Industriekaufmann/frau Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Schwierigkeitsgrad der Ausbildung:  leicht
  • Einstellungschancen:  sehr gut
  • Aufstiegschancen:  sehr gut
  • Verdienstmöglichkeiten:  gut
  • Sozialleistungen:  gut
  • Eigenverantwortliches Arbeiten:  stark gefördert

Erfahrungsbericht von Nefertari

Langeweile pur oder Trittleiter zum Erfolg?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Wie oft habe ich diese Aussage gehört: \"Büroarbeit? Also, dazu hätte ich ja keine Lust!\" Hatte ich auch nicht - aber nach 14 arbeitslosen Monaten, nachdem ich nach meinem Abitur vergeblich nach Ausbildungsstellen für Goldschmiede, Schauwerbegestaltung u.ä. gesucht habe, mußte ich es mir wohl oder übel anders überlegen und habe 1998 eine Ausbildungsstelle zur Industriekauffrau bei einem Hersteller für Kommunalfahrzeuge, der ca. 250-300 Personen beschäftigt, angefangen.
Die in der Meinung geschilderten Erfahrungen beziehen sich in erster Linie nur auf meinen Ausbildungsbetrieb bzw. meine Berufsschule. Es gibt ohnehin große Abweichungen in der Gestaltung der Ausbildung und Prüfung in den verschiedenen Bundesländern ( ich habe in Niedersachsen gelernt).
Zu den allgemeinen Anforderungen des Berufs: bei den meisten Firmen scheint ohne Abitur gar nichts zu laufen. In meiner Berufsschulklasse hatten 90% Abitur. Zumindest Höhere Handelsschule oder, mit Glück, erweiterter Realschulabschluß sollte vorhanden sein, sonst braucht man sich, meiner Erfahrung nach, gar nicht erst bewerben. Weiterhin wird auf Fremdsprachenkenntnisse und evtl. Mathematik geachtet. Mit einem mehr oder minder umfangreichen und schwerem ( in meinem Fall nur die Standardfragen, wie sie in jedem Vorbereitungsbuch zu finden sind) Einstellungstest wird die engere Auswahl der Bewerber herausgefiltert, welche dann zu einem Vorstellungsgespräch geladen werden. In meinem Ausbildungsbetrieb werden dann pro Jahr zwischen 3 und 5 Auszubildene in diesem Beruf eingestellt.
Der Ablauf in meinem Ausbildungsbetrieb war folgender: die Ausbildung war zunächst auf drei Jahre angesetzt. Bei Bedarf konnte man dann, mit Zustimmung des Betriebes, einen Antrag auf Verkürzung der Dauer auf zweieinhalb Jahre stellen. In dieser zwei durchlief man die meisten Abteilungen des Betriebs ( es gibt Vorschriften, wie lange man in gewissen Abteilungen gearbeitet haben muß, um zur Prüfung zugelassen zu werden - sollte man beachten, da einige Ausbilder das nicht tun!) Wir waren zumeist 4 - 8 Wochen in einer Abteilung, was viel zu kurz war, aber bei den neuen Auszubildenen mittlerweile auf 8 - 16 Wochen verlängert wurde. Besonderes Augenmerk wurde auch Finanzbuchhaltung, Vetrieb, Einkauf, Controlling und Personalabteilung gelegt. Aber auch in die Montage, Produktion und Konstruktion haben wir kurz hineingeschaut. Ein guter Überblick über die Firma war also gegeben, wenngleich die Azubis auch oft als Aushilfe für kranke Schreibkräfte oder Telefonistinnen zweckentfremdet wurden, was mich teilweise sehr gestört hat, weil der Lerneffekt gleich null war und man für derartige Tätigkeiten aus seiner momentanen Abteilung herausgerissen wurde. Auch wurde man teilweise mit faszinierenden Aufgaben wie Kopieren ( \"vielfältige Aufgaben\" :-) ) beschäftigt. Doch in einigen Abteilungen wurde man nach der Eingewöhnung gleich voll mit eingespannt und hat so einen guten Einblick ins wirkliche Arbeitsleben mit allem Druck und Streß bekommen. Wichtig: man darf sich nie scheuen, nachzufragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Denn nur so wird man wirklich dazulernen.
Zu den Prüfungsvoraussetzungen gehört ein Berichtsheft, was über die volle Ausbildungsdauer geführt werden muß. Dort werden jeden Tag die geleisteten Arbeiten eingetragen und vom Ausbilder abgezeichnet. In der mündlichen Prüfung werden oft Fragen nach Inhalten des Berichtsheftes gestellt.
