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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von LosGatos
Judith Rossner: Auf der Suche nach Mr. Goodbar
Pro:
Zeitgeist-Roman der 60er
Kontra:
man erfährt als erstes, wie es ausgeht
Empfehlung:
Nein
GENERATION SEX, DRUGS & ROCK’N’ROLL
Den Titel habe ich etwas provokativ in Hinblick auf das letzte Buch, über das ich eine Rezension geschrieben habe, gewählt, denn das war „Generation Golf\". Allerdings muss ich (LosGatos) gleich klarstellen, dass der von mir gewählte Titel dem Buch nur bedingt gerecht wird. Es geht schon um sehr viel Sex, etwas weniger Drogen und noch weniger Rock’n’Roll, keineswegs aber um die typische Woodstock-Generation. Es beschreibt die letzten 10 Jahre im Leben einer jungen Frau zwischen 1960 und 1970.
INHALT
Wer Romane mit Happy End liebt, ist hier eindeutig falsch. Denn das Buch beginnt mit dem Schluss, deshalb macht es auch keinen Sinn, meinen Lesern diesen vorzuenthalten. Ein vorbestrafter weißer Südstaatler gesteht den Mord im Affekt an der 27jährigen Kneipenbekanntschaft Theresa Dunn in deren Wohnung nach einem Streit am Ende eines One-Night-Stands. Im folgenden wird Theresas Lebensgeschichte bis zum bitteren Ende erzählt.
Theresa Dunn wird 1943 im New Yorker Stadtteil Bronx als drittes von vier Kindern einer irischen Familie geboren. Ihr Vater ist Feuerwehrmann. Ihr einziger Bruder, das älteste der 4 Kinder, stirbt bereits in jungen Jahren bei einem Militärunfall.
Ihre Kindheit ist geprägt von schweren Krankheiten und Klinikaufenthalten. Im Alter von 4 Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung, welche zwar geheilt wird, jedoch eine Rückgratverkrümmung zur Folge hat, welche im Alter von 11 Jahren operiert wird. Als Andenken bleiben ihr eine Operationsnarbe und leichtes Hinken zurück. Diese Umstände haben dazu geführt, dass sie nie Sport trieb. Dadurch ist sie von Kind an etwas pummelig. Rothaarig ist sie ohnehin (wie viele Iren). Also eher Typ „Hässliches Entlein\".
Ganz anders dagegen ihre 5 Jahre ältere Schwester Katherine. Diese ist eher der begehrte Model-Typ, wo die Verehrer Schlange stehen. Katherine ist zunächst Stewardess, hat gleichzeitig 2 Freunde, einen in New York, den anderen praktischerweise in Los Angeles. Als sie schwanger wird und das Kind nicht „zuordnen\" kann, lässt sie abtreiben. Die jüngste Schwester Brigid dagegen ist das Musterkind, mit dem es nie Probleme gibt, die früh heiratet und eine glückliche Ehe mit vielen Kindern führt. Zu beiden Schwestern hat Theresa nie ein gutes Verhältnis. Eifersucht spielt dabei eine Rolle: hier die schöne Katherine, dort die makellose Brigid.
Theresa ist eine gute Schülerin, die mit 17 auch aufs College geht, um Lehrerin zu werden. Dort begegnet sie Professor Martin Engle, der sie in Muttersprache und Literatur unterrichtet. Engle ist ein anspruchsvoller Dozent, der seinen Studenten einiges abverlangt und diese spüren lässt, wenn sie den Erwartungen nicht gerecht werden. Seine charismatische Art lässt ihn zum heimlichen Schwarm der weiblichen Studenten werden, Theresa bleibt da keine Ausnahme. Engle erkennt sehr bald die überdurchschnittliche Begabung Theresas, an der er selbst Freude entdeckt. Er engagiert Theresa als Assistentin. Für zunächst 1 Dollar pro Stunde soll sie für ihn Aufsätze in dessen Wohnung vorkorrigieren. Es bleibt nicht aus, dass es dort zu sexuellen Kontakten kommt, Theresa verliert ihre Unschuld. Das Wort Orgasmus kennt sie jedoch nur aus dem Lexikon. Die Nebentätigkeit mit den Begleiterscheinungen dauert ihr gesamtes Studium an, etwa 4 Jahre. Theresa liebt Martin Engle abgöttisch und träumt von einem Leben mit ihm. Engle ist mit einer Ärztin verheiratet, er spricht sogar von Scheidung, was aber nichts mit Theresa zu tun habe, sondern „weil das zur Zeit fast alle tun\". Als das Studium zu Ende geht, nimmt Engle das als bequeme Möglichkeit, ihr nicht nur den Assistenten-Job aufzukündigen, sondern sie gänzlich fallen zu lassen. Sie sieht Martin Engle nie wieder.
