Erfahrungsbericht von sugips
Oldie but goldie?
Pro:
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Kontra:
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Empfehlung:
Ja
Ernest hemingway: Der alte Mann und das Meer
Oldie but goldie?
Der alte Mann und das Meer (amerikanisch The old man and the sea) ist ein Kurzroman – kaum mehr als 60 Seiten – von Ernest Hemingway. Erschienen 1952, neun Jahre vor seinem Tod, gehört es zu seinen Alterswerken. Mit dem Thema hat er sich schon lange herumgeschlagen, bereits 1936 erschien in der Zeitschrift Esquire ein Prosastück mit dem Titel On the Blue Water, in dem er vom Kampf eines alten Fischers mit einem riesigen Fisch erzählte. Diesen kurzen Text baute er dann später zu einem vollendeten werk aus, in dessen Mittelpunkt einer jener kubanischen Fischer steht, unter denen er selbst jahrelang gelebt hat, und das eine Apotheose jenes Heldentyps darstellt, dessen persönlichen Ehrenkodex er in seinen früheren Werken gefeiert hatte. Allein, einsam, stark, mutig, niemals, auch in der Niederlage nicht, aufgebend.
Der Inhalt
Der alte Santiago ist seit vielen Wochen, zunächst in Begleitung des ihn bewundernden Fischerjungen Manolin, dann allein, täglich aufs Meer hinausgefahren, ohne einen Fang zu machen. Nach 84 glücklosen Tagen steuert er, in der Hoffnung, einen großen Fisch zu fangen, weit in den Goldstrom hinaus. Als ein Schwertfisch, länger als Santiagos Boot, anbeißt, beginnt ein Kampf, der zwei Tage und zwei Nächte dauert und den der alten Mann in einsamer Tapferkeit durchsteht. Dabei führt er Selbstgespräche und wünscht sich den Jungen als Zeugen herbei, beschwört Erinnerungen an vergangene Bewährungsproben herauf und spricht sich selbst Mut zu. Das Duell mit dem Fisch, den Santiago nicht nur als ebenbürtigen Herausforderer respektiert, sondern dem er sich fast brüderlich verbunden fühlt, endet, als das erschöpfte Tier dem Boot, das es bereits meilenweit in den Ozean herausgezogen hat, zu nahe kommt. Santiago harpuniert den Fisch, vertäut ihn längsseits, setzt mit seinen von der Leine zerschnittenen Händen das Segel und beginnt die Beute, von deren Erlös er monatelang leben könnte, in Richtung Küste zu schleppen.
Doch die eigentliche Bewährung – die Hinnahme der Niederlage – steht dem alten Mann noch bevor. Haie fallen den Fisch an. Santiago versucht verzweifelt, sie zu verscheuchen, aber diesmal ist er der Unterlegene. Als er, dem physischen Zusammenbruch nahe, den Strand erreicht, hängt nur noch das Skelett des großen Fisches an der Bootswand. Santiago legt sich schlafen, umsorgt von Manolin, der tief bewegt etwas von der menschlichen Größe ahnt, die der Tapferkeit seine alten Freundes innewohnt.
Textzitat: “Wenigstens der Wind ist unser Freund, dachte er. Dann fügte er hinzu, manchmal. Und die große See mit unseren Freunden und unseren Feinden. Und mein bett, dachte er. Mein bett ist mein Freund. Ja, mein Bett, dachte er. Das Bett wird wunderbar sein. Es ist einfach, wenn man geschlagen ist, dachte er. Ich wusste niemals, wie einfach es ist. Und was hat dich geschlagen? dachte er. „Nichts“, sagte er laut. „ich bin zu weit hinausgefahren.“
Zur Interpretation
Und gleich ein anderes: „Aber der Mensch darf nicht aufgeben ... Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.“ Dieser Grundsatz des alten Fischers, der, vom Glück verlassen, den letzten großen Kampf seines Lebens kämpft, ist die zur lapidaren Kürze zugespitzte Verhaltensmaxime, der sich Hemingways Protagonisten, noch in der Niederlage ihre persönliche Würde bewahrend, unterwerfen. Die Geschichte des einsamen Zweikampfs Santiagos mit dem Fisch erscheint fast mythisch – als Gleichnis vom ewigen Kampf des Menschen mit der Natur - , als Parabel von der moralischen Unbesiegbarkeit des wahren Helden. Santiagos Verlassenheit, seine zerschundenen Hände und die Szene, in der er, wie Christus am Kreuz, den Mast seines Bootes den Strand hinaufträgt, lassen auch an Christus erinnern, wie einige Interpretationen behaupten. Einige Kritiker vermuteten in dem werk auch eine parabolische Selbstdarstellung des Autors, des alternden literarischen Matadors, der noch einmal den großen Kampf aufnimmt.
Kurz nach Erscheinen von The old man and the sea schien es, als habe Hemingway damit einen Sieg über jene Kritiker errungen, die nach dem Fehlschlag von Über den Fluß und in die Wälder (1950) sein Talent für erschöpft hielten. Der Kurzroman wurde enthusiastisch als Meisterwerk begrüßt und in der Begründung für die Verleihung des Nobelpreises (1954) besonders erwähnt. Inzwischen hat die Kritik strengere Maßstäbe angelegt und darauf hingewiesen, dass das Werk eine fast an Selbstparodie grenzende Wiederholung des einst revolutionären Hemingway-Stils darstelle, dass der Versuch, spanische Dialog- und Satzrhythmen im Englischen nachzuahmen, forciert wirke und dass sich trotz der betonten Kargheit in Sprache und Darstellungsmittel sentimentale Töne eingeschlichen hätten. Trotzdem ist das Buch eine bewegende und fesselnde Geschichte von männlicher Tapferkeit und eines der repräsentativen amerikanischen Erzählwerke der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Anmerkungen:
Das Buch wurde 1958 unter der Regie von John Sturges auch verfilmt. Es liegt in diversen Ausgaben, auch als rororo-Taschenbuch vor. Ich – Jahrgang 1957 – sah den Film als Kind, so mit 6, und schlief dabei ein. Ich las das Buch in der Schule, lobte es wegen seiner Kürze –*g* - und vergaß es lange Zeit. Jetzt habe ich es wieder einmal gelesen. Ich muß sagen, es gefällt mir immer besser, für mich ist es nicht Hemingways Meisterwerk aber neben den großen Romanen und einigen Short-Stories ein wesentlicher Teil seines Gesamtwerkes.
Zum Autor:
1899 Ernest Miller Hemingway wird am 21. Juli in Oak Park, einem Vorort von Chicago, geboren.
1913 Besucht die Oak Park Highschool; er ist ein Versager beim Football, schreibt aber für die Schülerzeitung.
1917 Erste Stelle als Reporter beim "Kansas City Star".
1918 Fährt Krankenwagen beim Amerikanischen Roten Kreuz in Italien.
Am 8. Juli bei Fossalta verwundet. Verliebt sich in einem Mailänder Krankenhaus in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky.
1919 Widerwillige Heimkehr, geht oben in Michigan seiner Mutter aus dem Weg.
1920 Reporter beim "Toronto Star Weekly".
1921 September: Heirat mit Hadley Richardson.
November: Abreise nach Paris, wo er Auslandskorrespondent des "Toronto Star" wird.
1922 Schreibt Kurzgeschichten, lernt Gertrude Stein kennen, die ihn in seiner Arbeit ermutigt. Auf dem Weg zu Ernest in die Schweiz verliert Hadley den Koffer mit seinen Manuskripten auf dem Bahnhof.
1923 Erste Spanienreise, erster Stierkampf, Geburt des ersten Sohn John und erstes veröffentlichtes Buch: Three Stories and Ten Poems.
1925 Der Kurzgeschichtenband In Our Time (In unserer Zeit) erscheint, die Frucht von fünf Jahren Arbeit. Nach der Fiesta in Pamplona beginnt er The Sun Also Rises (Fiesta).
1926 Lernt F. Scott Fitzgerald und den Scribner's Lektor Max Perkins kennen. Scribner's veröffentlicht The Sun Also Rises. Erster literarischer Erfolg.
1927 Lässt sich für Pauline Pfeiffer von Hadley scheiden. Der Kurzgeschichtenband Men Without Women (Männer ohne Frauen) erscheint.
1928 Verlässt Paris, mietet ein Haus in Key West. Geburt des zweiten Sohnes Patrick. Selbstmord des Vaters. Schreibt in Key West und auf verschie- denen Ranchen in Wyoming an A Farewell to Arms (In einem anderen Land).
1929 A Farewell to Arms erscheint.
1930 Arbeit an Death in the Afternoon (Tod am Nachmittag) in Key West und auf der L-T-Ranch in Wyoming.
1931 Kauft ein Haus in Key West. Geburt des dritten Sohnes Gregory.
1932 Death in the Afternoon erscheint.
1933 Winner Take Nothing (Der Sieger geht leer aus) erscheint. Erste Safari in Afrika.
1935 Green Hills of Africa (Die grünen Hügel Afrikas) erscheint.
1936 Arbeit an To Have and Have Not (Haben und Nichthaben) in Wyoming, Kuba und Key West.
1937 To Have and Have Not erscheint; im Spanischen Bürgerkrieg Korrespondent auf der republikanischen Seite, Mitarbeit am Propagandafilm Spanish Earth.
1938 The Fifth Column (Die fünfte Kolonne) - ein Stück über den Spanischen Bürgerkrieg - und The First 49 Stories erscheinen.
1939 Trennung von Pauline, lebt mit Martha Gellhorn auf Kuba. Schreibt in Paris, Kuba, Key West, Wyoming und Sun Valley (Idaho) an For Whom the Bell Tolls (Wem die Stunde schlägt).
1940 For Whom the Bell Tolls erscheint. Heirat mit Martha Gellhorn. Sie beziehen die Finca Vigía auf Kuba.
1941 Martha und er besuchen als Auslandskorrespondenten China und den Fernen Osten.
1942 Bewaffnet sein Boot Pilar, um in der Karibik deutsche U-Boote zu suchen.
1944 Kriegsreporter für das Magazin "Collier's". Fliegt mit der RAF und nimmt an der Befreiung von Paris teil, besonders der Bar des Ritz. Sammelt Material für Islands in the Stream (Inseln im Strom).
1945 Scheidung von Martha.
1946 Heirat mit Mary Welsh. Sie wohnen auf Kuba.
1948 Europareise. Verliebt sich in Venedig in Adriana Ivancic.
1949 Beginnt Across the River and Into the Trees (Über den Fluss und in die Wälder) und The Garden of Eden (Der Garten Eden), das erst 1986 veröffentlicht wird.
1959 Across the River and Into the Trees erscheint. Erste wirklich schlechte Kritiken. Arbeit an Islands in the Stream (1970 veröffentlicht) und beginnt The Old Man an the Sea (Der alte Mann und das Meer).
1952 The Old Man and the Sea erscheint und stellt seinen Ruf wieder her.
1953 Pulitzer Preis für The Old Man and the Sea.
1954 Januar: Verfrühte Nachrufe nach zwei Flugzeugabstürzen in Norduganda. Oktober: Nobelpreis für Literatur.
1955 Beginnt ein afrikanisches Tagebuch, das 44 Jahre später als True at First Light (Die Wahrheit im Morgenlicht) veröffentlicht wird.
1956 Im Pariser Hotel Ritz entdeckte alte Tagebücher werden zur Grundlage von A Moveable Feast (Paris - ein Fest fürs Leben), das 1964 erscheint.
1958 Verlässt Kuba und mietet ein Haus in Ketchum (Idaho).
1959 Schreibt ein langes Manuskript über den direkten Wettstreit (mano a mano) zwischen den Stierkämpfern Ordonez und Dominguin, das 1960 in "Life" erscheint und 1985 als das Buch The Dangerous Summer (Gefährlicher Sommer).
1960 Zwei Selbstmordversuche. Elektroschocktherapie in der Mayo-Klinik.
1961 Im Januar entlassen. Nach neuem Selbstmordversuch im April wieder in der Klinik. Am 26. Juni als geheilt entlassen. Selbstmord am 2. Juli. Auf dem Friedhof von Ketchum bestattet.
Quelle: Palin, Michael: Hemingways Reisen.
Haffmans Verlag, ARTE EDITION, Zürich 1999
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-13 16:55:25 mit dem Titel Zum 50. Mal noch wunderbar!
Johann Wolfgang von Goethe: Faust. der Tragödie 1. und 2. Teil
1) Persönliche Vorbemerkung
2) Daten
3) Entstehungsgeschichte
4) Handlung Faust 1
5) Handlung Faust2
6) Kurz zur Werkdeutung
7) Persönliches Schlusswort
1) Persönliche Vorbemerkung
In knapp einer halben Stunde beginnt in ?3SAT? die Aufzeichnung von Faust 1 in einer fast 5-stündigen Fassung in der Regie von Peter Stein aus Hannover. Morgen folgt in über acht Stunden der Faust 2. Ungeschnittener, komplet-ter wird man Faust nicht mehr sehen. Ich feiere damit ein persönliches Jubiläum: damit habe ich nun nach zahllosen Lesungen Faust zum 50. Mal gesehen. Ihr lest richtig ? zum 50. Mal. Von Gründgens zu Heyme, von Kreza zu Strehler, von Reinhardt bei den Salzburger Festspielen 1933 (natürlich nur in einer Filmaufzeichnung) bis zu Peter Stein. Schauspieler wären zu viele zu nennen.
Für mich ist Faust ein Geniestreich und ein ewig-junges Stück, fernab von der Fadesse, mit der ihn deutsch-Lehrer in höheren Klassen oft behandeln. Darum einfach dieser Bericht.
