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Erfahrungsbericht von Diescher

Ein Meisterwerk der Gefühle

Pro:

fesselnd

Kontra:

Irgendwann ist die Geschichte zu Ende.

Empfehlung:

Nein

Bei meinem letzten Bummel durch meine Stammbuchhandlung fiel mir dieses Buch zum wiederholten Male auf. Ich hatte schon einiges darüber gehört und gelesen. Daher war es an der Zeit, endlich zuzugreifen. Das war kein Fehler. Ich bin voll auf begeistert und alle Voraussagen haben sich bestätigt.

Einige werden sich fragen: Was ist eine Geisha?
Früher gab es Geishas ausschließlich in Japan. Sie sind Unterhalterinnen, die für Teegesellschaften und ähnliches gemietet werden können. Für Unterhaltung sorgen sie mit Tanz, Gesang, Konversation oder dem Spiel auf einer Shamisen, ein Musikinstrument. Keinesfalls sind Geishas Prostituierte. Sie können selbst entscheiden, wie weit ihre Unterhaltung gehen soll.

Der Autor Arthur Golden hat lange Jahre recherchiert. Zu seinen Hauptquellen zählte Minako Iwasaki, die in den 60er und 70er Jahren selbst als Geisha gearbeitet hat. Auch wenn ich nie selbst erlebt habe, wie Geishas tatsächlich leben, denke ich, dass der Autor den Kern getroffen hat. Als Mann schreibt er aus der Ich-Perspektive, was meines Erachtens nicht gerade einfach ist. Denken Männer und Frauen doch in vielen Dingen völlig verschieden und teilweise aneinander vorbei. Aber ihm gelingt es in einer sehr bildhaften Sprache eine Geschichte zu erzählen, die mitreißt und von der man nicht genug bekommen kann. Die Gedanken und Gefühle aller beteiligten Personen werden sehr lebendig dargestellt. Auch die geographischen und geschichtlichen Hintergründe werden sehr plastisch. Hätte ich die Zeit gehabt, ich hätte die 570 Seiten der Taschenbuchausgabe an einem Stück gelesen. So dauerte es ein paar Tage länger.

Die Handlung an sich ist frei erfunden, obwohl sie sich in der ein oder anderen Art und Weise mit Sicherheit zugetragen hat.

Die Erzählung beginnt mit dem mehr oder weniger glücklichen Leben des Mädchens Chyio. Als 9-jährige lebt sie in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit ihren Eltern und der älteren Schwester Satsu in einem kleinen japanischen Fischerdorf. Als die Mutter am Sterben liegt und der Vater erkennt, dass er allein für die Kinder nicht sorgen kann, verkauft er auf brutale Art und Weise seine Töchter in Vergnügungsviertel nach Kyoto. Die Schwestern werden getrennt. Satsu muss fortan als Prostituierte ihr Dasein fristen, Chiyo wird in eine sogenannte Okiya gebracht.

Eine Okiya ist die Herberge einer oder mehrerer Geishas, wobei die älteste Geisha eine reine Einnahmequelle ist. Geleitet wird eine Okiya von nicht mehr aktiven Geishas, die damit ihren Lebensabend finanzieren. Sie sponsern die Ausbildung kleiner Mädchen, die diese „Wohltaten“ manchmal ein Leben lang zurückzahlen müssen, indem sie ewig der Okiya dienen. Sie gleichen damit Sklaven.

In der Okiya wird das gesamte Leben einer Geisha organisiert. Von den Terminen der Teehauspartys bis hin zur Kleidung. Die Mädchen sind den älteren Damen völlig ausgeliefert, es sei denn sie finden einen reichen Mann, einen sogenannten „Danna“, der ihnen ein wenig Unabhängigkeit in Form einer eigenen Wohnung verschafft.

