Mehr zu AutorInnen mit T Testbericht

No-product-image
ab 7,88
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von Raileigh

Paul Theroux - Mein geheimes Leben

Pro:

Eine weitere Reise nach Innen, obwohl sie soweit hinaus führt.

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Paul Theroux gehört zu den eigenwilligsten Literaten, denen ich bisher auf ihren literarischen Spuren folgte. Ein Reiseschriftsteller, wie er sich selbst bezeichnet, der mit sehnsuchtsvollen Augen in die Ferne blickt, seinen Körper folgen lässt, um dann an den exotischsten Plätzen der Welt zu überraschenden Selbsterkenntnissen und inneren Einsichten zu gelangen. Jede Reise nach außen ist für ihn auch eine Reise zu sich selbst.
Viel verrät Theroux über seinen Werdegang als Schriftsteller und über menschliche Wirrungen im autobiografisch angelegten Roman "Mein geheimes Leben" das 1990 unter dem Titel "My Secret History" erschien.
In der Figur des Andre Parent findet Theroux ein Alter Ego, dass nicht unmittelbar sein wirkliches Leben nachzeichnet, doch Erlebnisse und Erfahrungen seines Lebens reflektiert.

Zunächst erzählt Theroux aus der Jugend seines Protagonisten. Andre ist Messdiener und lässt sich auf Drängen seiner Mutter erweichen, die Idee einer Pfarrerslaufbahn in Erwägung zu ziehen. Als er einen Pfarrer kennenlernt, dem er uneingeschränktes Vertrauen entgegenbringt, der in seinen Augen richtig cool ist, der Elvis im Autoradio hört und Segeln geht, findet er die Zukunft als Pfarrer auch recht rosig. Doch da gibt es ein anderes Ärgernis, das ihn bewegt: Mädchen. Nach seiner ersten intensiven intimen Begegnung verwirft er seinen Berufswunsch.

Von dort an begleiten ihn Frauen intensiv in seinem Leben und seiner Gedankenwelt. Zwar arbeitet er zuweilen beflissen, verliert seine jugendlich Aufmüpfigkeit im Berufsleben, lebt aber ein exzessives Sexualleben, dass ihm mehrere Tripper beschert und auch sonst einiges, auch in seinem Kof, bewegt. Doch dies ist sein geheimes Leben. Ob als Englischlehrer in Simbabwe und Uganda. Immer führt er neben seinem normalen Leben noch ein anderes, das er geheim hält. Er wohnt zeitweise in einem Slum, schläft mit verschiedenen Afrikanerinnen, die ihm immer irgendwann seine Familie zeigen. Das ist meist das Ende der Beziehung. Doch auch in London enden intensive Affären in dem Moment, in dem Ernsthaftigkeit Einzug hält.

Schließlich begegnet er Jenny. Jenny heiratet er, verlässt Afrika und widmet sich in London seiner anderen geheimen Leidenschaft, dem Schreiben. Nach und nach wird aus Andy Parent, dem herumziehenden Träumer ein geachteter Reiseschriftsteller. Das heißt für ihn zu reisen. Meist allein. Das seine Frau sich während einer seiner längeren Reisen anderweitig umsieht und ihn betrügt, macht ihn, der selbst nichts anbrennen ließ, rasend vor Eifersucht. Wieder Zuhause macht er ihr Szenen, stellt ihr nach und verunglimpft ihren Liebhaber in der Öffentlichkeit, ohne zu merken, wie er ihr, die ihn trotz allem liebt - sofern er da ist - schadet. Andy hat Schwierigkeiten aus diesem Sog wieder herauszukommen und nur sein Versinken in seinen Aufzeichnungen, seine Arbeit am neuen Buch rettet ihn und seine Ehe. Eine Lektion, die er gelernt hat: wer ein geheimes zweites Leben führt, sollte sich nicht wundern, wenn sich andere das selbe Recht rausnehmen.