2) Grunddaten
FAUST. Tragödie in zwei Teilen von Johann Wolfgang von GOETHE (1749?1832), Teil 1 erschienen 1808, Teil 2 1832; erste Aufführung von Teil 1 (einzelne Szenen): Schloß Monbijou, 24. 5. 1819; erste vollständige Aufführung: Braunschweig, 19. 1. 1829, Nationaltheater; Uraufführung von Teil II: Hamburg, 4. 4. 1854, Schauspielhaus; erste Gesamtaufführung beider Teile: Weimar, 6. und 7. 5. 1876, Großherzogl. Hoftheater.
3) Stoff und Entstehungsgeschichte
Der Faust-Stoff begegnete dem Dichter in zweierlei Gestalt: als Volksbuch, wahrscheinlich in der 1674 veröffentlichten Fassung des Nürnberger Arztes Johann PFITZER, und, schon in den Kindheitsjahren in Frankfurt, als Pup-penspiel, d. h. als einer der vielen Abkömmlinge von MARLOWES Doctor Faustus, der seinerseits eine erste, geni-ale Dramatisierung des Volksbuches darstellt. Dieses verschmolz die in schwankhafter Form überlieferten und um Sagenelemente bereicherten Zeugnisse über das Leben des Doktor Faustus (Anfang des 16. Jh.s) mit dem im Mittel-alter verbreiteten Motiv des Teufelsbundes. Indem es den wissensdurstigen Helden zum gottlosen Adepten schwar-zer Magie stempelte, wandte es sich von protestantisch-dogmatischem Standpunkt aus polemisch gegen das panreli-giös gestimmte Erkenntnisstreben der Zeit, wie es in den Schriften des PARACELSUS zu Worte kam.
Mit dem Beginn der Aufklärung wandelte sich das Faustbild: aus dem verruchten Apostaten und Gotteslästerer wurde ein lächerlicher Zauberkünstler und Obskurant. LESSING stellte, in herausfordernden Gegensatz zu GOTTSCHED und dessen Kreis, die Figur zum erstenmal in positivem Licht dar; in seinem Faust-Fragment (1759), das Goethe wohl schon in seiner Jugend las, wird der Held ans Schluß von Engeln gerettet. Die junge Generation des Sturm und Drang machte Faust zum Sprecher ihres titanischen Ich-und Freiheitsgefühls, das der Bevormundung durch religiöse Tradition und antimystische Ratio gleichermaßen spottete. Erst Goethe rückte die Gestalt auf eine Ebene jenseits tendenziös einseitiger Wertungen; damit wurde sie universaler, zugleich aber auch vieldeutiger.
Goethes Faust entstand in einem sechs Dezennien währenden, zeitweise auf Jahre unterbrochenen. nicht überall eindeutig zu erhellenden Schaffensvorgang; Partien des zweiten Teils, wie z. B. der Helena-Akt, waren schon ange-legt, als der Dichter noch am ersten Teil arbeitete. Ein erster dramatischer Entwurf, der die Gelehrtentragödie und die Gretchen-Tragödie noch unverbunden nebeneinanderstellt, entstand zwischen 1772 und 1775. Dieser Urfaust blieb nur in einer 1887 von Erich SCHMIDT wieder aufgefundenen und im gleichen Jahr von ihm herausgegebenen Abschrift des Weimarer Hoffräuleins Luise v. Göchhausen erhalten.
1790 veröffentlichte Goethe unter dem Titel Faust, ein Fragment eine Bearbeitung jenes ersten Entwurfs, deren Komposition deutlich den klärenden Einfluß der italienischen Reise erkennen läßt. Doch erst in den Jahren seiner Freundschaft mit SCHILLER, als sich in ihm ein intensives Interesse an kunsttheoretischen Problemen und ideellen Ordnungsprinzipien entzündete, fügte er den Prolog im Himmel und die Paktszenen hinzu, in denen sich nun das übergreifende Leitmotiv der Wette klar abzeichnete.
So entstand zwischen 1797 und 1806 Faust, 1. Teil. Vorwiegend ECKERMANN ist es zu danken, daß Goethe nach langer Pause die schon um 1800 entstandenen Bruchstücke des II. Teils wieder aufgriff und das Ganze zwischen 1825 und 1831 planmäßig, »durch Vorsatz und Charakter« (an W. v. Humboldt, 17. 3. 1832), aus der Sicht seiner nachklassischen Schaffensphase beendete, in der die Gegensätze von Klassik und Romantik sich ver-söhnten und in der auch seine Erfahrung als Staatsmann poetischen Ausdruck suchte. 1827 veröffentlichte Goethe in der Ausgabe letzter Hand den Helena-Akt mit dem Untertitel Klassisch-romantische Phantasmagorie, 1828 ebenda die Szenen am Kaiserhof. Noch vor seinem letzten Geburtstag versiegelte er das abgeschlossene Drama. Was die Vollendung des Werks, das in den letzten Jahren immer wieder in seinem Tagebuch das »Hauptgeschäft« genannt wurde, für Goethe bedeutete, bezeugen Briefe aus dieser Zeit und die Gespräche mit Eckermann; hier heißt es (6. 6. 1831): »Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen, und es ist jetzt im Grunde ganz einerlei, ob und was ich noch etwa tue.«
4) Handlung Faust 1
Dem Beginn der eigentlichen Handlung sind die lyrische Zueignung und zwei Vorspiele vorangestellt. In der Zueig-nung spricht sich Goethes Verbundenheit mit den Gestalten der Tragödie aus, die nach langen Jahren wieder vor seinem geistigen Auge erscheinen und zugleich mit der Erinnerung an seine jugendliche Schaffenszeit die Sehnsucht nach dem »stillen, ernsten Geisterreich« der Dichtung in ihm wachrufen: » Was ich besitze, seh? ich wie im Weiten, / Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.« Das Vorspiel auf dem Theater führt, ohne direkten Bezug auf das Stück, in einem Gespräch zwischen Schauspieldirektor, Dichter und Lustiger Person auf die Ebene gesellschaft-lich-merkantiler Realitäten als dem Bereich, in dem der Bühnendichtung zu wirken bestimmt ist. Der Prolog im Himmel schlägt mit dem Wechselgesang der Erzengel »das Motiv der großen allgemeinen Ordnung« an (E. Trunz): »Die Sonne tönt nach alter Weise / In Brudersphären Wettgesang, / Und ihre vorgeschriebne Reise / Vollendet sie mit Donnergang.« Er ist zugleich Exposition der Handlung: Mephisto wettet mit Gott, daß es ihm gelingen werde, Faust auf seine Wege herabzuziehen.
Die Ausgangssituation des Stückes ist die gleiche wie im Puppenspiel: der berühmte Anfangsmonolog zeigt Faust im nächtlichen Studierzimmer, unbefriedigt vom Studium der Wissenschaften, deren trockener, traditionsgläubiger Rationalismus in Famulus Wagner verkörpert erscheint. Er wendet sich der Magie zu. Doch hier schon entfernt sich die Tragödie entscheidend von dem vorgegebenen Stoff: Faust beschwört nicht satanische Mächte, die ihm Wissen, Macht und Genuß verschaffen sollen, sondern er ruft den Erdgeist, die wirkende Kraft der Natur, um durch ihn zur Teilhab. am Leben des göttlichen Alls zu gelangen. Vorn Erdgeist höhnisch in die Schranken gewiesen, überdies von der trockenen Pedanterie des herzueilendes Famulus angewidert, sieht der verzweifelte Faust irrt Freitod den letzten Weg zu vollkommener Seinserfahrung. Aber der Klang der Osterglocken und Auferstehungschöre, der in seine Studierstube dringt, hält ihn mit dem Zauber der Kindheitserinnerung zurück.
Die Umkehr in ein Leben naiver Unbefangenheit ist ihm jedoch versagt. Sein Osterspaziergang mit Wagner führt ihn unter feiernde Bürger und Bau-ern, deren selbstzufriedenes Behagen ihm sein Ungenügen an der Beschränktheit der menschlichen Existenz und an der Widersprüchlichkeit seines eigenen Wesens nur noch schmerzlicher bewußt macht: »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen.« Erst jetzt, nachdem die Gespaltenheit Fausts sichtbar gemacht ist, tritt Mephisto auf. Das Stichwort, das ihn auf den Plan ruft, ist Fausts Wunsch: »Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein, / und trüg? er mich in fremde Länder! / Mir sollt? er ? um die köstlichsten Gewänder. 1 Nicht feil um einen Königsmantel sein.« Den Fähigkeiten Mephistos skeptisch gegenüberstehend, fügt Faust in den Pakt mit ihm eine bedeutsame Klausel ein, die das Bündnis in eine Wette verwandelt: »Werd? ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! 1 Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will Ich gern zu Grunde gehn!« Damit bleibt der Ausgang offen, wird das bloße Schauerspektakel zum Drama. Im Teufelspakt gipfelt die Einsicht Fausts in sein Unvermögen, aus eigener Kraft zur Welterkenntnis zu gelangen.
In den folgenden beiden Szenen werden die Unzulänglichkeiten des Lehrens und Lernens ironisch beleuchtet: der Dialog zwischen dem als Faust verkleideten Mephisto und einem ratsuchenden Studenten ist eine witz-sprühende Satire auf die Hochschulfakultäten. Ein wüstes studentisches Saufgelage in Auerbachs Keller in Leipzig, wohin Mephisto Faust auf seinem Zaubermantel führt, illustriert Mephistos Ansicht von der Intelligenz des Men-schen: »Er nennt?s Vernunft und braucht?s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu Sein.« ?
Die folgende Szene, Fausts Verjüngung in der Hexenküche, ein Vorgang, der mit augenscheinlichem Behagen am absurden, aus Tief-sinn, Satire und Obszönität gemischten Spiel dargestellt ist, bildet das Präludium zur Gretchen-Tragödie. Faust er-blickt in einem Zauberspiegel das Bild Helenas, das ihn zu glühendem Begehren entzündet. In Gretchen wird diese Vision (in der sich zugleich die künftige Erscheinung Helenas andeutet) Wirklichkeit. Faust begegnet diesem kindlich unschuldigen und selbstsicheren Geschöpf in einer mittelalterlichen Kleinstadt. Er bedrängt Mephisto, ihn mit Gretchen zusammenzuführen.
Die Unbedingtheit, mit der Faust das Mädchen ohne Rücksicht auf dessen Bindungen an Familie und Tradition für sich fordert, ist von vornherein unheilträchtig. Daß er Mephistos Beihilfe in Anspruch nimmt, führt zur Katastrophe: das Schlafmittel für Gretchens Mutter, vor der Fausts nächtliche Besuche verheimlicht werden müssen, wirkt tödlich; Valentin, Gretchens Bruder, der die Entehrung der Schwester rächen will, fällt durch Mephstos Eingreifen im Kampf mit Faust; Gretchen tötet in Verzweiflung das Kind, das sie geboren hat, und endet im Kerker. Und doch zeigen sich in Gretchens Tragödie die Grenzen der Macht des Bösen, deutet sich die Allmacht der Liebe an, die auch Faust vor dem endgültigen Anheimfallen an dieses Böse retten wird.
Gretchen, von Faust verführt, Mörderin der Mutter und ihres Kindes, mitschuldig am Tode des Bruders, ist dennoch unantastbar in der ihrem Wesen eigenen Unschuld, und Mephistos Worte » Über die hab? ich keine Gewalt« lassen erkennen, daß sie seine eigentliche Gegenspielerin ist. Fausts sinnliche Begierde in Liebe wandelnd und sein besseres Selbst weckend, droht sie, Mephisto auch die Gewalt über ihn zu rauben. Im tiefsten Abfall von ihrer Lebensordnung verliert Gretchen doch nie wirklich die Verbindung mit ihr, und dem letzten Zugriff des Bösen entzieht sie sich mit der Flucht in diese Ordnung: »Gericht Gottes! dir hab? ich mich übergeben! ... Dein bin ich, Vater! rette mich!« ?
In die Gretchen-Tragödie ist Bild der Dämonie des Geschlechtlichen die surrealistisch anmutende Szenenfolge, die »romantische« Walpurgisnacht auf dem Blocksberg, eingefügt. Als Theater im Theater wird Oberons und Titanias Goldene Hochzeit aufgeführt, eine an die Adresse der literarischen Gegner Goethes gerichtete Persiflage, zugleich aber auch vorausdeutender Hinweis auf das Thema der Vereinigung von Norden und Süden, Romantik und Klassik, das ins Helena-Akt des zweiten Teils Gestalt wird.
5) Handlung Faust 2
Die Handlung diesen Teils setzt in einer Nochgebirgsszenerie völlig neu ein. Faust erwacht als ein von schwerer seelischer Zerrüttung Genesener aus dem Schlaf des Vergessens, in den ihn Ariel und seine ätherische Geisterschar versenkten. Die Szene Weist auf den Prolog im Himmel zurück; auch sie spielt im Bereich kosmischer Mächte, die hier jedoch in ihrer Wirkung auf den Menschen gezeigt werden: Faust erlebt im Traumschlaf ihre Heilkraft, er erfährt ihre vernichtende Gewalt am »Flammenübermaß« der aufgehenden Sonne; er wendet sich geblendet ab und erkennt am Bild des Regenbogens, der sich im Gischt des Wasserfalls bildet, »bald reingezeichnet, bald in Luft zerfließend«, daß dem Menschen das Absolute nur im Schleier des Vergänglichen erträglich und daß der Raum seiner Existenz das »Farbige« ist, der Zwischenbereich von Licht und Dunkel: »Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.«
Nach diesem Vorspiel tritt Faust, nun wieder in Begleitung Mephistos, am kaiserlichen Hof auf, in der Welt politisch-sozialen Handelns. In einem allegorischen Maskenzug, an dem Faust als Pluto, Gott des Reichtums, teilnimmt, weitet «ich die Szene zum bunten Bild des menschlichen Lebens. Am Beispiel des plutonischen Goldes, des legitimen Reichtums, dem die Poesie zugesellt ist, und dem Gegenbeispiel des inflationistischen Papiergeldes, mit dem Mephisto die Finanzmisere des Staates beheben zu können vorgibt, wird das Verhältnis des Menschen zu Besitz und Macht als den beiden Angelpunkten politisch-ökonomischen Lebens erhellt. Auf Wunsch des Kaisers beschwört Faust die Urbilder menschlicher Schönheit, Paris und Helena.