Kommen wir zur Berufsschule: planmäßig hat man im ersten Ausbildungsjahr zwei, im zweiten und dritten Jahr einen Tag pro Woche Schule mit 6 bis 8 Schulstunden. Je nach Betrieb muß nach der Schule noch gearbeitet werden, jedoch war dies bei mir zum Glück nicht so. Da steht man dann also mit seinem Abitur, ohne den man diesen Ausbildungsplatz gar nicht bekommen hätte - und langweilt sich in der Berufsschule zu Tode. Vielleicht ist das ein Niedersachsen-spezifisches Thema, doch wir hatten Berufsschulunterreicht, der sich höchstens auf Realschulniveau bewegte. Klar, der Stoff, den man in Allgemeiner Wirtschaftslehre (AWL)und Spezieller Betriebslehre ( SBL) durchnahm, war für die meisten neu, doch erforderte er in der Regel nicht sehr viel mehr Arbeit als mehrfaches Durchlesen oder Auswendiglernen. Das einzige, was zu Schwierigkeiten führen konnte, war Buchführung, was für mich komplettes Neuland war und auch mit Mathematikunterreicht relativ wenig zu tun hatte. Aber auch das war zu schaffen, und ich mit meinem hart erkämpften 3,0 - Abidurchschnitt hatte in meinen Berufsschulzeugnissen immer 50% Einsen und 50% Zweien.
Andere Berufsinhalten waren Politik und Deutsch, was man sich komplett sparen konnte, EDV, was bei uns aus einem halben Jahr MS-DOS-Unterricht bestand, und eineinhalb Jahre Pseudo-Wirtschaftsenglisch, was für mich eher die Wirkung eines Schlafmittels hatte :-)
Ich will nicht heucheln: klar war es angenehm, daß man für die Schule so wenig tun mußte und trotzdem gute Zensuren kassierte, aber leider wird der Schulstoff, gerade EDV und Englisch, den Anforderungen des Betriebes in keinster Weise gerecht. Man wird sich nach der Ausbildung in diesen Bereichen weiter fortbilden müssen. Na gut, dies mag in anderen Bundesländern anders sein.
Nach ca. der Hälfte der Ausbildungszeit macht man eine schriftliche Zwischenprüfung, bei der Stoff aus Wirtschaft und Buchhaltung abgefragt wird ( Multiple choice, ca. 60 min). Man kann nicht durchfallen, das Ergebnis dient nur dazu, daß sich der Betrieb ein Bild über den Wissenstand machen kann. Am Ende der Ausbildung macht man dann eine schriftliche Prüfung in SBL, Buchführung/EDV und AWL/Politik. Wieder Multiple choice, 90, 90 und 60 min. Dann muß noch eine mündliche Prüfung absolviert werden, bis man dann ( hoffentlich) sein Abschlußzeugnis in Händen hält. Dann stellt sich die Frage: wie geht es weiter? Leider ist es in vielen Firmen Praxis, die Auszubildenen nicht zu übernehmen.
Fazit: die Ausbildung bietet trotz ihrer Mängel, die ich erfahren habe, eine ideale Grundlage für den Einstieg ins Berufsleben. Die Weiterbildungsmaßnahmen sind vielfältig, ebenso wie die Aufsstiegsmöglichkeiten. Viele schließen an die Ausbildung ein Studium in Wirtschaftswissenschaften oder Betriebswirtschaftslehre an, was ich auch getan habe.
Der Verdienst ist generell gut, in meinem Fall sogar ( IG Metall sei dank :-) ) sehr gut. Ich würde die ungefähren Zahlen gerne nennen, aber leider weiß ich sie nicht mehr. Ich hatte jedoch vom ersten Ausbildungsjahr an ein vierstelliges Bruttogehalt.
Die Arbeitszeit von 7 bis 15 Uhr fand ich sehr angenehm. Zudem hatten wir Gleitzeit, was eine gewisse Flexibilität bot. Die Arbeit selbst...na gut, sie ist nicht wirklich superspannend oder superkreativ. Aber als ich nach meiner Ausbildung ein eigenen Aufgabengebiet bekam und mich eingearbeitet hatte, hat mir die Sache schon Spaß gemacht. Leider habe ich auch gesehen, daß der einfache Angestellte unter enormem Druck steht. Geld ist nie da, Überstunden werden oft zum Alltag. Ich denke, daß sich diese Tendenz in der Zukunft noch verstärken wird.
Was ein potentieller Azubi mitbringen sollte: Selbstständigkeit, Wißbegierde, Geduld. Idealerweise Englischkenntnisse. Teamfähigkeit, fähig im Umgang mit Menschen allgemein, Kenntnisse in MS Office ( Word, Excel...).
Da man heutzutage, wenn man gewisse Ansprüche und Vorstellungen hat, um Büroarbeit kaum noch herumkommt, würde ich die Ausbildung zum Industriekaufmann / - kauffrau durchaus empfehlen. Man sollte sich nur seinen Ausbildungsbetrieb gut aussuchen.

10 Bewertungen, 1 Kommentar

  • campimo

    09.03.2007, 10:03 Uhr von campimo
    Bewertung: sehr hilfreich

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