Theresa ist am Boden zerstört. Sie irrt durch die nicht ungefährlichen Straßen New Yorks. Wochenlang isst sie fast nichts, magert ab. Irgendwann fängt sie sich wieder und tritt ihre Anstellung als Lehrerin an. Ihren Beruf, wo sie die Kleinsten unterrichtet, übt sie mit Hingabe aus. Sie nimmt auch nicht wieder zu und wird zunehmend hübscher. Endlich zieht sie auch zu Hause aus und nimmt ihre erste eigene Wohnung, im gleichen Haus, wo ihre Schwester Katherine lebt, die eine gewisse Fürsorgepflicht ihrer jüngeren Schwester gegenüber zu haben meint. Katherine hat längst eine sogenannte gute Partie gemacht und Brooks, einen 20 Jahre älteren jüdischen Rechtsanwalt geheiratet, ihre Ehe bleibt trotz aller Anstrengungen kinderlos.
Es ist die Zeit der Kennedys und des Vietnam-Kriegs. Politik spielt aber in dem Buch keine Rolle, sie dient nur zur zeitlichen Einordnung. Es ist aber auch die Zeit von Haschisch und Marihuana und wilden Gruppensex-Orgien, in die Theresa durch Katherine und Brooks verwickelt wird. Von AIDS redet zu dieser Zeit noch niemand, von Verhütung offensichtlich auch nicht, obwohl die Pille längst erfunden war. Katherine wird wiederum schwanger, weiß natürlich nicht von wem, Brooks kommt wohl am wenigsten in Frage, erneute Abtreibung. Katherine lässt sich schließlich scheiden.
Theresa sucht sich eine neue Wohnung. Fortan hat sie häufige sexuelle Beziehungen, stets One-Night-Stands mit meist um einiges älteren Männern, die verheiratet oder bereits geschieden sind und die sie meist in Kneipen aufgabelt. Martin Engle hat sie längst vergessen. Sie sucht aber nicht nach Liebe, sondern ausschließlich nach voller sexueller Befriedigung.
Irgendwann lernt sie den jungen Tony kennen, einen verhinderten Pferdetrainer, der in einem Parkhaus jobbt. In der Tat entpuppt sich Tony als geiler Hengst und vulgärer Macho, der sie mehr und mehr sexsüchtig macht und mit dem es hinsichtlich Sexualpraktiken keine Tabus gibt. Ausgehen tut sie mit Tony nie, aber wochentags kommt er regelmäßig zu ihr und macht ihr die Nacht zum Tag, am Wochenende muss er stets arbeiten.
Mehr oder weniger gleichzeitig lernt sie durch den Verkuppelungsversuch einer Kollegin den Anwalt James Morrisey kennen, der starkes Interesse an ihr zeigt. Mit diesem geht sie stets am Wochenende aus, kann sich aber nicht vorstellen, mit diesem ins Bett zu steigen. James ist klug, nett und hat für alles Verständnis. Um ihn etwas auf Distanz zu halten, findet Theresa Gefallen daran, James immer wieder zu demütigen. Sie macht sich über ihn lustig, indem sie ihn als männliche Jungfrau bezeichnet. In der Tat gesteht James, dass seine sexuellen Erfahrungen bislang nur homosexueller Natur gewesen seien. Ähnlich wie Theresa mit Martin Engle war er dabei eher der passive, abhängige Part gewesen. Obwohl James so manches Mal von Theresa verletzt wird, bleibt er hartnäckig und wirbt weiter um sie.