Mit diesem Vorgang, im Volksbuch ein bloßes Zauberkunststück, setzt hier ein Geschehen von vielschichtiger Symbolik ein, in dem die Wechselbeziehungen von Kunst und Leben, Idee und Realität, Schaffendem und Geschaffenem, von nordischer und mediterraner Geistigkeit, von Chaos und Form, Geschichte und Gegenwart Gestalt werden. Faust beschwört das antike Paar mit Hilfe eines Dreifußes, den er, von Mephisto mit einem Zauberschlüssel versehen, aus dem »Reich der Mütter«, der gestaltenträchtigen Tiefe der Urbilder, heraufholt. Hingerissen von der Schönheit Helenas, will er die Truggestalt an sich ziehen, doch ein betäubender Schlag streckt ihn zu Boden. Der Versuch, die Schönheit der hellenischen Klassik gewaltsam in die Gegenwart zu zwingen, kann nicht gelingen: die vollendete Form der Antike bleibt leblo-ses Phantom, wenn nicht der schöpferische Eros sich den Geist des Griechentums anverwandelt und den Schatten des Vergangenen aus den Bildekräften der Natur zu neuer Wirklichkeit belebt.
Der folgende Akt bereitet das Erscheinen der wiedergeborenen wahren Gestalt Helenas vor, in deren Begegnung mit Faust sich das Drama zu einem seiner Gipfel erhebt. Das Thema der Verwirklichung Helenas weitet sich, mit zahllosen anderen Motiven verknüpft, zu dem des Werdens überhaupt. Der Beginn des zweiten Akts zeigt das alte Studierzimmer Fausts. Ein ironischer Dialog zwischen dem als Gelehrter verkleideten Mephisto und dem zum Baccalaureus aufgerückten Studenten knüpft an die Schülerszene des ersten Teils an. Wagner, der zu hohen akademischen Ehren gelangte Famulus Fausts, erzeugt im Laboratorium ein »artig Männlein« in einer Phiole, Homunculus, Bild der Entelechie des Menschen. Das Experiment wird durch Mephistos Hinzutreten auf nicht näher bezeichnete Weise vollendet. Faust wohnt dem Vorgang bei, auf einem Lager bewußtlos »hingestreckt«, d. h. im Zustand imaginativer Schau.
Homunculus, die reine Geistigkeit, die es drängt, Gestalt zu werden, erkennt Fausts Sehnsucht nach dem Urbild griechischer Schönheit und wird nun, ihm und Mephisto in seiner Phiole voranschwebend, Wegweiser zur »klassischen« Walpurgisnacht. In dieser Nacht, die auf der thessalischen Ebene und in den Buchten der Ägäis vorhomerische Fabelwesen, Götter und gespenstisch-bizarre Zwittergestalten, antike Philosophen und Naturgottheiten zusammenführt und im mitternächtigen Meeresfest zu einem Preisgesang an die vier Elemente und den allbeherrschenden Eros gipfelt, geht jeder der drei Partner seinen eigenen Weg.
Mephisto, der sich auf klassischem Boden nicht zu Hause fühlt, verwandelt sich in Phorkyas, die urhäßliche Ungestalt, als die er Helenas Gegenpart sein wird. Faust macht sich, von Chiron geleitet, auf, um Helena im Hades von Persephone zu erbitten. Homunculus stürzt sich, seine Verleiblichung suchend, ins Meer als dem Element proteischer Verwandlungen, wo die gläserne Hülle seiner schwebenden Geistigkeit am Triumphwagen der Liebesgöttin Galatea zerschellt.
»Die Klassische Walpurgisnacht ist mit dem Wogen ihrer Gestaltenfülle zu Ende gegangen. Der Vorhang senkt sich und hebt sich wieder. ... Das Fest des Eros am Ende der Walpurgisnacht war wie ein Zeugen des Schönen. Und jetzt ist es gleichsam geboren, Helena ist erschienen.« (E. Trunz) »Trunken von des Gewoges regsamem 1 Geschaukel« betritt sie, vom Strande kommend, griechischen Boden. Sie, deren Gestaltwerdung dreifach bewirkt wurde: durch den zur Verkörperung bereiten Geist, die umgestaltenden Kräfte der Natur, wie sie sich im Geschehen der klassischen Walpurgisnacht verkörpern, und das in den Tiefen des Erinnerns bewahrte Bild der klassischen Schönheit.
Eines der Hauptthemen des zweiten Teils, die Synthese polarer Lebens- und Kunsttendenzen, beginnt sich im dritten, dem sogenannten Helena-Akt, mit ihrem Erscheinen in großen Zügen zu entfalten. Raum und Zeit werden in die kontrapunktische Figuration dessen, was Goethe in einem sehr weiten Sinn das »Klassische« und das »Romantische« nannte, einbezogen.
Helena, die mit einem Gefolge gefangener trojanischer Mädchen nach Mykene zurück-kehrt und dort der Phorkyas, Verwalterin des verlassenen Palastes, begegnet, repräsentiert die Welt des antiken Griechenland; Faust, der als germanischer Heerführer das herrenlose Sparta besetzt hat, die des nordischen Mittelal-ters. In der Begegnung zwischen ihm und Helena, die aus Furcht vor Menelaos Rache mit ihrem Gefolge unter Phorkyas Führung in Fausts Burg flüchtete, vollzieht sich metaphorisch die wechselweise Durchdringung beider Bereiche. Die Synthese zwischen der seelischen Erlebniskraft des »romantischen« Nordens und dem Formsinn der griechischen Klassik wird in einem Dialog, in dem Helena von Faust die Kunst des Reimens Symbol des inneren Einklangs erlernt, zartestes Bild.
Der Vereinigung entspringt ein Sohn, Euphorion. Sein feuriger Erlebnisdrang, sein todes-trunkener Höhenflug lassen ihn als den Genius der Poesie erscheinen, wie Goethe ihn in der faszinierenden Gestalt BYRONs am reinsten verkörpert sah; und die Totenklage für den im Augenblick zum Jüngling ge-reiften Knaben, der dem Untergang in der Schlacht entgegenfliegt, gilt auch dem Dichter, der 1824 auf griechischem Boden starb. Mit der Anspielung auf Byron, den Zeitgenossen Goethes, wird eine neue Zeitdimension, die Gegenwart des Dichters, einbezogen, so daß, wie Goethe selbst sagte, der Helena-Akt drei Jahrtausende in sich faßt.
Helena folgt ihrem Sohn in den Tod. Faust bleibt nur ihr Gewand, das sich zur Wolke wandelt und ihn hinwegträgt. Auf einem Hochgebirge kehrt er zur Erde zurück (vierter Akt).
Wieder setzt das Drama ganz neu ein. Nur die Wolke, die Faust getragen hat und die, sich auflösend, flüchtig die Umrisse Helenas und Gretchens annimmt, vergegenwärtigt ihm noch einmal den unvergänglichen Gewinn seiner Vergangenheit: » Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form, / Löst sich nicht auf; erhebt sich in den Äther hin / Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.« Es drängt Faust zu »großen Taten«: er will dem Meer durch Dammbauten fruchtbares Land abzwingen. Mit Hilfe der drei Gewaltigen Raufebold, Habebald und Haltefest von Mephisto bestellter dämonischer Kreaturen, führt er in einer Schlacht zwischen dem kaiserlichen Heer und dem des Gegenkaisers den Sieg des angestammten Herrschers herbei und wird zum Dank mit einem Küstenstreifen belehnt, an dem er seinen Plan zu verwirklichen beginnt
(fünfter Akt). Die Hütte des friedlichen alten Paares Philemon und Baucis, die seinem Anspruch auf unein-geschränktes Verfügungsrecht im Wege ist, wird von Mephistos Helfershelfern, mittelbar jedoch durch Fausts Schuld, niedergebrannt, wobei die beiden unschuldigen Alten den Tod finden. Noch einmal wird, wie in den Gret-chen-Szenen, die Zwiespältigkeit der faustischen Natur sichtbar. Im Sinne einer moralischen Vervollkommnung ist Faust keinen Schritt weiter als am Anfang. Aber in den Worten, die wie der späte Widerruf seines Wunsches nach einem Zaubermantel klingen, kündigt sich das Ende seiner Bindung an Mephisto an: »Könnt? ich Magie von mei-nem Pfad entfernen, / Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, / Stünd? ich, Natur, vor dir ein Mann allein, / Da wär?s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.« Hundertjährig, von der Sorge, die ihn mit Blindheit schlägt, heimge-sucht, treibt Faust dennoch ungebrochen sein Werk voran, während schon die Lemuren unter Mephistos makaber-ironischer Anleitung sein Grab schaufeln. Im Wahn, das große Unternehmen gehe seiner Vollendung entgegen, »das Geklirr der Spaten« gelte dem unternommenen Graben«, bekennt er, den Augenblick höchsten Glücks zu genießen: »Solch ein Gewimmel möcht? ich sehn, / Auf freiem Grund mit freiem Volke steh´n. / Zum Augenblicke dürft? ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön/ / Er kann die Spur von meinen Erdetagen / Nicht in Äonen untergehn. ? / Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß? ich jetzt den höchsten Augenblick.« Damit ist nach dem Wortlaut des Vertrages sein Leben verwirkt und seine Seele in Mephistos Gewalt gegeben. Faust sinkt tot nieder, und Mephisto wacht mit seinen satanischen Gehilfen an seiner Leiche, um der den Körper verlassenden Seele habhaft zu werden. Er glaubt, die Wette gewonnen zu haben, doch eine himmlische Heerschar schwebt rosenstreuend hernieder und entführt Fausts »Unsterbliches«. ? In einer Schlußszene, die sich christlich-mittelalterlicher Bildsprache be-dient, steigt Fausts Entelechie in hierarchisch gestufte geistige Regionen auf; von den von Anachoreten bewohnten Bergschluchten bis zum »blauen, ausgespannten Himmelszelt«, dem Mantel der Gottesmutter, reichend, sind sie weltimmanent, nicht transzendentes Jenseits. Hier spricht der Chor der Engel die Verse, in denen, nach Goethes eigenen ? von anderen Äußerungen allerdings widerlegten ?Worten »der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten« ist (Goethe zu Eckermann, 6. 6. 1831): »Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen. / Und hat an ihm die Liebe gar/ Von oben teilgenommen, / Begegnet ihm die selige Schar / Mit herzlichem Willkommen.« Dem Streben nach »immer höherer und reinerer Tätigkeit« kommt (»von oben«) die »Liebe« helfend entgegen. Fausts Weiterleben nach dem Tode ist jedoch nicht »ewige Seligkeit« im traditionell christlichen Sinn; es ist neues, gestei-gertes Wirken, eine sich in ewiger Bewegung vollziehende Wandlung, ein aufsteigendes »Umarten« der Entelechie.
6) Kurz zur Werkdeutung
Die Ausweitung des Stoffes steht mit der grundlegend gewandelten Konzeption der beiden Protagonisten und ihres Verhältnisses zueinander in innerem Zusammenhang. In der Gestalt Fausts weitet sich das Teilphänomen des soge-nannten »faustischen« Menschen zum Phänomen des Menschen überhaupt.
Als »Knecht
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 10:05:08 mit dem Titel Der reine Tor!
Die Wüste ist aus gelbem Mehl. Groteskgedichte (Hammerschlag, Peter)141 Seiten - Zsolnay, Erscheinungsdatum: 1997; ISBN: 3552048294
Nur wenige werden ihn kennen: peter Hammerschlag geboren 1905 in Wien, tritt ab 1939 als kabarettist auf und wird einer der produktivsten und originellsten Dichter des literarischen Kabaretts der 30er Jahre. Nach dem "Anschluß" Österreichs wird er nach Ausschwitz verschleppt, wo er vermutlich 1942 den Tod findet. Außer wenigen Gedichten gibt es zu Lebzeiten keine Publikationen in Zeitschriften. Eine erste Textausgabe erschien erst 1972. In der Bibliothek Wiederaufnahme österreische Literatur des 20. Jahrhunderts erschien 1991 ein Band "Groteskgedichte", auf den sich dieser Bericht bezieht. (Verlag Jungbrunnen, wien, München 1991; Linzenzausgabe mit Genehmigung des Paul Zsnolnay Verlages Wien/Darmstadt, 81 Seiten). Es gibt auch Video mit gerhard Bronne/Elfriede Ott, die einige Gedichte und Szenen in den Wiener kammerspielen zur Aufführung brachten.
"Seine ganze Art war aus der Art" wurde er einmal charakterisiert. Hammerschlags Gedichte und Songs - von seinen Kabarettszenen ist leider nur "Von der Lüneburger Heide und der simmeringer Had" erhalten geblieben - zeichnen sich zumeist durch eine überaus verblüffende, radikale Bildwahl und groteske, skurille Vorstellungskraft aus, die humorlose Geister wahrscheinlich als dekadent bezeichnen würden. Er schreibt mir also aus der Seele.
Zu den Groteskgedichten zählt etwa "Eia Popeia", in dem der Säugling nüchterne, ja eiskalte Antworten auf die einschmeichelnden Töne und den auch klagenden und anklagenden Monolog der verlassenen Mutter gibt.
"Pfeift durch das Lädchen - na was denn? - der Wind,
Wieget ein Mädchen - na was denn? - sein Kind ...
Weißt du, mein Kleines, um Märzveilchen blau?
Weißt du, um Lieben, auf lenzjunger Au?
Weißt du, wie glühend die falschheit küßt?
weißt nicht einmal, wo dein Vater ist!
Denkt sich der Kleine: wie Vater wohl heißt?
eia popeia, wenn du es nicht weißt!
Sehnst dich nach Vater? Er tat von uns gehn ...
