicher Makel!
Und darum sagt man Nein. Egal was in den heimischen Vier Wänden geschieht, die meisten Menschen praktizieren nach außen hin eine perfekte Ehe und Familie. Fassadenspiele eben.

Darum werden auch gut 94% der arrangierten Hochzeiten als „erfolgreich“ eingestuft. Von wem, darüber gibt kaum einer Auskunft.

Ich glaube, was ich davon halte, ist nur allzu deutlich geworden. Besonders die Tatsache, dass ich unmittelbar von diesen Dingen betroffen bin, macht mich in gewisser Hinsicht wütend. Wie gern würde man etwas ändern. Wie gern würde man den Leuten die „Augen öffnen wollen.“
Aber wie gesagt: Ich bin ja nicht der Messias. Und ich möchte das auch gar nicht sein. Es tut mir nur eben um viele Leute, die ich persönlich kennen gelernt habe und von denen ich etwas anderes erwartet habe, leid.

Außerdem habe ich viel zu diesem Thema recherchiert, und bin auf einen tiefen Graben gestoßen. Die einen sehen das ganze so wie ich. Andere sind voll auf von einer arrangierten Hochzeit begeistert, denn es sei der Beweis, dass eine „Love Marriage“ nicht klappt, was man an den Scheidungsraten anderer Länder nachweist. Eine gemischte Meinung, ein Vermittlungsversuch zwischen beiden Seiten ist mir nicht untergekommen.

Und jetzt komme ich zurück nach Deutschland, lese über „Ereignisse“ wie eine Promi-Affäre, Alleinerziehende Eltern, Scheidung hier und Scheidung da, Blitzhochzeiten, Beziehungsstress in Explosiv und noch anderen SchnickSchnack.
Da denke ich mir dann: Na Gott sei Dank so und nicht anders herum!

Ich bin froh, dass man diese Dinge im Fernsehen zeigt und sich in Talkshows den Mund darüber fusslig redet. Scheidungskinder haben wir hier Gott sei Dank auch. Man kann es wirklich so sagen.

Denn auch wenn es hier zu Lande nicht immer perfekt und reibungslos läuft, wenn der Schwiegermutterwitz Realität wird und Bücher über Beziehungskisten zu Bestsellern mutieren, sollten wir uns glücklich schätzen, dass wir – auch wenn die Familie immer weiter zerstückelt wird und den Leuten weniger heilig erscheint als noch vor ein paar Jahren – keine Verbrechen unter dem Deckmantel einer glücklichen Familie als unser Geheimnis hüten müssen.

Danke fürs Lesen. Das war ein für mich persönlich wichtiger Bericht.

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Update, 12.06.02

Fast das Ende vom Lied

Wie ich weiter oben berichtet hatte, war ein Bekannter auf dem Vormarsch was seine Heirat anging. Inzwischen haben sich seine Eltern beruhigt und waren so gnädig, ihre Zustimmung zu seinen Plänen zu geben. Selbstmorddrohung aufgehoben.

In meinem eigenen Fall sieht es immer noch düster aus. Wahrscheinlich braucht es erst Enkelkinder (einen Sohn natürlich), um mich als weibliches Wesen begreiflich zu machen, aber das stört mich eigentlich weniger als meinen Verlobten, auf dem ein weitaus größerer Druck lastet, da er den ständigen Ressentiments seiner/unserer Familie ausgesetzt ist.

Mal sehen, wann ich endlich vorsprechen darf. Ich meine das weniger sarkastisch, als es rüber kommt, denn schließlich wissen wir ja alle, was es bedeutet, wenn Schwiegereltern zwischen den Eheleuten stehen. Solcherlei Dinge gingen über lange Sicht nämlich selten gut...

Es grüßt ganz lieb,
Nosianai

(c) 12.06.2002 Nosianai

21 Bewertungen, 5 Kommentare

  • Andreas68

    13.06.2002, 17:02 Uhr von Andreas68
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich bewundere Eure differenzierte Darstellungsweise. Was für uns gut u. nachvollziehbar ist, muss eben nicht als Modell für andere gelten u. was andere richtig finden, mag uns Anregung zum Nachdenken, aber noch lange nicht zum Nachahmen sein. Mir

  • Indigo

    12.06.2002, 16:16 Uhr von Indigo
    Bewertung: sehr hilfreich

    ein halbes Jahr Indien ... macht mich schon neidisch

  • DigiTalk

    30.03.2002, 12:22 Uhr von DigiTalk
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich bin ein Freiheitsliebernder Mensch. Würde meiner Familie soetwas einfacllen, würde ich mich mit Händen und Füßen gegen die Hochzeit stellen. Bleibt die Frage ofb das auch so wäre, wenn ich es nicht anders gelernt hät

  • zettikonfetti

    25.03.2002, 14:30 Uhr von zettikonfetti
    Bewertung: sehr hilfreich

    Tja, zu viel Freiheit kann manchmal schädlich sein...*fg*...dennoch, wie du, bin ich glücklich, so wie es ist...Mit einer, wie sagtes du: WG-Familie...*ffg* ...der auch bald neue Eindrücke sammelnde zettikonfetti

  • Stoewi

    25.03.2002, 14:29 Uhr von Stoewi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das Lesen hat viel Spaß gemacht. Gruß, Stoewi