Erfahrungsbericht von der_Baer
Littell Robert - Der Gastprofessor
Pro:
leichte Kost
Kontra:
sogar sehr leichte Kost
Empfehlung:
Nein
Hätte sich der Bär als Bettlektüre ein Skriptum über die umgekehrt polnische Notation und ihre Auswirkungen auf die Transzendenz einer Leguankniescheibe zu Gemüte geführt, dann hätte er es verstanden, dass seine beschränkten grauen Zellen dem Wahnsinn der Wissenschaft nicht folgen können.
Aber nein, ein einfacher Roman mit dem Titel „Der Gastprofessor“ hat es geschafft, den Bären wieder auf den Boden der intellektuellen Tatsachen herunter zu holen und nun sitzt er also ganz kleinlaut an der Tastatur und sagt sich: „Was bin ich doch für ein dummer, kleiner Bär!“
Es las sich doch so toll auf der Rückseite des Buches, das der amerikanische Autor, Newsweek Reporter und Nahostexperte Robert Littell geschrieben hat. Wer hätte bei diesen euphorischen Worten nicht sofort nach diesem Schmöker mit seinen 316 Seiten gegriffen?
Zitat: „Der Gastprofessor“ ist ein wahres Meisterstück: eine virtuose Mischung aus philosophischem Thriller, erzählerischem Vexierspiel und einer wunderbaren Liebesgeschichte zwischen einem älteren Professor und einer jungen Frau.
Ja, so stand es da. Und dann waren da noch Hinweise auf diverse Geheimdienste und einem geheimen Codiersystem, also doch wohl ein spannender Krimi obendrein. Aber erst einmal in kurzen Worten der tatsächliche Inhalt.
Russland, Petersburg, W.-A.-Steklow-Institut für Mathematik. Hier arbeitet seit dreiundzwanzig Jahren Lemuel Falk als Wissenschaftler. Sein Spezialgebiet ist die Chaosforschung und darin ist er vielleicht der Weltbeste, denn er hat mit seinem Computer die Zahl Pi auf sechs Milliarden fünfhundert Millionen Dezimalstellen berechnet. Die ganze Welt will ihn, aber das jährlich eingereichte Ausreisevisum wird schlichtweg abgelehnt. Doch plötzlich ist der jüdisch-stämmige Lemuel erhört worden und darf Russland verlassen, mit einem 380.000 Dollar Scheck und einem Lehrvertrag für die Universität Backwater in New York.
Ergo schnappt sich der etwas weltfremde Professor sein Köfferchen und zieht aus der Enge seiner russischen Einzimmerwohnung hinaus in das kapitalistische Amerika, um dort die Wunder des Westens zu erleben und seinen Lehrauftrag zu erfüllen. Dabei laufen ihm einige schrullige Typen über den Weg, die in all ihrer westlichen Lebensweise die chaotische Dekadenz Amerikas bestätigen.
Trost in seiner weltlichen Unwissenheit findet der arme Professor bei einer studierenden Friseuse, in deren Hinterzimmerwohnung er nicht nur zum ersten Mal den Umgang mit zu inhalierenden Rauschmitteln lernt, sondern auch, wie sich Präsidenten im Oral Office fühlen müssen. Die chaotische Hairstylisten und ihr extrovertierter Freundeskreis praktizieren nicht nur als das, was im Kamasutra nicht für möglich gehalten würde, sie klauen ihren Lebensunterhalt, sie protestieren gegen Atommüll und machen den Professor zu einer medialen Berühmtheit, die dieser zwar nicht ganz versteht, aber im ständigen Denken, ob es sich hier um Zufälligkeit oder Chaos handelt, nur Trost bei einem alten Rabbi findet, der Bibel, Thora, Talmud und alle verfügbaren heiligen Bücher, Gesetze und Schriftrollen genau so auslegt, wie es ihm in den weltlich-geistlichen Kram passt.