Einsamer Weg durch der Leute Gehöhn!
Kennst du der Schande dornige Kron?
Schlafe, mein Liebes, was weißt du davon ...?
Denkt sich das Liebe: Er tat von dir gehn?
Eia popeia, das kann ich verstehn!
Schlafe, mein Schäfchen, es ist ja schon spät ...
Habe kein Quentchen Elektrizität!
Weißt du von Qualen in einsamer Nacht?
Weißt du, was du mir für Schmerzen gemacht?
Denkt sich das Schäfchen: mir reißt die Geduld!
Eia popeia, jetzt bin ich noch schuld!
Liegts du, mein Armes, auf ärmlichen Pfühl ...
weißt du um wasser, so tief und so kühl?
Weißt du um Ruhe nach endloser Qual?
Einmal ihn sehn noch, ein einzige Mal!
Drauf sagt das Arme - nicht sehr infantil:
Spring schon ins Wasser und red nicht so viel!
Weißt du, mein Kind, was das Herz mir zerreißt?
Weißt du vielleicht auch, was Heimweh heißt?
kennst du die reue und höllisches Weh?
kennst du das Häuschen am Michigansee?
Weißt, wieviel Sternlein am himmlischen zelt ...?
Eia popeia! ... - Das Hurenkind bellt ..."
Einige Texte kreisen umm den Tod (nachruf auf einen messerstecher, Zirkusreferat), mit anderen wollte er bewußt schockieren oder provoziere, wie in den allerorginellsten der "Weihnachtsdirne" oder der "Forellensusi".
"Mein Susi versteht sich aufs Wasser!
selbst die Fischlein beneiden sie bald.
ich liege am ufer als nasser
Bewunderer ihrer Gestalt.
Heut ist sie spazieren geschwommen,
und Stunden und Stunden vergehn ...
ich frag die Forellen beklommen:
'habt ihr nicht mein Susi gesehn?'
'Du trägst nach Schön-susi verlangen?
Schön-susi glich uns zu sehr!
man hat sie geangelt ... gefangen ...
Du findest Schön-Susi nicht mehr...'
Im Schwimmtrikot, triefend und triste,
So stürz ich zum Seeblick-hotel -
und seh, wie ein bankprokuriste
Mein Susi grad frißt, der Gesell!
Er grinst voll teuflischem Hohen,
zerteilt mit dem Messer mein Glück.
Sie trägt statt der Märtyrerkrone
Im Maul ein Zitronenstück ...
Tags drauf fand man den prokuristen
Erstochen, in schwärzlichem Blut.
Am dorffriedhof, ganz unter Christen,
Dort schläft er jetzt relativ gut.
Doch ich hab kein ruhiges Stündchen,
Mir liegt Schön-susi im Sinn.
Ich seh stets ein todblasses Mündchen
mit einer Zitrone darin."
Auch das erotische kam bei Peter hammerschlag in Annäherung an den Expressionismus nicht zu kurz. "Die Schwergewichts-Maitresse" sei dafür ein Beispiel mit der zeile "Wer nie mit Steinbruch Unzucht trieb,
der ahnt nicht, wie sich mich begrub."
Seine gestalten sind Messerstecher, Huren, Matrosen, Zirkusleute, abgewiesene Liebhaber, verlassene Mädchen, Kaffehaushocker und Wirtshausgeher.
immer wieder gibt es leise Melancholie in seinen Gedichten, "ein armer kleiner jud, der kein scharfes Messer hat". So im "liebslied an ein Proletariermädchen", in dem es die Spittelberg Buam, die vulgären, gewalttätigen bei den Mädchen haben als er. hammerschlag bleibt auf Distanz, "bringt süße Mehlspeis' und muß betteln: sei mir ein bisserl gut."
Auch der "abschiedsbrief des poetisch veranlagten stubenmädchens Lisi an ihren Elektriker" schlägt in die gleiche Kerbe.
es gibt aber auch Gedichte, die an morgenstern, kafka oder Kubin erinnern. seine tiergedichte von seehunden, pekinesen, Möpsen, Mäusen, krokodilen, Nilpferden, Affen, Hyänen, Max dem dachs, Arnold dem nervösen Karnickel, über das stinktier Klein-skunks, der sich nicht waschen läßt, dem jungen Hund, der nicht in seine haut paßt oder dem trauigen Löwen im Zoo, der ein telegramm aus der sahara bekommt, daß ihm ein Sohn geboren wurde, seien dafür Beispiele.
Hammerschlag schreibt Wienerisch und mit jiddischem, ungarischen oder böhmischen Einschlag (ungarische Schöpfungsgeschichte Die Ballade vom
Lustmörder Alois Blawatschek), ein Vorgänger des legendären Herrn Karl von Helmuth Qualtinger).
zum abschluß, vielleicht haben ja alle mitbekommen, daß Peter Hammmerschlag zu meinen Lieblingsdichter zählt noch das gedicht:
Portrait eines trottels (Widmung nicht einmal mit den Anfangsbuchstaben; es kennt ihn jeder)
"Der Trottel schritt zur Bergeshöh,
Da stand am Wege eine Fee.
Ihr leib, der war wie Elfenbein,
Ihr Haar von rotem Golde fein,
Dazu ihr blaues Augenpaar,
Das wie der frühlingshimmel war.
Sie sprach zu ihm:'mein Knabe du,
ich bin die fee, drum hör mir zu.
Warts fleißig, lieb und brav dabei,
dafür steht jetzt ein Wunsch dir frei.
Verlang von mir, was die gefällt!
Willst du Erfolg? Berühmtheit? Geld?
Willst du am End ein Mägdelein?
Soch ich wohl deine Liebste sein?'
da zog der Trottel seinen Hut
und sprach servil, doch wohlgemut:
'Wie spät ist's denn, ich bitte schön?
was-zehne schon? Dann muß ich gehn!'
der Trottel zieht des Wegs fürbaß.
die Fee steht da und ist ganz blaß."
ich wünsche viel Spaß beim lesen und dem Buch viele Leser.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 08:56:45 mit dem Titel Da kommt jeder auf den grünen Zweig!
Stefan Zweig: Balzac
Stefan Zweigs letztes Werk, das sein Hauptwerk werden sollte, ist eine tiefe Verbeugung vor dem Literaten Balzac. Eine „Sternstunde der Menschheit“ sollte geschildert werden und dadurch ein Stück Menschheit selbst. Eine erlebte, erlittene, erschriebene comédie humaine ist es auch geworden, und beim Lesen bekommt man Lust, die werke Balzacs nochmals vorzunehmen. Aber diese „große Balzac“, der 1920 publiziert wurde, ist nicht nur das unvollendete „magnum opus“ Stefan Zweigs, nicht nur der Ausdruck der Bewunderung für einen großes Vorbild, sondern zugleich ein fesselnder Roman, gerade weil er auch die kleinen und großen Schwächen eines Genies, die Arbeit und Anstrengung, den Kampf und die Herausforderung des schöpferischen Menschen nicht unerwähnt lässt.
Obwohl flüssig und interessant geschrieben, ist es doch kein Buch für ein schnelles, unaufmerksames Darüberhinweglesen; manches sollte man zweimal, oder noch öfter lesen, immer wieder wird man Neues entdecken, das einem bis dahin entgangen war. Bei zweiten Mal Lesen lässt man sich weniger vom Erzählfluß mitreißen und erfährt dadurch sehr vieles, nicht nur über Balzac sondern auch über das Problem des Schriftstellers in seiner Zeit, seinen Kampf um Anerkennung und, in diesem speziellen Fall, seine Situation als Hanswurst der Gesellschaft und großer Literat zugleich.
Schon einmal hatte sich Stefan Zweig mit dem Problem des Genies beschäftigt: in der „Schachnovelle“; dort war es der dumpf-einfältige Schachkünstler im Kampf gegen den Intellektuellen, der das Schachspiel nur als Rettung vor der Langeweile in der Gestapohaft gebraucht hatte: hier geht es um den Kampf des Dichters um Geld, Liebe, Anerkennung und Vollendung seines Genies und seines von seiner Zeit noch nicht verstandenen Werkes. Beide Bücher verdienen einen Ehrenplatz in jeder Bibliothek, als ausgezeichnete Darstellung dieses Problems.
Balzac. Eine Biographie.
von Stefan Zweig
Preis:* DM 28,91
EUR 14,78
Taschenbuch - Fischer-TB.-Vlg.,Ffm
ISBN: 3596221838
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 09:20:55 mit dem Titel Die Klitoris hat doppelt soviel Nerven wie ein Penis!
Diese und viele andere derartige Fakten findet man im Buch und im Stück "Vagina Monologe" von Eve Ensler. Ich habe das Stück in London im New Ambassodords Theatre gesehen. Die Inszenierung (falls man von einer solchen sprechen kann, denn drei Damen auf Barhockern teilten sich einfach den Text) war Irina Brown; es spielten Pam ferris, Josette Simon und Jerry Hall, manchen noch als Ex-Frau von Rolling-Stone Mick Jagger bekannt.
Die Autorin:
Eve Ensler ist Dramatikerin, Lyrikerin, Drehbuchautorin und in der Frauenbewegung aktiv. Als Dramatikerin schrieb sie Stücke wie "The Depot", "Floating Rhoda and the Glue Main", "Extraordinary Measures" "Lemonade" und "Ladies and Scooncat". Die Stücke wurden in vielen Staaten gespielt, sie erhielt auch sehr viele Preise. Bekannt geworden ist sie aber durch ihre "Vagina Monologe".
Der Inhalt:
200 Frauen unterschiedlichen Alters, Herkunft, Berufes und Familienstandes hat Eve Ensler zu ihrer Vagina interviewt: Wenn sie sprechen könnte, was würde sie sagen? Wenn deine Vagina sich anziehen würde, was würde sie tragen? Sie gibt damit eine Anregung zur weiblichen Selbsterkenntnis, eine Aufforderung an alle Frauen, den eigenen Weg zur Lust zu finden. Gleichzeitig ist dies ein entschiedenes Plädoyer gegen sexuelle Gewalt. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Ausdrucksweisen der Befragten geben dem Buch eine lebendige Vielfältigkeit. Witz und Leichtigkeit stehen neben Traurigem und Erschütterndem. Die Vagina-Monologe wurden zwei Jahre lang in einem New Yorker Off-Broadway-Theater gespielt. In Deutschland läuft das Stück Anfang 2000 im Staatstheater in Stuttgart und an vielen anderen Bühnen.
Was soll ich sagen, das Stück, das ich sah, dauerte 80 Minuten und ich habe viel glernt, viel gelacht, nachher mit meiner Freundin viel diskutiert und auch vieles gehört, was mich betroffen machte: etwa wenn eine bosnische Frau aus einem Flüchtlingslager über ihre Vergewaltigungen berichtete. Oder der Bericht einer75jährigen, die ihre Scham und ihre verdrängte Lust beschreibt, die sie durch negative Erfahrungen bis zum Tag des Interviews verdrängt hatte. Kein bißchen pornografisch, hier muß ich alle, die sich das erwarten enttäuschen, oft sehr berührend, vieles in den Mund nehmend, worüber noch immer zu wenig gesprochen wird: falsche Scham, Orgasmus-Probleme, Männer (was würde die Vagina sagen "Langsamer/Slow down).
Klar ist es kein tiefgründiges Werk, kein wissenschaftliches Stück oder Buch. Aber ist es nicht an der Zeit, auch über Vaginas und Penisse zu lachen? Jedenfalls war das Nachahmen der unterschiedlichen Orgasmen bei Katholen, Juden. Mohamedanern, überrraschten, lebhaften etc. Frauen einfach zum brüllen.
Natürlich ist vieles auch echt amerikanisch: die Ausrufung eines V-Tags, die Abhaltung von V-Workshops und das immer wieder eingeforderte Herausbrüllen des Wortes "Vagina" etwa. Ich halte das Werk trotzdem für sehr wichtig und kann nur empfehlen: anschauen und/oder lesen.
Die Vagina- Monologe.
von Eve Ensler; Preis: DM 24,80; EUR 12,68
Gebundene Ausgabe - 116 Seiten - Ed. Nautilus, Hamburg, Erscheinungsdatum: 2000
ISBN: 3894013451
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 10:39:52 mit dem Titel Die Prosa des reinen Toren!
Die Affenparty (Hammerschlag, Peter), 176 Seiten - Zsolnay, Erscheinungsdatum: 2001; ISBN: 3552051643
Ich komm von ihm nicht los. Vor wenigen Wochen ist unter dem namen "Die Affenparty" gesammlete Prosa von Peter Hammerschlag erschienen. (Verlag Paul Zsolnay, Wien mit 11 Zeichnungen des Autors, herausgegeben von Volker Kaukoreit und Monika Kiegler-Griensteidl, 167 Seiten, ATS 298,--)
Das Buch ist wichtig, es enthält einen sehr ausführlichen und dem Stand der neuesetn Forschung entsprechenden Lebenslauf des Autors (einige Daten am Ende meines Berichts), Quellenangaben und Anmerkungen. Außerdem ist es die erste umfangreiche Sammlung an Prosa von Peter Hammerschlag, von dem nur 1984 einmal 5 Geschichten in Buchform publiziert wurden. Aber schön der Reihe nach.
Peter Hammerschlag (1902-1942) wurde zunächst als Kabarettist und Lyriker wiederentdeckt. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum der Stadt Wien 1997 machte auf ihn als Grafiker und zeichner aufmerksam. 1984 erschien eine Hammerschlag-sammlung "Steif weht die Brise von der Postsparkassa. Groteskgedichte und Gelegenheitsprosa", mit eben den fünf kurzen Prosatexten. Allein im Nachlaß, der sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet, lassen sich rund 100 weitere Prosatexte nachweisen. Vieles davon blieb bis heute unpubliziert, einiges ist in nicht immer eindeutig identifizierbaren Zeitungen und Zeitschriften - etwa im Unterhaltungsblatt "Wiener Magazin" veröffentlicht worden. Der vorliegende Band präsentiert nun 21 Texte.
