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Erfahrungsbericht von mima007
H.G. Wells: *Der Unsichtbare*: Revolutionärer SF-Thriller
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Unsichtbarkeit: Das ist die Faust, die man nicht kommen sieht, Macht über andere. Der \"Unsichtbare\", das ist einer der ersten Terroristen und \"verrückten Wissenschaftler\". Dennoch ist ihm ein tragisches Geschick beschieden. \"Der Unsichtbare\" ist eine von H.G. Wells\' besten Geschichten. Sie steht in einer Reihe mit \"Der Zeitmaschine\" und \"Der Krieg der Welten\".
James Whale hat den Klassiker 1933 kongenial mit Claude Rains in der Titelrolle verfilmt; seine Spezialeffekte wurden in zahlreiche Filme der Zeit übernommen, so gut waren sie. Bei ihm ist die Story keine Tragödie, sondern eine schwarze Komödie.
Handlung
°°°°°°°°
Erstmals ereignet sich die phantastische Handlung nicht in einer ebenso phantastischen Umgebung, sondern in der englischsten aller Gegenden, für deren Leser Wells damals schrieb: in Südengland.
In das verschlafene und rechtschaffene Städtchen Iping im idyllischen Sussex schneit eines Wintertages der merkwürdige Fremde herein. Er quartiert sich im Gasthaus \"Zum Fuhrmann\" ein, ohne seinen Namen zu nennen. Die Wirtsfrau Mrs. Hall nimmt seine diversen Unhöflichkeiten und seine kurzangebundene Art nur in Kauf, weil er gleich mit zwei Goldstücken im voraus bezahlt hat.
Entsetzt stellt sie fest, dass das Gesicht des Mannes komplett bandagiert ist. Aus diesem weiß umhüllten Kopf stechen die von einer schwarzen Brille verdeckten Augen wie die eines Totenkopfes heraus. Kaltes Grausen packt sie, doch das Mitleid behält vorerst noch die Oberhand.
Nacheinander machen die Bekannten der robusten Wirtin Bekanntschaft mit dem seltsamen Gast: der Uhrmacher, ihr Mann, ein Fuhrmann, zwei Monate später schließlich der Dorfarzt, der seine Entdeckung brühwarm dem Pfarrer hinterbringt: Der Ärmel des Fremden ist leer, doch beim Draufschlagen genauso steif und hart, als stäke ein richtiger Arm darin! Mittlerweile ist der in seinem Zimmer experimentierende Fremde schon Stadtgespräch. Unter den Frauen schreibt man ihm übernatürliche Kräfte zu, doch manche Männer halten ihn für einen Anarchisten - was damals gleichbedeutend ist mit einem Bombenleger.
Nachdem beim Pfarrer eine Kasse ausgeraubt wurde, will der Dorfgendarm den Fremden, der nach wie vor namenlos ist, deswegen verhaften. In einem irren Handgemenge gelingt es dem Fremden, sich auszuziehen und unsichtbar zu entkommen. Auf dem Felde macht er einen Landstreicher zu seinem Helfershelfer. Dies ist eine der komischsten und gelungensten Szenen des Buches. Mit dem neuen Komplizen verschafft er sich erneut Zutritt zum \"Fuhrmann\" in Iping, um seine kostbaren Tagebücher und Notizen zu holen.
Doch schon bald wird der Einbruch entdeckt und Rufe werden laut \"Haltet den Dieb!\" Doch der Fremde schlägt diesmal zurück, un d so erhalten seine Verfolger viele blaue Flecken. Der Unsichtbare hinterlässt statt eines fröhlichen Pfingstjahrmarkts eine Stätte des Chaos und des Terrors. Noch Stunden danach herrscht Totenstille.
(So endet die erste Hälfte des Reports, den uns Wells liefert, und die Spannung auf den Rest will ich euch nicht nehmen.)
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Wells hat sich einer märchenhaften Wunschvorstellung der Menschen angenommen, sie auf den Kopf gestellt und zeigt nun die möglichen Folgen ihrer Verwirklichung. Die Wissenschaft, verkörpert in dem Fremden, erweist sich hier als zweischneidiges Schwert: Bewundernswert ist sie nur dann, wenn sie der Menschheit dient. Doch sie wird zu einem teuflischen Instrument, wenn, wie beim Romanhelden Mr. Griffin, statt dessen der Machthunger des Menschen zur Triebfeder wird. Der Wissenschaftler mit der gottähnlichen Macht des Unsichtbaren wird zum Terroristen.
Doch dies ist auch seine Achillesferse und sein Verhängnis. Um vollkommen unsichtbar zu sein, darf er keine Kleidung tragen. Nackt ist er der Kälte und dem Wetter ausgesetzt. Ständig verrät sich Mr. Griffin durch sein heftiges Niesen. Er benötigt auch Nahrung, muss sich also unter Menschen wagen, die für ihn eine Bedrohung darstellen, denn sie könnten ihn und seine Machenschaften entdecken. Doch unverdaute Nahrung in seinem Magen ist wiederum sichtbar, eine weitere Gefahr. Außerdem muss er sich als Unsichtbarer völlig außerhalb der Gesetze stellen, die für normale Sterbliche gelten. Er hält sich für größer als die Normalen, ist aber umso angreifbarer.
Sein Terrorismus verwandelt die Menschen in einen Pöbel, der dem üblichen Gesetz nicht mehr gehorcht. Sein Übermut und sein oben geschildertes Dilemma werden ihm zum Verhängnis, denn einmal gefasst, zerreißt ihn der Pöbel praktisch in Stücke.
Eine besondere Art von Humor
Wells arbeitet ständig mit Humor in seiner Erzählung. Die schwarze Komödie lebt von der Konfrontation der diversen Dorfbewohner mit dem Unbekannten und Unmenschlichen, das der Fremde in ihre Mitte gebracht: Sie untersuchen ihn, kämpfen mit ihm und doch ist da am Ende nur NICHTS. Es ist eine gespenstische Situation von geradezu existenzialistischen Dimensionen.
Damit diese Bedrohung dem werten Leser nicht zu sehr Angst macht, wird sie verschleiert und eingebettet in komische Situations- und Aktionsbeschreibungen, die von einer schlichtweg filmischen Vor- und Darstellungskraft zeugen. Das Kino war 1897 bereits erfunden, und so verwundert es nicht, dass so manche turbulente Szene an frühe Melodramen und Slapstick-Action erinnert.
Diese sind aber, wie gesagt, nicht Selbstzweck. Die Szene, in der Mr. Griffin den Landstreicher, Mr. Marvel trifft und ihm begreiflich zu machen versucht, dass er selbst unsichtbar, aber absolut real sei, berührt die Grenze des Ergreifenden. Hier zeigt sich die Tragik des Schicksals, dem sich der Wissenschaftler selbst ausgesetzt hat. Wer je den John-Carpenter-Film \"Die Fliege\" mit Jeff Goldblum als Wissenschaftler gesehen hat, weiß vielleicht, wovon ich spreche.
Ende des 19. Jahrhunderts erklärte ein leitender Mitarbeiter des britischen Patentamtes, alles, was zu erfinden sei, sei bereits erfunden. (Nun könne man sich wohl beruhigt zurücklehnen.) Herbert George Wells demonstriert in seinen Geschichten, dass genau das Gegenteil der Fall ist, dass man aber zwar forschen könne, aber die Anwendung der Forschungsergebnisse doch wohl überlegt sein sollte.
Die andere Seite der Spiegels
Das direkte Gegenstück zum \"Unsichtbaren\" hat Wells Jahre später mit der schönen Erzählung \"Im Land der Blinden\" geschrieben. In den Anden hat sich in einem vergessenen, abgeschlossenen Tal eine winzige Gemeinschaft entwickelt, deren Sehkraft sich zurückentwickelt hat, bis sie verschwand. Alle hier sind blind, folglich ist der Eindringling, der zufällig hier landet, selbst unsichtbar. Nach einer dramatischen Auseinandersetzung muss er sich zwischen Liebe, Familienglück und Sehkraft entscheiden...
Die Übersetzung
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Die zwei Übersetzer haben den etwas betulichen Tonfall des viktorianischen Autors nachzuahmen versucht, was den heutigen Leser doch etwas absonderlich anmutet. Es könnte sein, dass dies die erste deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1911 ist.
