Kultur Testbericht

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Erfahrungsbericht von wildheart

Zur Bedeutung und Rolle von Filmpublizistik

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Überlegungen zu einem Interview mit dem Filmpublizisten Georg Seeßlen in F.LM


Die Wahrheit über die Wahrheit ist, dass jeder
behauptet, sie zu kennen und den anderen der
Lüge bezichtigt. Arme Wahrheit! Da thront
sie nun – wie Gott im Himmel, kopfschüttelnd
über den Menschen,
ohnmächtig und Lichtjahre von uns entfernt.


Stefan Höltgen und Thomas Groh von F.LM führten mit dem Filmkritiker Georg Seeßlen vor kurzem ein Interview, das unter http://www.f-lm.de.vu/ (III. F.LMSCHRIFT - Blätter) nachzulesen ist. Darin äußert sich Seeßlen v.a. zu Bedeutung und Funktion der Filmkritik(er) und ihren Auswirkungen auf die Meinungsbildung:

F.LM: „Man könnte also eine Diversifikation des ‘kommentierenden Marktes’ sehen, bei der es einerseits nur noch den sehr schnellen, reaktiven, flüssigen aber unverbindlichen Diskurs im Internet geben wird und andererseits nur noch Blätter, die kostenfrei Werbung als Kritik tarnen?“

Georg Seeßlen: „Und noch etwas Drittes: die Maitre Penseurs, die großen Namen der Filmkritik von den großen ‘bürgerlichen Zeitungen’. Die sind gar nicht so darauf angewiesen, dass man sie so massenhaft liest, dennoch ist ihr Einfluss nicht zu unterschätzen. In dieser Dreiheit fängt der rein kommerzielle Markt an. Erstens das Anhängsel der Industrie. Zweitens das Internet, wo man nie weiß, wo das amateurhafte aufhört und das Professionelle beginnt. Wo fängt Verbindlichkeit an? Wo das Biografische? Und drittens eben der exklusive Club der Leute, die die Wahrheit verbreiten, die nichts kostet. Dabei geht allerdings derjenige Diskurs verloren, der das alles zusammenbringt und in Bewegung versetzt. Für sich allein genommen, sind die drei Bereiche unheimlich unverbindlich und tun niemandem weh. Wenn sie zusammen kommen – sei’s in Form eines Crash, sei’s als partielle Verbündung – sähe das anders aus.“


1. Meinungsführerschaft in einer hierarchischen Gesellschaft

Das Problem der „Wortführerschaft“ im kulturellen oder allgemein meinungsbildenden Bereich ist nicht neu. Immer wieder haben seit der Aufklärung Intellektuelle für sich den mehr oder weniger deutlichen Anspruch formuliert, in „ihrem“ Bereich wortführende Meinungsbildner zu sein. Das gelang jeweils nur vor dem Hintergrund einer hierarchisierten, also auf Herrschaft gegründeten Gesellschaft. Insofern sind Feststellungen über Meinungsführerschaft in bezug auf die heutige Situation im Prinzip nichts Neues.

Die Mechanismen allerdings, die den „einfachen“ Filmkritiker – ähnliches gilt natürlich auch für andere Bereich, etwa die Literatur – zur Autorität, zum Wegweiser, zum wortführenden Meinungsbildner werden lassen, sind heutzutage andere. Allgemein kann gelten, dass aus dem Subjektverhältnis, das jedem Ausdruck in Wort oder Bild zugrunde liegt, die Pluralität der Meinungen folgt, die im Widerstreit und im intersubjektiven Erfahrungsaustausch neue Maßstäbe setzen. So etwas kennt man aus freundschaftlichen Verhältnissen. Doch die Gesellschaft ist alles andere als „freundschaftlich“ organisiert. Durch die hierarchische Struktur, die im wesentlich durch Geld und Macht abgesichert ist, erhalten bestimmte Meinungsführer – ob sie es selbst wollen oder nicht – den Anschein des Objektiven. Dem „literarischen Quartett“ eines Marcel Reich-Ranicki haftet so etwas an, aber nicht weniger der professoralen oder sich zumindest wissenschaftlichen Anschein gebenden journalistischen „Spitze“ der Gesellschaft. Vor allem in der Wirtschaft scheinen die „fünf Waisen“ und einige andere Gremien bar jeder Kritik(würdigkeit) zu sein – auch wenn es einige immer wieder versuchen.