Theresa entwickelt zu beiden Verehrern, die oberflächlich voneinander wissen, eine Hassliebe. Tony braucht sie fürs Bett, verabscheut ihn aber aufgrund seiner vulgären Art. Kein Mann zum Vorzeigen. Sie wissen auch kaum etwas übereinander. Als Tony erfährt, dass Theresa Lehrerin ist, bekommt er Minderwertigkeitsgefühle und macht sich eine Zeit lang rar. In James’ Gesellschaft fühlt sie sich wohl, er will sie schließlich unbedingt heiraten. Irgendwann geht sie mit ihm auch ins Bett, ohne dabei etwas zu empfinden. Soll sie einen Mann heiraten, der das Ende ihrer sexuellen Träume bedeutet?
So irrt Theresa mit 2 Herzen in ihrer Brust durchs Leben. Ihre Zufluchtsstätte an einsamen Abenden ist die Goodbar, eine Kneipe.
LESEPROBE
James saß im Sessel, völlig angekleidet, und tat, als lese er. Im Radio gab es nichts als Weihnachtsmusik. Theresa ärgerte sich darüber, also stellte sie ab. Einen Plattenspieler müsste sie sich kaufen. Sie hatte nie einen besessen, und das kam ihr plötzlich lächerlich vor. Oder nicht lächerlich, sondern irgendwie rührend, ergreifend. Ein Symbol für alles, was sie nie gehabt hatte und sich noch wünschte. Sollte James wieder vom Heiraten anfangen, wollte sie ihn fragen, wie er daran denken könne, jemanden zu heiraten, der nie im Leben einen Plattenspieler besessen habe. Sie zog den Morgenrock aus, schlüpfte unter die Decke und stützte sich auf den Ellenbogen.
„Weshalb bist du denn eingeschnappt?\"
„Eingeschnappt möchte ich es nicht nennen\", sagte er. „Ich gebe aber zu, dass ich eifersüchtig auf jemand bin, der sich herausnimmt, um diese Zeit bei dir anzurufen.\"
„Er nimmt sich heraus, jeden zu jeder Zeit anzurufen. Er ist nun mal so.\"
Schweigen. James bezwang sich mit Mühe. „Magst du ihn leiden?\" fragte er schließlich.
„Er ist gut im Bett\", sagte sie achselzuckend.
Er erbleichte, falls jemand überhaupt erbleichen konnte, der von Natur aus so blass war wie James. Er betrachtete sie grabesernst.
MEINE MEINUNG
Der Roman ist eine grandiose Beschreibung einer Zeit des Wandels vor den Kulissen von New York, wenn auch die Suche nach dem Ich im Vordergrund des Buches steht. Hier wird ein Jahrzehnt beschrieben, wo viele Werte wie die Ehe als Institution ohne Alternativen in Frage gestellt und so manche Verklemmtheit aufgehoben wurde. Seitdem hat sich die sexuelle Unabhängigkeit weiterentwickelt, wogegen Erscheinungen wie Gruppensex längst der Vergangenheit angehören. Vieles, was damals seinen Anfang nahm, ist heute selbstverständlich.
Die tragische Heldin Theresa kann sich wohl der Sympathie der Leser sicher sein. Auch wenn sie zu einem James nicht immer nett ist, man sieht es ihr nach, handelt sie doch nicht aus Berechnung, sondern weil sie selbst nicht weiß, was richtig ist.
Die beschriebene Dekade habe auch ich sehr intensiv durchlebt, wenn auch an einem anderen Ort und in einem anderen Alter. Speziell nach „Generation Golf\" sehr wohltuend zu lesen.
Ich empfehle das Buch allen, die einen lockeren, unterhaltsamen, wenn auch nicht unbedingt witzigen Roman lesen wollen und (noch mal) ein wenig am Lebensgefühl der 60er Jahre schnuppern wollen. Ich (LosGatos) würde das Buch nicht als typischen Frauenroman bezeichnen.
DAS BUCH...
...hat 366 Seiten, ist nicht in Kapitel aufgeteilt und ist als Taschenbuch bei BASTEI Lübbe unter ISBN-3-404-14468-6 erschienen. Es kostet 7,45 EURO und ist u.a. bei Amazon erhältlich.
Der Roman wurde 1975 von Judith Rossner unter dem Originaltitel „Looking for Mr. Goodbar\" geschrieben. Die deutsche Übersetzung stammt von Irene Ohlendorf. Ein weiteres Buch der Autorin ist „Anitas Tochter\".
Kurz nach Erscheinen des Buches wurde der Roman auch verfilmt mit Diane Keaton in der Hauptrolle.