Wells war jedoch Journalist und absolut auf der Höhe der Zeit. Sein Erzählstil hat nichts mit Autoren alter Schule wie Fontane oder Raabe zu tun, sondern mehr mit Zeitungsreportage: Genau so würde ein Reporter aus der Stadt das Geheimnis des unsichtbaren Fremden in einem Dorf in Sussex einkreisen und schließlich enthüllen.
Fazit
°°°°°
\"Der Unsichtbare\" ist eine äußerst flott und spannend zu lesende Actionstory. Einerseits. Andererseits will Wells hier nicht nur unterhalten, sondern auch dem menschlichen Wunsch, sich mit Hilfe der Wissenschaft praktisch jeden Wunsch zu erfüllen, eine lehrreichen Spiegel vorhalten.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The invisible man, 1897; Ullstein 1984, 240 Seiten, DM 6,80; aus dem Englischen von Brigitte Reiffenstein und Alfred Winternitz; ISBN 3-548-20262-4
Aktuellste verfügbare Ausgabe: DTV Taschenbuch - 216 Seiten, Erscheinungsdatum: 1996; ISBN: 3423122366.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-08 22:15:09 mit dem Titel Ch. Welch: *Led Zeppelin: Dazed And Confused: The Stories Behind Every Song*
Als eine der zahlreichen Biografien über Led Zeppelin (LZ) herausgebracht, unterscheidet sich \"Dazed and Confused\" grundlegend im Konzept: Der Hauptteil des Buches wird durch Besprechungen der Alben und ihrer Tracks bestritten. Diese Besprechungen reichen bis ins Jahr 1994/95, also auch bis Page/Plant\'s \"No Quarter\" und den Remasters/Remastered-Alben.
Der Autor
Bei Band- und Musikerbiografien muss man stets darauf achten, auf welcher Seite der Autor/die Autoren steht/stehen: pro oder contra? Zweitens ist darauf zu achten, ob es sich einen profi handelt oder einen selbsternannten Biografen, der hier Verbreiter von halbwahrheiten und Gerüchten seinen Schnitt machen will.
Chris Welch arbeitete als Musikreporter beim britischen Fachblatt \"Melody Maker\". Er begleitete LZ in den frühen Siebzigern bei ihren größten Auftritten, bei den bis zu 56.000 Zuhörer (Tampa, Florida) kamen. Er konnte also die Entstehung des Stadion-Rock mitverfolgen, aber natürlich auch die weniger schönen Auswüchse im Rockgeschäft. Die Tatsache, dass er die Exzesse der Bandroadies und des Bandmitglieds John Boham (drums) in seinem Buch entschuldigt und beschönigt, deutet darauf hin, dass er stets die Partei der Band ergreift. Das ist nichts besonderes, denn seit Anfang der neunziger Jahre werden den LZ-Platten und Bandmitgliedern wieder eindeutige Sympathien entgegengebracht - was während der 70er und 80er Jahre seitens der Presse keineswegs selbstverständlich war.
Welch hat bei einer Reihe von Magazinen mitgeschrieben und inzwischen über 20 Bücher über Rockmusik geschrieben, darunter \"Hendrix: A Biography\". Sein Moment höchsten Glücks: \"Playing conga drums live on stage in Germany with Led Zep during \'Whole Lotta Love\'!\"
Inhalte
Es ist Welchs These, dass sich die Musik der Band LZ vor allem in ihren Alben manifestierte. Das ist zwar gut für Plattenproduzenten und die Rechteinhaber (die dürfen sich schon mal die Hände reiben über so viel Werbung), widerspricht aber der Auffassung anderer Autoren. Charles Cross beispielsweise (den ich neulich bei yopi.de besprochen habe) ist der Ansicht, dass sich LZ in erster Linie in ihren Live-Auftritten realisierten und dort ihre beste Musik spielten. Eine schwache Ahnung davon liefert das bis dato einzige Live-Album \"The song remains the same\" von 1974. Cross charakterisiert in seinem Buch \"LZ - Heaven and Hell. An illustrated biography\" (1992) die Live-Auftritte detailliert und nach ihrer künstlerischen Qualität. Welch handelt diese wichtigen Auftritte in Bausch und Bogen ab - sehr schade.
Nach einer interessanten Einleitung über die Entstehung der Band, die Aufzählung ihrer größten Erfolge und das abrupte Ende ihrer Existenz 1980 nach Tode John Bonhams bespricht Welch das 1. Album. Es hatte noch keinen Titel, wurde in nur 30 Stunden aufgenommen und erschien Anfang 1969 in USA und UK.
Es wäre langweilig, die einzelnen acht Studioalben abzuhandeln: I bis IV, sodann \"Physical Graffiti\", \"Houses of the Holy\", \"In through the out door\" und posthum sozusagen \"Coda\". In den 90ern erschienen \"No Quarter\" und zwei Remasters/Remastered-Kompilationen.
Interessanter ist da schon die Frage, wie Welch die einzelnen Songs vorstellt und - jawohl - beurteilt. Nicht jeder Biograph traut sich, ein künstlerisch-handwerkliches Urteil über die Songs abzugeben; Welch ist hier also die Ausnahme. Er sagt stets, wann jeder Song aufgenommen wurde (häufig wild durcheinander, besonders auf \"Graffiti\", einem veritablen Auffangbecken von Altmaterial). Und er beschreibt die wichtigen Kennzeichen eines Tracks und belegt dies durch ergänzende Anmerkungen der Musiker. Wichtig ist auch, ob der Song jemals live performt wurde.
Wenn Jimmy Page einzelne Noten im Gitarrensolo verpatzt oder John Bonhams Basspedalmechanismus quietscht (und dies zu hören ist), dann kann man sichergehen, dass Welch das auch schreibt. Das dürfte nicht jedem glühenden Verehrer gefallen, trägt aber zu einem guten Eindruck der Ehrlichkeit bei - ein wohltuender Kontrast zu der Lobhudelei in der Einleitung.
So ist zum Beispiel Welchs Bemerkung zu \"Hey hey what can I do\" von einem Amazon-Leser übel aufgenommen worden, wonach der Song klänge, als habe man ihn wegen seines chaotischen Endes aus dem Album \"III\" (1970) herausgenommen. Das tut weh. Andererseits weisen die Bandmitglieder selbst auf Missglücktes hin, so etwa auf den falschgeschriebenen Songtitel \"Southbound Saurez\". Es sollte eigentlich \"suarez\" lauten, was auf spanisch \"Party, Feier\" bedeutet.
Wichtiger finde ich die Frage, warum Welch kein Wort über Bootleg-Ausgaben verliert - vielleicht aus rechtlichen Bedenken? Bootlegs tauchen weder in den Besprechungen noch in der abschließenden \"Chronology\" noch in der \"Discography\" (inklusive Soloalben!) auf.
Fotos
Eines der Merkmale, das dieses Buch aus der Masse der Biografien (richard Yorke soll ganz gut sein) heraushebt, sind die abgedruckten Bilder. Die Qualität ist recht unterschiedlich: manchmal kleine s/w-Inserts aus den 60er Jahren, dann wieder doppelseitige Farbfotos, die die Liveatmosphäre prächtig wiedergeben. Insgesamt ist das Niveau ist noch so hoch wie in \"Heaven and Hell\", ob wohl auch bei Welch laut Credits einige Fotos von Neal Preston stammen, einem absoluten Starfotografen der Rockszene.
Unterm Strich
Das ganz in Englisch gehaltene Buch bietet für jeden, der sich näher mit der Musik der LZ-Band auseinandersetzen möchte, wertvolle Informationen, Einsichten und Beurteilungen. Begleitet werden diese informativen Teile, die bis ins Jahr 1997 (\"BBC Sessions\") reichen, durch oft hervorragende Fotos.