Zumeist handelt es sich um zeitkritische humorvolle Geschichten mit ironischen, satirischen, grotesken, selten zynischen Inhalten. Manches sind Auftragsarbeiten, um Zeilenhonorar zu lukrieren, oft rasch im Kaffehaus auf kleine Zettel oder rechnungen geschrieben. Viele von Hammerschlags Lieblingsthemen tauchen wieder auf, nur das lasziv-obszöne und makabre kaumt kaum vor. Viele Geschichten sind aus den Blickwinkeln von Kindern und Tieren erzählt, die Welt des Theatres, Films und der Musik kommt prominent vor mit ihren Diven, Heroen und Moden vom Vamp (Marlene Dietrich) bis zu einem fiktiven und sehr skurilen Auftritt der Mickey Maus in Wien. Der Autor mokiert sich über den "americasn way of life", über Trendsetter, Naturisten (er nennt sie zynisch Naturheiler), Rationalisten und Fortschrittsoptimisten. Die Geschichten sind damit auch moderner, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Er erzählt wie der Mensch auf den Hund und der Hund auf den Menschen, die Menschen zurück zum Affen und der Affe auf die Höhe des modernen Menschen kommen kann. Ein weiteres Hauptthema ist die Liebe und der aussichtlose Kampf zwischen den Geschlechtern.
Hammerschlag ist auch ein genauer Beobachter des Alltags in Schul- und Bürosituationen, in der marktschreierischen Erscheinung eines Straßenverkäufers oder bei der Fahrt in der Wiener Straßenbahn. Hammerschlag stellt dabei seine Figuren bloß, indem er ihre Schwächen ausbreitet und mit Witz, Dummheit, Oberflächlichkeit, Ignoranz und Selbstverkennung geißelt. Dabei spart er auch nicht mit Selstironie - viele Figuren etwa der Held in "Blamage in Hellbrunn" oder der malträtierte Journalist in "Mickey Maus in Wien" tragen autobiographische Züge.
leider ist es, anders als bei den Gedichten, nicht möglich, ganze Geschichten im Wortlaut zu bringen, das würde den Rahmen wirklich sprengen, ein paar Passagen möchte ich aber doch bringen:
Aus "Der kleine Marathonläufer". " DER KLEINE BUB RENNT; RENNT; RENNT ...
Er ist böse dran, und die Angst, die er in sich trägt, ist zehnmal größer als er selbst.
Die Großen, um deren Knie er große Bögen macht und deren mantelzipfel seine Schultern streifen, haben gar keine Ahnung, wie ihm zumute ist. Viele von den Erwachsenen, deren manche ihm nachknurren oder entgegenlächeln, werden vielleicht heute auch zu spät kommen. Aber selbst der böseste Bureauvorstand kann nicht so schauen wie der Herr Lehrer. Und die großen werden sich heute an höchstens einem halben Dutzend schadenfroher Bureaukollegen vorbeizudrücken haben...
Nach ihm aber, dem Kleinsten und Schwächsten der Hastenden und doch schon zum Zuspätkommen-Verdammten, werden sich 56 Schulbuben umdrehen, und ein gedämpftes 'Uh!' wird durch die Klasse gehen! Weil er in dieser Woche schon zum dritten Mal zu spät kommen wird.
Er rennt verzweifelt. (...)
Und an der nächsten Ecke fliegt der federkasten aus der Schultasche, er hat obenauf gelegen. Und der deckel fährt aus der Rinne, und Federhalter, Bleistift, alles, rollt, klappert, rasselt auf das feuchte Trottoir. Federhalter und Bleistift erwischt er noch, bevor sie über den Rand des Steiges gerollt sind, er hat sich fast auf den Bauch geworfen. (...)
Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät? Es ist eine kindische Hoffnung, aber der, der sie hegt, ist ja auch noch ein Kind. Vielleicht gehen die schwarzen und goldenen Zeiger falsch? Und der hagere, große herr, der eben vorübereilt, hört von unten irgend ein Stammeln, sieht ein rotes, schmutziges, schweißnasses Kleinbubengesicht, mit angstgeweiteten Fischaugen und nassem Karpfenmund ...
(...)
Er pfaucht irgend etwas, seine Abschiedsverbeugung reißt ihn fast um, er beginnt wieder zu rennen, zu rennen, zu rennen ...
Die Türe des Klassenzimmers ist schon geschlossen. Nur die Stimme des lehrers klingt heraus."
Zum Schluß, wie versprochen, noch etwas Biographie zu Peter Hammerschlag:
27. 6. 1902 Peter Hermann Hammerschlag wird als Sohn jüdischer Eltern Viktor (Hals-, Nasen-, Ohrenarzt) und Hedwig (geb. Buinzl) Hammerschlag in Wien geboren.
2.9. 1908 Peter Hammerschlag und seine Mutter werden romisch-katholisch getauft.
Gymnasium, Matura
1921-1929 P.H. besucht ein semester den lehrgang Buch- und Illustrationsgewerbe, studiert Kunstgeschichte. Er verfaßt Mittelschulrevuen. Diverse Schreib- und Zeichenaufträge. Erste illustrierte Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften.
Dez. 1929 - Mitte 1930: Aufenthalt in Berlin. Auftritte im "Küka" (Künstlerkaffee), einem kabrettistischen Kleinunternehmen
7.11.1931 Stella Kadmon eröffnet die Kleinkunstbühne "Der liebe Augustin". Peter Hammerschlag arbeitet dort als Hausautor, "Blitzdichter", Conférencier und Schauspieler bis Herbst 1935. Er schreibt auch Texte für andere Bühnen wie "Stachelbeere" und "Österreichische Volksbühne".
1935-1938: P.H. erscheint in den Programmen bekannter Wiener Kleinkunstbühnen auf. "ABC", "literatur am Naschmarkt", "Kleinkunst in den Collonaden".
Juli 1938 die Familie wird aus ihrer Wohnung verwiesen
August 1938: P.H. reist nach Jugoslawien aus.
November 1938: Ausweisung aus Jugoslawien und Rückkehr nach Wien.
Jänner 1939: Im Programmhet des "Wiener Werkel" erscheint Peter Hammerschlags Name das letzte Mal auf (bis September 1939)
1939: "Die wunderbaren Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen", eine von P.H. in Versen gefaßte Münchhausiade erscheint als einzige selbständige Publikation zu Lebzeiten im Leipziger Trenkler-verlag. (Wer weiß, wo ich die bekomme, dringend Mail schicken).
19.9.1941-15.6.1942: Zwangsarbeit im "ersatzpflegemagazin - Leergutsammelstelle" der deutschen Wehrmacht im Wiener Prater.
Juni 1942: Eltern werden am 20.6. deportiert, P.H. taucht unter. Als er die Wohnung verläßt, wird er auf der Straße verhaftet.
17.7.1942: datum des Deportationstransportes mit dem P. H. nach Ausschwitz gebracht wird. Das Datum seiner Ermordung ist unbekannt.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-12 19:15:39 mit dem Titel William Shakespeare: hamlet. Bin ichs oder nicht!
Hamlet
Ich bleib wieder einmal bei den Klassikern. Diesmal nehme ich mir Hamlet von William Shakespeare (1564-1616) vor. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen, doch bitte ich trotzdem um ein wenig Lesegeduld.
Die Einteilung
1) Vorbemerkung/Stoff und Werkgeschichte
2) Der Inhalt
Exkurs über Hamlets Charakter
3) Thema und Problematik
4) Die Sprache des Werkes
5) Aufnahme des Werkes
6) Was mag buhsi am Hamlet
7) Ende und Schluß mit Ausgaben, Verfilmungen und ein paar Standardwerken
1) Vorbemerkung/Stoff und Werkgeschichte
Das Werk hießt im Original The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke (übersetzt: Die tragische Geschichte Hamlets, des Prinzen von Dänemark). Es handelt sich dabei um eine Tragödie in fünf Akten in Versen und Prosa, die etwa um 1600 entstanden sein soll. Der Erstdruck (Quarto I) stammt von 1603, die erste belegte Aufführung vom Juli 1602 in London. Die Grundlage für heutige Ausgaben des Dramas bildet aber nicht Quarta I, ein weitgehend auf die Kriminalstory reduzierter Raubdruck, sondern der sorgfältig redigierte Text von Quarto II (1605), ergänzt durch die Folio-Ausgabe von 1623. Die stellenweise willkürliche Einteilung in fünf Akte nahm überhaupt erst eine Quarto-Ausgabe von 1676 vor.
Der Stoff ist alt. Shakespeare ist auch alt, aber der Stoff ist noch älter. Mit im wesentlichen den gleichen Personen und Handlungselementen findet er sich im dritten Buch von SAXO GRAMMATICUS: GESATA DNORUM (begonnen etwa 1185). Als Shakespeares unmittelbare Quelle gilt eine erweiterte Bearbeitung der Sage in FRANCOIS DE BELLEFORTS: HISTOIRES TRAGIQUES (1582). Ein nicht überliefertes Hamlet-drama, das wegen seiner offensichtlich zahlreichen Beziehungen zu KYDS: THE SPANISH TRAGEDY diesem zugeschrieben wird, erscheint 1589 in London Stadtgespräch gewesen zu sein. Sicher ist, dass 1594 eine – wohl mit dieser identische – Hamlet-Tragödie in dem auch von Shakespeares Truppe bespielten Newington Butts Theatre aufgeführt wurde, und mit größter Wahrscheinlichkeit hat Shakespeare auf sie zurückgegriffen.
Zum Leidwesen vieler Schüler ist Hamlet mit 4.000 Zeilen, von denen 40 Prozent auf die Titelgestalt fallen (deshalb ist sie so sehr von Schauspielern geliebt und gefürchtet), Shakespeares längstes Drama. Macbeth ist etwa nur halb so lang. Außerdem ist es das problematischste Drama des Autors. Es hat zahllose Deutungen erfahren und fordert noch immer zu neuen Interpretationsversuchen heraus. Während meines Studiums (Theaterwissenschaften) habe ich gelernt, daß täglich rund 100 Artikel zu Hamlet erscheinen. Aus diesem Schatz schöpfen heute noch die Deutschlehrer, meist aber nur aus wenigen Büchern, eine komplette Interpretationsgeschichte kann wegen der Fülle des Materials gar nicht wirklich geschrieben werden. Ich finde dann immer – jeder hat recht – meistens stimmt es sogar. Jedenfalls ist Hamlet die erste der großen Tragödien und markiert einen Wendepunkt im Schaffen Shakespeares. Das Grundmodell der Handlung entstammt dem Rachedrama SENECAS, wie es von KYD, MARLOWE, PEELE und anderen für die englische Bühne weiterentwickelt wurde.
2) Der Inhalt
Die wichtigsten Personen
Hamlet
Claudius, sein Onkel
Gertrud, seine Mutter
Polonius, Hofmeister
Ophelia, Tochter des Polonius
Laertes, Sohn des Polonius
Rosenkrantz, Höfling
Guildenstern, Höfling
Horatio, Hamlets Freund
Fortinbras geg, Prinz von Norwegen
Prinz Hamlet wird vom Geist seines Vaters, des vormaligen Königs von Dänemark, beauftragt, für den an ihn begangenen Meuchelmord Rache zu nehmen. Ziel soll Claudius sein, der Bruder des Ermordeten und jetziger Inhaber des Thrones, der jetzt mit Gertrude, der Mutter Hamlets in (nach Renaissance-Begriffen) inzestuöser Ehe lebt. Hamlet gelobt Rache. Jetzt folgt kein Krimi (für manche leider). Die Hauptfrage des Dramas ist nicht wie und gegen welche Hindernisse Hamlet sein versprechen einlöst, sondern die entscheidende Frage, ob er es überhaupt einlöst. Es geht also um den inneren Konflikt des Helden. Das erklärt auch die vielen (7) Monologe Hamlets.
Dieser Konflikt war (und ist so spannend, dass auch das keineswegs sehr gebildete Publikum der Shakespeare-Zeit stundenlang, teilweise stehend im Theater aushielt, um dem verschlungenen, oft auf der Stelle tretenden, von sieben langen Monologen des Prinzen unterbrochenen Gang des Dramas zu folgen. Einen Spannungseffekt gibt es jedoch. Hamlet stellt sich aus taktischen Gründen wahnsinnig und tritt damit fast in einer Doppelrolle auf.
Träger der Handlung sind zwei Familien, die königliche und die des Hofmeister Polonius. Die Handlung selbst spielt auf engstem Raum – in Schloß Elsinor und in nächster Umgebung – aber umfasst sehr verschiedene Personenkreise, wie Hof, Militärs, Schauspieler, Totengräber und Studenten. Beide Familien sind am Ende ausgelöscht, tot. Zu jeder dieser zwei Familien gehört eine Frau, zu der Hamlet in tiefer emotionaler Beziehung steht. Gerade diese Beziehungen bestimmen wesentlich den Gang der Handlung. Da gibt es Hamlets Mutter, über deren Mitschuld am Königsmord weder für Hamlet noch für den Zuschauer je Klarheit herrscht. Und da gibt es Ophelia, die Hamlet liebt und die ihn liebt. Er jedoch stößt sie von sich, tötet ihren Vater Polonius und treibt sie dadurch mittelbar – ich würde fast sagen unmittelbar – in den Wahnsinn und in den Selbstmord durch Ertrinken. Ophelia hat jedoch einen Bruder, Laertes, der von Claudius zu unlauteren Kampfmethoden überredet Hamlet ersticht.