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 13.1. 2002
Veröffentlicht bei Dooyoo, Ciao, eComments, Yopi, Talk-On
Den Titel habe ich etwas provokativ in Hinblick auf das letzte Buch, über das ich eine Rezension geschrieben habe, gewählt, denn das war „Generation Golf\". Allerdings muss ich (LosGatos) gleich klarstellen, dass der von mir gewählte Titel dem Buch nur bedingt gerecht wird. Es geht schon um sehr viel Sex, etwas weniger Drogen und noch weniger Rock’n’Roll, keineswegs aber um die typische Woodstock-Generation. Es beschreibt die letzten 10 Jahre im Leben einer jungen Frau zwischen 1960 und 1970.
INHALT
Wer Romane mit Happy End liebt, ist hier eindeutig falsch. Denn das Buch beginnt mit dem Schluss, deshalb macht es auch keinen Sinn, meinen Lesern diesen vorzuenthalten. Ein vorbestrafter weißer Südstaatler gesteht den Mord im Affekt an der 27jährigen Kneipenbekanntschaft Theresa Dunn in deren Wohnung nach einem Streit am Ende eines One-Night-Stands. Im folgenden wird Theresas Lebensgeschichte bis zum bitteren Ende erzählt.
Theresa Dunn wird 1943 im New Yorker Stadtteil Bronx als drittes von vier Kindern einer irischen Familie geboren. Ihr Vater ist Feuerwehrmann. Ihr einziger Bruder, das älteste der 4 Kinder, stirbt bereits in jungen Jahren bei einem Militärunfall.
Ihre Kindheit ist geprägt von schweren Krankheiten und Klinikaufenthalten. Im Alter von 4 Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung, welche zwar geheilt wird, jedoch eine Rückgratverkrümmung zur Folge hat, welche im Alter von 11 Jahren operiert wird. Als Andenken bleiben ihr eine Operationsnarbe und leichtes Hinken zurück. Diese Umstände haben dazu geführt, dass sie nie Sport trieb. Dadurch ist sie von Kind an etwas pummelig. Rothaarig ist sie ohnehin (wie viele Iren). Also eher Typ „Hässliches Entlein\".
Ganz anders dagegen ihre 5 Jahre ältere Schwester Katherine. Diese ist eher der begehrte Model-Typ, wo die Verehrer Schlange stehen. Katherine ist zunächst Stewardess, hat gleichzeitig 2 Freunde, einen in New York, den anderen praktischerweise in Los Angeles. Als sie schwanger wird und das Kind nicht „zuordnen\" kann, lässt sie abtreiben. Die jüngste Schwester Brigid dagegen ist das Musterkind, mit dem es nie Probleme gibt, die früh heiratet und eine glückliche Ehe mit vielen Kindern führt. Zu beiden Schwestern hat Theresa nie ein gutes Verhältnis. Eifersucht spielt dabei eine Rolle: hier die schöne Katherine, dort die makellose Brigid.
Theresa ist eine gute Schülerin, die mit 17 auch aufs College geht, um Lehrerin zu werden. Dort begegnet sie Professor Martin Engle, der sie in Muttersprache und Literatur unterrichtet. Engle ist ein anspruchsvoller Dozent, der seinen Studenten einiges abverlangt und diese spüren lässt, wenn sie den Erwartungen nicht gerecht werden. Seine charismatische Art lässt ihn zum heimlichen Schwarm der weiblichen Studenten werden, Theresa bleibt da keine Ausnahme. Engle erkennt sehr bald die überdurchschnittliche Begabung Theresas, an der er selbst Freude entdeckt. Er engagiert Theresa als Assistentin. Für zunächst 1 Dollar pro Stunde soll sie für ihn Aufsätze in dessen Wohnung vorkorrigieren. Es bleibt nicht aus, dass es dort zu sexuellen Kontakten kommt, Theresa verliert ihre Unschuld. Das Wort Orgasmus kennt sie jedoch nur aus dem Lexikon. Die Nebentätigkeit mit den Begleiterscheinungen dauert ihr gesamtes Studium an, etwa 4 Jahre. Theresa liebt Martin Engle abgöttisch und träumt von einem Leben mit ihm. Engle ist mit einer Ärztin verheiratet, er spricht sogar von Scheidung, was aber nichts mit Theresa zu tun habe, sondern „weil das zur Zeit fast alle tun\". Als das Studium zu Ende geht, nimmt Engle das als bequeme Möglichkeit, ihr nicht nur den Assistenten-Job aufzukündigen, sondern sie gänzlich fallen zu lassen. Sie sieht Martin Engle nie wieder.
