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Erfahrungsbericht von enno59
Die Sintflut - nicht länger ein Rätsel?
Pro:
einleuchtende Erklärung eines großen Menschheitsmythos
Kontra:
gelegentlich etwas abschweifend
Empfehlung:
Nein
\"Wer glaubt schon Berichten über eine verrückt gewordene Welt? Über eine Welt, in der die Flüsse rückwärts fließen, in der das Gebrüll eines rasenden Meeresungeheuers den Boden erbeben läßt, in der die Wasser aus der Tiefe aufsteigen und alles Leben auslöschen, das sich ihnen in den Weg stellt – und in der die Überlebenden ihre Flöße in den Baumwipfeln eines Bergwaldes festmachen ...\"
So endet der Prolog des Buches \"Sintflut\" von Walter Pitman und William Ryan. Angesichts der jüngsten Überschwemmungskatastrophen in Österreich, Tschechien, Süd- und Ostdeutschland dürften vielleicht auch ein paar Skeptiker mehr diese Theorie, die die Autoren in diesem Buch offerieren, für möglich halten, für möglich, daß die Natur verrückt spielt, daß sie bislang Unglaubliches zustande bringt und zustande bringen kann.
Die Sintflut ist eine der großen Menschheitsmythen. Im westlichen Kulturkreis ist dieser Mythos vorrangig aus der Bibel bekannt. Aber das ist keineswegs die älteste Überlieferung des Sintflut-Themas. Bereits im Gilgamesch-Epos, eine der bekanntesten nahöstlichen und frühesten Überlieferungen, wird die gesamte Story erzählt: die göttliche Warnung vor der Sintflut, der Auftrag, eine Arche zu bauen und mit dem Samen aller Lebewesen zu beladen und so das Leben auf der Erde zu retten sowie letztlich die große Überschwemmung, die die gesamte (bekannte!) Welt überflutet.
Pitman und Ryan zeigen in ihrem Buch, daß an diesem Mythos nicht viel erfunden sein muß. Genauer: Sie führen Belege an, daß eine große Überschwemmung tatsächlich stattgefunden hat und zwar zu einer Zeit, als die Menschen bereits sprechen konnten und so die Erinnerung an diese Naturkatastrophe erhalten werden konnte.
Nach Auffassung der Autoren lief die Geschichte folgendermaßen ab:
Startpunkt ist der Beginn einer Eiszeit vor ca. 120 Tsd. Jahren. Die klimatischen Bedingungen und die Höhe des Meeresspiegels entsprachen in etwa heutigen Verhältnissen. In den entstehenden Eispanzern und Gletschern wurde immer mehr Wasser gespeichert, der Wasserspiegel in den Ozeanen sank. Vor ca. 20 Tsd. Jahren - auf dem Höhepunkt der Einszeit - lag dann der Wasserspiegel ca. 120 Meter tiefer als heute. Der Mensch hatte bereits die Entwicklungsstufe der Jäger und Sammler erreicht, er konnte sich wechselnden Verhältnissen anpassen, und er war mobil.
Mit dem Einsetzen der Gletscherschmelze vor etwa 20 Tsd. Jahren begannen die Meeresspiegel wieder anzusteigen. In die Senke, die heute vom Schwarzen Meer ausgefüllt wird und die zu jener Zeit nur teilweise von Wasser bedeckt war, ergossen sich Schmelzwasser aus dem Norden des heutigen Rußlands. Dieser Wasser war trinkbar, was zur Folge hatte, daß viele Tiere diesem Wasser folgten, bis hin an die sukzessive ansteigenden Küsten des immer größer werdenden Sees, der mit Süßwasser gefüllt war. Diesen Herden folgten natürlich die Menschen, fanden sie doch hier genug Nahrung.
Vor etwa 13 Tsd. Jahren versiegte der Zufluß in das Schwarze Meer. Die Schmelwasser flossen nunmehr in West-Ost-Richtung, parallel zu den Gletscherrändern, die sich ja immer mehr nach Norden zurückzogen. Infolge der Oberflächenverdunstung ging nun im Schwarzen Meer mehr Wasser verloren als nachfloß. Somit sank der Wasserspiegel wieder - im Gegensatz zu den Weltmeeren, in die sich ja weiterhin Schmelzwasser und Flüsse ergossen. Das Schwarze Meer hatte keine Verbindung mit dem Mittelmeer, es war ein abflußloses Binnenmeer. Am Rande dessen waren die Menschen immer mehr zu einer seßhaften Lebensweise übergegangen.