Hamlets unmittelbarer Gegenspieler ist jedoch Claudius, ein redegewandter Diplomat mit gewinnenden Manieren und speziellen Abhörpraktiken. Claudius ist aber auch ein Mann, dem Heuchelei so zur zweiten Natur geworden ist, dass er selbst im Gebet keine Reue aufbringen kann. (DIE WORTE FLIEGEN AUF, DER SINN HAT KEINE SCHWINGEN). Claudius ist aber auch ein Machtmensch, der andere – Ophelia, die Höflinge, Rosenkrantz und Guildenstern, mit deren Hilfe Hamlets Gesinnung ausspioniert werden soll – als Werkzeuge benutzt. Er kämpft nicht mit dem Schwert sondern mit Gift. Folgerichtig versucht er Hamlet aus der Welt zu schaffen, indem er ihn in Begleitung von Rosenkrantz und Guildenstern mit einem verräterischen Brief nach England schickt.
Hamlet versucht die Schuld des Königs zweifelsfrei ans Licht zu bringen, indem er vor dem Hof ein Schauspiel aufführen lässt. Das Modell dazustammt von einem 1592 in Italien geschehenen Mordfall, bei dem ein Marquese Alfonso Gonzago von seinem Neffen umgebracht wurde. Claudius verrät sich tatsächlich, aber Hamlet zieht nicht sofort Konsequenzen.
Exkurs über Hamlets Charakter
Dieses Zaudern lässt sich nicht einfach aus Hamlets Charakter erklären: denn Hamlet ist, obwohl seine Verwandtschaft mit der zur Zeit Shakespeares beliebten literarischen Figur des Melancholikers zwar unverkennbar ist und er sich selbst im Zorn als solchen schmäht, kein introvertierter Träumer, kein unentschlossener Schwächling. Ophelia rühmt an ihm nicht nur DES HOFMANNS AUGE, DES GELEHRTEN ZUNGE sondern auch DES KRIEGERS ARM. Auch Fortinbras, der ihn mit kriegerischen Ehren zu bestatten befiehlt, ist überzeugt, dass Hamlet UNFEHLBAR SICH HÖCHST KÖNIGLICH BEWÄHRT hätte. Daß Hamlet gezielt und entschlossen handeln kann, erfahren Rosenkrantz und Guildenstern, die er dem ihm selbst zugedachten Tod ausliefert, Polonius, den er in der Meinung, es sei der ihm nachspionierende König, wie EINE RATTE ersticht, und am Ende der König selbst, den der Prinz zuvor, als er ihn im Gebet findet, verschont, um nicht dem Mörder zu einem Platz im Himmel zu verhelfen, während der IN SEINER SÜNDEN MAIENBLÜTE getötete Vater in ewiger Verdammnis schmachtet.
Hinweise auf die Hintergründe seines Zauderns und seines sprunghaften, oft irrationalen Reagierens geben bereits Hamlets erste Auftritte. Er hält sich beim königlichen Staatsempfang, als einziger in Trauerkleidung, am Rande der versammelten Gesellschaft, und seine ersten Worte sind ein leises Beiseitesprechen. Er ist ein Außenstehender, der dem Augenschein nicht traut, - eine Eigenschaft, die sich in der Szene seiner Begegnung mit dem Geist bestätigt. Diese Begegnung spielt sich räumlich, zeitlich und geistig an Grenzen ab: an der Grenze zweier Elemente (am Meer), an der Grenze zwischen Tag und Nacht und an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. Das ist ein genaues Bild von Hamlets innerer Situation. Sein von Zweifeln geprägtes Bewußtsein steht auch an Grenzen – an der Grenze zwischen von tradierten Verhaltensvorschriften (Blutrache) und dem Glauben an eine überirdische Gerechtigkeit gesicherte Daseinsform und einer bis zum Zynismus kritischen Lebenshaltung, die dem Individuum die Hauptlast der Verantwortung für den Zustand der Welt aufbürdet. Und diese Welt ist für ihn zutiefst verrottet, wie die Mitteilung des Geistes ihm blitzartig klarmacht. DIE ZEIT IST AUS DEN FUGEN; SCHMACH UND GRAM, DASS ICH ZUR WELT, SIE EINZURICHTEN, KAM.
So ist Hamlets Wahnsinn nicht nur bewusst gewählte Clownmaske, die ihm erlaubt, schlimme Wahrheiten öffentlich zu äußern, sondern auch Ausdruck der abgebrochenen Kommunikation mit der normalen, als bösartig und heuchlerisch befundenen Umwelt. Ophelia, Hamlets Spiegel- und Gegenbild – auch sie entzieht sich dem Normalen – taucht im Wahnsinn aus der schmerzhaften Helle des Bewußtseins in die Traumzone des Unbewussten und damit in ihren eigentlichen Daseinsraum unter wie in das Wasser des Flusses, in dem sie, blumenbekränzt und singend, unter Weidenbäumen hinabtreibt, ehe sie versinkt. WIE EIN GESCHÖPF GEBOREN UND BEGABT FÜR DIESES ELEMENT.
Hamlet gelangt aber erst im Wahn-Sinn zur vollen Klarheit seines Denkens, und diese schockartige, überdeutliche Einsicht in das Böse, Verworrene unter der Oberfläche des glatten Scheins, die jähe Konfrontation mit dem Tod, die Skepsis selbst gegenüber dem eigenen Denken, das, bei Licht betrachtet, EIN VIERTEL WEISHEIT NUR UND STETS DREI VIERTEL FEIGHEIT hat – sie sind es, die ihm die unbedachte Spontaneität rauben. Daher haben Horatio, der verlässliche Freund, ein von keinem Zweifel geplagter Stoiker, Rosenkrantz und Guildenstern, die austauschbaren Produkte einer konventionskonformen Erziehungsdressur, der geschwätzige alte Polonius, der Kalenderspruchweisheiten austeilt, ohne selbst danach zu handeln, als normale Spielarten der Gesellschaft neben ihrer unmittelbar dramatischen Funktion noch die, Hamlets Anderssein hervortreten zu lassen. Als markanteste Kontrastfigur steht ihm der junge Fortinbras gegenüber, der Prinz von Norweg
Oldie but goldie?
Der alte Mann und das Meer (amerikanisch The old man and the sea) ist ein Kurzroman – kaum mehr als 60 Seiten – von Ernest Hemingway. Erschienen 1952, neun Jahre vor seinem Tod, gehört es zu seinen Alterswerken. Mit dem Thema hat er sich schon lange herumgeschlagen, bereits 1936 erschien in der Zeitschrift Esquire ein Prosastück mit dem Titel On the Blue Water, in dem er vom Kampf eines alten Fischers mit einem riesigen Fisch erzählte. Diesen kurzen Text baute er dann später zu einem vollendeten werk aus, in dessen Mittelpunkt einer jener kubanischen Fischer steht, unter denen er selbst jahrelang gelebt hat, und das eine Apotheose jenes Heldentyps darstellt, dessen persönlichen Ehrenkodex er in seinen früheren Werken gefeiert hatte. Allein, einsam, stark, mutig, niemals, auch in der Niederlage nicht, aufgebend.
Der Inhalt
Der alte Santiago ist seit vielen Wochen, zunächst in Begleitung des ihn bewundernden Fischerjungen Manolin, dann allein, täglich aufs Meer hinausgefahren, ohne einen Fang zu machen. Nach 84 glücklosen Tagen steuert er, in der Hoffnung, einen großen Fisch zu fangen, weit in den Goldstrom hinaus. Als ein Schwertfisch, länger als Santiagos Boot, anbeißt, beginnt ein Kampf, der zwei Tage und zwei Nächte dauert und den der alten Mann in einsamer Tapferkeit durchsteht. Dabei führt er Selbstgespräche und wünscht sich den Jungen als Zeugen herbei, beschwört Erinnerungen an vergangene Bewährungsproben herauf und spricht sich selbst Mut zu. Das Duell mit dem Fisch, den Santiago nicht nur als ebenbürtigen Herausforderer respektiert, sondern dem er sich fast brüderlich verbunden fühlt, endet, als das erschöpfte Tier dem Boot, das es bereits meilenweit in den Ozean herausgezogen hat, zu nahe kommt. Santiago harpuniert den Fisch, vertäut ihn längsseits, setzt mit seinen von der Leine zerschnittenen Händen das Segel und beginnt die Beute, von deren Erlös er monatelang leben könnte, in Richtung Küste zu schleppen.
Doch die eigentliche Bewährung – die Hinnahme der Niederlage – steht dem alten Mann noch bevor. Haie fallen den Fisch an. Santiago versucht verzweifelt, sie zu verscheuchen, aber diesmal ist er der Unterlegene. Als er, dem physischen Zusammenbruch nahe, den Strand erreicht, hängt nur noch das Skelett des großen Fisches an der Bootswand. Santiago legt sich schlafen, umsorgt von Manolin, der tief bewegt etwas von der menschlichen Größe ahnt, die der Tapferkeit seine alten Freundes innewohnt.
Textzitat: “Wenigstens der Wind ist unser Freund, dachte er. Dann fügte er hinzu, manchmal. Und die große See mit unseren Freunden und unseren Feinden. Und mein bett, dachte er. Mein bett ist mein Freund. Ja, mein Bett, dachte er. Das Bett wird wunderbar sein. Es ist einfach, wenn man geschlagen ist, dachte er. Ich wusste niemals, wie einfach es ist. Und was hat dich geschlagen? dachte er. „Nichts“, sagte er laut. „ich bin zu weit hinausgefahren.“
Zur Interpretation
Und gleich ein anderes: „Aber der Mensch darf nicht aufgeben ... Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.“ Dieser Grundsatz des alten Fischers, der, vom Glück verlassen, den letzten großen Kampf seines Lebens kämpft, ist die zur lapidaren Kürze zugespitzte Verhaltensmaxime, der sich Hemingways Protagonisten, noch in der Niederlage ihre persönliche Würde bewahrend, unterwerfen. Die Geschichte des einsamen Zweikampfs Santiagos mit dem Fisch erscheint fast mythisch – als Gleichnis vom ewigen Kampf des Menschen mit der Natur - , als Parabel von der moralischen Unbesiegbarkeit des wahren Helden. Santiagos Verlassenheit, seine zerschundenen Hände und die Szene, in der er, wie Christus am Kreuz, den Mast seines Bootes den Strand hinaufträgt, lassen auch an Christus erinnern, wie einige Interpretationen behaupten. Einige Kritiker vermuteten in dem werk auch eine parabolische Selbstdarstellung des Autors, des alternden literarischen Matadors, der noch einmal den großen Kampf aufnimmt.
Kurz nach Erscheinen von The old man and the sea schien es, als habe Hemingway damit einen Sieg über jene Kritiker errungen, die nach dem Fehlschlag von Über den Fluß und in die Wälder (1950) sein Talent für erschöpft hielten. Der Kurzroman wurde enthusiastisch als Meisterwerk begrüßt und in der Begründung für die Verleihung des Nobelpreises (1954) besonders erwähnt. Inzwischen hat die Kritik strengere Maßstäbe angelegt und darauf hingewiesen, dass das Werk eine fast an Selbstparodie grenzende Wiederholung des einst revolutionären Hemingway-Stils darstelle, dass der Versuch, spanische Dialog- und Satzrhythmen im Englischen nachzuahmen, forciert wirke und dass sich trotz der betonten Kargheit in Sprache und Darstellungsmittel sentimentale Töne eingeschlichen hätten. Trotzdem ist das Buch eine bewegende und fesselnde Geschichte von männlicher Tapferkeit und eines der repräsentativen amerikanischen Erzählwerke der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Anmerkungen:
Das Buch wurde 1958 unter der Regie von John Sturges auch verfilmt. Es liegt in diversen Ausgaben, auch als rororo-Taschenbuch vor. Ich – Jahrgang 1957 – sah den Film als Kind, so mit 6, und schlief dabei ein. Ich las das Buch in der Schule, lobte es wegen seiner Kürze –*g* - und vergaß es lange Zeit. Jetzt habe ich es wieder einmal gelesen. Ich muß sagen, es gefällt mir immer besser, für mich ist es nicht Hemingways Meisterwerk aber neben den großen Romanen und einigen Short-Stories ein wesentlicher Teil seines Gesamtwerkes.
Zum Autor:
1899 Ernest Miller Hemingway wird am 21. Juli in Oak Park, einem Vorort von Chicago, geboren.
1913 Besucht die Oak Park Highschool; er ist ein Versager beim Football, schreibt aber für die Schülerzeitung.
1917 Erste Stelle als Reporter beim "Kansas City Star".
1918 Fährt Krankenwagen beim Amerikanischen Roten Kreuz in Italien.
Am 8. Juli bei Fossalta verwundet. Verliebt sich in einem Mailänder Krankenhaus in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky.
1919 Widerwillige Heimkehr, geht oben in Michigan seiner Mutter aus dem Weg.
1920 Reporter beim "Toronto Star Weekly".
1921 September: Heirat mit Hadley Richardson.
November: Abreise nach Paris, wo er Auslandskorrespondent des "Toronto Star" wird.
1922 Schreibt Kurzgeschichten, lernt Gertrude Stein kennen, die ihn in seiner Arbeit ermutigt. Auf dem Weg zu Ernest in die Schweiz verliert Hadley den Koffer mit seinen Manuskripten auf dem Bahnhof.
1923 Erste Spanienreise, erster Stierkampf, Geburt des ersten Sohn John und erstes veröffentlichtes Buch: Three Stories and Ten Poems.
1925 Der Kurzgeschichtenband In Our Time (In unserer Zeit) erscheint, die Frucht von fünf Jahren Arbeit. Nach der Fiesta in Pamplona beginnt er The Sun Also Rises (Fiesta).
1926 Lernt F. Scott Fitzgerald und den Scribner's Lektor Max Perkins kennen. Scribner's veröffentlicht The Sun Also Rises. Erster literarischer Erfolg.
1927 Lässt sich für Pauline Pfeiffer von Hadley scheiden. Der Kurzgeschichtenband Men Without Women (Männer ohne Frauen) erscheint.
