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Erfahrungsbericht von suppengirl
Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben
Pro:
überraschend unterhaltsam geschrieben, interessant in vielen Aspekten
Kontra:
die vielen Literatur"ergüsse" stören manchmal etwas
Empfehlung:
Nein
Der Autor:
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Marcel Reich-Ranicki wird am 2.Juni 1920 im polnischen Wlaclawek geboren. Als Kind zieht er gemeinsam mit seiner Familie nach Berlin um und macht dort 1938 sein Abitur. Nach seiner Deportation nach Polen landet er 1940 im berüchtigten Warschauer Ghetto, aus dem er mit seiner Frau Teofila fliehen kann. Nach dem Ende des Krieges arbeitet er für das polnische Außenministerium, später im polnischen Generalkonsulat in London. Schließlich macht er seine Leidenschaft für Literatur zum Beruf, indem er in Warschau als Lektor für deutsche Literatur arbeitet. Ab 1951 ist er als freier Schriftsteller tätig und kommt so 1958 nach Deutschland, von wo er nicht mehr in seine Heimat zurück kehrt.
Er arbeitete seither für verschiedene große deutsche Zeitungen ("Die Zeit", "FAZ") als Literaturkritiker. Zudem lehrte er in den 70er Jahren an den Universitäten von Stockholm und Uppsala "Neue Deutsche Literatur" und auch an verschiedenen deutschen Hochschulen war er seither tätig.
Einem breiteren Publikum wird er bekannt, als er 1988 die Leitung des "Literarischen Quartett" übernimmt. Diese Sendung stellt ein Novum im deutschen Fernsehen dar und hält sich - für viele überraschend - seither mit zufrieden stellenden Quoten im Programm. Sie brachte Marcel Reich-Ranicki unter anderem auch eine Goldene Kamera ein (was dem Preisträger schätzungsweise ziemlich schnurzpiep ist ;-)).
"Mein Leben"
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Inhalt:
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Da es sich bei "Mein Leben" um eine Autobiographie handelt, muss zum Inhalt des Buches eigentlich nicht viel mehr gesagt werden als ich das schon im vorigen Punkt getan habe. Marcel Reich-Ranicki beschreibt sein Leben chronologisch, beginnend mit seinen ersten Erinnerungen bis hin zu wichtigen Ereignissen in den letzten Jahren. Dabei wird schon in ziemlich jungen Jahren klar, welch Stellenwert die Literatur in seinem Leben einnimmt. Egal, ob es um seine Familie geht, um seine Schulbildung, seine Affären (ja, sowas hatte er, man möchte es kaum glauben!), die Liebe zu seiner späteren Frau, das Leben im Warschauer Pakt, die Flucht, die Suche nach dem richtigen Beruf, die erneute Flucht (diesmal nach Deutschland) oder um seine Karriere, immer wieder begegnet der Leser auf diesem Weg der Literatur. Manchmal direkt, wenn der Autor sich ausgiebig mit Schriftstellern oder Werken, die ihn zu einer bestimmten Zeit beschäftigt und geprägt haben, beschäftigt, manchmal indirekt, wenn er in seine Geschichte Zitate oder Episoden einwebt.
Sprache:
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Bevor ich hier zur eigentlichen Analyse schreite, eine kleine nicht ganz ernst zu nehmende Anmerkung (obwohl es tatsächlich so ist!): Als ich "Mein Leben" gelesen habe, hatte ich immer die Stimme, den Akzent und den Sprachfehler vom Autor im Kopf. Es war gar so, als würde er mir sein Werk vorlesen ;-).
Marcel Reich-Ranickis Sprache wird seiner eigenen Forderung an die Schriftsteller gerecht: Er versucht so kompliziert wie nötig und so einfach wie möglich zu schreiben. Keine verzwickten Satzgebilde, kein übermäßiger Gebrauch von vermeidbaren Fremdwörtern. So bleibt "Mein Leben" von Anfang bis Ende ein flüssig zu lesendes Buch, das durchaus für die Masse geeignet ist. Man muss kein Germanistik-Studium hinter sich haben, um den Worten folgen zu können. Wozu denn auch: Erzählt wird einfach nur die - wenn auch außergewöhnliche - Geschichte eines Menschen. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung zu einem komplizierten Thema, deshalb ist es recht und billig, dass die Sprache auf einer einfachen Ebene bleibt.
