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Erfahrungsbericht von suppengirl

Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex - Faszinosum RAF

Pro:

tiefgreifende Einsichten in ein Phänomen dieses Jahrhunderts, guter Schreibstil

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Ich bin 1973 geboren. An die "große Zeit" der RAF kann ich mich kaum erinnern. Die Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer, die Entführung und Befreiung der "Landshut§ und den Tod von Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Jahre 1977 habe ich als Vierjährige nicht bewusst registriert. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, waren die Fahndungsplakate, die in Banken, Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen aufgehängt wurden. Plakate mit diversen Schwarz-Weiß-Fotos, zum Teil so unscharf, dass man kaum das Gesicht erkennen konnte. Die meisten der abgebildeten Personen, daran kann ich mich tatsächlich noch erinnern, lösten in mir unangenehme Gefühle aus, aber manche fand ich auch ganz sympathisch. Was es mit diesen Leuten auf sich hatte, das wollte oder konnte mir damals keiner so genau erklären. Mit dem Wort Terroristen konnte ich kaum etwas anfangen.

Die Jahre vergingen, die RAF verschwand zusehends aus den Nachrichten, genau so wie die Plakate aus Banken und Bahnhöfen. Trotzdem erfuhr ich natürlich mehr über die Rote Armee Fraktion. Dass dies eine Gemeinschaft von Verbrechern war (oder ist?), die aus dem Untergrund heraus von Zeit zu Zeit ganz abscheuliche Verbrechen begangen hat. Wirklich verstanden habe ich das natürlich nicht. Zum einen waren mir die Beweggründe nicht klar - schließlich war ich ein Kind, bzw. Jugendlicher der 80er und ich glaube keine Generation ist weiter entfernt von der 68er -, zum anderen konnte ich mir einfach nicht vorstellen, wie man in den Untergrund gehen bzw. geraten kann.

Natürlich habe ich auch darüber immer mehr erfahren und mein Interesse wuchs. Ich wollte einfach wissen, wie ein Mensch so weit kommen kann, sein Leben in den Dienst des Terrors zu stellen, sein "normales" Leben vollkommen hinter sich zu lassen, Verbrechen zu begehen für Ziele, die doch niemals wirklich erreichbar waren.

Vor einigen Jahren bin ich schließlich auf das Buch "Der Baader Meinhof Komplex" (wie die RAF auch genannt wurde) von Stefan Aust gestoßen.

Ich gehöre nicht zu den besonders fleißigen und schnellen Lesen, und wenn dann bevorzuge ich einen Roman einem dokumentarischen Buch in den meisten Fällen. Aber dieses Werk habe ich in kürzester Zeit verschlungen. Stefan Aust, ein wahrer Experte in Sachen RAF, schafft es trotz nüchterner Sprache mit seiner Abhandlung ungeheuere Emotionen hervorzurufen. Das liegt zum einen natürlich an der Thematik. Jeder, der einmal das Video von Hanns-Martin Schleyer gesehen hat, in dem er - von seinen Entführern gefilmt und gezeichnet von der "Haft" - an die Regierung appelliert, die Forderungen für seine Freilassung zu erfüllen, muss emotional berührt sein, wenn er vom genauen Ablauf der Entführung, von den dummen Zufällen, die verhinderten, dass das Versteck rechtzeitig gefunden wurde, und schließlich von der Ermordung Schleyers liest. Trotzdem schafft es Aust gerade durch seinen schnörkellosen Stil, dadurch, dass er auf jede Effekthascherei verzichtet, diese Geschichte so authentisch und direkt zu erzählen, dass man auch 20 Jahre nach allem noch etwas von den damaligen Emotionen - der Entführer und Entführten, der Politiker und der Bevölkerung - in sich fühlen oder zumindest erahnen kann.

Stefan Aust geht dabei nicht rein chronologisch vor. Das ist auch gut so, denn zu vielschichtig ist die Entstehungsgeschichte der RAF, genau so vielschichtig und verschiedenartig wie ihre Mitglieder. Aust springt oft in der Zeit zurück oder widmet sich in einzelnen Kapiteln den einzelnen Personen, wobei natürlich Andreas Baader und Ulrike Meinhof, aber auch Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Mittelpunkt stehen.
Am interessantesten fand ich die Geschichte der Ulrike Meinhof. An ihr wird besonders deutlich, dass man nicht unbedingt in den Untergrund geht, sondern vielmehr in ihn hinein geraten kann. Eine überaus intelligente Frau, eine erfolgreiche Journalisten, eine liebende Mutter mit politischen Idealen und Visionen, für die sie eintreten, aber ursprünglich sicher nicht auf diese Weise kämpfen wollte. Beginnend mit eigentlich harmlosen aber doch schon illegalen Aktionen, wurde irgendwann der entscheidende Schritt --in die totale Illegalität und somit in den Untergrund - getan. Und Ulrike Meinhof war dabei. Die Führungsperson, zu der sie von den Medien gemacht wurde, scheint sie nie wirklich gewesen sein. Im Gegenteil, sie war diejenige, die sich noch am längsten gegen die radikalen Methoden der Gruppe gewehrt hat.
Ihr Gegenpart war Andreas Baader, ein intelligenter aber ziemlich exzentrischer und cholerischer Mensch. Er - diesen Eindruck hatte ich jedenfalls beim Lesen des Buches - verfolgte ohnehin nur sekundär politische Ziele. Statt dessen suchte und fand er in der RAF eine Möglichkeit eine führende unantastbare Position einzunehmen, die er innerhalb der Gesellschaft vielleicht nie erreicht hätte. Seine beeindruckende Redegabe und sein unstreitbares Charisma machten aus ihm so etwas wie einen Diktator: Was er sagte, wurde gemacht, selbst wenn die ein oder andere Person dagegen Einwände vorbrachte

Eine Erkenntnis, die Austs Buch in mir festigte ist, dass die RAF schon sehr bald nach ihrer Gründung nicht mehr wirklich politisch war. Entführungen und Morde, sollten nicht mehr primär die Hierarchie, den Staat und generell das System in Frage stellen. Statt dessen waren die Aktionen vom Kampf ums Überleben motiviert: Die RAF war immer in Gefahr auseinanderzufallen, weil der Polizei immer wieder Erfolge, also Verhaftungen wichtiger und weniger wichtiger Mitglieder gelangen. Schließlich wurden auch die tragenden Personen - eben Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe - in Haft genommen. Nur um ihre Freilassung zu erpressen wurde Hanns-Martin Schleyer entführt, nicht um etwas am System zu ändern. Ein tödlicher Kreislauf, der nur mit einer (oder mehreren) Katastrophen enden konnte.

Wer sich also für die RAF interessiert, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. Es macht einen nicht wirklich verständnisvoll, man wird nicht zum Sympathisanten der Terroristen, aber es lässt einen so manches doch in gewissem Maße verstehen.

19 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Wurzelchen2

    21.03.2003, 11:20 Uhr von Wurzelchen2
    Bewertung: sehr hilfreich

    Deine Einleitung ist mir zu lang. Wen interessiert denn deine Kindheit, wenn du keine Berühmtheit bist?

  • Peter16jh

    26.06.2002, 19:44 Uhr von Peter16jh
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht und gutes Foto!