Um etwa 5.800 v. Chr. war der Pegel der Ozeane wieder soweit angestiegen, daß das Wasser des Marmarameeres (als Bestandteil der heutigen Verbindung zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer) fast bis an den Rand des Walls am Bosporustal reichte. Die Oberfläche des Schwarzen Meeres auf der anderen Seite lag bis zu 150 m tiefer. Immer wieder schwappte das Wasser (Salzwasser) über die Kante und immer wieder spülte es ein wenig Erdreich und Geröll weg. Letztlich entstand ein kontinuierlicher Wasserfluß, der - durch Erosion sich selbst verstärkend - eine immer größere Lücke riß.
Letztlich strömten täglich 40 – 50 Milliarden Kubikmeter Wasser durch die frisch entstandene Schlucht - soviel wie der gesamt Inhalt des Bodensees. Das Salzwasser tötete die gesamte Fischbestände innerhalb des Schwarzen Meeres.
Täglich stieg der Wasserspiegel um etwa 15 Zentimeter. In den Flußtälern lief das Wasser pro Tag bis zu anderthalb Kilometer flußaufwärts. Lebewesen, die nicht schnell genug flüchteten oder sich auf zu niedrige Erhebungen retten wollten, ertranken.
Die Menschen, die inzwischen Ackerbauern und Viehzüchter geworden waren, waren entsetzt. Was passierte da? Hatten sie den Unwillen der Götter erregt? Was sollten sie tun? Sie taten das Naheliegende. Sie packten ihre Sachen und beluden ihre Schiffe. Sie trieben mit den Wassern flußaufwärts, sie schwammen über die Regionen, die bisher von ihren Feldern, von Wiesen und von Wäldern bedeckt waren. Sie konnten bei ihren Rasten ihre Boote an den Gipfeln von noch aus dem Wasser ragenden Bäumen festmachen. Wer klug war und rechtzeitig genug seine Sachen gepackt hatte, führte Saatgut und Vieh mit - in der Hoffnung, daß die Flut irgendwann aufhören und neue landwirtschaftliche Flächen gefunden werden konnten.
In alle Himmelsrichtungen - vom Schwarzen Meer aus gesehen - flüchteten die Menschen, und in allen Himmelsrichtungen haben Archäologen Befunde für Einwanderungen in der fraglichen Zeit gefunden.
Die Flut dauerte etwa 12 Monate - das Wasser-Volumen, das sich in das Schwarze Meer ergoß, war für das Mittelmeer nicht wirklich ein “Verlust”, zudem dieses ja an der Meerenge von Gibraltar mit einem noch viel größeren Wasserreservoir in Verbindung stand. In diesem einem Jahr war der Wasserspiegel um etwa 55 Meter gestiegen, in den nachfolgenden 12 Monaten um weitere 30 Meter.
Die früheren Siedlungen lagen inzwischen weit unter Wasser, das - soviel durfte den Menschen bald klar sein, auch dort bleiben würde. Ein tiefer Einschnitt in ihr Leben war das ohne Zweifel, ohne Erklärung für die Ursachen, mit abenteuerlichsten Ereignissen.
Daß eine solche Katastrophe von Generation bis Generation weiter gegeben würde, bis endlich sie aufgezeichnet werden, lag auf der Hand. Hinsichtlich der Erklärungen, des Verständnisses flossen immer mehr mythologische und religiöse Elemente ein, die naturgeschichtliche Kern jedoch und die “Rettung” blieben erhalten.
So schildern die Autoren Pitman und Ryan ihre Version der Sintflut. Ob nachvollziehbar oder nicht, ob glaubhaft oder unglaubhaft, das muß jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings bauen sie eine Argumentationskette auf, die nicht leicht zu wiederlegen sein wird. Grundlage für ihre Argumente sind meeresgeologische Bohrungen, Untersuchungen der Oberfläche des Meeresbodens und Ergebnisse archäologischer Grabungen.
Pitman und Ryan schildern den Hergang ihrer jahrelangen Forschungen an diesem Thema sehr ausführlich. Manchmal sind ihre Erörterungen sehr spannend, manchmal langwierig. An manchen Stellen muß der Leser einfach die Erklärungen der Funde zur Kenntnis nehmen, zumeist sind sie aber einleuchtend.
Spanndend ist das Buch allemale, auch wenn die Darstellung mancher Seitenstränge ihrer Forschungen den daran Beteiligten sicher gerecht wird, diese aber dennoch zum Überschlagen der entsprechenden Seiten provozieren.
Dennoch: Auch als Nichtfachmann der verschiedensten Wissenschaftsgebiete, die in diesem Buch eine Rolle spielen, kann man die Gedankengänge verstehen und begreifen, worauf diese hinauslaufen. Eine populärwissenschaftliche Darstellung einer Erklärung des Sintflutmythos, die sehr gelungen ist.