Lemuel hat inzwischen seine Interessen aber auf drei Dinge beschränkt. Sex, Pi-Forschung und die Suche nach einem Serienmörder, den der Sheriff nicht findet. Zwischendurch erhält er nahezu unablehnbare Angebote von FBI, CIA, Mossad, KGB, Cosa Nostra, seine Fähigkeiten der Zahlenmanipulation ins fast Unendliche, den jeweiligen Organisationen zur Verfügung zu stellen und kryptographisch zu arbeiten. Damit ist immer wieder die Chance verbunden, mit viel Geld und unerkannt den Amerikaaufenthalt für immer fort zu setzen und nicht zurück in die Heimat zu müssen, wo sich Fellatio und Cunnilungus längst nicht so abwechslungsreich gestalten lassen.
Wie der Schmöker ausgeht, verrät der Bär natürlich nicht. Was der Bär verrät, ist das Lesegefühl, das dazu beitrug, dass er für dieses Buch fast vier Wochen gebraucht hat, um an das Ende zu kommen.
Herr Littell ist offensichtlich ein überkluger Kopf. Dass er als Journalist schon mehrfach Gespräche mit allen führenden Nahostpolitikern geführt hat und sich im Metier des jüdischen Glaubens und der Traditionen gut auskennt, merkt man aus jeder Zeile. Dass er darüber hinaus sogar die Chaostheorie verstanden hat und seinen Helden fast pausenlos über die Unendlichkeit der Endlichkeit (oder doch umgekehrt?) und die geordnete Unordnung (oder ungeordnete Ordnung?) philosophieren lässt, fordert den Leser schon dadurch, als er bei jedem zweiten Satz ein Fremdwortlexikon benötigt.
Dazwischen allerdings befleißigt sich Herr Littell offensichtlich ganz bewusst eines sehr vulgären Tons, um damit den Kontrast zwischen Denken und Handeln der Protagonisten zu verdeutlichen. Wenn sich Kritiker in ihrer Lobhudelei übertreffen und von einer perfekten Ironie im „Gastprofessor“ sprechen, hat der Bär höchstens ein müdes Lächeln für diesen Spagat zwischen Chaos, Kirche und Sex aufgebracht. Offensichtlich fehlt dem Bären also die Intelligenz der Kulturbeflissenen. Dafür kann Robert Littell natürlich nichts. Eine Empfehlung für dieses Buch kann der Bär allerdings bei diesem Werk nur an den- oder diejenige abgeben, die in der Lage ist, auch um 23 Uhr nach zehn Stunden Arbeitsalltag noch analytisch präzise die Gedanken zu bündeln. Leichte Kost ist dieses Buch sicherlich nicht. Und unterhaltsam? Der Bär wagt daran zu zweifeln, dass der Durchschnittsleser mit Ausnahme einiger sehr detailliert pikanter Umschreibungen dem verwirrenden Handlungsablauf folgen kann.
Preis EUR 6,65
Taschenbuch - 315 Seiten - Goldmann, Mchn.
Erscheinungsdatum: 1999
ISBN: 3442444837
Amerikanische Originalausgabe erschienen 1993 „“The Visiting Professor“ bei Faber and Faber Ltd., London
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-07-07 15:48:54 mit dem Titel Lawrence L. Leslie - Die Säulen des Narasinha
Gelegentlich treibt es auch den Bären durch diverse Einkaufszentren und an Wühltischen mit Büchern kann er nun mal überhaupt nicht vorbeigehen, ohne nicht wenigstens einen Blick darauf zu werfen. Wenn es nur dabei bliebe! Aber nein, auch diesmal wieder stach ein Buch ins Auge. Auf dem Buchumschlag, der einen fernöstlichen Tempel mit einer güldenen Tempelgöttin zeigt, steht in glänzend roten Buchstaben „Leslie L. Lawrence“ und darunter in weißen Lettern „Die Säulen des Narasinha“. Der Preis war auf 2,90 Euro reduziert, anstatt 6,80 Euro und was gab es da noch groß zu überlegen?
Der Text auf dem Buchrücken schien besonders aufschlußreich, denn er bescheinigte „ein weiteres Abenteuer des ungarischen Bestsellerautors, für alle, die eine spannende Mischung aus Krimi und Mystik lieben, vergleichbar mit der Serie Akte-X.“ Da gab es natürlich kein Halten mehr und noch in der Straßenbahn stürzte ich mich auf das 589 Seiten dicke Buch.