Der ernsthafte LZ-Fan dürfte mehrere Aspekte vermissen: keine Angaben über Bootlegs, über LZ-Sammlerstücke, Chronologie der Live-Auftritte (bei Welch nur sehr sporadisch, weil rekordbrechend) und keine Interviews (die recht selten waren). Dieses Material wäre in \"Heaven and Hell\" zu finden. Eine sehr lesbare Biografie von LZ erschien vor Jahren im Heyne-Verlag.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: US-Preisempfehlung*: $22.95; Amazon-Preis: EUR 25,11; Taschenbuch (Maße: 22x28 cm), 160 Seiten - Thunder\'s Mouth Press; Oktober 1998, ISBN: 1560251883; meine eigene Ausgabe stammt ebenfalls von 1998 und erschien in Zürich in der Edition Olms, ISBN 3-283-00359-9.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-14 22:19:20 mit dem Titel M. Walters: *Der Nachbar*: Eine Explosion der Gewalt im Hexenkessel
Die First Lady des britischen Krimis begibt sich in \"Der Nachbar\" an die vorderste Front der sozialen Katastrophe, die Sozialwohnungssiedlung in England heißt. Hier findet eine regelrechte Hexenjagd gegen einen mutmaßlichen Kinderschänder statt, während ein kleines Mädchen vermisst wird. Walters greift reale Ereignisse aus dem letzten Jahr auf.
Der Originaltitel \"Acid Row\" trifft den Gewaltanteil in diesem Mileu genau: \"acid\" heißt Säure, aber auch LSD und Methedrin (ein Heroinersatz). Acid Row nennen die Bewohner dieser Siedlung ihr eigenes Ghetto.
Die Autorin
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Minette Walters gilt seit 1994, als ihr Roman \"Im Eishaus\" veröffentlicht wurde, als die britische Königin des Krimis. Inzwischen hat sie rund ein halbes Dutzend weitere Romane geschrieben, die in 32 Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet wurden, darunter \"Wellenbrecher\" oder \"Die Schandmaske\". Mir ist Walters durch ihren halbdokumentarischen Schreibstil aufgefallen, der in dieser Form bei kaum einer anderen Krimiautorin zu finden ist.
Handlung
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Der Name \"Bassindale Estate\" klingt großspurig nach einem herrschaftlichen Anwesen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Wohnviertel in Südengland um ein heruntergekommes Sozialbaughetto, in dem viele Senioren und alleinerziehende Mütter leben. Wegen der aggressiven Jugendbanden, in denen Alkohol und harte Drogen kursieren, trauen sich kaum noch Beamte oder Ärzte in das Viertel. Dr. Sophie Morrison, ist die große Ausnahme. Sie ist eine der Hauptfiguren in diesem Drama, das sich an nur zwei Tagen abspielt.
Eines Tages quatscht eine Sozialarbeiterin, Fay Baldwin, die es Dr. Morrison heimzahlen will, gegenüber einer Bewohnerin des Viertels, Melanie Patterson, aus, dass ein entlassener Pädophiler in der Nachbarschaft einquartiert worden sei: in Haus Nr. 23 der Bassindale Row Nord. Sie ahnt nicht, dass sie damit einen regelrechten Krieg auslöst.
Denn Melanie und ihre Mutter Gaynor brauchen nur zwei und zwei zusammenzuzählen: Gerade hörten sie im Fernsehen, dass die zehnjährige Amy Rogerson vermisst werde, möglicherweise wurde sie entführt. Könnte vielleicht der Pädophile von Nr. 23 dahinterstecken? Angeführt von den beiden couragierten Frauen, beginnt etwas, das als Protestdemonstration gegen den Sexualstraftäter geplant war. Melanies neuester Freund, Jimmy James, der gerade aus dem Knast zurückkommt, warnt die beiden Frauen vor den möglichen Folgen.
Denn die Jugendbanden sehen die unverhoffte Gelegenheit, ordentlich Rabbatz zu machen. Die Benzinbomben sind bereits vorbereitet, ebenso die Autobarrikaden, die das Eindringen von Polizei- und Feuerwehrfahrzeugen in das Viertel verhindern. Unter den Anführern finden sich Kinder der Pattersons, doch Wesley Barber ist ein vollgedröhnter Junkie, der sich nichts sagen lässt. Er will Blut sehen.
Rund zwei- bis dreitausend Menschen drängen sich vor dem Haus Nr. 23. Als die ersten Steine und Benzinbomben fliegen, drohen bereits die ersten Kinder zerquetscht zu werden. Horrorszenen wie in panikartig verlassenen Fußballstadien bahnen sich an. Die Polizei ist machtlos. Ihr Hubschrauber hält alles fest, kann aber nicht eingreifen.
Das eigentliche Drama spielt sich in Haus Nr. 23 selbst ab. Dort ist Dr. Sophie Morrison mit zwei Psychopathen eingeschlossen, während die Benzinbomben die Haustür in Brand setzen. Der sogenannte Pädophile Milosz stellt sich als friedfertiger Feigling heraus, der total unter der Tyrannei seines 71-jährigen Vaters Franek lebt. Franek ist ein bulliger Ex-Boxer, der die Psyche eines Sadisten hat. Sophie erlebt den wahren Horror, als Franek zweimal versucht, sie zu vergewaltigen, während dessen Sohn Milosz wegsieht.
Die Ereignisse spitzen sich zu, als es Jimmy James gelingt, in das Haus Nr. 23 einzudringen, um Sophie zu retten. Die Abwehrmauer, die seine schwangere Freundin Melanie Patterson gegen die randalierenden Jugendlichen vor dem Haus errichtet hat, wankt und Wesley Barber dringt ebenfalls ein. Ein Kriegsveteran aus der Nachbarschaft hält Jimmy für einen Einbrecher und verfolgt ihn mit einer Machete, um ihn auszuschalten. Eine Explosion der Gewalt erscheint unvermeidlich.
Währenddessen geht die Fahnung nach Amy und ihrem Entführer weiter. Die Beamten stoßen in einen Sumpf aus Pornofotografie und Kinderpornografie, zu dem offenbar auch Amys eigener Vater gehört. Der eigentliche Pädophile scheint woanders zu suchen zu sein.
Mein Eindruck
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Auf den ersten 40 Seiten werden nur ein paar Personen vorgestellt, und es passiert rein gar nichts. Enntäuscht legte ich dieses Buch ein Vierteljahr beiseite. Was für ein Fehler! Denn sobald ihre Mutter Laura feststellt, dass Amy verschwunden ist, entzündet sich die Zündschnur am Pulverfass der Gewalt im Wohnviertel. (Denn Amy wird ja im Haus der Pädophilen vermutet.)
Wie in einem Dokudrama beschreibt die Autorin detailliert und mit sehr viel Personalaufwand, wie sich zunächst das Gewaltpotenzial anstaut und schließlich zur Explosion gelangt. Das restliche Buch - 370 Seiten - habe ich in nur zwei Tagen verschlungen: Viele Szenen, die im Gedächtnis haften bleiben.
Tempo und Rhythmus
Die Straffheit, das Tempo und der fein abgestimmte Rhythmus der Handlung sind beeindruckend. Auf die hochdramatischen Episoden vor Haus Nr. 23 folgen immer wieder Szenen, in denen Inspektor Tyler auf Amys Spuren Nachforschungen anstellt. Hier werden ganze Verhöre wiedergegeben und Theorien durchgekaut - etwas, was ohne die Hochspannung der anderen Teilen unerträglich wäre. So aber nimmt es etwas Spannung weg und verschafft dem Leser eine Verschnaufpause.
Die Figuren
Bei so viel Personal sollte man meinen, dass die Charakterzeichnung nicht sonderlich tief oder genau sein kann. Dennoch schafft es die Autorin, den wichtigsten Figuren ein Profil und eine Geschichte zu verleihen, die sie glaubwürdig macht, so dass sich dem Leser ihr Schicksal einprägt. Dadurch verliren die Figuren ihre Klischeeträchtigkeit vollkommen. Der Vergewaltiger Franek Zelowski etwa ist selbst als ein Opfer erkennbar, sein Sohn leidet seit dem 5. Lebensjahr unter seinem Vater, und Sophie Morrison ist in einer einzigartigen Position, es mit Franek und Milosz aufzunehmen. Als Ärztin und Verlobte eines Psychologen verfügt sie über das Wissen, auf die geistige Verfassung dieser beiden schwer gestörten Männer Einfluss zu nehmen.