1928 Verlässt Paris, mietet ein Haus in Key West. Geburt des zweiten Sohnes Patrick. Selbstmord des Vaters. Schreibt in Key West und auf verschie- denen Ranchen in Wyoming an A Farewell to Arms (In einem anderen Land).
1929 A Farewell to Arms erscheint.
1930 Arbeit an Death in the Afternoon (Tod am Nachmittag) in Key West und auf der L-T-Ranch in Wyoming.
1931 Kauft ein Haus in Key West. Geburt des dritten Sohnes Gregory.
1932 Death in the Afternoon erscheint.
1933 Winner Take Nothing (Der Sieger geht leer aus) erscheint. Erste Safari in Afrika.
1935 Green Hills of Africa (Die grünen Hügel Afrikas) erscheint.
1936 Arbeit an To Have and Have Not (Haben und Nichthaben) in Wyoming, Kuba und Key West.
1937 To Have and Have Not erscheint; im Spanischen Bürgerkrieg Korrespondent auf der republikanischen Seite, Mitarbeit am Propagandafilm Spanish Earth.
1938 The Fifth Column (Die fünfte Kolonne) - ein Stück über den Spanischen Bürgerkrieg - und The First 49 Stories erscheinen.
1939 Trennung von Pauline, lebt mit Martha Gellhorn auf Kuba. Schreibt in Paris, Kuba, Key West, Wyoming und Sun Valley (Idaho) an For Whom the Bell Tolls (Wem die Stunde schlägt).
1940 For Whom the Bell Tolls erscheint. Heirat mit Martha Gellhorn. Sie beziehen die Finca Vigía auf Kuba.
1941 Martha und er besuchen als Auslandskorrespondenten China und den Fernen Osten.
1942 Bewaffnet sein Boot Pilar, um in der Karibik deutsche U-Boote zu suchen.
1944 Kriegsreporter für das Magazin "Collier's". Fliegt mit der RAF und nimmt an der Befreiung von Paris teil, besonders der Bar des Ritz. Sammelt Material für Islands in the Stream (Inseln im Strom).
1945 Scheidung von Martha.
1946 Heirat mit Mary Welsh. Sie wohnen auf Kuba.
1948 Europareise. Verliebt sich in Venedig in Adriana Ivancic.
1949 Beginnt Across the River and Into the Trees (Über den Fluss und in die Wälder) und The Garden of Eden (Der Garten Eden), das erst 1986 veröffentlicht wird.
1959 Across the River and Into the Trees erscheint. Erste wirklich schlechte Kritiken. Arbeit an Islands in the Stream (1970 veröffentlicht) und beginnt The Old Man an the Sea (Der alte Mann und das Meer).
1952 The Old Man and the Sea erscheint und stellt seinen Ruf wieder her.
1953 Pulitzer Preis für The Old Man and the Sea.
1954 Januar: Verfrühte Nachrufe nach zwei Flugzeugabstürzen in Norduganda. Oktober: Nobelpreis für Literatur.
1955 Beginnt ein afrikanisches Tagebuch, das 44 Jahre später als True at First Light (Die Wahrheit im Morgenlicht) veröffentlicht wird.
1956 Im Pariser Hotel Ritz entdeckte alte Tagebücher werden zur Grundlage von A Moveable Feast (Paris - ein Fest fürs Leben), das 1964 erscheint.
1958 Verlässt Kuba und mietet ein Haus in Ketchum (Idaho).
1959 Schreibt ein langes Manuskript über den direkten Wettstreit (mano a mano) zwischen den Stierkämpfern Ordonez und Dominguin, das 1960 in "Life" erscheint und 1985 als das Buch The Dangerous Summer (Gefährlicher Sommer).
1960 Zwei Selbstmordversuche. Elektroschocktherapie in der Mayo-Klinik.
1961 Im Januar entlassen. Nach neuem Selbstmordversuch im April wieder in der Klinik. Am 26. Juni als geheilt entlassen. Selbstmord am 2. Juli. Auf dem Friedhof von Ketchum bestattet.
Quelle: Palin, Michael: Hemingways Reisen.
Haffmans Verlag, ARTE EDITION, Zürich 1999
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-13 16:55:25 mit dem Titel Zum 50. Mal noch wunderbar!
Johann Wolfgang von Goethe: Faust. der Tragödie 1. und 2. Teil
1) Persönliche Vorbemerkung
2) Daten
3) Entstehungsgeschichte
4) Handlung Faust 1
5) Handlung Faust2
6) Kurz zur Werkdeutung
7) Persönliches Schlusswort
1) Persönliche Vorbemerkung
In knapp einer halben Stunde beginnt in ?3SAT? die Aufzeichnung von Faust 1 in einer fast 5-stündigen Fassung in der Regie von Peter Stein aus Hannover. Morgen folgt in über acht Stunden der Faust 2. Ungeschnittener, komplet-ter wird man Faust nicht mehr sehen. Ich feiere damit ein persönliches Jubiläum: damit habe ich nun nach zahllosen Lesungen Faust zum 50. Mal gesehen. Ihr lest richtig ? zum 50. Mal. Von Gründgens zu Heyme, von Kreza zu Strehler, von Reinhardt bei den Salzburger Festspielen 1933 (natürlich nur in einer Filmaufzeichnung) bis zu Peter Stein. Schauspieler wären zu viele zu nennen.
Für mich ist Faust ein Geniestreich und ein ewig-junges Stück, fernab von der Fadesse, mit der ihn deutsch-Lehrer in höheren Klassen oft behandeln. Darum einfach dieser Bericht.
2) Grunddaten
FAUST. Tragödie in zwei Teilen von Johann Wolfgang von GOETHE (1749?1832), Teil 1 erschienen 1808, Teil 2 1832; erste Aufführung von Teil 1 (einzelne Szenen): Schloß Monbijou, 24. 5. 1819; erste vollständige Aufführung: Braunschweig, 19. 1. 1829, Nationaltheater; Uraufführung von Teil II: Hamburg, 4. 4. 1854, Schauspielhaus; erste Gesamtaufführung beider Teile: Weimar, 6. und 7. 5. 1876, Großherzogl. Hoftheater.
3) Stoff und Entstehungsgeschichte
Der Faust-Stoff begegnete dem Dichter in zweierlei Gestalt: als Volksbuch, wahrscheinlich in der 1674 veröffentlichten Fassung des Nürnberger Arztes Johann PFITZER, und, schon in den Kindheitsjahren in Frankfurt, als Pup-penspiel, d. h. als einer der vielen Abkömmlinge von MARLOWES Doctor Faustus, der seinerseits eine erste, geni-ale Dramatisierung des Volksbuches darstellt. Dieses verschmolz die in schwankhafter Form überlieferten und um Sagenelemente bereicherten Zeugnisse über das Leben des Doktor Faustus (Anfang des 16. Jh.s) mit dem im Mittel-alter verbreiteten Motiv des Teufelsbundes. Indem es den wissensdurstigen Helden zum gottlosen Adepten schwar-zer Magie stempelte, wandte es sich von protestantisch-dogmatischem Standpunkt aus polemisch gegen das panreli-giös gestimmte Erkenntnisstreben der Zeit, wie es in den Schriften des PARACELSUS zu Worte kam.
Mit dem Beginn der Aufklärung wandelte sich das Faustbild: aus dem verruchten Apostaten und Gotteslästerer wurde ein lächerlicher Zauberkünstler und Obskurant. LESSING stellte, in herausfordernden Gegensatz zu GOTTSCHED und dessen Kreis, die Figur zum erstenmal in positivem Licht dar; in seinem Faust-Fragment (1759), das Goethe wohl schon in seiner Jugend las, wird der Held ans Schluß von Engeln gerettet. Die junge Generation des Sturm und Drang machte Faust zum Sprecher ihres titanischen Ich-und Freiheitsgefühls, das der Bevormundung durch religiöse Tradition und antimystische Ratio gleichermaßen spottete. Erst Goethe rückte die Gestalt auf eine Ebene jenseits tendenziös einseitiger Wertungen; damit wurde sie universaler, zugleich aber auch vieldeutiger.
Goethes Faust entstand in einem sechs Dezennien währenden, zeitweise auf Jahre unterbrochenen. nicht überall eindeutig zu erhellenden Schaffensvorgang; Partien des zweiten Teils, wie z. B. der Helena-Akt, waren schon ange-legt, als der Dichter noch am ersten Teil arbeitete. Ein erster dramatischer Entwurf, der die Gelehrtentragödie und die Gretchen-Tragödie noch unverbunden nebeneinanderstellt, entstand zwischen 1772 und 1775. Dieser Urfaust blieb nur in einer 1887 von Erich SCHMIDT wieder aufgefundenen und im gleichen Jahr von ihm herausgegebenen Abschrift des Weimarer Hoffräuleins Luise v. Göchhausen erhalten.
1790 veröffentlichte Goethe unter dem Titel Faust, ein Fragment eine Bearbeitung jenes ersten Entwurfs, deren Komposition deutlich den klärenden Einfluß der italienischen Reise erkennen läßt. Doch erst in den Jahren seiner Freundschaft mit SCHILLER, als sich in ihm ein intensives Interesse an kunsttheoretischen Problemen und ideellen Ordnungsprinzipien entzündete, fügte er den Prolog im Himmel und die Paktszenen hinzu, in denen sich nun das übergreifende Leitmotiv der Wette klar abzeichnete.
So entstand zwischen 1797 und 1806 Faust, 1. Teil. Vorwiegend ECKERMANN ist es zu danken, daß Goethe nach langer Pause die schon um 1800 entstandenen Bruchstücke des II. Teils wieder aufgriff und das Ganze zwischen 1825 und 1831 planmäßig, »durch Vorsatz und Charakter« (an W. v. Humboldt, 17. 3. 1832), aus der Sicht seiner nachklassischen Schaffensphase beendete, in der die Gegensätze von Klassik und Romantik sich ver-söhnten und in der auch seine Erfahrung als Staatsmann poetischen Ausdruck suchte. 1827 veröffentlichte Goethe in der Ausgabe letzter Hand den Helena-Akt mit dem Untertitel Klassisch-romantische Phantasmagorie, 1828 ebenda die Szenen am Kaiserhof. Noch vor seinem letzten Geburtstag versiegelte er das abgeschlossene Drama. Was die Vollendung des Werks, das in den letzten Jahren immer wieder in seinem Tagebuch das »Hauptgeschäft« genannt wurde, für Goethe bedeutete, bezeugen Briefe aus dieser Zeit und die Gespräche mit Eckermann; hier heißt es (6. 6. 1831): »Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen, und es ist jetzt im Grunde ganz einerlei, ob und was ich noch etwa tue.«
4) Handlung Faust 1
Dem Beginn der eigentlichen Handlung sind die lyrische Zueignung und zwei Vorspiele vorangestellt. In der Zueig-nung spricht sich Goethes Verbundenheit mit den Gestalten der Tragödie aus, die nach langen Jahren wieder vor seinem geistigen Auge erscheinen und zugleich mit der Erinnerung an seine jugendliche Schaffenszeit die Sehnsucht nach dem »stillen, ernsten Geisterreich« der Dichtung in ihm wachrufen: » Was ich besitze, seh? ich wie im Weiten, / Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.« Das Vorspiel auf dem Theater führt, ohne direkten Bezug auf das Stück, in einem Gespräch zwischen Schauspieldirektor, Dichter und Lustiger Person auf die Ebene gesellschaft-lich-merkantiler Realitäten als dem Bereich, in dem der Bühnendichtung zu wirken bestimmt ist. Der Prolog im Himmel schlägt mit dem Wechselgesang der Erzengel »das Motiv der großen allgemeinen Ordnung« an (E. Trunz): »Die Sonne tönt nach alter Weise / In Brudersphären Wettgesang, / Und ihre vorgeschriebne Reise / Vollendet sie mit Donnergang.« Er ist zugleich Exposition der Handlung: Mephisto wettet mit Gott, daß es ihm gelingen werde, Faust auf seine Wege herabzuziehen.
Die Ausgangssituation des Stückes ist die gleiche wie im Puppenspiel: der berühmte Anfangsmonolog zeigt Faust im nächtlichen Studierzimmer, unbefriedigt vom Studium der Wissenschaften, deren trockener, traditionsgläubiger Rationalismus in Famulus Wagner verkörpert erscheint. Er wendet sich der Magie zu. Doch hier schon entfernt sich die Tragödie entscheidend von dem vorgegebenen Stoff: Faust beschwört nicht satanische Mächte, die ihm Wissen, Macht und Genuß verschaffen sollen, sondern er ruft den Erdgeist, die wirkende Kraft der Natur, um durch ihn zur Teilhab. am Leben des göttlichen Alls zu gelangen. Vorn Erdgeist höhnisch in die Schranken gewiesen, überdies von der trockenen Pedanterie des herzueilendes Famulus angewidert, sieht der verzweifelte Faust irrt Freitod den letzten Weg zu vollkommener Seinserfahrung. Aber der Klang der Osterglocken und Auferstehungschöre, der in seine Studierstube dringt, hält ihn mit dem Zauber der Kindheitserinnerung zurück.
Die Umkehr in ein Leben naiver Unbefangenheit ist ihm jedoch versagt. Sein Osterspaziergang mit Wagner führt ihn unter feiernde Bürger und Bau-ern, deren selbstzufriedenes Behagen ihm sein Ungenügen an der Beschränktheit der menschlichen Existenz und an der Widersprüchlichkeit seines eigenen Wesens nur noch schmerzlicher bewußt macht: »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen.« Erst jetzt, nachdem die Gespaltenheit Fausts sichtbar gemacht ist, tritt Mephisto auf. Das Stichwort, das ihn auf den Plan ruft, ist Fausts Wunsch: »Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein, / und trüg? er mich in fremde Länder! / Mir sollt? er ? um die köstlichsten Gewänder. 1 Nicht feil um einen Königsmantel sein.« Den Fähigkeiten Mephistos skeptisch gegenüberstehend, fügt Faust in den Pakt mit ihm eine bedeutsame Klausel ein, die das Bündnis in eine Wette verwandelt: »Werd? ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! 1 Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will Ich gern zu Grunde gehn!« Damit bleibt der Ausgang offen, wird das bloße Schauerspektakel zum Drama. Im Teufelspakt gipfelt die Einsicht Fausts in sein Unvermögen, aus eigener Kraft zur Welterkenntnis zu gelangen.
In den folgenden beiden Szenen werden die Unzulänglichkeiten des Lehrens und Lernens ironisch beleuchtet: der Dialog zwischen dem als Faust verkleideten Mephisto und einem ratsuchenden Studenten ist eine witz-sprühende Satire auf die Hochschulfakultäten. Ein wüstes studentisches Saufgelage in Auerbachs Keller in Leipzig, wohin Mephisto Faust auf seinem Zaubermantel führt, illustriert Mephistos Ansicht von der Intelligenz des Men-schen: »Er nennt?s Vernunft und braucht?s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu Sein.« ?
Die folgende Szene, Fausts Verjüngung in der Hexenküche, ein Vorgang, der mit augenscheinlichem Behagen am absurden, aus Tief-sinn, Satire und Obszönität gemischten Spiel dargestellt ist, bildet das Präludium zur Gretchen-Tragödie. Faust er-blickt in einem Zauberspiegel das Bild Helenas, das ihn zu glühendem Begehren entzündet. In Gretchen wird diese Vision (in der sich zugleich die künftige Erscheinung Helenas andeutet) Wirklichkeit. Faust begegnet diesem kindlich unschuldigen und selbstsicheren Geschöpf in einer mittelalterlichen Kleinstadt. Er bedrängt Mephisto, ihn mit Gretchen zusammenzuführen.
Die Unbedingtheit, mit der Faust das Mädchen ohne Rücksicht auf dessen Bindungen an Familie und Tradition für sich fordert, ist von vornherein unheilträchtig. Daß er Mephistos Beihilfe in Anspruch nimmt, führt zur Katastrophe: das Schlafmittel für Gretchens Mutter, vor der Fausts nächtliche Besuche verheimlicht werden müssen, wirkt tödlich; Valentin, Gretchens Bruder, der die Entehrung der Schwester rächen will, fällt durch Mephstos Eingreifen im Kampf mit Faust; Gretchen tötet in Verzweiflung das Kind, das sie geboren hat, und endet im Kerker. Und doch zeigen sich in Gretchens Tragödie die Grenzen der Macht des Bösen, deutet sich die Allmacht der Liebe an, die auch Faust vor dem endgültigen Anheimfallen an dieses Böse retten wird.
Gretchen, von Faust verführt, Mörderin der Mutter und ihres Kindes, mitschuldig am Tode des Bruders, ist dennoch unantastbar in der ihrem Wesen eigenen Unschuld, und Mephistos Worte » Über die hab? ich keine Gewalt« lassen erkennen, daß sie seine eigentliche Gegenspielerin ist. Fausts sinnliche Begierde in Liebe wandelnd und sein besseres Selbst weckend, droht sie, Mephisto auch die Gewalt über ihn zu rauben. Im tiefsten Abfall von ihrer Lebensordnung verliert Gretchen doch nie wirklich die Verbindung mit ihr, und dem letzten Zugriff des Bösen entzieht sie sich mit der Flucht in diese Ordnung: »Gericht Gottes! dir hab? ich mich übergeben! ... Dein bin ich, Vater! rette mich!« ?
In die Gretchen-Tragödie ist Bild der Dämonie des Geschlechtlichen die surrealistisch anmutende Szenenfolge, die »romantische« Walpurgisnacht auf dem Blocksberg, eingefügt. Als Theater im Theater wird Oberons und Titanias Goldene Hochzeit aufgeführt, eine an die Adresse der literarischen Gegner Goethes gerichtete Persiflage, zugleich aber auch vorausdeutender Hinweis auf das Thema der Vereinigung von Norden und Süden, Romantik und Klassik, das ins Helena-Akt des zweiten Teils Gestalt wird.
5) Handlung Faust 2
Die Handlung diesen Teils setzt in einer Nochgebirgsszenerie völlig neu ein. Faust erwacht als ein von schwerer seelischer Zerrüttung Genesener aus dem Schlaf des Vergessens, in den ihn Ariel und seine ätherische Geisterschar versenkten. Die Szene Weist auf den Prolog im Himmel zurück; auch sie spielt im Bereich kosmischer Mächte, die hier jedoch in ihrer Wirkung auf den Menschen gezeigt werden: Faust erlebt im Traumschlaf ihre Heilkraft, er erfährt ihre vernichtende Gewalt am »Flammenübermaß« der aufgehenden Sonne; er wendet sich geblendet ab und erkennt am Bild des Regenbogens, der sich im Gischt des Wasserfalls bildet, »bald reingezeichnet, bald in Luft zerfließend«, daß dem Menschen das Absolute nur im Schleier des Vergänglichen erträglich und daß der Raum seiner Existenz das »Farbige« ist, der Zwischenbereich von Licht und Dunkel: »Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.«
Nach diesem Vorspiel tritt Faust, nun wieder in Begleitung Mephistos, am kaiserlichen Hof auf, in der Welt politisch-sozialen Handelns. In einem allegorischen Maskenzug, an dem Faust als Pluto, Gott des Reichtums, teilnimmt, weitet «ich die Szene zum bunten Bild des menschlichen Lebens. Am Beispiel des plutonischen Goldes, des legitimen Reichtums, dem die Poesie zugesellt ist, und dem Gegenbeispiel des inflationistischen Papiergeldes, mit dem Mephisto die Finanzmisere des Staates beheben zu können vorgibt, wird das Verhältnis des Menschen zu Besitz und Macht als den beiden Angelpunkten politisch-ökonomischen Lebens erhellt. Auf Wunsch des Kaisers beschwört Faust die Urbilder menschlicher Schönheit, Paris und Helena.
Mit diesem Vorgang, im Volksbuch ein bloßes Zauberkunststück, setzt hier ein Geschehen von vielschichtiger Symbolik ein, in dem die Wechselbeziehungen von Kunst und Leben, Idee und Realität, Schaffendem und Geschaffenem, von nordischer und mediterraner Geistigkeit, von Chaos und Form, Geschichte und Gegenwart Gestalt werden. Faust beschwört das antike Paar mit Hilfe eines Dreifußes, den er, von Mephisto mit einem Zauberschlüssel versehen, aus dem »Reich der Mütter«, der gestaltenträchtigen Tiefe der Urbilder, heraufholt. Hingerissen von der Schönheit Helenas, will er die Truggestalt an sich ziehen, doch ein betäubender Schlag streckt ihn zu Boden. Der Versuch, die Schönheit der hellenischen Klassik gewaltsam in die Gegenwart zu zwingen, kann nicht gelingen: die vollendete Form der Antike bleibt leblo-ses Phantom, wenn nicht der schöpferische Eros sich den Geist des Griechentums anverwandelt und den Schatten des Vergangenen aus den Bildekräften der Natur zu neuer Wirklichkeit belebt.
Der folgende Akt bereitet das Erscheinen der wiedergeborenen wahren Gestalt Helenas vor, in deren Begegnung mit Faust sich das Drama zu einem seiner Gipfel erhebt. Das Thema der Verwirklichung Helenas weitet sich, mit zahllosen anderen Motiven verknüpft, zu dem des Werdens überhaupt. Der Beginn des zweiten Akts zeigt das alte Studierzimmer Fausts. Ein ironischer Dialog zwischen dem als Gelehrter verkleideten Mephisto und dem zum Baccalaureus aufgerückten Studenten knüpft an die Schülerszene des ersten Teils an. Wagner, der zu hohen akademischen Ehren gelangte Famulus Fausts, erzeugt im Laboratorium ein »artig Männlein« in einer Phiole, Homunculus, Bild der Entelechie des Menschen. Das Experiment wird durch Mephistos Hinzutreten auf nicht näher bezeichnete Weise vollendet. Faust wohnt dem Vorgang bei, auf einem Lager bewußtlos »hingestreckt«, d. h. im Zustand imaginativer Schau.
Homunculus, die reine Geistigkeit, die es drängt, Gestalt zu werden, erkennt Fausts Sehnsucht nach dem Urbild griechischer Schönheit und wird nun, ihm und Mephisto in seiner Phiole voranschwebend, Wegweiser zur »klassischen« Walpurgisnacht. In dieser Nacht, die auf der thessalischen Ebene und in den Buchten der Ägäis vorhomerische Fabelwesen, Götter und gespenstisch-bizarre Zwittergestalten, antike Philosophen und Naturgottheiten zusammenführt und im mitternächtigen Meeresfest zu einem Preisgesang an die vier Elemente und den allbeherrschenden Eros gipfelt, geht jeder der drei Partner seinen eigenen Weg.
Mephisto, der sich auf klassischem Boden nicht zu Hause fühlt, verwandelt sich in Phorkyas, die urhäßliche Ungestalt, als die er Helenas Gegenpart sein wird. Faust macht sich, von Chiron geleitet, auf, um Helena im Hades von Persephone zu erbitten. Homunculus stürzt sich, seine Verleiblichung suchend, ins Meer als dem Element proteischer Verwandlungen, wo die gläserne Hülle seiner schwebenden Geistigkeit am Triumphwagen der Liebesgöttin Galatea zerschellt.
»Die Klassische Walpurgisnacht ist mit dem Wogen ihrer Gestaltenfülle zu Ende gegangen. Der Vorhang senkt sich und hebt sich wieder. ... Das Fest des Eros am Ende der Walpurgisnacht war wie ein Zeugen des Schönen. Und jetzt ist es gleichsam geboren, Helena ist erschienen.« (E. Trunz) »Trunken von des Gewoges regsamem 1 Geschaukel« betritt sie, vom Strande kommend, griechischen Boden. Sie, deren Gestaltwerdung dreifach bewirkt wurde: durch den zur Verkörperung bereiten Geist, die umgestaltenden Kräfte der Natur, wie sie sich im Geschehen der klassischen Walpurgisnacht verkörpern, und das in den Tiefen des Erinnerns bewahrte Bild der klassischen Schönheit.
Eines der Hauptthemen des zweiten Teils, die Synthese polarer Lebens- und Kunsttendenzen, beginnt sich im dritten, dem sogenannten Helena-Akt, mit ihrem Erscheinen in großen Zügen zu entfalten. Raum und Zeit werden in die kontrapunktische Figuration dessen, was Goethe in einem sehr weiten Sinn das »Klassische« und das »Romantische« nannte, einbezogen.
Helena, die mit einem Gefolge gefangener trojanischer Mädchen nach Mykene zurück-kehrt und dort der Phorkyas, Verwalterin des verlassenen Palastes, begegnet, repräsentiert die Welt des antiken Griechenland; Faust, der als germanischer Heerführer das herrenlose Sparta besetzt hat, die des nordischen Mittelal-ters. In der Begegnung zwischen ihm und Helena, die aus Furcht vor Menelaos Rache mit ihrem Gefolge unter Phorkyas Führung in Fausts Burg flüchtete, vollzieht sich metaphorisch die wechselweise Durchdringung beider Bereiche. Die Synthese zwischen der seelischen Erlebniskraft des »romantischen« Nordens und dem Formsinn der griechischen Klassik wird in einem Dialog, in dem Helena von Faust die Kunst des Reimens Symbol des inneren Einklangs erlernt, zartestes Bild.
Der Vereinigung entspringt ein Sohn, Euphorion. Sein feuriger Erlebnisdrang, sein todes-trunkener Höhenflug lassen ihn als den Genius der Poesie erscheinen, wie Goethe ihn in der faszinierenden Gestalt BYRONs am reinsten verkörpert sah; und die Totenklage für den im Augenblick zum Jüngling ge-reiften Knaben, der dem Untergang in der Schlacht entgegenfliegt, gilt auch dem Dichter, der 1824 auf griechischem Boden starb. Mit der Anspielung auf Byron, den Zeitgenossen Goethes, wird eine neue Zeitdimension, die Gegenwart des Dichters, einbezogen, so daß, wie Goethe selbst sagte, der Helena-Akt drei Jahrtausende in sich faßt.
Helena folgt ihrem Sohn in den Tod. Faust bleibt nur ihr Gewand, das sich zur Wolke wandelt und ihn hinwegträgt. Auf einem Hochgebirge kehrt er zur Erde zurück (vierter Akt).
Wieder setzt das Drama ganz neu ein. Nur die Wolke, die Faust getragen hat und die, sich auflösend, flüchtig die Umrisse Helenas und Gretchens annimmt, vergegenwärtigt ihm noch einmal den unvergänglichen Gewinn seiner Vergangenheit: » Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form, / Löst sich nicht auf; erhebt sich in den Äther hin / Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.« Es drängt Faust zu »großen Taten«: er will dem Meer durch Dammbauten fruchtbares Land abzwingen. Mit Hilfe der drei Gewaltigen Raufebold, Habebald und Haltefest von Mephisto bestellter dämonischer Kreaturen, führt er in einer Schlacht zwischen dem kaiserlichen Heer und dem des Gegenkaisers den Sieg des angestammten Herrschers herbei und wird zum Dank mit einem Küstenstreifen belehnt, an dem er seinen Plan zu verwirklichen beginnt
(fünfter Akt). Die Hütte des friedlichen alten Paares Philemon und Baucis, die seinem Anspruch auf unein-geschränktes Verfügungsrecht im Wege ist, wird von Mephistos Helfershelfern, mittelbar jedoch durch Fausts Schuld, niedergebrannt, wobei die beiden unschuldigen Alten den Tod finden. Noch einmal wird, wie in den Gret-chen-Szenen, die Zwiespältigkeit der faustischen Natur sichtbar. Im Sinne einer moralischen Vervollkommnung ist Faust keinen Schritt weiter als am Anfang. