Jethro Tull Testbericht

No-product-image
ab 18,15
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

5 Sterne
(3)
4 Sterne
(1)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von LosGatos

Der Rattenfänger

Pro:

gelungener Querschnitt durch 4 Jahrzehnte

Kontra:

gibt\'s das, dass mir da nichts einfällt?!

Empfehlung:

Ja

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Rattenfänger? Ein Mann mit einer Flöte betört seine Umwelt. Die alte deutsche Sage fand in den 60ern in Großbritannien eine modernisierte Neuauflage und hält bis heute an.

Der Name der britischen Rock(?)-Gruppe Jethro Tull ist untrennbar primär mit dem Namen Ian Anderson verbunden. Geboren 1947 in Schottland zog es diesen und seine Familie später ins nordenglische Blackpool, wo Anderson erstmals die Flöte blies. Entzückt von seiner Spielkunst, reihten sich zunächst weitere und immer andere Musiker und bald die Fans wie die Ratten um ihn und lauschten seinem Spiel. Anderson und seine Freunde übten sich zunächst in verschiedenen Bands, man ging nach London, dem Herzen der Musikszene und gründete 1968 schließlich Jethro Tull. Neben Ian Anderson, der schon auf dem ersten Album „This was“ außer für Flöte und Gesang bereits für 3 weitere Instrumente zuständig war, wirkten damals Mick Abrahams (Gitarre), Glenn Cornick (Bass) und Clive Bunker (Percussion) als Männer der ersten Stunde mit. Bald kam Gitarrist Martin Barre dazu, der nebenher auch gelegentlich Flöte üben durfte.

Bekannteste der über 30 produzierten Alben waren „Stand up“ (mit dem ich persönlich die meisten Erinnerungen verbinde, wenngleich ich die LP/CD mit dem charakteristischem Cover nie besessen habe), „Aqualung“, „Benefit“ und „Living in the Past“. Die Musik von Jethro Tull ließ sich nie einordnen und einer bestimmten Stilrichtung zuordnen. Von Blues und Jazz über Folk und Rock bis hin zur Klassik ist alles vertreten. Auch Einflüsse fernöstlicher Musik machten sich bemerkbar. Wegen dieser Variationsvielfalt ist die Musik von Jethro Tull so hörenswert und wird nie langweilig. Und jeder hat die Chance, irgendwie auf seine Kosten zu kommen.

Außer über 30 Alben zu produzieren (u.a. auch einige Solo-Alben Andersons) hat Jethro Tull in 35 Jahren über 2500 Konzerte gegeben. Im Schnitt kommen sie auch heute noch auf ca. 100 pro Jahr. Die Zusammensetzung der Band hat sich in der ganzen Zeit natürlich immer wieder geändert. Außer Anderson ist lediglich Martin Barre quasi von Anfang an dabei. Der heutige Bassist Jonathan Noyce wurde geboren, da war das legendäre Album Aqualung schon 3 Monate auf der Welt. Wen wundert es, dass die einzelnen Musiker nicht lange bei der Stange bleiben. Zu dominant ist Anderson. Das Genie, das nicht nur fast sämtliche Titel selbst komponiert und textet, spielt neben Flöte auch noch Gitarre, Bouzouki, Mandoline und Harmonika. Dazu singt er. Ohne die Leistung der anderen Musikern schmälern zu wollen, jedes Album ist mehr oder weniger ein Solo-Album. Dass er vielleicht ab und zu noch ein paar Helfer benötigt, ist womöglich nur auf den Umstand zurückzuführen, dass auch ein Ian Anderson nur 10 Finger hat.

Ich habe mir kürzlich die CD “The very Best of Jethro Tull” zugelegt. Mit 20 Titeln und 78 Minuten Hörgenuss bietet das 2001 erschienene Album einen hervorragenden Querschnitt über das Schaffenswerk von Jethro Tull aus 4 Jahrzehnten. Sehr viele Titel sind Titelsongs der mehr als 10 Alben, denen sie entnommen wurden. Auch das Cover symbolisiert diesen Zusammenschnitt. Ein Scherenschnitt des auf einem Bein stehenden und natürlich Flöte spielenden Anderson, zusammengesetzt aus einem Patchwork der klassischen Platten-Cover, von „Stand Up“ bis „Aqualung“. Die Titel sind nicht in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt, sondern zugunsten eines interessanteren Programms hat Meister Anderson die Titel gemäß Tempo, zeitlichem Erscheinen und Bedeutsamkeit gemixt.

Hier alle Titel im Überblick:

1.Living In The Past
2.Aqualung
3.Sweet Dream
4.The Whistler
5.Bungle In The Jungle
6.The Witch´s Promise
7.Locomotive Breath
8.Steel Monkey
9.Thick As A Brick
10.Bouree
11.Too Old To Rock ´n´ Roll: Too Young To Die (Edited Version)
12.Life Is A Long Song
13.Songs From The Wood
14.A New Day Yesterday
15.Heavy Horses (Edited Version)
16.Broadsword
17.Roots To Branches
18.A Song For Jeffrey
19.Minstrel In The Gallery (Edited Version)
20.Cheerio


