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Erfahrungsbericht von audicla

Rendell, Ruth: Das Verderben

Pro:

amüsant, originell, lustvoll, philosophisch

Kontra:

mitunter etwas chaotisch, einige Passagen zu lang

Empfehlung:

Nein

Die Gewalt ist überall

Die Engländerin Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine schreibt, ist schon mit diversen „crime writer“ – Preisen ausgezeichnet worden. Sie ist dem traditionell englischen Krimi-Stil verpflichtet, verarbeitet aber meist auch psychologische und soziologische Themen und lässt auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen nicht außen vor.

So auch in ihrem Roman „Das Verderben“, der im Jahr 2000 erstmalig in Deutschland erschien.


Zum Inhalt:

In dem Ort Kingsmarkham kommt es zu einer ganzen Reihe merkwürdiger Ungereimtheiten. Zwei junge Mädchen verschwinden spurlos und rufen äußerste Besorgnis im Ort und auch bei Inspektor Wexford und seinem Assistenten Burden hervor. Man sucht schon nach den Leichen – doch dann tauchen beide – äußerlich unbeschadet – wieder auf. Allerdings: Beide weigern sich zu berichten, was sich in ihrer Abwesenheit zugetragen hat.

Erst nach langen Vernehmungen erzählen sie, dass sie von einer Frau entführt und in deren Haus zu Hausarbeiten gezwungen worden waren. Dies alles klingt ein bisschen unwahrscheinlich und die Polizei kann sich keinen Reim darauf machen.

Kurz darauf wird bekannt, dass ein Sittlichkeitsverbrecher aus der Haft entlassen wurde und in den Ort zu seiner Familie zurückgekehrt ist. Die Bürger des Ortes drehen regelrecht durch, organisieren eine Bürgerwehr und machen dem Mann und seiner Familie das Leben im Ort zur Hölle.

Parallel zu den Ereignissen wird immer wieder von Sylvia, der Tochter Wexfords, berichtet, die als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus arbeitet. Hier ist es ihr täglich Brot mit den Erfahrungen von Gewalt und den Enttäuschungen, die eine solche Arbeit mit sich bringt, fertig zu werden.

Schließlich verschwindet auch noch ein 3jähriges Mädchen, das aus gut betuchtem Hause aus einem der Außenbezirke des Ortes stammt. Doch damit nicht genug, wird einige Zeit später ihr Vater ermordet aufgefunden.

Was hat es mit all diesen Geschehnissen auf sich? Hängen sie miteinander zusammen? Wexford ist davon überzeugt, doch es herauszufinden ist selbst für ihn äußerst schwierig.

Mehr wird hier noch nicht verraten.


Meine Meinung:

Ruth Rendell beschränkt sich in diesem Roman nicht auf die Aneinanderreihung von Geschehnissen und Verbrechen, wie sie oben geschildert sind. Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang, der erst nach und nach zum Vorschein kommt.

Neben dem zentralen Thema häuslicher Gewalt, gelingt es ihr – wie ich fand – sehr gut und besonders spannend zeitaktuelle Themen wie Arbeitslosigkeit, Einelternfamilien, Patchworkfamilien, Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern aufzugreifen. Dabei ist sie nicht einseitig.

Die Bürgerwehr des Ortes, die aggressivst gegen den entlassen Straftäter zu Felde zieht, setzt sich zusammen aus Personen, von denen wir zuvor erfahren haben, dass allen selbst die Probleme bis zum Halse stehen, einige von ihnen ihre Kinder grob vernachlässigen oder sich schon lange in den Alkohol geflüchtet haben. Niemals halten sie so fest zusammen wie in der Verfolgung dieses Täters. Sich selbst stellen sie dabei als Unschuldsengel da, die immer nur Opfer, nie Täter waren.

Trotzdem – Gewalt gibt es nicht nur in armen Familien aus der Unterschicht. Recht geschickt lenkt Rendell um und wir blicken in das Haus der wohl begüterten Familie der entführten Sanchia. Nach außen ein harmonisches Idyll – und wie geht es im Innern zu?