Hier noch die bibliographischen Daten:
Walter Pitman / William Ryan: Sintflut. Ein Rätsel wird entschlüsselt
Bastei Lübbe Taschenbuch
ISBN: 3404 6042 X
Preis: 8,45 €
So endet der Prolog des Buches \"Sintflut\" von Walter Pitman und William Ryan. Angesichts der jüngsten Überschwemmungskatastrophen in Österreich, Tschechien, Süd- und Ostdeutschland dürften vielleicht auch ein paar Skeptiker mehr diese Theorie, die die Autoren in diesem Buch offerieren, für möglich halten, für möglich, daß die Natur verrückt spielt, daß sie bislang Unglaubliches zustande bringt und zustande bringen kann.
Die Sintflut ist eine der großen Menschheitsmythen. Im westlichen Kulturkreis ist dieser Mythos vorrangig aus der Bibel bekannt. Aber das ist keineswegs die älteste Überlieferung des Sintflut-Themas. Bereits im Gilgamesch-Epos, eine der bekanntesten nahöstlichen und frühesten Überlieferungen, wird die gesamte Story erzählt: die göttliche Warnung vor der Sintflut, der Auftrag, eine Arche zu bauen und mit dem Samen aller Lebewesen zu beladen und so das Leben auf der Erde zu retten sowie letztlich die große Überschwemmung, die die gesamte (bekannte!) Welt überflutet.
Pitman und Ryan zeigen in ihrem Buch, daß an diesem Mythos nicht viel erfunden sein muß. Genauer: Sie führen Belege an, daß eine große Überschwemmung tatsächlich stattgefunden hat und zwar zu einer Zeit, als die Menschen bereits sprechen konnten und so die Erinnerung an diese Naturkatastrophe erhalten werden konnte.
Nach Auffassung der Autoren lief die Geschichte folgendermaßen ab:
Startpunkt ist der Beginn einer Eiszeit vor ca. 120 Tsd. Jahren. Die klimatischen Bedingungen und die Höhe des Meeresspiegels entsprachen in etwa heutigen Verhältnissen. In den entstehenden Eispanzern und Gletschern wurde immer mehr Wasser gespeichert, der Wasserspiegel in den Ozeanen sank. Vor ca. 20 Tsd. Jahren - auf dem Höhepunkt der Einszeit - lag dann der Wasserspiegel ca. 120 Meter tiefer als heute. Der Mensch hatte bereits die Entwicklungsstufe der Jäger und Sammler erreicht, er konnte sich wechselnden Verhältnissen anpassen, und er war mobil.
Mit dem Einsetzen der Gletscherschmelze vor etwa 20 Tsd. Jahren begannen die Meeresspiegel wieder anzusteigen. In die Senke, die heute vom Schwarzen Meer ausgefüllt wird und die zu jener Zeit nur teilweise von Wasser bedeckt war, ergossen sich Schmelzwasser aus dem Norden des heutigen Rußlands. Dieser Wasser war trinkbar, was zur Folge hatte, daß viele Tiere diesem Wasser folgten, bis hin an die sukzessive ansteigenden Küsten des immer größer werdenden Sees, der mit Süßwasser gefüllt war. Diesen Herden folgten natürlich die Menschen, fanden sie doch hier genug Nahrung.
Vor etwa 13 Tsd. Jahren versiegte der Zufluß in das Schwarze Meer. Die Schmelwasser flossen nunmehr in West-Ost-Richtung, parallel zu den Gletscherrändern, die sich ja immer mehr nach Norden zurückzogen. Infolge der Oberflächenverdunstung ging nun im Schwarzen Meer mehr Wasser verloren als nachfloß. Somit sank der Wasserspiegel wieder - im Gegensatz zu den Weltmeeren, in die sich ja weiterhin Schmelzwasser und Flüsse ergossen. Das Schwarze Meer hatte keine Verbindung mit dem Mittelmeer, es war ein abflußloses Binnenmeer. Am Rande dessen waren die Menschen immer mehr zu einer seßhaften Lebensweise übergegangen.
Um etwa 5.800 v. Chr. war der Pegel der Ozeane wieder soweit angestiegen, daß das Wasser des Marmarameeres (als Bestandteil der heutigen Verbindung zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer) fast bis an den Rand des Walls am Bosporustal reichte. Die Oberfläche des Schwarzen Meeres auf der anderen Seite lag bis zu 150 m tiefer. Immer wieder schwappte das Wasser (Salzwasser) über die Kante und immer wieder spülte es ein wenig Erdreich und Geröll weg. Letztlich entstand ein kontinuierlicher Wasserfluß, der - durch Erosion sich selbst verstärkend - eine immer größere Lücke riß.