Doch es bedarf schon des Eingreifens von Jimmy James, dem jugendlichen Delinquenten und angehenden Drogendealer, dass Sophie aus ihrer verhängnisvollen Lage befreit wird. Durch seine Kontakte mit einem Netzwerk in der Nachbarschaft, das Sophie zuvor monatelang aufgebaut hatte, avanciert Jimmy - für manche etwas unglaubwürdig - zu einem Retter und Helfer, der letzten Endes den Ausschlag gibt, dass die Dinge keinen schlimmeren Ausgang nehmen. Im Epilog wird er sogar zum Leiter des neuen Jugendzentrums befördert: eine Traumkarriere für jeden Drogendealer, nicht wahr.
Dokudrama
Die Autorin kennt die Kommunikationsformen des Polizeialltags und in der Bevölkerung offenbar genau. Handys klingeln allenthalben und geben nach kurzer Zeit mit leerem Akku den Geist auf. Internet und Fax sind ihre Fremdwörter - zuhauf finden sich Reproduktionen von Mails, Funksprüchen und Faxen im Buch. Über das Internet wird heutzutage die meiste Pornografie verbreitet. Das konnte man letztes Jahr in England bei der Hexenjagd auf Pädophile, die eine Boulevardzeitung namhaft gemacht hatte, erfahren.
Diesen Fall greift Walters auf und spielt ihn bis zu den nächsten Konsequenzen durch. Die vorgeblichen Kinderschänder sind gar nicht die richtigen, sondern überall in der Gesellschaft zu finden - auch unter den Saubermännern, die sich als Amys Väter ausgeben.
Aber auch herkömmliche Kommunikationsformen spielen eine Rolle: das gerücht, der Streit, das Nachbarschafts-Netzwerk. Das dabei Fehlinformationen entstehen und kolportiert werden, liegt in der Natur der Sache. Die Autorin zeigt hier auch die Verständigungsschweirigkeiten, die sich zwischen drei Generationen im Viertel ergeben: Die Alten haben sich zurückgezogen, die Elterngeneration kann sich kaum gegen ihre Kinder durchsetzen. Doch die Jugend lehnt natürlich die Werte der \"Alten\" rundweg ab. Ganz offensichtlich fehlen hier die Väter. Väter, wie Jimmy James einer ist.
Kinder und Sex?!
Und so beklagt das Buch nicht nur deren Fehlen, sondern auch das Versagen eines großen Teils der Elterngeneration, mithin also besonders der Mütter. Aber auch diese werden zu Opfern gemacht. Das Beispiel der jungen Francesca Gough (ausgesprochen: gaff) macht deutlich, dass junge Frauen schon frühzeitg missbraucht und zu Opfern gemacht werden. Nicht zuletzt geraten sie in Not, weil sie, wegen der puritanischen Moral der Gesellschaft unaufgeklärt, frühzeitig schwanger werden und in Abhängigkeit geraten. Dass Kinder sich für Sex interessieren? Nein, das darf nicht sein, und daher kann es auch nicht wahr sein. Und doch dreht sich letzten Endes das ganze Buch darum. Ein heißes Eisen - auch in der deutschen Gesellschaft.
Und wo bleibt die Polizei?
Was einen wirklich erstaunt, ist die klägliche Rolle, die die Polizei bei der Bekämpfung der Krawalle in der Acid Row spielt: kein Polizist dringt durch die Barrikaden, so dass Acid Row einer belagerten Burg ähnelt. Es dauert Stunden, bis eine Spezialeinheit mit schwerem Gerät herbeigeschafft ist. Einzig der Helikopter scheint so etwas wie Überblick zu verschaffen und Koordination von kleinen Aktionen zu ermöglichen. Mittendrin agieren kleine Sergeants, die kaum Erfahrung haben. Seltsamerweise haben die Ärzte vom Gesundheitsdienst in dieser explosiven Lage mehr Einfluss als der kurze Arm des Gesetzes mit seinem stumpfen Schwert.
Unterm Strich
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Wie gesagt, ist \"Der Nachbar\" - ein verwünschenswert nichtssagender Titel, der zu dem scheußlichen Titelbild passt - ein extrem spannendes und aktuelles Dokudrama, das binnen zwei Tagen eine hochexplosive soziale Krise schildert - und nicht vor der letzten Konsequenz zurückschreckt. Ein couragierter Roman, der mitunter vielleicht doch ein wenig blauäugig ist. Aber es ja nur ein Buch.
Die Übersetzung ist in Ordnung, aber es sind zahlreiche Druckfehler zu verschmerzen.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Acid Row, 2001; Goldmann 7/2002, München; 414 Seiten mit 1 Karte, EU 22,90, aus dem Englischen übertragen von Mechtild Sandberg-Ciletti; ISBN 3-442-30969-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-10 12:40:03 mit dem Titel G. Wolfe: *Die Nachtseite der langen Sonne* (Lange Sonne #1): Seltsame Generationenschiffe
Dieser SF-Roman eröffnet den neuen Lange-Sonne-Zyklus des amerikanischen Meisterfabulierers Gene Wolfe, welcher mit dem fünfbändigen SF-Zyklus \"Das Buch der Neuen Sonne\" DEN Fantasy-Zyklus der achtziger Jahre schuf. Auch der neuen Zyklus wurde von der Kritik hoch gelobt.
Handlung
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Monsignore Patera Silk ist ein junger Priester in einem Viertel der großen Stadt der röhrenförmigen Welt, die die Lange Sonne genannt wird. Niemand ahnt (in diesem ersten Teil), daß er oder sie in einem Generationenraumschiff durchs All fliegt. Nein, es ist vielmehr ein wenig wie im italienischen Mittelalter: Da gibt es Klosterschulen und Viehmärkte, sogar Opfertiere lassen sich erstehen, um Orakel zu lesen. Patera Silk hat eine Vision, die ihm einer der Götter geschickt hat, davon ist er überzeugt: Er muß die Klosterkapelle erhalten. Leider wurde sie bereits von der Stadt an einen reichen Bordellbesitzer verkauft.
Deshalb begibt er sich auf eine schicksalhafte Reise hinaus aufs Land, um in die burgartige Villa des neuen Kapellenbesitzers einzubrechen und sich mit diesem zu unterhalten. Da gerät er in einen schönen Schlamassel! Auf dem Dach wird er von einem Riesenvogel angegriffen, stürzt etliche Meter ab und bricht sich fast die Knochen. Dennoch gelingt ihm die Flucht in mehrere Zimmer, in denen sich interessante Frauenzimmer aufhalten: da wäre beispielsweise ein junges Mädchen, das sich unsichtbar machen kann und Telepathie beherrscht; da wäre die wunderschöne Hure, die den heldenhaften Silk mit Drogen kampfunfähig machen will, sich in ihn verliebt und ihm schließlich eine tolle Waffe schenkt. Und da wären noch Computer und Götter im Mainframe (dem großen Zentralrechner), die mit Silk Kontakt aufnehmen.
Nachdem Silk mit dem Hausherrn Blood einen Deal gemacht hat, begibt er sich am nächsten Tag in dessen Bordell. Dort spuke es, sagen die Mädchen. Silk schafft mit seinen priesterlichen Methoden, was zahlreiche Pfuscher vor ihm nicht schafften: Einen Mord aufzuklären und den Spuk zu beenden. Diese Episode erinnert sehr an die Father-Brown-Geschichten von G.K. Chesterton. \"Seine Merkwürden\" gerät in einige recht komische Situationen. Dennoch bleibt er todernst: Bloods Freund bedroht sein Leben, und für den Rückkauf der Kapelle muß Silk noch eine Menge Geld stehlen...
Fazit
Wer schon Begeisterung für die bunte, magische Welt im \"Buch der Neuen Sonne\" aufbringen konnte, wird auch an diesem neuen Zyklus seine helle Freude haben. Der Einsteiger sollte sich auf einige interessante \"Augenöffner\" gefaßt machen. Gene Wolfe hat nicht nur eine interessante Art zu erzählen, ihm gelingen auch die tollsten Dinger in einer eigenständigen, originellen Weltschöpfung: abgenutzte Androidinnen mit sehr menschlichen Gefühlen; Visionen und Orakel; Teufelsaustreibung im Bordell; Priester beim Einbrechen in Villen und so weiter. In den Folgebänden krempeln Silks Aktionen das soziale Gefüge in der Langen Sonne völlig um - bis es schließlich um den Exodus aus dem Raumschiff geht.
Michael Matzer ©2000/2003ff
Info: Nightside the long sun, 1991; Nr. 5941; 397 Seiten, aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski, München, Heyne, 1998, ISBN 3-453-13334-X, TB im Hardcover, leider vergriffen.
James Whale hat den Klassiker 1933 kongenial mit Claude Rains in der Titelrolle verfilmt; seine Spezialeffekte wurden in zahlreiche Filme der Zeit übernommen, so gut waren sie. Bei ihm ist die Story keine Tragödie, sondern eine schwarze Komödie.
Handlung
°°°°°°°°
Erstmals ereignet sich die phantastische Handlung nicht in einer ebenso phantastischen Umgebung, sondern in der englischsten aller Gegenden, für deren Leser Wells damals schrieb: in Südengland.
In das verschlafene und rechtschaffene Städtchen Iping im idyllischen Sussex schneit eines Wintertages der merkwürdige Fremde herein. Er quartiert sich im Gasthaus \"Zum Fuhrmann\" ein, ohne seinen Namen zu nennen. Die Wirtsfrau Mrs. Hall nimmt seine diversen Unhöflichkeiten und seine kurzangebundene Art nur in Kauf, weil er gleich mit zwei Goldstücken im voraus bezahlt hat.
Entsetzt stellt sie fest, dass das Gesicht des Mannes komplett bandagiert ist. Aus diesem weiß umhüllten Kopf stechen die von einer schwarzen Brille verdeckten Augen wie die eines Totenkopfes heraus. Kaltes Grausen packt sie, doch das Mitleid behält vorerst noch die Oberhand.
Nacheinander machen die Bekannten der robusten Wirtin Bekanntschaft mit dem seltsamen Gast: der Uhrmacher, ihr Mann, ein Fuhrmann, zwei Monate später schließlich der Dorfarzt, der seine Entdeckung brühwarm dem Pfarrer hinterbringt: Der Ärmel des Fremden ist leer, doch beim Draufschlagen genauso steif und hart, als stäke ein richtiger Arm darin! Mittlerweile ist der in seinem Zimmer experimentierende Fremde schon Stadtgespräch. Unter den Frauen schreibt man ihm übernatürliche Kräfte zu, doch manche Männer halten ihn für einen Anarchisten - was damals gleichbedeutend ist mit einem Bombenleger.
Nachdem beim Pfarrer eine Kasse ausgeraubt wurde, will der Dorfgendarm den Fremden, der nach wie vor namenlos ist, deswegen verhaften. In einem irren Handgemenge gelingt es dem Fremden, sich auszuziehen und unsichtbar zu entkommen. Auf dem Felde macht er einen Landstreicher zu seinem Helfershelfer. Dies ist eine der komischsten und gelungensten Szenen des Buches. Mit dem neuen Komplizen verschafft er sich erneut Zutritt zum \"Fuhrmann\" in Iping, um seine kostbaren Tagebücher und Notizen zu holen.
Doch schon bald wird der Einbruch entdeckt und Rufe werden laut \"Haltet den Dieb!\" Doch der Fremde schlägt diesmal zurück, un d so erhalten seine Verfolger viele blaue Flecken. Der Unsichtbare hinterlässt statt eines fröhlichen Pfingstjahrmarkts eine Stätte des Chaos und des Terrors. Noch Stunden danach herrscht Totenstille.
(So endet die erste Hälfte des Reports, den uns Wells liefert, und die Spannung auf den Rest will ich euch nicht nehmen.)
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Wells hat sich einer märchenhaften Wunschvorstellung der Menschen angenommen, sie auf den Kopf gestellt und zeigt nun die möglichen Folgen ihrer Verwirklichung. Die Wissenschaft, verkörpert in dem Fremden, erweist sich hier als zweischneidiges Schwert: Bewundernswert ist sie nur dann, wenn sie der Menschheit dient. Doch sie wird zu einem teuflischen Instrument, wenn, wie beim Romanhelden Mr. Griffin, statt dessen der Machthunger des Menschen zur Triebfeder wird. Der Wissenschaftler mit der gottähnlichen Macht des Unsichtbaren wird zum Terroristen.
Doch dies ist auch seine Achillesferse und sein Verhängnis. Um vollkommen unsichtbar zu sein, darf er keine Kleidung tragen. Nackt ist er der Kälte und dem Wetter ausgesetzt. Ständig verrät sich Mr. Griffin durch sein heftiges Niesen. Er benötigt auch Nahrung, muss sich also unter Menschen wagen, die für ihn eine Bedrohung darstellen, denn sie könnten ihn und seine Machenschaften entdecken. Doch unverdaute Nahrung in seinem Magen ist wiederum sichtbar, eine weitere Gefahr. Außerdem muss er sich als Unsichtbarer völlig außerhalb der Gesetze stellen, die für normale Sterbliche gelten. Er hält sich für größer als die Normalen, ist aber umso angreifbarer.
Sein Terrorismus verwandelt die Menschen in einen Pöbel, der dem üblichen Gesetz nicht mehr gehorcht. Sein Übermut und sein oben geschildertes Dilemma werden ihm zum Verhängnis, denn einmal gefasst, zerreißt ihn der Pöbel praktisch in Stücke.
Eine besondere Art von Humor
Wells arbeitet ständig mit Humor in seiner Erzählung. Die schwarze Komödie lebt von der Konfrontation der diversen Dorfbewohner mit dem Unbekannten und Unmenschlichen, das der Fremde in ihre Mitte gebracht: Sie untersuchen ihn, kämpfen mit ihm und doch ist da am Ende nur NICHTS. Es ist eine gespenstische Situation von geradezu existenzialistischen Dimensionen.
Damit diese Bedrohung dem werten Leser nicht zu sehr Angst macht, wird sie verschleiert und eingebettet in komische Situations- und Aktionsbeschreibungen, die von einer schlichtweg filmischen Vor- und Darstellungskraft zeugen. Das Kino war 1897 bereits erfunden, und so verwundert es nicht, dass so manche turbulente Szene an frühe Melodramen und Slapstick-Action erinnert.
Diese sind aber, wie gesagt, nicht Selbstzweck. Die Szene, in der Mr. Griffin den Landstreicher, Mr. Marvel trifft und ihm begreiflich zu machen versucht, dass er selbst unsichtbar, aber absolut real sei, berührt die Grenze des Ergreifenden. Hier zeigt sich die Tragik des Schicksals, dem sich der Wissenschaftler selbst ausgesetzt hat. Wer je den John-Carpenter-Film \"Die Fliege\" mit Jeff Goldblum als Wissenschaftler gesehen hat, weiß vielleicht, wovon ich spreche.
Ende des 19. Jahrhunderts erklärte ein leitender Mitarbeiter des britischen Patentamtes, alles, was zu erfinden sei, sei bereits erfunden. (Nun könne man sich wohl beruhigt zurücklehnen.) Herbert George Wells demonstriert in seinen Geschichten, dass genau das Gegenteil der Fall ist, dass man aber zwar forschen könne, aber die Anwendung der Forschungsergebnisse doch wohl überlegt sein sollte.
Die andere Seite der Spiegels
Das direkte Gegenstück zum \"Unsichtbaren\" hat Wells Jahre später mit der schönen Erzählung \"Im Land der Blinden\" geschrieben. In den Anden hat sich in einem vergessenen, abgeschlossenen Tal eine winzige Gemeinschaft entwickelt, deren Sehkraft sich zurückentwickelt hat, bis sie verschwand. Alle hier sind blind, folglich ist der Eindringling, der zufällig hier landet, selbst unsichtbar. Nach einer dramatischen Auseinandersetzung muss er sich zwischen Liebe, Familienglück und Sehkraft entscheiden...
Die Übersetzung
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Die zwei Übersetzer haben den etwas betulichen Tonfall des viktorianischen Autors nachzuahmen versucht, was den heutigen Leser doch etwas absonderlich anmutet. Es könnte sein, dass dies die erste deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1911 ist.
Wells war jedoch Journalist und absolut auf der Höhe der Zeit. Sein Erzählstil hat nichts mit Autoren alter Schule wie Fontane oder Raabe zu tun, sondern mehr mit Zeitungsreportage: Genau so würde ein Reporter aus der Stadt das Geheimnis des unsichtbaren Fremden in einem Dorf in Sussex einkreisen und schließlich enthüllen.