Ein sehr beeindruckender spannender Krimi, der alles ausgelegten Fäden am Ende gut wieder zusammenführt.

Trotzdem nicht die Höchstnote, denn mitunter ist die Vielfalt an Verbrechen irritierend. Die Reaktionen der Bewohner auf den Sittentäter muten etwas klischeehaft an und mit ein bisschen Logik kommt man dem Ausgang und damit zumindest einem großen Teil der Lösung doch recht schnell auf die Spur. Deshalb bewerte ich mit 4 **** als „gut“.




----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-25 09:08:15 mit dem Titel Roth, Philip: Die Brust - Pseudo-erotische Langeweile

Pseudo-erotische Langeweile

Ein heimlicher Männerwunsch? Eines guten Tages wachst du auf und schaust an dir herunter. Und was ist aus dir geworden? Eine riesige Brust – der ganze Mann verschwunden und eingetaucht in ein Busenwunder.

Dies nun ist Philip Roth´s Szenario in seinem dünnen Bändchen „Die Brust“. Der Literaturprofessor David Kepesh erlebt genau dieses. Eines Tages ist er in eine enorme weibliche Brust verwandelt. Es gab einige Anzeichen in der näheren Vergangenheit dafür, dass da etwas ungewöhnliches mit ihm passiert. So hatte er schon seit längerem eine Abnahme seiner Begierde feststellen müssen, die er sich nicht erklären konnte. Nun scheint die Erklärung vorhanden: Was stattgefunden hat, war eine „geballte hormonale Ausschüttung“ als „endokrine Katastrophe“.

Als spannendes Forschungsobjekt wird er in der Klinik unter Bewachung gehalten. Freunde und ehemalige Kollegen besuchen ihn und verhalten sich, als wenn es völlig normal wäre, was aus ihm geworden ist. Nun endlich, so versucht man ihn zu trösten, hätte er die einmalige Chance berühmt zu werden.

Von dem Schock, den Krisen und der Verarbeitung seiner Verwandlung erzählt dieses, wie ein Erlebnisbericht, geschriebene Büchlein. Daneben soll es laut Klappentext „Szenen von erotischer Kühnheit und überwältigender Komik“ enthalten.

Ich habe sie gesucht, doch nicht gefunden. Am kühnsten vielleicht noch die Szene, wo David – wieder zu neuerlichen Trieben erwacht – seine Claire darum bittet, auf seiner rosaroten Brustwarze zu reiten. Aber in heutiger Zeit scheint dies nun auch nichts ungemein besonderes zu sein. Von Erotik ist in diesem Buch aus meiner Sicht eigentlich gar nicht zu sprechen. Denn das große fleischige Etwas, in das David sich verwandelt hat, löst in mir so gar keine Gelüste aus. Aus männlicher Sicht mag dies wohl anders sein – es käme auf einen Versuch an.

Auch überwältigende Komik konnte ich diesem Buch an keiner Stelle abgewinnen. Sicher, der Schreibstil hat wohl durch die neutrale Beschreibung dieses „skurrilen“ Erlebnisses etwas komisches. Aber von überwältigend kann hier nicht die Rede sein. Es ist eher so, dass man gelegentlich beim Lesen wohl etwas schmunzeln muss.

Daneben las zumindest ich dieses Bändchen mehr gelangweilt und obgleich es nicht einmal 100 Seiten hat, war ich dankbar, als ich es wieder aus den Händen legen konnte.

Philip Roth, 1933 in New Jersey geboren, erhielt bereits mehrere literarische Auszeichnungen. Einer seiner Romane, Titel: „Portnoys Beschwerden“ soll skandalumwittert gewesen sein. Ich kenne dieses Buch nicht, aber wenn ich mich an den Klappentext zur „Brust“ erinnere, kann ich mir kaum vorstellen, dass mich weitere seiner Werke vom Hocker reißen würden. Doch vielleicht irre ich ja.