Die Pluralität der Meinungen impliziert ein Eigenhaben der Subjekte und die Differenz der individuellen Erfahrungshorizonte. Subjektivität speist sich vor allem aus der Erinnerung, das heißt der Bedeutung, die ein Mensch Erfahrenem in seinem Leben zumisst. Dies bildet seinen Erfahrungshorizont. Diese Pluralität ist gesellschaftlich jedoch gebrochen, nicht wirklich und wirkend akzeptiert. Die Gleichheit bzw. gleichberechtigte Existenz von Meinungen ist verfassungsrechtliche Makulatur, keine Realität. Daraus ergeben sich hierarchisch strukturierte Meinungs“blöcke“: Wenn ein Teenie-Film von der Mehrheit der Filmkritiker niederkritisiert wird, bleiben die Anhänger des Films relativ stumm oder ungehört unter sich. Diese starke Tendenz zur Objektivierung von Meinungen zur „Wahrheit“ durchkreuzt immer wieder die Tendenz zur Akzeptanz und intersubjektiven Verständigung, die nur dann zur Blüte gelangen können, wenn sie sich Foren schafft und schaffen kann. Georg Seeßlen hat ganz recht, wenn er die Schwierigkeiten benennt, gegen die durch viel Geld finanzierte Meinungsführerschaft eine Alternative zu setzen. Da fehlt meist das Geld und es mangelt an Leuten, die zur Selbstaufopferung bereit sind. Die, dies es unternehmen, halten das nicht auf Dauer aus.


2. Das Problem der Objektivierung

Vieles davon haben wir der Aufklärung zu verdanken, die sich auf den Weg zur rationalistischen Suche nach dem Urgrund allen Seins, der Kausalität aller Dinge aufgemacht hatte, ohne zu ahnen, dass dieser Drang nach Objektivierung (Fortschritt) auch in die Unfähigkeit des „Zuhörens“, des Horchens auf die anderen münden kann. (Moderne Diktaturen fußen vor allem auf einer vehement durchgearbeiteten Objektivierung, die sich mit dem Solipsismus allerdings in ihren Extremen trifft.) Der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat in seinen Schriften und Reden immer wieder darauf bestanden, dass es nicht so sehr darauf ankäme, was man selbst ergründe, meine, denke oder für richtig halte, sondern darauf, was der andere dazu zu sagen habe.

Filmkritik bleibt auch in Form von Äußerungen von Meinungsführern nichts weiter als Ausdruck subjektiven Empfindens, nicht nach Art der Elfenbeinturm-Philosophie, aber verhaftet im subjektiven Eigenhaben vor dem Hintergrund des eigenen Erfahrungshorizonts. Jeder liest sein eigenes Buch, sieht seinen eigenen Film. Sicher, das technische, handwerkliche Know-How eines Regisseurs mag zu allgemeinen Einschätzungen Anlass geben. Der Inhalt und die Aussagen eines Films und seiner Bilder selbst bleiben dem subjektiven Raum eigen, wenn auch offen für Verständigung mit anderen.

Wir wissen dies aus anderen Bereichen (oder könnten dies, wenn wir wollen). Was heute an Allgemeingut etwa im Bereich der Kinderziehung für „normal“ und „selbstverständlich“ gehalten wird, wird sich in 50 oder 100 Jahren vielleicht als trügerisch erweisen. Unsere Neigung aber, das eigene Verständnis – zumal wissenschaftlich abgesichert – für der absoluten Wahrheit am nächsten kommend zu postulieren und die Erkenntnisse vergangener Generationen für veraltet, gefährlich, unmenschlich zu deklarieren, unterscheidet uns von keiner historischen Epoche. Es ist trügerisch, dies mit dem Begriff Fortschritt zu titulieren. Denn wir sind kulturell geprägt, auch wenn wir in unserer Epoche nicht als Isolationshäftlinge existieren. Eher befinden wir uns im offenen Vollzug als Freigänger: Wir können die Grenzen unserer eigenen Epoche nur begrenzt überschauen bzw. überschreiten – das gilt nach rückwärts in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Aber immerhin. Als Freigänger können wir punktuell aus unserem Gefängnis heraus. Blieben wir dauernd drinnen, gäbe es nur Stillstand.


3. Das Aufbrechen von Normalität

Das bedeutet, dass gegen die Tendenz zur Herrschaft von Meinungsführern (auf allen Gebieten), d.h. gegen die Tendenz zum Diktat, nur das Aufbrechen dessen, war wir möglicherweise selbst für normal / selbstverständlich halten wirken kann. Der gegenwärtige amerikanische Kriegsfilm beispielsweise intendiert eine von interessierten Kreisen der amerikanischen Öffentlichkeit „neue“ Art von Kriegsideologie. Man braucht keine Verschwörungstheorie, um zu merken, dass hier mehr Bereiche als nur die amerikanische Regierung Interesse bekunden. Früher hieß es: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ oder „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Heute verbergen sich solche Absichten sehr gerne hinter der Verteidigung der Menschenrechte („Black Hawk Down“) oder hinter einem völlig überzogenen, weil falsch verstandenem Sicherheitsinteresse, dass die Sicherheit der USA als Weltpriorität setzt, die eigene Außenpolitik und ihre Geschichte aber der Kritik am liebsten entziehen möchte.

Wie schwierig muss es für amerikanische Bürger sein, gegen diese Art von „normalem Empfinden“, die auch eine lange Tradition in der amerikanischen Gesellschaft hat, zu argumentieren?

Kunst ist schon lange ein Raum, in dem dieses Aufbrechen, Sichtbarmachen des Normalen als Begrenztem, historisch Gewachsenem und daher auch Vergänglichem als zentrales Leitmotiv in Literatur, Malerei und eben auch Film immense Bedeutung hatte und hat. Nicht umsonst zogen alle Diktaturen als erstes gegen „die Intellektuellen“, die Künstler usw. zu Felde und setzten an deren Stelle die staatlich verordnete Meinung und Kunst. Pasolini z.B. wurde aus der KPI ausgeschlossen wegen seines „Freigeistes“ und seiner Homosexualität. In dem entsprechenden Vermerk war in deutlicher Distanz zur Literatur und zu Literaten die Rede von „dem Dichter Pasolini“.

Kunst ist in der Lage, gegen die Legitimation des „Normalen“ die Brüche, Konflikte usw. sichtbar zu machen, die mit diesen Selbstverständlichkeiten verbunden sind oder sein können.

Beispiel Gewalt: In den letzten 30 Jahren war eine zunehmende Ächtung von Gewaltanwendung in allen möglichen Bereich zu verzeichnen, auch wenn deshalb Gewaltanwendung nicht unbedingt abgenommen hat. Mit der Ächtung der Gewalt wuchs aber auch die Verdrängung, die Tabuisierung von Gewalt. Es wird viel über Gewalt geredet, geschrieben, gegen sie gepredigt, Gewaltanwender werden moralisch verurteilt usw. Sie ist trotzdem präsenter denn je. Als nach der Bluttat von Erfurt einige Meinungsführer – Kommentatoren, Politiker, „Experten“ – schnell ausgemacht hatten, dass Filme und PC-Spiele für so etwas verantwortlich seien, offenbarten sie nichts anderes als ihre Unfähigkeit, Gewalt als ein Problem von sozialen Beziehungsstrukturen statt als Folge des Konsums von Filmen oder Spielen wie Counterstrike zu begreifen. Gerade im Bereich des Kinos gab es mehr als genug „gewalttätige“ Filme, die sich – auf ganz unterschiedliche Weise – mit dem Problem von Gewalt – verbaler, physischer, emotionaler, struktureller Gewalt – befasst haben, ebenso andere Bereiche der Kunst. Hier wurden Grenzen durchbrochen und versucht, den Faktoren nachzugehen, die zu Gewalttätigkeit führen. Es bleibt dabei. Gewalt entsteht aus Frustration, Frustration aus Wünschen. (Mal ganz abgesehen davon, dass über strukturelle Gewaltmechanismen von bestimmten Leuten ganz ungern geredet wird.)

Dem ist nachzugehen. Den Filmkritikern und Filmkritikerinnen könnte sich hier eine enorm wichtige Aufgabe stellen, der allerdings durch eine hierarchische und interessenabhängige, organisierte (ver)öffentliche Meinungsbildung Grenzen gesetzt sind. Hier bekommen die Foren eine Bedeutung, die sich – bewusst oder unbewusst, gewollt oder nicht – der Tendenz zur gleichmachenden Objektivierung in den Weg stellen.


4. Foren der Pluralität

Sicherlich, Internet-Portale wie CIAO, DOOYOO oder YOPI leiten ihre Existenzberechtigung aus einem ökonomischen Interesse ab. Verkaufen und Verdienen steht für Betreiber solcher Portale im Vordergrund. Trotzdem bieten sie den Mitgliedern ein Forum, der Meinungsführerschaft begrenzt entgegenzuwirken. Die Möglichkeiten des intersubjektiven Austauschs von Meinungen, Kommentaren u.a. sollte man daher nicht unterschätzen (auch in bezug darauf, dass andere etwa über die Suchmaschinen im Internet auf solche Berichte stoßen). Schwieriger haben es da schon Fimportale wie F.LM, Kinolounge usw., die gegen die fast übermächtige Präsenz der „reinen“ Verdiener kaum eine Chance zu haben scheinen. Trotzdem bietet das Internet (noch?) ausreichend Möglichkeiten hierzu, solange eine durchgreifende Hierarchisierung des Netzes nicht stattfindet. Die Aufrechterhaltung und Ausweitung von Foren ungehinderter Pluralität ist aus einem weiteren Grund lebenswichtig:

