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Erfahrungsbericht von gabriel

Faust (Goethe), Nehmen wir mal Gretchen unter die Lupe

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Damit keine Missverständnisse vorliegen können, möchte ich sagen, dass ich auch bei Ciao unter dem Name Sonrisa aktiv bin.


Gretchenstragödie

Die eigentliche Gretchenstragödie, die sich in der Spiegelepisode der „Hexenküche“ bereits ankündigte, beginnt mit der Szene „Straße“.
Das tragische Geschehen läuft gegen Mephistos Plan ab, der Faust lediglich in sinnliche Verstrickungen locken will. Mephisto setzt in Verkennung Faustens immer auf niedrige Instinkte, Faust hingegen verwandelt jeweils das Sinnliche und Vegetativ - Instinktive ins Geistige und Sublime. Daß Mephisto sein Gehilfe und Diener auch in der Gretchenepisode ist und bleibt, verstrickt Faust in Schuld und Tragik. Durch Faust gerät auch Gretchen in Schuld, indem sie ihr Kind umbringt und ihre Mutter vergiftet. Trotz der sublim - anmutigen Gestaltung Gretchens ist sie nicht wie eine Heilige gezeichnet, sondern ganz real – bürgerlich. Ihren Zauber gewinnt diese Gestalt, daß sie sich zu ihrer Schuld und Verführbarkeit bekennt. Sie lebt durchaus in den Klischees und den Bedingnissen der Kleinbourgeoisie.
Die aus dem Unbewußten Lebende, aber sicherlich ihrer selbst nicht Unbewußten, ist der erhabene Seele Faustens wehrlos preisgegeben, aber sie erliegt schließlich dem mephistophelischen Part in Faust. In gewisser Weise ist sie Faust polar zugeordnet, in andrer Weise ist sie sowohl ihm wie auch Mephisto Gegensatz.
Hingebung und Widerstand, Anziehung und Abstossung in Richtung auf und von Faust sind in Gretchen vorhanden, beides ineins vor allem in der abschließenden Kerkerszene. Nicht eigentlich die Gestalt Gretchens ist so faszinierend, sondern Goethes Gestaltung dieses Charakters.
Bisher waren die Szenen allein dem männlichen Element gewidmet, selbst der „Herr“, die „Engel“ und „Mephisto“ sprechen eine männliche Sprache, mit der ersten Gretchenszene tritt feminine Denkweise in den Vordergrund. Für eine Weile drängen Gretchen und Marthe das bisher dominierende Duo Faust und Mephisto in den Hintergrund.
Auf Gretchens berühmte Frage: (3415) Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Folg Fausts pantheistisches Glaubensbekenntnis (3432 – 3458), die jedoch keine Antwort auf Gretchens Frage gibt.
Zu Gretchens Schicksal nimmt Hermann August Korff wie folgt Stellung: Von dem Zuge der Natur, der sie mit holdem, aber unwiderstehlichem Zwänge der dämonisch bestrickenden Gestalt einer Faust in die Arme treibt, wird sie auch über die Grenze der bürgerlichen Geschlechtsmoral hinaus und in eine Region des Menschlichen hinaufgetrieben, in der nur diejenigen leben können, die auch im Geiste von den Ketten der bürgerlichen Moral frei geworden sind. In dieser Lage, die sie nicht erkennen könnte, ohne zu schwindeln, wird Gretchen von ihrem Geliebten verlassen, und sie verfällt der Rache der Gesellschaft, deren Gesetz sie, Nachtwandeln auf der Bahn ihres Schicksals, gebrochen hat. Aber was das Entscheidende ist: nicht vor allem der Rache, die sie in den unsagbar rohen Reden ihres Bruders ereilt, sondern der Rache der Gesellschaft in ihr selbst! Es bedarf gar nicht der richtenden Gesellschaft, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Sie muß sich selber richten in dem Augenblicke, wo der Wahn ihrer Liebe zerreißt.
Die letzte Szene läßt Faust seine Schuld als qualvolle Wirklichkeit erfahren. Dieser Anblick wirft ihn unter den Zustand noch zurück, aus dem er aufgebrochen war. Der titanische Ausnahmemensch sieht sich wieder in die Gebundenheit der Gattung verwiesen. Was er lange nicht gefühlt, längst hinter sich gelassen hatte, das schaudernde Gefühl des machtlosen Geschöpfes, die Angst der Kreatur, sie packt ihn nun, wie noch nie. Er, der Vernichtete, Zusammengebrochene, kann nicht helfen, kann sein Opfer nicht vor dem Äußersten retten. Gretchen flüchtet aus ihrer qualvollen Verlassenheit und Erniedrigung nicht in seine Arme, sondern in die Hut ihres kindlichen Vertrauens auf den Himmel, mit dem Faust längst fertig ist. Sein Selbstgefühl bricht zusammen mit seinen erhabenen Wunschbildern. Nicht Gretchen, sondern Faust scheint gerichtet. Margarete ist unter der Last ihrer ungewollten Schuld, dem Tod ihrer Mutter, ihres Kindes und ihres Bruders, psychisch und physisch zusammengebrochen. Ihre Sinne hängen dem Geschehen an und vermischen sich gleichzeitig mit apokalyptischen Visionen. Mit der Ausstoßung aus der Gesellschaft und dem Tod ihrer nächsten Angehörigen ist ihr der Grund unter den Füßen weggelitten, ihre einzige Hoffnung ist die Gnade Gottes. Faust sieht dasjenige Geschöpf durch seine grauenhafte Schuld seelisch zerstört, vor sich verlöschen.

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