Die Geschichte „Die Brust“ hat er bereits 1972 geschrieben. 1998 wurde sie dann bei Rowohlt im Taschenbuch verlegt, vielleicht in der Hoffnung damit ein paar Stammleser zum Kauf anzuregen. Laut rororo soll Philip Roth in diesem kurzen Werk all seinen Witz und seine Ungeniertheit entfalten. Wenn es sich wirklich so verhält, kann zumindest ich mir das Lesen seiner weiteren Werke ersparen.

Zuletzt noch eines: Unwillkürlich denkt man bei der Story natürlich an Kafkas „Verwandlung“. Wollte Roth hier an den Erfolg dieser einmaligen Story anknüpfen? Wenn ja ist dies deutlich schief gegangen, denn Kafkas Geschichte enthält soviel mehr Tiefe, Genialität und Interpretations-Anreize, dass es in keiner Weise vergleichbar ist. Roths Story hingegen las ich, fragte mich, was das nun sollte und legte das Buch zur Seite, ohne dass es mir irgendetwas gesagt hätte.

Meiner Meinung nach ein völlig überflüssiges Werk, welches man keinesfalls gelesen haben muss.

Doch sollte diese Story vielleicht v. a. die männlichen Leser mehr reizen als mich, so hier noch ein paar Angaben:

Philip Roth, Die Brust, rororo-TB, 12,90 DM im letzten Jahr, ISBN-Nr. 3-499-22316-3, 94 Seiten, übersetzt von Kai Molvig.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-29 08:51:59 mit dem Titel Robbins, Rom: PAN AROMA - Lustvolle Zeitreise zur Unsterblichkeit

Eine lustvolle Zeitreise zur Unsterblichkeit

„Pan Aroma“ heißt das Buch von Tom Robbins, welches mir eine Freundin zum letzten Geburtstag schenkte. Übrigens mit den Worten: dies sei ihr absolutes Lieblingsbuch.

Nun ja, der Name Tom Robbins war mich bekannt. In den 80erJahren hatte ich zwei seiner Bücher gelesen, die damals durchaus Kultcharakter hatten: „Buntspecht“ hieß das eine „Sissy – Schicksalsjahre einer Tramperin“ das andere. Nur schwach konnte ich mich daran erinnern, wovon sie eigentlich gehandelt hatten, hatte sie aber gewissermaßen als ein Relikt aus Hippytagen in Erinnerung. Nur eines wusste ich noch sicher: dass beide Bücher ausgesprochen originell und witzig gewesen waren – aber das war lange her – ob mich so etwas heute noch ansprechen würde?

So kam es, dass das Buch nun ein knappes Jahr ungelesen in meinem Regal vor sich hinschmurgelte und erst die Wiederkehr meines Geburtstags in wenigen Tagen mich wieder daran erinnerte.

Zum Autor:
Tom Robbins wurde 1936 in Virginia geboren. Er wuchs im Süden der USA auf. Er war Soldat der Air Force und lehrte während des Koreakrieges Meteorologie. Nach dem Krieg studierte er Kunst, Musik und Religion und begann damit zu schreiben. Als freier Schriftsteller wurde er schnell zum Kultautor. Er schreibt bis heute und gerade ist bei Rowohlt ein aktueller Roman von ihm erschienen.