Bevor Chiyo mit der Ausbildung zur Geisha beginnen kann, muss sie als Dienstmädchen arbeiten. Schon in ihren ersten Wochen macht sie die Bekanntschaft mit der schönen Hatsumomo. Sie ist die Geldquelle ihrer Okiya, vom Charakter her sehr launisch, egoistisch, ehrgeizig und demütigend. Sehr schnell spürt das kleine Mädchen den reinen Hass dieser Frau, die in dem kleinen Mädchen bereits eine ernstzunehmende Konkurrentin sieht.

So aussichtslos es auch erschien, findet Chiyo ihre Schwester. Die beiden planen die gemeinsame Flucht, doch Hatsumomo weiß dies zu verhindern. Danach sehen sich die Mädchen nie wieder. Die Leiterin der Okiya, Frau Nitta, will die Ausbildung nicht weiter zahlen für jemanden, der versucht zu fliehen. Nach diesem Vorfall fällt Chiyo zurück in ihren Status als Hausmädchen und muss mit ansehen, wie sich „Kürbisköpfchen“, ein Mädchen in ihrem Alter, schwer tut mit der Ausbildung, die sie doch allzu gern genießen würde.

Das Leben des kleinen Mädchens nimmt eine schlagartige Wendung, nachdem Mameha, eine der angesehensten Geishas Kyotos und Hatsumomos ärgste Konkurrentin, sich anbietet, Chiyo zu unterstützen. Die Leiterin der Okiya und Mameha vereinbaren ein entsprechendes Geschäft. Aus dem kleinen Mädchen Chiyo wird die Lerngeisha „Sayuri“. Und schon bald ist sie ebenfalls beliebt und erfolgreich. Ihrer Peinigerin Hatsumomo entkommt sie. Letztendlich ist Hatsumomo diejenige, die nicht zuletzt aufgrund ihres eigenen Fehlverhaltens die Verliererin ist.

Das große Ziel Sayuris ist es, ihr ganz privates Glück zu finden. Dies besteht in einer innigen Beziehung zum „Direktor“. Ihm ist sie schon als kleines Mädchen begegnet. Als sie sich nach einer groben Bemerkung Hatsumomos ihrem Schicksal ergeben glaubte und weinend an einem Fluss saß, kam der Herr auf sie zu, schenkt ihr ein Taschentuch und ein wenig Geld für ein Eis. Sie fand es bewundernswert, dass ein fremder Mann ihr so viel Aufmerksamkeit schenkte. Seit diesem Moment lebt Sayuri für den Direktor und setzt alles daran, sein Herz zu gewinnen. Der Weg dorthin ist schwierig und führt über Stock und Stein.

Das Leben Sayuris ist ein ständiges Auf und Ab. Herausgerissen aus ihrer Kindheit übersteht sie Intrigen, Wirtschaftskrisen und den Zweiten Weltkrieg. Während des Lesens hatte ich ein weinendes und ein lachendes Auge. Ich wünsche niemandem, für eine Liebe das Leben einer Geisha führen und so lange warten zu müssen, bis man dem Traumprinz endlich die Gefühle gestehen kann. Zum Glück hab ich meinen Traumprinzen gefunden und wir sind keine Königskinder, die sich nie kriegen.

Ich kann nur jedem empfehlen, dieses Buch zu lesen und wünsche Euch viele schöne Schmökerstunden.

Zum Schluss ein paar Fakten:

Das Taschenbuch ist erschienen im Goldmann-Verlag. ISBN: 3-442-72632-8. Es kostet 10 EUR. Ebenso erhältlich sind die gebundene Ausgabe bei allen Internet-Buchshops oder in Buchhandlungen und die Originalausgabe mit dem Titel „Memoirs of a Geisha“, in den USA erschienen 1997.

Gruß Diescher

11 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Spocht

    06.05.2002, 20:49 Uhr von Spocht
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sag bloß, Du hast gegen alle Regeln verstoßen, die ich als absolute Lesungsschlager-Essentials dem interessierten Volk zur Verfügung gestellt habe? Hat ja trotzdem geklappt... Mit spochtlichen Grüßen