Leslie L. Lawrence nennt sich sowohl der Schreiberling, als auch der Protagonist des Werkes. Er ist Entomologe und Abenteurer von Beruf und in dieser Funktion über alle Grenzen hinaus bekannt. Ein alternder Lord, dessen höchstes Glück seine viel zu junge Frau und die Architektur indischer Tempel sind, präsentiert Leslie einen überdimensionalen Igelkäfer, der in der Nähe eines indischen Sonnentempels gefunden worden sein soll. Allerdings wird der Tempel in der Zwischenzeit von Anhängern der Kali-Sekte bewohnt, deren einziges Vergnügen es zu sein scheint, wahllos andere Menschen mit ranzigen, ölgetränkten Schnüren zu erdrosseln. Und das passiert auch gleich in der ersten Nacht, als Leslie sich in seinem Schlafzimmerschrank einen Pyjama krallen will und ihm dabei eine Leiche entgegenfällt.
Als allerdings die Polizei ihre Untersuchungen aufnimmt, ist die Leiche verschwunden, dafür sitzt im Nebenzimmer ein Toter mit abgedrehter Luftzufuhr und blau geschwollener Zunge. Je mehr sich die Würgeopfer häufen, um so mehr Lust bekommt Leslie, den Lord und eine ausgewählte Sippschaft von Abenteurern, schönen Frauen und fiesen Polizisten nach Indien zu begleiten und nicht nur die Käfer zu suchen, sondern auch den unbekannten Tempel zu finden, der offensichtlich aber überall bekannt ist und ein schreckliches Geheimnis verbirgt, über das keiner reden will. Im Laufe der Handlung scheint dann jeder jedem an die Gurgel springen zu wollen oder seine Strangulierungskünste zu üben. Darüber hinaus wimmelt es nur so von irrtümlich losgehenden Schusswaffen, hysterischen Weibern, altertümlichen Lords mit zuviel Sportsgeist, idiotischen Polizisten und schröcklichen Indern.
Aber natürlich erzähle ich euch nicht, wie die Geschichte ausgeht. Unser guter Leslie hält sich natürlich für den Klügsten und legitimen Nachfolger von Indiana Jones und sämtliche weiblichen Geschöpfe bevölkern sein Bettlaken und zwingen ihn, nicht an Schlaf zu denken. Dieses Werk ist nur halb so spannend, wie die Suche nach dem Autor, der diesen Bockmist verbrochen hat. Zweifelsohne kennt er sich mit asiatischen Kulturen prima aus, aber sein Hang zur Fabulierkunst wird nur durch die unlogische und hirnrissige Handlung übertroffen. Das Buch liest sich fast so gut, wie ein Jerry Cotton, allerdings verfügt es nicht über dessen wohltuende Kürze.
Bei amazon gibt es gerade mal ein Buch aus dieser Reihe über den Abenteurer, allerdings nicht dieses. Informationen über den Autor findet man praktisch überhaupt nicht. Vielleicht geniert er sich für dieses Elaborat? Aber ich wäre nicht der Bär, wenn ich nicht doch die Homepage des Schreiberlings entdeckt hätte. Nur kann ich sie leider nicht lesen, denn sie ist vollkommen in ungarischer Sprache. Vielleicht schafft es ja einer von euch, mehr zu entziffern, als ich es vermochte, darum seien alle Sprachkundigen aufgerufen, sich auf
http://www.lesliellawrence.hu/ um zu sehen.
Aber einige Fakten konnte ich doch entziffern. Leslie L. Lawrence ist das Pseudonym für Lórincz L. László, einen Professor für Orientalistik und noch einiges anderes an der ungarischen Akademie für Orientalistik und Sprachen und wurde am 15.Juni 1939 geboren. Ja, und das war es auch schon. Mehr kann ich beim besten Willen nicht heraus bekommen. Allerdings gibt es drei seiner Romane auf www.lion.cc zu erstehen, darunter auch der hier beschriebene, den ich denjenigen ans Herz lege, die es gerne mit leichter Kost halten.
Lübbe, 1999
ISBN 3404141431
1999. 588 S.
EUR 6.83
(c) Wolfgang Weninger
www.baerenhoehle.tv
Aber nein, ein einfacher Roman mit dem Titel „Der Gastprofessor“ hat es geschafft, den Bären wieder auf den Boden der intellektuellen Tatsachen herunter zu holen und nun sitzt er also ganz kleinlaut an der Tastatur und sagt sich: „Was bin ich doch für ein dummer, kleiner Bär!“
Es las sich doch so toll auf der Rückseite des Buches, das der amerikanische Autor, Newsweek Reporter und Nahostexperte Robert Littell geschrieben hat. Wer hätte bei diesen euphorischen Worten nicht sofort nach diesem Schmöker mit seinen 316 Seiten gegriffen?
Zitat: „Der Gastprofessor“ ist ein wahres Meisterstück: eine virtuose Mischung aus philosophischem Thriller, erzählerischem Vexierspiel und einer wunderbaren Liebesgeschichte zwischen einem älteren Professor und einer jungen Frau.
Ja, so stand es da. Und dann waren da noch Hinweise auf diverse Geheimdienste und einem geheimen Codiersystem, also doch wohl ein spannender Krimi obendrein. Aber erst einmal in kurzen Worten der tatsächliche Inhalt.
Russland, Petersburg, W.-A.-Steklow-Institut für Mathematik. Hier arbeitet seit dreiundzwanzig Jahren Lemuel Falk als Wissenschaftler. Sein Spezialgebiet ist die Chaosforschung und darin ist er vielleicht der Weltbeste, denn er hat mit seinem Computer die Zahl Pi auf sechs Milliarden fünfhundert Millionen Dezimalstellen berechnet. Die ganze Welt will ihn, aber das jährlich eingereichte Ausreisevisum wird schlichtweg abgelehnt. Doch plötzlich ist der jüdisch-stämmige Lemuel erhört worden und darf Russland verlassen, mit einem 380.000 Dollar Scheck und einem Lehrvertrag für die Universität Backwater in New York.
Ergo schnappt sich der etwas weltfremde Professor sein Köfferchen und zieht aus der Enge seiner russischen Einzimmerwohnung hinaus in das kapitalistische Amerika, um dort die Wunder des Westens zu erleben und seinen Lehrauftrag zu erfüllen. Dabei laufen ihm einige schrullige Typen über den Weg, die in all ihrer westlichen Lebensweise die chaotische Dekadenz Amerikas bestätigen.
Trost in seiner weltlichen Unwissenheit findet der arme Professor bei einer studierenden Friseuse, in deren Hinterzimmerwohnung er nicht nur zum ersten Mal den Umgang mit zu inhalierenden Rauschmitteln lernt, sondern auch, wie sich Präsidenten im Oral Office fühlen müssen. Die chaotische Hairstylisten und ihr extrovertierter Freundeskreis praktizieren nicht nur als das, was im Kamasutra nicht für möglich gehalten würde, sie klauen ihren Lebensunterhalt, sie protestieren gegen Atommüll und machen den Professor zu einer medialen Berühmtheit, die dieser zwar nicht ganz versteht, aber im ständigen Denken, ob es sich hier um Zufälligkeit oder Chaos handelt, nur Trost bei einem alten Rabbi findet, der Bibel, Thora, Talmud und alle verfügbaren heiligen Bücher, Gesetze und Schriftrollen genau so auslegt, wie es ihm in den weltlich-geistlichen Kram passt.
Lemuel hat inzwischen seine Interessen aber auf drei Dinge beschränkt. Sex, Pi-Forschung und die Suche nach einem Serienmörder, den der Sheriff nicht findet. Zwischendurch erhält er nahezu unablehnbare Angebote von FBI, CIA, Mossad, KGB, Cosa Nostra, seine Fähigkeiten der Zahlenmanipulation ins fast Unendliche, den jeweiligen Organisationen zur Verfügung zu stellen und kryptographisch zu arbeiten. Damit ist immer wieder die Chance verbunden, mit viel Geld und unerkannt den Amerikaaufenthalt für immer fort zu setzen und nicht zurück in die Heimat zu müssen, wo sich Fellatio und Cunnilungus längst nicht so abwechslungsreich gestalten lassen.
Wie der Schmöker ausgeht, verrät der Bär natürlich nicht. Was der Bär verrät, ist das Lesegefühl, das dazu beitrug, dass er für dieses Buch fast vier Wochen gebraucht hat, um an das Ende zu kommen.
Herr Littell ist offensichtlich ein überkluger Kopf. Dass er als Journalist schon mehrfach Gespräche mit allen führenden Nahostpolitikern geführt hat und sich im Metier des jüdischen Glaubens und der Traditionen gut auskennt, merkt man aus jeder Zeile. Dass er darüber hinaus sogar die Chaostheorie verstanden hat und seinen Helden fast pausenlos über die Unendlichkeit der Endlichkeit (oder doch umgekehrt?) und die geordnete Unordnung (oder ungeordnete Ordnung?) philosophieren lässt, fordert den Leser schon dadurch, als er bei jedem zweiten Satz ein Fremdwortlexikon benötigt.
Dazwischen allerdings befleißigt sich Herr Littell offensichtlich ganz bewusst eines sehr vulgären Tons, um damit den Kontrast zwischen Denken und Handeln der Protagonisten zu verdeutlichen. Wenn sich Kritiker in ihrer Lobhudelei übertreffen und von einer perfekten Ironie im „Gastprofessor“ sprechen, hat der Bär höchstens ein müdes Lächeln für diesen Spagat zwischen Chaos, Kirche und Sex aufgebracht. Offensichtlich fehlt dem Bären also die Intelligenz der Kulturbeflissenen. Dafür kann Robert Littell natürlich nichts. Eine Empfehlung für dieses Buch kann der Bär allerdings bei diesem Werk nur an den- oder diejenige abgeben, die in der Lage ist, auch um 23 Uhr nach zehn Stunden Arbeitsalltag noch analytisch präzise die Gedanken zu bündeln. Leichte Kost ist dieses Buch sicherlich nicht. Und unterhaltsam? Der Bär wagt daran zu zweifeln, dass der Durchschnittsleser mit Ausnahme einiger sehr detailliert pikanter Umschreibungen dem verwirrenden Handlungsablauf folgen kann.
Preis EUR 6,65
Taschenbuch - 315 Seiten - Goldmann, Mchn.
Erscheinungsdatum: 1999
ISBN: 3442444837
Amerikanische Originalausgabe erschienen 1993 „“The Visiting Professor“ bei Faber and Faber Ltd., London
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-07-07 15:48:54 mit dem Titel Lawrence L. Leslie - Die Säulen des Narasinha
Gelegentlich treibt es auch den Bären durch diverse Einkaufszentren und an Wühltischen mit Büchern kann er nun mal überhaupt nicht vorbeigehen, ohne nicht wenigstens einen Blick darauf zu werfen. Wenn es nur dabei bliebe! Aber nein, auch diesmal wieder stach ein Buch ins Auge. Auf dem Buchumschlag, der einen fernöstlichen Tempel mit einer güldenen Tempelgöttin zeigt, steht in glänzend roten Buchstaben „Leslie L. Lawrence“ und darunter in weißen Lettern „Die Säulen des Narasinha“. Der Preis war auf 2,90 Euro reduziert, anstatt 6,80 Euro und was gab es da noch groß zu überlegen?
Der Text auf dem Buchrücken schien besonders aufschlußreich, denn er bescheinigte „ein weiteres Abenteuer des ungarischen Bestsellerautors, für alle, die eine spannende Mischung aus Krimi und Mystik lieben, vergleichbar mit der Serie Akte-X.“ Da gab es natürlich kein Halten mehr und noch in der Straßenbahn stürzte ich mich auf das 589 Seiten dicke Buch.
Leslie L. Lawrence nennt sich sowohl der Schreiberling, als auch der Protagonist des Werkes. Er ist Entomologe und Abenteurer von Beruf und in dieser Funktion über alle Grenzen hinaus bekannt. Ein alternder Lord, dessen höchstes Glück seine viel zu junge Frau und die Architektur indischer Tempel sind, präsentiert Leslie einen überdimensionalen Igelkäfer, der in der Nähe eines indischen Sonnentempels gefunden worden sein soll. Allerdings wird der Tempel in der Zwischenzeit von Anhängern der Kali-Sekte bewohnt, deren einziges Vergnügen es zu sein scheint, wahllos andere Menschen mit ranzigen, ölgetränkten Schnüren zu erdrosseln. Und das passiert auch gleich in der ersten Nacht, als Leslie sich in seinem Schlafzimmerschrank einen Pyjama krallen will und ihm dabei eine Leiche entgegenfällt.
Als allerdings die Polizei ihre Untersuchungen aufnimmt, ist die Leiche verschwunden, dafür sitzt im Nebenzimmer ein Toter mit abgedrehter Luftzufuhr und blau geschwollener Zunge. Je mehr sich die Würgeopfer häufen, um so mehr Lust bekommt Leslie, den Lord und eine ausgewählte Sippschaft von Abenteurern, schönen Frauen und fiesen Polizisten nach Indien zu begleiten und nicht nur die Käfer zu suchen, sondern auch den unbekannten Tempel zu finden, der offensichtlich aber überall bekannt ist und ein schreckliches Geheimnis verbirgt, über das keiner reden will. Im Laufe der Handlung scheint dann jeder jedem an die Gurgel springen zu wollen oder seine Strangulierungskünste zu üben. Darüber hinaus wimmelt es nur so von irrtümlich losgehenden Schusswaffen, hysterischen Weibern, altertümlichen Lords mit zuviel Sportsgeist, idiotischen Polizisten und schröcklichen Indern.
Aber natürlich erzähle ich euch nicht, wie die Geschichte ausgeht. Unser guter Leslie hält sich natürlich für den Klügsten und legitimen Nachfolger von Indiana Jones und sämtliche weiblichen Geschöpfe bevölkern sein Bettlaken und zwingen ihn, nicht an Schlaf zu denken. Dieses Werk ist nur halb so spannend, wie die Suche nach dem Autor, der diesen Bockmist verbrochen hat. Zweifelsohne kennt er sich mit asiatischen Kulturen prima aus, aber sein Hang zur Fabulierkunst wird nur durch die unlogische und hirnrissige Handlung übertroffen. Das Buch liest sich fast so gut, wie ein Jerry Cotton, allerdings verfügt es nicht über dessen wohltuende Kürze.
Bei amazon gibt es gerade mal ein Buch aus dieser Reihe über den Abenteurer, allerdings nicht dieses. Informationen über den Autor findet man praktisch überhaupt nicht. Vielleicht geniert er sich für dieses Elaborat? Aber ich wäre nicht der Bär, wenn ich nicht doch die Homepage des Schreiberlings entdeckt hätte. Nur kann ich sie leider nicht lesen, denn sie ist vollkommen in ungarischer Sprache. Vielleicht schafft es ja einer von euch, mehr zu entziffern, als ich es vermochte, darum seien alle Sprachkundigen aufgerufen, sich auf
http://www.lesliellawrence.hu/ um zu sehen.
Aber einige Fakten konnte ich doch entziffern. Leslie L. Lawrence ist das Pseudonym für Lórincz L. László, einen Professor für Orientalistik und noch einiges anderes an der ungarischen Akademie für Orientalistik und Sprachen und wurde am 15.Juni 1939 geboren. Ja, und das war es auch schon. Mehr kann ich beim besten Willen nicht heraus bekommen. Allerdings gibt es drei seiner Romane auf www.lion.cc zu erstehen, darunter auch der hier beschriebene, den ich denjenigen ans Herz lege, die es gerne mit leichter Kost halten.
Lübbe, 1999
ISBN 3404141431
1999. 588 S.
EUR 6.83
(c) Wolfgang Weninger
www.baerenhoehle.tv
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