Fazit
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\"Der Unsichtbare\" ist eine äußerst flott und spannend zu lesende Actionstory. Einerseits. Andererseits will Wells hier nicht nur unterhalten, sondern auch dem menschlichen Wunsch, sich mit Hilfe der Wissenschaft praktisch jeden Wunsch zu erfüllen, eine lehrreichen Spiegel vorhalten.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The invisible man, 1897; Ullstein 1984, 240 Seiten, DM 6,80; aus dem Englischen von Brigitte Reiffenstein und Alfred Winternitz; ISBN 3-548-20262-4
Aktuellste verfügbare Ausgabe: DTV Taschenbuch - 216 Seiten, Erscheinungsdatum: 1996; ISBN: 3423122366.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-08 22:15:09 mit dem Titel Ch. Welch: *Led Zeppelin: Dazed And Confused: The Stories Behind Every Song*
Als eine der zahlreichen Biografien über Led Zeppelin (LZ) herausgebracht, unterscheidet sich \"Dazed and Confused\" grundlegend im Konzept: Der Hauptteil des Buches wird durch Besprechungen der Alben und ihrer Tracks bestritten. Diese Besprechungen reichen bis ins Jahr 1994/95, also auch bis Page/Plant\'s \"No Quarter\" und den Remasters/Remastered-Alben.
Der Autor
Bei Band- und Musikerbiografien muss man stets darauf achten, auf welcher Seite der Autor/die Autoren steht/stehen: pro oder contra? Zweitens ist darauf zu achten, ob es sich einen profi handelt oder einen selbsternannten Biografen, der hier Verbreiter von halbwahrheiten und Gerüchten seinen Schnitt machen will.
Chris Welch arbeitete als Musikreporter beim britischen Fachblatt \"Melody Maker\". Er begleitete LZ in den frühen Siebzigern bei ihren größten Auftritten, bei den bis zu 56.000 Zuhörer (Tampa, Florida) kamen. Er konnte also die Entstehung des Stadion-Rock mitverfolgen, aber natürlich auch die weniger schönen Auswüchse im Rockgeschäft. Die Tatsache, dass er die Exzesse der Bandroadies und des Bandmitglieds John Boham (drums) in seinem Buch entschuldigt und beschönigt, deutet darauf hin, dass er stets die Partei der Band ergreift. Das ist nichts besonderes, denn seit Anfang der neunziger Jahre werden den LZ-Platten und Bandmitgliedern wieder eindeutige Sympathien entgegengebracht - was während der 70er und 80er Jahre seitens der Presse keineswegs selbstverständlich war.
Welch hat bei einer Reihe von Magazinen mitgeschrieben und inzwischen über 20 Bücher über Rockmusik geschrieben, darunter \"Hendrix: A Biography\". Sein Moment höchsten Glücks: \"Playing conga drums live on stage in Germany with Led Zep during \'Whole Lotta Love\'!\"
Inhalte
Es ist Welchs These, dass sich die Musik der Band LZ vor allem in ihren Alben manifestierte. Das ist zwar gut für Plattenproduzenten und die Rechteinhaber (die dürfen sich schon mal die Hände reiben über so viel Werbung), widerspricht aber der Auffassung anderer Autoren. Charles Cross beispielsweise (den ich neulich bei yopi.de besprochen habe) ist der Ansicht, dass sich LZ in erster Linie in ihren Live-Auftritten realisierten und dort ihre beste Musik spielten. Eine schwache Ahnung davon liefert das bis dato einzige Live-Album \"The song remains the same\" von 1974. Cross charakterisiert in seinem Buch \"LZ - Heaven and Hell. An illustrated biography\" (1992) die Live-Auftritte detailliert und nach ihrer künstlerischen Qualität. Welch handelt diese wichtigen Auftritte in Bausch und Bogen ab - sehr schade.
Nach einer interessanten Einleitung über die Entstehung der Band, die Aufzählung ihrer größten Erfolge und das abrupte Ende ihrer Existenz 1980 nach Tode John Bonhams bespricht Welch das 1. Album. Es hatte noch keinen Titel, wurde in nur 30 Stunden aufgenommen und erschien Anfang 1969 in USA und UK.
Es wäre langweilig, die einzelnen acht Studioalben abzuhandeln: I bis IV, sodann \"Physical Graffiti\", \"Houses of the Holy\", \"In through the out door\" und posthum sozusagen \"Coda\". In den 90ern erschienen \"No Quarter\" und zwei Remasters/Remastered-Kompilationen.
Interessanter ist da schon die Frage, wie Welch die einzelnen Songs vorstellt und - jawohl - beurteilt. Nicht jeder Biograph traut sich, ein künstlerisch-handwerkliches Urteil über die Songs abzugeben; Welch ist hier also die Ausnahme. Er sagt stets, wann jeder Song aufgenommen wurde (häufig wild durcheinander, besonders auf \"Graffiti\", einem veritablen Auffangbecken von Altmaterial). Und er beschreibt die wichtigen Kennzeichen eines Tracks und belegt dies durch ergänzende Anmerkungen der Musiker. Wichtig ist auch, ob der Song jemals live performt wurde.
Wenn Jimmy Page einzelne Noten im Gitarrensolo verpatzt oder John Bonhams Basspedalmechanismus quietscht (und dies zu hören ist), dann kann man sichergehen, dass Welch das auch schreibt. Das dürfte nicht jedem glühenden Verehrer gefallen, trägt aber zu einem guten Eindruck der Ehrlichkeit bei - ein wohltuender Kontrast zu der Lobhudelei in der Einleitung.
So ist zum Beispiel Welchs Bemerkung zu \"Hey hey what can I do\" von einem Amazon-Leser übel aufgenommen worden, wonach der Song klänge, als habe man ihn wegen seines chaotischen Endes aus dem Album \"III\" (1970) herausgenommen. Das tut weh. Andererseits weisen die Bandmitglieder selbst auf Missglücktes hin, so etwa auf den falschgeschriebenen Songtitel \"Southbound Saurez\". Es sollte eigentlich \"suarez\" lauten, was auf spanisch \"Party, Feier\" bedeutet.
Wichtiger finde ich die Frage, warum Welch kein Wort über Bootleg-Ausgaben verliert - vielleicht aus rechtlichen Bedenken? Bootlegs tauchen weder in den Besprechungen noch in der abschließenden \"Chronology\" noch in der \"Discography\" (inklusive Soloalben!) auf.
Fotos
Eines der Merkmale, das dieses Buch aus der Masse der Biografien (richard Yorke soll ganz gut sein) heraushebt, sind die abgedruckten Bilder. Die Qualität ist recht unterschiedlich: manchmal kleine s/w-Inserts aus den 60er Jahren, dann wieder doppelseitige Farbfotos, die die Liveatmosphäre prächtig wiedergeben. Insgesamt ist das Niveau ist noch so hoch wie in \"Heaven and Hell\", ob wohl auch bei Welch laut Credits einige Fotos von Neal Preston stammen, einem absoluten Starfotografen der Rockszene.
Unterm Strich
Das ganz in Englisch gehaltene Buch bietet für jeden, der sich näher mit der Musik der LZ-Band auseinandersetzen möchte, wertvolle Informationen, Einsichten und Beurteilungen. Begleitet werden diese informativen Teile, die bis ins Jahr 1997 (\"BBC Sessions\") reichen, durch oft hervorragende Fotos.
Der ernsthafte LZ-Fan dürfte mehrere Aspekte vermissen: keine Angaben über Bootlegs, über LZ-Sammlerstücke, Chronologie der Live-Auftritte (bei Welch nur sehr sporadisch, weil rekordbrechend) und keine Interviews (die recht selten waren). Dieses Material wäre in \"Heaven and Hell\" zu finden. Eine sehr lesbare Biografie von LZ erschien vor Jahren im Heyne-Verlag.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: US-Preisempfehlung*: $22.95; Amazon-Preis: EUR 25,11; Taschenbuch (Maße: 22x28 cm), 160 Seiten - Thunder\'s Mouth Press; Oktober 1998, ISBN: 1560251883; meine eigene Ausgabe stammt ebenfalls von 1998 und erschien in Zürich in der Edition Olms, ISBN 3-283-00359-9.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-14 22:19:20 mit dem Titel M. Walters: *Der Nachbar*: Eine Explosion der Gewalt im Hexenkessel
Die First Lady des britischen Krimis begibt sich in \"Der Nachbar\" an die vorderste Front der sozialen Katastrophe, die Sozialwohnungssiedlung in England heißt. Hier findet eine regelrechte Hexenjagd gegen einen mutmaßlichen Kinderschänder statt, während ein kleines Mädchen vermisst wird. Walters greift reale Ereignisse aus dem letzten Jahr auf.