Theresa ist am Boden zerstört. Sie irrt durch die nicht ungefährlichen Straßen New Yorks. Wochenlang isst sie fast nichts, magert ab. Irgendwann fängt sie sich wieder und tritt ihre Anstellung als Lehrerin an. Ihren Beruf, wo sie die Kleinsten unterrichtet, übt sie mit Hingabe aus. Sie nimmt auch nicht wieder zu und wird zunehmend hübscher. Endlich zieht sie auch zu Hause aus und nimmt ihre erste eigene Wohnung, im gleichen Haus, wo ihre Schwester Katherine lebt, die eine gewisse Fürsorgepflicht ihrer jüngeren Schwester gegenüber zu haben meint. Katherine hat längst eine sogenannte gute Partie gemacht und Brooks, einen 20 Jahre älteren jüdischen Rechtsanwalt geheiratet, ihre Ehe bleibt trotz aller Anstrengungen kinderlos.
Es ist die Zeit der Kennedys und des Vietnam-Kriegs. Politik spielt aber in dem Buch keine Rolle, sie dient nur zur zeitlichen Einordnung. Es ist aber auch die Zeit von Haschisch und Marihuana und wilden Gruppensex-Orgien, in die Theresa durch Katherine und Brooks verwickelt wird. Von AIDS redet zu dieser Zeit noch niemand, von Verhütung offensichtlich auch nicht, obwohl die Pille längst erfunden war. Katherine wird wiederum schwanger, weiß natürlich nicht von wem, Brooks kommt wohl am wenigsten in Frage, erneute Abtreibung. Katherine lässt sich schließlich scheiden.
Theresa sucht sich eine neue Wohnung. Fortan hat sie häufige sexuelle Beziehungen, stets One-Night-Stands mit meist um einiges älteren Männern, die verheiratet oder bereits geschieden sind und die sie meist in Kneipen aufgabelt. Martin Engle hat sie längst vergessen. Sie sucht aber nicht nach Liebe, sondern ausschließlich nach voller sexueller Befriedigung.
Irgendwann lernt sie den jungen Tony kennen, einen verhinderten Pferdetrainer, der in einem Parkhaus jobbt. In der Tat entpuppt sich Tony als geiler Hengst und vulgärer Macho, der sie mehr und mehr sexsüchtig macht und mit dem es hinsichtlich Sexualpraktiken keine Tabus gibt. Ausgehen tut sie mit Tony nie, aber wochentags kommt er regelmäßig zu ihr und macht ihr die Nacht zum Tag, am Wochenende muss er stets arbeiten.
Mehr oder weniger gleichzeitig lernt sie durch den Verkuppelungsversuch einer Kollegin den Anwalt James Morrisey kennen, der starkes Interesse an ihr zeigt. Mit diesem geht sie stets am Wochenende aus, kann sich aber nicht vorstellen, mit diesem ins Bett zu steigen. James ist klug, nett und hat für alles Verständnis. Um ihn etwas auf Distanz zu halten, findet Theresa Gefallen daran, James immer wieder zu demütigen. Sie macht sich über ihn lustig, indem sie ihn als männliche Jungfrau bezeichnet. In der Tat gesteht James, dass seine sexuellen Erfahrungen bislang nur homosexueller Natur gewesen seien. Ähnlich wie Theresa mit Martin Engle war er dabei eher der passive, abhängige Part gewesen. Obwohl James so manches Mal von Theresa verletzt wird, bleibt er hartnäckig und wirbt weiter um sie.
Theresa entwickelt zu beiden Verehrern, die oberflächlich voneinander wissen, eine Hassliebe. Tony braucht sie fürs Bett, verabscheut ihn aber aufgrund seiner vulgären Art. Kein Mann zum Vorzeigen. Sie wissen auch kaum etwas übereinander. Als Tony erfährt, dass Theresa Lehrerin ist, bekommt er Minderwertigkeitsgefühle und macht sich eine Zeit lang rar. In James’ Gesellschaft fühlt sie sich wohl, er will sie schließlich unbedingt heiraten. Irgendwann geht sie mit ihm auch ins Bett, ohne dabei etwas zu empfinden. Soll sie einen Mann heiraten, der das Ende ihrer sexuellen Träume bedeutet?