„Ich behaupte,“, sagt Georg Seeßlen in dem Interview, „dass sowieso alles nur ein einziger Text ist; vielleicht so etwas wie ‘ein Roman der Wahrnehmung unserer Zeit’. Das bedeutet natürlich auch, dass es keine Genregrenzen gibt. Ob ich über Film schreibe oder über Politik, ist im Grunde genommen dasselbe. Es geht immer um die Glocke der Bilder, unter der wir uns befinden, aus der – wie ich hoffe – auch immer noch ein Weg hinausführt. Ich mag und liebe diese Bilder zwar, ich weiß aber auch, dass sie ein virtuelles Gefängnis sind.“

Gegen die Macht der Bilder steht deren Kommentierung. Ich habe an mir selbst festgestellt, wie wichtig es ist, einen Film nicht nur anzuschauen, die Bilder auf mich wirken zu lassen, sondern ihn dann auch zu kommentieren. Wie oft trügt der erste Anschein; und wenn man sich dann schreibend noch einmal vor Augen führt, was man visuell wahrgenommen hat, kommt der „visuelle Betrug“ ab und zu zum Vorschein. Seeßlen: „Das Bild ist eine Befreiung aus dem Gefängnis der Schrift und die Schrift ist die Befreiung aus dem Gefängnis der Bilder. Nur, wenn man permanent zwischen diesen beiden Bereichen in Bewegung ist, hat man die Chance, noch irgend etwas zu dem alten Projekt der Aufklärung beizutragen.“

Zu unserer aller Glück streiten sich die Meinungsführer in der Filmkritik selbst untereinander oftmals über die „richtige“ Einschätzung eines Films. Das Problem allerdings liegt eher woanders, nicht dort, wo es um einen einzelnen Film geht, sondern da, wo über einen längeren Zeitraum hinweg über Film und Filmkritik Normen, die nicht mehr hinterfragt werden sollen, festgeklopft werden. Dass geschieht nicht unbedingt und vor allem durch irgendeine Art von Verschwörung. Es nistet sich eher langsam, vielleicht unmerklich, aber kontinuierlich ein.

Dagegen – um es nochmals zu betonen – sind relativ unabhängige Foren lebensnotwendig. Es gibt eh viel zu wenig Menschen, die durch eine gewisse Grundausbildung im Schreiben und Formulieren in der Lage sind, sich schriftlich in solchen Foren zu äußern. Die, die damit anfangen, die es können, schreiben und lernen dabei schreiben, besser zu schreiben und besser zu kommunizieren.

So weit meine wirren Gedanken zu einem Interview, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht, wobei ich nicht einmal in allen Einzelheiten weiß warum.

Über Kritik und Kommentare wäre ich hier besonders glücklich.

Quelle: „Für die Ewigkeit, aber nicht unbedingt für morgen“. Interview mit Georg Seeßlen über die Rolle und Zukunft der Filmpublizistik, in: http://www.f-lm.de.vu/ (III. F.LMSCHRIFT - Blätter)

© Ulrich Behrens 2002
(dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)

16 Bewertungen, 2 Kommentare

  • XXLALF

    12.01.2010, 09:55 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    mann, was für ein Bericht, wobei ich dir wirklich recht geben muss, dass man einen Film erst auf sich einwirken lassen muss, um eine vernüftige kritik zustande zu bringen. und da meine ich, dass hochbezahlte, namhafte kritiker sich viel zu wenig die mühe machen, und nur mit der großen herde mitbrüllen. das sieht man oft daran, wenn ein film von vielen kritikern himmelhochjauzend gelobt wird, der sich aber dann, wenn man sich ihn anschaut als wahre zeitverschwendung entpuppt, dass man ihn überhaupt angeschaut hat. und wie schon erwähnt, können nicht viele überhaupt eine eigene meinung über einen film fällen, weil sie von der vorgegebenen kritik beeinflusst sind, sozusagen lassen sie sich nur von einem film berieseln und somit basta. so das wars, was ich dazu zu sagen hatte. ein bw für diesen gradiosen bericht und liebe grüße

  • Sayenna

    17.12.2006, 14:34 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & Kuss :-)