So wie man es von Marcel Reich-Ranicki erwartet, bleibt er meist auch sehr nüchtern in seinen Erzählungen. Ein wenig seltsam gar erscheint einem die Emotionslosigkeit, mit der er seine Zeit im Warschauer Ghetto (das außer ihm kein Mitglied der Familie überlebt hat) und seine Flucht, beschreibt. Zweierlei fällt mir dazu auf: 1. Gerade die vermeintliche Gleichgültigkeit machen diesen Abschnitt besonders beklemmend. Niemand, der nicht ähnliches erlebt hat, wird wohl mit Recht sagen können, dass er sich vorstellen kann, was man in so einer Situation empfunden haben muss. Trotzdem bekommt man einen Eindruck von der inneren Kälte dieser Zeit. 2. Mir ist so, als würde Marcel Reich-Ranickis Schreibstil in diesem Fall auch ausdrücken, welche Distanz zu den Geschehnissen er aufgebaut hat (und vielleicht schon damals aufgebaut hatte, um so sein Überleben möglich zu machen). Eine Art von Verdrängung vielleicht?
Das zentrale Thema: Die Literatur
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Wie schon erwähnt begegnet der Leser an allen Ecken dieses Buches einem mehr oder weniger bedeutenden Stück Literatur. Goethe ist genau so vertreten, wie zeitgenössische Autoren. Zweitere kommen auch in verschiedenen Episoden zum Teil zu besonderer Ehre, denn ihnen ist Marcel Reich-Ranicki naturgemäß auch häufig begegnet. Seine Freundschaft zu Heinrich Böll, seine von Anbeginn an sehr komplizierte Beziehung zu Günter Grass sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie sehr die Literatur das Leben des Autoren prägte.
Ein wenig langweilig - und das ist eigentlich der einzige negative Punkt - finde ich es lediglich, wenn sich Marcel Reich-Ranicki zu sehr in seine Leidenschaft versteigt und zum Teil seitenlang über einzelne Schriftsteller oder Werke sinniert. Er scheint davon auszugehen, dass der Leser jedes einzelne Buch kennt. Da dem zumindest bei mir nicht so ist, sind diese Ausscheifungen mitunter nicht wirklich aussagekräftig. Beim Lesen habe ich mir zwar vorgenommen, das ein oder andere Werk, für das Marcel Reich-Ranicki sich da begeistert, demnächst zu konsumieren, jedoch habe ich das bis heute natürlich nicht geschafft.
Fazit:
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"Mein Leben" ist ein unterhaltsam geschriebenes Buch, das Einblick in eine wirklich außergewöhnliche Lebensgeschichte gibt. Wie es bei einer Autobiographie sein sollte, lernt man den Autoren durch die Lektüre auch in einem Maße kennen, das es einem erlaubt ihn ein wenig besser zu verstehen (zumindest bilde ich mir das ein). Ich muss ich berichtigen: Ich "liebe" diesen Mann sicher nicht, aber ich bringe ihm großen Respekt und Wertschätzung entgegen. Und außerdem ein wenig Neid, so wie jedem gegenüber, der es schafft, sein Hobby, nein seine Leidenschaft, zum Beruf und somit zum absoluten Lebensinhalt zu machen.
Um nochmal an den Anfang und die Episode mit Sigrid Löffler zurückzukehren: Eine Anekdote aus dem Buch hat besonders dazu beigetragen, dass ich Marcel Reich-Ranicki seinen Aussetzer nicht verübeln kann (er selbst verübelt es sich ja auch nicht, denn soweit ich weiß hat er sich bis heute nicht wirklich bei Frau Löffler entschuldigt). Heinrich Böll - wie erwähnt ein Freund des Autoren, der ihm damals sogar bei seiner Flucht in die Bundesrepublik behilflich war - veröffentlichte einst ein neues Buch, das dem Literaturkritiker Reich-Ranicki gar nicht recht gefiel. Er hielt sich nicht zurück und verriss das neu erschienene Werk gnadenlos. Als er kurz darauf Heinrich Böll bei einer Veranstaltung traf, ging dieser auf ihn zu, trat neben ihn und schmetterte ihm ein herzliches "Arschloch" entgegen. Im nächsten Moment lächelte er freundlich, reicht ihm die Hand und erklärte die Angelgenheit für geklärt.
26 Bewertungen, 5 Kommentare
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27.06.2002, 11:46 Uhr von Hummel2000
Bewertung: sehr hilfreichWie er wohl sein Machwerk beurteilen würde, wenn es von einem anderen wäre ?
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07.05.2002, 00:11 Uhr von Urquhart
Bewertung: sehr hilfreichIch mag ihn einfach nicht. Er ist mir absolut unsympathisch, aber man muß ja nicht jeden mögen.
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01.05.2002, 18:49 Uhr von LoMei
Bewertung: sehr hilfreichWieder etwas dazugelernt! Gruß, LoMei.
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26.04.2002, 21:41 Uhr von Janet
Bewertung: sehr hilfreichbei happydigits war es ein Übertragungsfehler das ist neuerdings öfter hier der Fall. Vielleicht schaust du noch mal bei mir nach.
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11.04.2002, 22:10 Uhr von Fishkopf77
Bewertung: sehr hilfreichKein Buch für mich :o) Gruß Verena
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