So irrt Theresa mit 2 Herzen in ihrer Brust durchs Leben. Ihre Zufluchtsstätte an einsamen Abenden ist die Goodbar, eine Kneipe.
LESEPROBE
James saß im Sessel, völlig angekleidet, und tat, als lese er. Im Radio gab es nichts als Weihnachtsmusik. Theresa ärgerte sich darüber, also stellte sie ab. Einen Plattenspieler müsste sie sich kaufen. Sie hatte nie einen besessen, und das kam ihr plötzlich lächerlich vor. Oder nicht lächerlich, sondern irgendwie rührend, ergreifend. Ein Symbol für alles, was sie nie gehabt hatte und sich noch wünschte. Sollte James wieder vom Heiraten anfangen, wollte sie ihn fragen, wie er daran denken könne, jemanden zu heiraten, der nie im Leben einen Plattenspieler besessen habe. Sie zog den Morgenrock aus, schlüpfte unter die Decke und stützte sich auf den Ellenbogen.
„Weshalb bist du denn eingeschnappt?\"
„Eingeschnappt möchte ich es nicht nennen\", sagte er. „Ich gebe aber zu, dass ich eifersüchtig auf jemand bin, der sich herausnimmt, um diese Zeit bei dir anzurufen.\"
„Er nimmt sich heraus, jeden zu jeder Zeit anzurufen. Er ist nun mal so.\"
Schweigen. James bezwang sich mit Mühe. „Magst du ihn leiden?\" fragte er schließlich.
„Er ist gut im Bett\", sagte sie achselzuckend.
Er erbleichte, falls jemand überhaupt erbleichen konnte, der von Natur aus so blass war wie James. Er betrachtete sie grabesernst.
MEINE MEINUNG
Der Roman ist eine grandiose Beschreibung einer Zeit des Wandels vor den Kulissen von New York, wenn auch die Suche nach dem Ich im Vordergrund des Buches steht. Hier wird ein Jahrzehnt beschrieben, wo viele Werte wie die Ehe als Institution ohne Alternativen in Frage gestellt und so manche Verklemmtheit aufgehoben wurde. Seitdem hat sich die sexuelle Unabhängigkeit weiterentwickelt, wogegen Erscheinungen wie Gruppensex längst der Vergangenheit angehören. Vieles, was damals seinen Anfang nahm, ist heute selbstverständlich.
Die tragische Heldin Theresa kann sich wohl der Sympathie der Leser sicher sein. Auch wenn sie zu einem James nicht immer nett ist, man sieht es ihr nach, handelt sie doch nicht aus Berechnung, sondern weil sie selbst nicht weiß, was richtig ist.
Die beschriebene Dekade habe auch ich sehr intensiv durchlebt, wenn auch an einem anderen Ort und in einem anderen Alter. Speziell nach „Generation Golf\" sehr wohltuend zu lesen.
Ich empfehle das Buch allen, die einen lockeren, unterhaltsamen, wenn auch nicht unbedingt witzigen Roman lesen wollen und (noch mal) ein wenig am Lebensgefühl der 60er Jahre schnuppern wollen. Ich (LosGatos) würde das Buch nicht als typischen Frauenroman bezeichnen.
DAS BUCH...
...hat 366 Seiten, ist nicht in Kapitel aufgeteilt und ist als Taschenbuch bei BASTEI Lübbe unter ISBN-3-404-14468-6 erschienen. Es kostet 7,45 EURO und ist u.a. bei Amazon erhältlich.
Der Roman wurde 1975 von Judith Rossner unter dem Originaltitel „Looking for Mr. Goodbar\" geschrieben. Die deutsche Übersetzung stammt von Irene Ohlendorf. Ein weiteres Buch der Autorin ist „Anitas Tochter\".
Kurz nach Erscheinen des Buches wurde der Roman auch verfilmt mit Diane Keaton in der Hauptrolle.
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 13.1. 2002
Veröffentlicht bei Dooyoo, Ciao, eComments, Yopi, Talk-On
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