Der Originaltitel \"Acid Row\" trifft den Gewaltanteil in diesem Mileu genau: \"acid\" heißt Säure, aber auch LSD und Methedrin (ein Heroinersatz). Acid Row nennen die Bewohner dieser Siedlung ihr eigenes Ghetto.
Die Autorin
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Minette Walters gilt seit 1994, als ihr Roman \"Im Eishaus\" veröffentlicht wurde, als die britische Königin des Krimis. Inzwischen hat sie rund ein halbes Dutzend weitere Romane geschrieben, die in 32 Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet wurden, darunter \"Wellenbrecher\" oder \"Die Schandmaske\". Mir ist Walters durch ihren halbdokumentarischen Schreibstil aufgefallen, der in dieser Form bei kaum einer anderen Krimiautorin zu finden ist.
Handlung
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Der Name \"Bassindale Estate\" klingt großspurig nach einem herrschaftlichen Anwesen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Wohnviertel in Südengland um ein heruntergekommes Sozialbaughetto, in dem viele Senioren und alleinerziehende Mütter leben. Wegen der aggressiven Jugendbanden, in denen Alkohol und harte Drogen kursieren, trauen sich kaum noch Beamte oder Ärzte in das Viertel. Dr. Sophie Morrison, ist die große Ausnahme. Sie ist eine der Hauptfiguren in diesem Drama, das sich an nur zwei Tagen abspielt.
Eines Tages quatscht eine Sozialarbeiterin, Fay Baldwin, die es Dr. Morrison heimzahlen will, gegenüber einer Bewohnerin des Viertels, Melanie Patterson, aus, dass ein entlassener Pädophiler in der Nachbarschaft einquartiert worden sei: in Haus Nr. 23 der Bassindale Row Nord. Sie ahnt nicht, dass sie damit einen regelrechten Krieg auslöst.
Denn Melanie und ihre Mutter Gaynor brauchen nur zwei und zwei zusammenzuzählen: Gerade hörten sie im Fernsehen, dass die zehnjährige Amy Rogerson vermisst werde, möglicherweise wurde sie entführt. Könnte vielleicht der Pädophile von Nr. 23 dahinterstecken? Angeführt von den beiden couragierten Frauen, beginnt etwas, das als Protestdemonstration gegen den Sexualstraftäter geplant war. Melanies neuester Freund, Jimmy James, der gerade aus dem Knast zurückkommt, warnt die beiden Frauen vor den möglichen Folgen.
Denn die Jugendbanden sehen die unverhoffte Gelegenheit, ordentlich Rabbatz zu machen. Die Benzinbomben sind bereits vorbereitet, ebenso die Autobarrikaden, die das Eindringen von Polizei- und Feuerwehrfahrzeugen in das Viertel verhindern. Unter den Anführern finden sich Kinder der Pattersons, doch Wesley Barber ist ein vollgedröhnter Junkie, der sich nichts sagen lässt. Er will Blut sehen.
Rund zwei- bis dreitausend Menschen drängen sich vor dem Haus Nr. 23. Als die ersten Steine und Benzinbomben fliegen, drohen bereits die ersten Kinder zerquetscht zu werden. Horrorszenen wie in panikartig verlassenen Fußballstadien bahnen sich an. Die Polizei ist machtlos. Ihr Hubschrauber hält alles fest, kann aber nicht eingreifen.
Das eigentliche Drama spielt sich in Haus Nr. 23 selbst ab. Dort ist Dr. Sophie Morrison mit zwei Psychopathen eingeschlossen, während die Benzinbomben die Haustür in Brand setzen. Der sogenannte Pädophile Milosz stellt sich als friedfertiger Feigling heraus, der total unter der Tyrannei seines 71-jährigen Vaters Franek lebt. Franek ist ein bulliger Ex-Boxer, der die Psyche eines Sadisten hat. Sophie erlebt den wahren Horror, als Franek zweimal versucht, sie zu vergewaltigen, während dessen Sohn Milosz wegsieht.
Die Ereignisse spitzen sich zu, als es Jimmy James gelingt, in das Haus Nr. 23 einzudringen, um Sophie zu retten. Die Abwehrmauer, die seine schwangere Freundin Melanie Patterson gegen die randalierenden Jugendlichen vor dem Haus errichtet hat, wankt und Wesley Barber dringt ebenfalls ein. Ein Kriegsveteran aus der Nachbarschaft hält Jimmy für einen Einbrecher und verfolgt ihn mit einer Machete, um ihn auszuschalten. Eine Explosion der Gewalt erscheint unvermeidlich.
Währenddessen geht die Fahnung nach Amy und ihrem Entführer weiter. Die Beamten stoßen in einen Sumpf aus Pornofotografie und Kinderpornografie, zu dem offenbar auch Amys eigener Vater gehört. Der eigentliche Pädophile scheint woanders zu suchen zu sein.
Mein Eindruck
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Auf den ersten 40 Seiten werden nur ein paar Personen vorgestellt, und es passiert rein gar nichts. Enntäuscht legte ich dieses Buch ein Vierteljahr beiseite. Was für ein Fehler! Denn sobald ihre Mutter Laura feststellt, dass Amy verschwunden ist, entzündet sich die Zündschnur am Pulverfass der Gewalt im Wohnviertel. (Denn Amy wird ja im Haus der Pädophilen vermutet.)
Wie in einem Dokudrama beschreibt die Autorin detailliert und mit sehr viel Personalaufwand, wie sich zunächst das Gewaltpotenzial anstaut und schließlich zur Explosion gelangt. Das restliche Buch - 370 Seiten - habe ich in nur zwei Tagen verschlungen: Viele Szenen, die im Gedächtnis haften bleiben.
Tempo und Rhythmus
Die Straffheit, das Tempo und der fein abgestimmte Rhythmus der Handlung sind beeindruckend. Auf die hochdramatischen Episoden vor Haus Nr. 23 folgen immer wieder Szenen, in denen Inspektor Tyler auf Amys Spuren Nachforschungen anstellt. Hier werden ganze Verhöre wiedergegeben und Theorien durchgekaut - etwas, was ohne die Hochspannung der anderen Teilen unerträglich wäre. So aber nimmt es etwas Spannung weg und verschafft dem Leser eine Verschnaufpause.
Die Figuren
Bei so viel Personal sollte man meinen, dass die Charakterzeichnung nicht sonderlich tief oder genau sein kann. Dennoch schafft es die Autorin, den wichtigsten Figuren ein Profil und eine Geschichte zu verleihen, die sie glaubwürdig macht, so dass sich dem Leser ihr Schicksal einprägt. Dadurch verliren die Figuren ihre Klischeeträchtigkeit vollkommen. Der Vergewaltiger Franek Zelowski etwa ist selbst als ein Opfer erkennbar, sein Sohn leidet seit dem 5. Lebensjahr unter seinem Vater, und Sophie Morrison ist in einer einzigartigen Position, es mit Franek und Milosz aufzunehmen. Als Ärztin und Verlobte eines Psychologen verfügt sie über das Wissen, auf die geistige Verfassung dieser beiden schwer gestörten Männer Einfluss zu nehmen.
Doch es bedarf schon des Eingreifens von Jimmy James, dem jugendlichen Delinquenten und angehenden Drogendealer, dass Sophie aus ihrer verhängnisvollen Lage befreit wird. Durch seine Kontakte mit einem Netzwerk in der Nachbarschaft, das Sophie zuvor monatelang aufgebaut hatte, avanciert Jimmy - für manche etwas unglaubwürdig - zu einem Retter und Helfer, der letzten Endes den Ausschlag gibt, dass die Dinge keinen schlimmeren Ausgang nehmen. Im Epilog wird er sogar zum Leiter des neuen Jugendzentrums befördert: eine Traumkarriere für jeden Drogendealer, nicht wahr.