Aus den beiden Erstlingswerken der späten 60er sind hier genau 4 Titel vertreten, von denen A SONG FOR JEFFREY der älteste ist, ein wenig melodiöser Titel, der stark von Blues und Jazzrhythmen geprägt ist. Absoluter Klassiker der 60er Jahre und überhaupt mein Lieblingstitel von Jethro Tull ist das beruhigende instrumentale Stück BOURÉE. Hiermit wurde der Mann mit der Flöte berühmt, obwohl es zu den wenigen Stücken zählt, die er nicht allein komponiert hat, denn hier erhielt er tatkräftige Unterstützung von Johann Sebastian Bach, der hier die Noten für den Part der Barockmusik lieferte. „Bourée“ gehörte zu den ersten Stücken, die unter dem Motto „Rock meets Classic“ standen. Das fetzige Folk-Rock-Stück SWEET DREAM, in dem sich akustische Gitarre und elektrische Gitarre abwechseln, und der schwere Blues A NEW DAY YESTERDAY entstammen auch dem Meisterwerk „Stand Up“.

Die meisten der auf dieser CD vertretenen Titel stammen, wie nicht anders zu erwarten, aus den 70er Jahren. Schließlich erschienen in dieser Dekade die Tull-Alben mindestens im Jahrestakt. Das Stück LIVING IN THE PAST aus dem gleichnamigen Album (1972) liefert auch den Auftakt dieser Kompilation, beginnend mit Flötentönen, mit denen der Meister seine Zuhörer anlockt. Eine gelungene Mischung aus Jazz und Folk ist hier angesagt. Der ungeduldige AQUALUNG-Fan muss auch nicht lange warten. Das Lied vom einsamen Park-Penner, dem Anderson den Namen eines Herstellers von Tauchausrüstungen verpasst hatte, um den Blubber-Sound auch entsprechend zu betiteln. Dabei war die Nutzung eines geschützten Namens angeblich nicht Andersons böse Absicht gewesen, hielt er den Ausdruck „Aqualung“ (Wasserlunge) doch für eine generische Bezeichnung. Doch gütlich habe man sich geeinigt. Schließlich konnte der Firma ja auch keine bessere Werbung passieren. Jedenfalls ist dieser Titel eine glänzende Sequenz von ruhigen Passagen mit akustischer Gitarre, explosionsartigem Trommelwirbel und langen E-Gitarre-Passagen. War hier von der Flöte nicht viel zu hören, kommt sie beim Folk-Rock-Titel THE WHISTLER natürlich wieder vermehrt zum Einsatz. Auch kommt hier die schottische Herkunft Andersons zum Tragen, denn manchmal klingt das Ganze etwas nach Dudelsack. Und gut, dass ich keine Katze mehr habe, sonst würde ich beim Hören dieses Titels stets meinen, sie würde zwischendrin miauen. BUNGLE IN THE JUNGLE hört sich, wie man aus dem Titel vermuten könnte, keineswegs nach Pfuscherei an, denn die sehr harmonische Musik könnte durchaus auch Raubtieren gefallen. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass Jethro Tull bereits zusammen mit Siegfried&Roy aufgetreten sind. THE WITCH’S PROMISE verspricht sanfte Töne mit leicht klassischem Einschlag. Und dann die Ruhe vor dem Sturm: Sanftes Piano-Geklimper leitet das berühmte LOCOMOTIVE BREATH ein, was auch von der „Aqualung“-LP ist. Aus der Dekade der 70er stammen auch die wunderschönen eher ruhigen, zur Entspannung einladenden Stücke THICK AS A BRICK, TOO OLD TO ROCK’N ROLL TOO YOUNG TOO DIE und HEAVY HORSES. Diese Songs gehören für mich zu den schönsten der CD. Genial auch der mehrstimmige Gesang in SONGS FROM THE WOOD. Etwas härteren Sound gibt es in MINSTREL IN THE GALLERY ZU GEHÖR.

Aus der neueren Zeit der 80er und 90er sind jedoch nur wenige Stücke vertreten. STEEL MONKEY aus 1987 klingt auch nicht mehr nach dem typischen Tull-Sound. Härterer Rock, der auch ohne Flöte durchaus zu gefallen weiß. Auch beim etwas mystisch anmutenden BROADSWORD dominieren elektrische Gitarre und andere Blasinstrumente als Flöte, die jedoch in ROOTS TO BRANCHES wieder ausgepackt wird. Einen schönen Abschluss gibt mit dem ruhig gesungenen Cheerio, das auch gleichzeitig das mit Abstand kürzeste Stück auf der CD ist.


FAZIT

Die Kollektion „The very Best of Jethro Tull“ ist sicherlich für echte Tull-Fans ein alter Hut, mögen die doch die Titel ohnehin alle kennen und mehr auf sogenannte Konzept-Alben abfahren. Für Querflöten-Quereinsteiger ist dieses Album jedoch sehr zu empfehlen. Es enthält wirklich alle wichtigen Klassiker der Gruppe. Das Album unterstreicht auch, dass Jethro Tull, obwohl auch heute noch unvermindert aktiv, den Höhepunkt seines Schaffens in den 70er Jahren hatte. Ich durfte auch auf diesem Forum feststellen, dass viele jüngere Angehörige der „Nach-Aqualung-Generation“ dennoch heute noch auf Jethro Tull stehen. Muss uns das wundern, zumal nach Dire Straits keine wirklich guten Bands mehr nachkamen? Und man verschone mich mit U2.


Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 31.10.2003
Veröffentlicht außer bei Ciao derzeit nur noch bei Yopi

22 Bewertungen