Später sehen wir Andre Parent in seiner zweiten Existenz. Er besitzt ein Haus in Amerika, nicht weit vom Ort seiner Kindheit. Er hält sich eine Freundin, schreibt dort, lebt dort. Aber er lebt auch in London, bei seiner Familie. Je nach Arbeit und Auftragslage wechselt er den Aufenthaltsort und die Identität. Er fährt mit seiner Freundin nach Indien, recherchiert, erlebt, liebt, lernt Menschen kennen. Dann kehrt er nach London zurück um sechs Wochen später mit seiner Frau die selben Ort in Indien wieder zu besuchen. Während seine Freundin verwöhnt und neugierig zugleich ein exotisches Abenteuer aus der Reise macht, erlebt er mit seiner Frau ein völlig anderes Indien. Sie bewundert Indiens Kultur, bedauert die Armut, hasst es in heruntergekommenen Hotels abzusteigen und lässt ihren Mann spüren, wie wenig sie an seinem Berufsleben interessiert ist.

"Ich kann Reiseliteratur nicht ausstehen", sagt sie. "Wozu soll sie gut sein? In der Regel sind die Verfasser zweitklassige Schreiberlinge, die über sich selbst schwafeln. Sie haben absolut nichts zu sagen. Reiseliteratur ist nichts als gehässige Meckerei."

Doch das trifft Andre nicht mehr, denn mittlerweile hat er eine dritte Identität in seinem Inneren aufgespürt, eine die seinem wesentlichen Naturell entspricht: der stille Beobachter, der alles hört und alles betrachtet und sich seine Gedanken macht, weil er selbst nur außen steht und nicht dazugehört. Er ist nur der Betrachter, der die Welt bereist, Schlüsse zieht, erfahren und neugierig ist, zugleich hilflos, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten geht und um den Umgang mit seinen unmittelbaren Mitmenschen.

Theroux liebt es zu reisen und die Leistungen anderer Völker zu beklatschen oder zu verreißen. Selten ist dies jedoch die Hauptsache seiner Betrachtungen. Er sieht die Alltäglichkeiten der Menschen, ihren Kampf ums Dasein und ihre Versuche eine Existenzberechtigung zu finden, so wie es die Menschen in seiner Heimat ebenfalls täglich tun. Er erkennt die Dummheit in jedem Land der Welt, wie sie ihm genauso aus seiner Heimat und aus seinem eigenen Leben bekannt ist. Theroux weiß immer Extreme aufzuspüren, Charaktere die sich in nahezu unlösbare Probleme hineinsteigern. Eines der brillantes Beispiele ist sein Roman "Moskito-Coast" der mit Harrison Ford und River Phoenix verfilmt wurde.

Theroux ist bissig und von großer Emotionalität. Keines seiner Bücher ist oberflächlich. Er ist präzise und amüsant. Er ist ein erstklassiger Schreiberling, der oft über sich selbst schwafelt. Seine Reiseliteratur ist zuweilen gehässige Meckerei, doch eine Erfahrungswelt, die einem mehr bietet, als ein Foto aus einer anderen Welt. Theroux hat durchaus was zu sagen.
Für mich ist er einer Autoren dessen Gesamtwerk mich fesselt.

Wieviel vom Hauptakteur seines Buches "Mein geheimes Leben" nun wirklich in Theroux steckt, das allerdings bleibt Theroux' Geheimnis.

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-03-21 11:28:56 mit dem Titel Paul Theroux - Die glücklichen Inseln Ozeaniens

Wenn eine langjährige Ehe zerbricht, so verfallen die beiden Einzelteile entweder in eine lähmende Antriebslosigkeit oder in das genaue Gegenteil.
Paul Theroux' Buch "Die glücklichen Inseln Ozeaniens" beginnt mit dem Abschied zwischen ihm und seiner Frau. Er fühlt sich elend, einsam und krank.
Ein Einladung zu einer Lesereise durch Neuseeland und Australien kommt ihm gerade recht.

Und damit verkehrt sich seine Antriebslosigkeit in eine Unrast, die ihn im Laufe einer langen Odyssee durch die Inselwelt Ozeaniens treibt. In Neuseeland wandert er, hält seine Lesungen und sieht sich die Probleme an, die das Land mit den Maoris hat oder besser, die die Maoris mit dem Land haben. Armut, Verelendung und Abhängigkeit, Gewalt und Drogen, Städte, so miefig, wie englische Industrievororte, umstellt einer Landschaft, die den Betrachter Schlichtweg den Atem nimmt.

Eine Weile schaut er sich in Australien um und stört sich am Rassismus der Australier. Er mosert an ihrer Umgangsart herum, "die an die übertriebenen und wenig überzeugenden Manieren von Betrunkenen erinnern, die Nüchternheit vortäuschen."
Theroux fährt in die Reservate der Aborigines, paddelt mit seinem Faltboot an der Küste entlang und zeltet, wo immer ihn ein Strand genehm ist.
Und dann treibt es ihn weiter. Von den Trobrianden zu den Salomonen, Tonga, Samoa, den Osterinseln, Tahiti bis nach Hawaii, sein Faltboot und das Zelt immer im Gepäck. Hotels besucht er nur, wenn sich kein Platz zum Zelten findet, weil entweder jeder Sandkrümel am Strand Privatbesitz ist oder die Küste als universelle Müllkippe dient.

Theroux hat seine eigene, eigenwillige Art Menschen, Völker, Länder zu beobachten. Er ist aufgeschlossen, aber vorsichtig, vorurteilsbelastet, aber lernwillig. Viele Einwohner, der Inseln schließt er ins Herz, andere urteilt er mit spitzen Worten und grantigen Einschätzungen ab.

Überall stößt er auf einen militanten Rassismus, der alles ablehnt, was von anderen Inseln kommt.
Der Polynesier und der Melanesier lebt schon lange nicht mehr, wie auf den einsamen und unverdorbenen Inseln der Vergangenheit. Wenige Inseln pflegen noch eine Fischfangtradition. Sie beziehen Dosenfisch aus Japan, Corned Beef aus Neuseeland und Chips aus den U.S.A.. Japaner bauen Hotels und Golfplätze. Die Franzosen feiern in einer ihrer Kolonien ihren eigenen französischen Unabhängigkeitstag - unter den Blicken einer Bevölkerung, die das Wort "INDEPENDENCE" in großen Lettern an die Wände sprüht.

Auf den Marquesas sucht er nach den Spuren von Melvilles' Erzählung "Taipi". Auf den Osterinseln demaskiert er einen selbstgefälligen Thor Heyerdahl, dessen Thesen längst von der Wissenschaft widerlegt wurden. Und schließlich findet seine Reise auf Hawaii ein Ende.

Manchmal entdeckt er idyllische Landstriche, besonders, wenn sie nicht bewohnt sind. Doch wenn sie bewohnt sind, dann hat es Theroux häufig mit Aufschneidern zu tun, die ihren Inselrassismus pflegen und Besucher mit Steinen bewerfen.
Inseln, die er bei der Annäherung mit dem Boot noch für kleine Paradiese hält, entpuppen sich oft genug als öde, ausgebeutete Biosphärenleichen voller halluzinierender, fettleibiger, träger Imitatoren der amerikanischen Strassengangsubkultur.

"Dreihundert Jahre Kolonialismus haben der Welt weniger Schaden zugefügt, als dreißig Jahre Tourismus", sagt eine Frau zynisch, die Theroux auf einem Schiff trifft.
Dieser Satz scheint das Fazit der Reise zu sein.

Theroux ist ein außergewöhnlicher Reiseschriftsteller. Seine ausgedehnten Reisebeschreibungen sind von solch einer Informationsfülle und Detaildichte, wie sie nur von jemanden vermittelt werden kann, der eine sehr genaue Beobachtungsgabe besitzt und sich viel Zeit lässt. Hinzu kommt Theroux's einzigartiger Umgang mit einer Sprache, mit der er zu romantisieren genauso gut versteht, wie er sie einsetzt, um bissig zu verurteilen.

Wer es nicht vermag, die großen, zeitraubenden Abenteuertouren rund um die Welt zu unternehmen, dem seien die Reisebücher von Paul Theroux sehr ans Herz gelegt.

14 Bewertungen, 2 Kommentare

  • deeperspace

    06.04.2002, 13:43 Uhr von deeperspace
    Bewertung: sehr hilfreich

    Bezüglich deines Kommentares zu meinem "Kuchen"Bericht. So eine Radiosendung ist bestimmt ganz interessant, nur ob ich dir hier in München empfangen kann, oder welcher Gedanke steht hinter deiner Frage !? Grüße Deep

  • fenikso

    21.03.2002, 13:04 Uhr von fenikso
    Bewertung: sehr hilfreich

    Klingt ja eigentlich ganz interessant - hab aber noch genug "Stoff" für die nächste Zeit ;)... Grüße, fenikso