Dokudrama
Die Autorin kennt die Kommunikationsformen des Polizeialltags und in der Bevölkerung offenbar genau. Handys klingeln allenthalben und geben nach kurzer Zeit mit leerem Akku den Geist auf. Internet und Fax sind ihre Fremdwörter - zuhauf finden sich Reproduktionen von Mails, Funksprüchen und Faxen im Buch. Über das Internet wird heutzutage die meiste Pornografie verbreitet. Das konnte man letztes Jahr in England bei der Hexenjagd auf Pädophile, die eine Boulevardzeitung namhaft gemacht hatte, erfahren.
Diesen Fall greift Walters auf und spielt ihn bis zu den nächsten Konsequenzen durch. Die vorgeblichen Kinderschänder sind gar nicht die richtigen, sondern überall in der Gesellschaft zu finden - auch unter den Saubermännern, die sich als Amys Väter ausgeben.
Aber auch herkömmliche Kommunikationsformen spielen eine Rolle: das gerücht, der Streit, das Nachbarschafts-Netzwerk. Das dabei Fehlinformationen entstehen und kolportiert werden, liegt in der Natur der Sache. Die Autorin zeigt hier auch die Verständigungsschweirigkeiten, die sich zwischen drei Generationen im Viertel ergeben: Die Alten haben sich zurückgezogen, die Elterngeneration kann sich kaum gegen ihre Kinder durchsetzen. Doch die Jugend lehnt natürlich die Werte der \"Alten\" rundweg ab. Ganz offensichtlich fehlen hier die Väter. Väter, wie Jimmy James einer ist.
Kinder und Sex?!
Und so beklagt das Buch nicht nur deren Fehlen, sondern auch das Versagen eines großen Teils der Elterngeneration, mithin also besonders der Mütter. Aber auch diese werden zu Opfern gemacht. Das Beispiel der jungen Francesca Gough (ausgesprochen: gaff) macht deutlich, dass junge Frauen schon frühzeitg missbraucht und zu Opfern gemacht werden. Nicht zuletzt geraten sie in Not, weil sie, wegen der puritanischen Moral der Gesellschaft unaufgeklärt, frühzeitig schwanger werden und in Abhängigkeit geraten. Dass Kinder sich für Sex interessieren? Nein, das darf nicht sein, und daher kann es auch nicht wahr sein. Und doch dreht sich letzten Endes das ganze Buch darum. Ein heißes Eisen - auch in der deutschen Gesellschaft.
Und wo bleibt die Polizei?
Was einen wirklich erstaunt, ist die klägliche Rolle, die die Polizei bei der Bekämpfung der Krawalle in der Acid Row spielt: kein Polizist dringt durch die Barrikaden, so dass Acid Row einer belagerten Burg ähnelt. Es dauert Stunden, bis eine Spezialeinheit mit schwerem Gerät herbeigeschafft ist. Einzig der Helikopter scheint so etwas wie Überblick zu verschaffen und Koordination von kleinen Aktionen zu ermöglichen. Mittendrin agieren kleine Sergeants, die kaum Erfahrung haben. Seltsamerweise haben die Ärzte vom Gesundheitsdienst in dieser explosiven Lage mehr Einfluss als der kurze Arm des Gesetzes mit seinem stumpfen Schwert.
Unterm Strich
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Wie gesagt, ist \"Der Nachbar\" - ein verwünschenswert nichtssagender Titel, der zu dem scheußlichen Titelbild passt - ein extrem spannendes und aktuelles Dokudrama, das binnen zwei Tagen eine hochexplosive soziale Krise schildert - und nicht vor der letzten Konsequenz zurückschreckt. Ein couragierter Roman, der mitunter vielleicht doch ein wenig blauäugig ist. Aber es ja nur ein Buch.
Die Übersetzung ist in Ordnung, aber es sind zahlreiche Druckfehler zu verschmerzen.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Acid Row, 2001; Goldmann 7/2002, München; 414 Seiten mit 1 Karte, EU 22,90, aus dem Englischen übertragen von Mechtild Sandberg-Ciletti; ISBN 3-442-30969-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-10 12:40:03 mit dem Titel G. Wolfe: *Die Nachtseite der langen Sonne* (Lange Sonne #1): Seltsame Generationenschiffe
Dieser SF-Roman eröffnet den neuen Lange-Sonne-Zyklus des amerikanischen Meisterfabulierers Gene Wolfe, welcher mit dem fünfbändigen SF-Zyklus \"Das Buch der Neuen Sonne\" DEN Fantasy-Zyklus der achtziger Jahre schuf. Auch der neuen Zyklus wurde von der Kritik hoch gelobt.
Handlung
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Monsignore Patera Silk ist ein junger Priester in einem Viertel der großen Stadt der röhrenförmigen Welt, die die Lange Sonne genannt wird. Niemand ahnt (in diesem ersten Teil), daß er oder sie in einem Generationenraumschiff durchs All fliegt. Nein, es ist vielmehr ein wenig wie im italienischen Mittelalter: Da gibt es Klosterschulen und Viehmärkte, sogar Opfertiere lassen sich erstehen, um Orakel zu lesen. Patera Silk hat eine Vision, die ihm einer der Götter geschickt hat, davon ist er überzeugt: Er muß die Klosterkapelle erhalten. Leider wurde sie bereits von der Stadt an einen reichen Bordellbesitzer verkauft.
Deshalb begibt er sich auf eine schicksalhafte Reise hinaus aufs Land, um in die burgartige Villa des neuen Kapellenbesitzers einzubrechen und sich mit diesem zu unterhalten. Da gerät er in einen schönen Schlamassel! Auf dem Dach wird er von einem Riesenvogel angegriffen, stürzt etliche Meter ab und bricht sich fast die Knochen. Dennoch gelingt ihm die Flucht in mehrere Zimmer, in denen sich interessante Frauenzimmer aufhalten: da wäre beispielsweise ein junges Mädchen, das sich unsichtbar machen kann und Telepathie beherrscht; da wäre die wunderschöne Hure, die den heldenhaften Silk mit Drogen kampfunfähig machen will, sich in ihn verliebt und ihm schließlich eine tolle Waffe schenkt. Und da wären noch Computer und Götter im Mainframe (dem großen Zentralrechner), die mit Silk Kontakt aufnehmen.
Nachdem Silk mit dem Hausherrn Blood einen Deal gemacht hat, begibt er sich am nächsten Tag in dessen Bordell. Dort spuke es, sagen die Mädchen. Silk schafft mit seinen priesterlichen Methoden, was zahlreiche Pfuscher vor ihm nicht schafften: Einen Mord aufzuklären und den Spuk zu beenden. Diese Episode erinnert sehr an die Father-Brown-Geschichten von G.K. Chesterton. \"Seine Merkwürden\" gerät in einige recht komische Situationen. Dennoch bleibt er todernst: Bloods Freund bedroht sein Leben, und für den Rückkauf der Kapelle muß Silk noch eine Menge Geld stehlen...
Fazit
Wer schon Begeisterung für die bunte, magische Welt im \"Buch der Neuen Sonne\" aufbringen konnte, wird auch an diesem neuen Zyklus seine helle Freude haben. Der Einsteiger sollte sich auf einige interessante \"Augenöffner\" gefaßt machen. Gene Wolfe hat nicht nur eine interessante Art zu erzählen, ihm gelingen auch die tollsten Dinger in einer eigenständigen, originellen Weltschöpfung: abgenutzte Androidinnen mit sehr menschlichen Gefühlen; Visionen und Orakel; Teufelsaustreibung im Bordell; Priester beim Einbrechen in Villen und so weiter. In den Folgebänden krempeln Silks Aktionen das soziale Gefüge in der Langen Sonne völlig um - bis es schließlich um den Exodus aus dem Raumschiff geht.
Michael Matzer ©2000/2003ff
Info: Nightside the long sun, 1991; Nr. 5941; 397 Seiten, aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski, München, Heyne, 1998, ISBN 3-453-13334-X, TB im Hardcover, leider vergriffen.
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