Zum Buch:
In „Pan Aroma“ geht es turbulent zu. Parallel zueinander werden zwei Geschichten erzählt. Die eine spielt in Seattle, Paris und New Orleans und handelt von verschiedenen Personen, die in der Parfümerie-Branche tätig sind. Sowie von Priscilla, einer Kellnerin, die nach Dienstschluss versucht ein ganz besonders Parfum zu kreieren. Dass sie kein Geld hat, macht ihr dabei zu schaffen. Deshalb ist es ein großes Glück für sie, dass sie in einen Kellnerinnen-Club aufgenommen wird der speziell zu dem Zweck gegründet wurde, akademisch vorgebildeten Kellnerinnen die Möglichkeit zu einem Stipendium zu geben, um ihre Studien fortzusetzen. In dieses ihr in Aussicht gestellte Stipendium setzt sie viel Hoffnung endlich Zeit und Geld zu haben, um ihr Ziel zu erreichen. Dann geht es noch um ihre Ziehmutter Madame Devalier, eine alteingesessene Pafümeurin aus New Orleans und zwei Brüder aus Paris, die ebenfalls ganz groß im Parfum-Geschäft sind.

Ganz woanders und lange lange Zeit vorher wird in Böhmen der König Alobar Opfer alter Traditionen. Traditionell kann ein König nur so lange Herrscher bleiben, bis erste Zeichen der Alterung ihm anzusehen sind. So wird ihm sein ergrauendes Haar zum Verhängnis. Eine Weile kann er es noch versteckt halten, doch dann droht ihm das Schicksal der Tradition. Er soll sterben, damit die nachfolgenden Generationen an die Spitze gelangen können.
Alobar jedoch weigert sich – er besinnt sich und weiß bald, dass er dieses Urteil nicht annehmen will. Er will leben und hat keinerlei Ambitionen zum Sterben. Er entkommt nicht nur dieses Mal und schafft es durch seinen äußerst starken Überlebenswillen am Ende über ein Jahrtausend zu überstehen. Dabei begibt er sich auf eine Zeitreise durch diverse Epochen, unterschiedlichste Kulturen und begegnet diversen Religionen und ihren Anhängern. Die Vorhersehung will es, dass ihm immer wieder eine Frau zur Seite gestellt sein wird und für letzten vielen Jahrhunderte wird dies Kudra sein, eine Frau, die in Indien eigentlich schon für die Witwenverbrennung vorgesehen war und ebenfalls, wie er, dem Tod von der Schippe gesprungen ist.

Beide Handlungen vermischen sich immer wieder und gehen zum Ende des Romans in eine einzige über. Nach und nach lichtet sich das große Chaos dieser Geschichte und ergibt Sinn.

Das ganze ist in einem Stil geschrieben, der als überaus witzig und originell zu bezeichnen ist. Dabei ist der Tenor der Handlung sowohl lebensfroh als auch lustvoll. Auch wenn am Ende eigentlich dabei herauskommt, dass hier eine besondere Art von Philosophie betrieben wird.

Auch Rote Beten, der griechische Gott Pan und ein uraltes Parfum spielen eine besondere Rolle, die zu beschreiben hier aber den Rahmen sprengen würden.

Wer etwas chaotische Lesekost bevorzugt, die mitunter ins Fantastische, dann aber auch wieder ins Wissenschaftliche schwenkt, wird dieses Buch sicher lieben.

Ich habe mich anfangs mit der Lektüre etwas schwer getan, weil es eigentlich nicht meine bevorzugte Kost ist und ich erst einmal das Sinnhafte in dieser Geschichte erkennen musste. Je länger ich es las, desto besser gefiel es mir. Vor allem der äußerst humorvolle Stil wie auch die Lebendigkeit und Leichtigkeit mit der das Buch geschrieben ist, haben mich beeindruckt. Aber man muss auch in der Lage sein sich von zunächst unrealistisch anmutenden Dingen ein wenig mitnehmen zu lassen.

Dass das Buch nicht mehr in diese Zeit passt, kann ich nach dem Lesen eigentlich nicht mehr behaupten. Im Grunde ist es so zeitlos wie der Wunsch nach Unsterblichkeit, um den es ja geht.

Das Buch ist bei rororo erschienen: Tom Robbins, PAN AROMA, Jitterbug Perfume, ISDN-Nr. 3-499-15671-7, Taschenbuch, kostet zur Zeit: 8,50 Euro.

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