Letztlich strömten täglich 40 – 50 Milliarden Kubikmeter Wasser durch die frisch entstandene Schlucht - soviel wie der gesamt Inhalt des Bodensees. Das Salzwasser tötete die gesamte Fischbestände innerhalb des Schwarzen Meeres.
Täglich stieg der Wasserspiegel um etwa 15 Zentimeter. In den Flußtälern lief das Wasser pro Tag bis zu anderthalb Kilometer flußaufwärts. Lebewesen, die nicht schnell genug flüchteten oder sich auf zu niedrige Erhebungen retten wollten, ertranken.
Die Menschen, die inzwischen Ackerbauern und Viehzüchter geworden waren, waren entsetzt. Was passierte da? Hatten sie den Unwillen der Götter erregt? Was sollten sie tun? Sie taten das Naheliegende. Sie packten ihre Sachen und beluden ihre Schiffe. Sie trieben mit den Wassern flußaufwärts, sie schwammen über die Regionen, die bisher von ihren Feldern, von Wiesen und von Wäldern bedeckt waren. Sie konnten bei ihren Rasten ihre Boote an den Gipfeln von noch aus dem Wasser ragenden Bäumen festmachen. Wer klug war und rechtzeitig genug seine Sachen gepackt hatte, führte Saatgut und Vieh mit - in der Hoffnung, daß die Flut irgendwann aufhören und neue landwirtschaftliche Flächen gefunden werden konnten.
In alle Himmelsrichtungen - vom Schwarzen Meer aus gesehen - flüchteten die Menschen, und in allen Himmelsrichtungen haben Archäologen Befunde für Einwanderungen in der fraglichen Zeit gefunden.
Die Flut dauerte etwa 12 Monate - das Wasser-Volumen, das sich in das Schwarze Meer ergoß, war für das Mittelmeer nicht wirklich ein “Verlust”, zudem dieses ja an der Meerenge von Gibraltar mit einem noch viel größeren Wasserreservoir in Verbindung stand. In diesem einem Jahr war der Wasserspiegel um etwa 55 Meter gestiegen, in den nachfolgenden 12 Monaten um weitere 30 Meter.
Die früheren Siedlungen lagen inzwischen weit unter Wasser, das - soviel durfte den Menschen bald klar sein, auch dort bleiben würde. Ein tiefer Einschnitt in ihr Leben war das ohne Zweifel, ohne Erklärung für die Ursachen, mit abenteuerlichsten Ereignissen.
Daß eine solche Katastrophe von Generation bis Generation weiter gegeben würde, bis endlich sie aufgezeichnet werden, lag auf der Hand. Hinsichtlich der Erklärungen, des Verständnisses flossen immer mehr mythologische und religiöse Elemente ein, die naturgeschichtliche Kern jedoch und die “Rettung” blieben erhalten.
So schildern die Autoren Pitman und Ryan ihre Version der Sintflut. Ob nachvollziehbar oder nicht, ob glaubhaft oder unglaubhaft, das muß jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings bauen sie eine Argumentationskette auf, die nicht leicht zu wiederlegen sein wird. Grundlage für ihre Argumente sind meeresgeologische Bohrungen, Untersuchungen der Oberfläche des Meeresbodens und Ergebnisse archäologischer Grabungen.
Pitman und Ryan schildern den Hergang ihrer jahrelangen Forschungen an diesem Thema sehr ausführlich. Manchmal sind ihre Erörterungen sehr spannend, manchmal langwierig. An manchen Stellen muß der Leser einfach die Erklärungen der Funde zur Kenntnis nehmen, zumeist sind sie aber einleuchtend.
Spanndend ist das Buch allemale, auch wenn die Darstellung mancher Seitenstränge ihrer Forschungen den daran Beteiligten sicher gerecht wird, diese aber dennoch zum Überschlagen der entsprechenden Seiten provozieren.
Dennoch: Auch als Nichtfachmann der verschiedensten Wissenschaftsgebiete, die in diesem Buch eine Rolle spielen, kann man die Gedankengänge verstehen und begreifen, worauf diese hinauslaufen. Eine populärwissenschaftliche Darstellung einer Erklärung des Sintflutmythos, die sehr gelungen ist.
Hier noch die bibliographischen Daten:
Walter Pitman / William Ryan: Sintflut. Ein Rätsel wird entschlüsselt
Bastei Lübbe Taschenbuch
ISBN: 3404 6042 X
Preis: 8,45 €
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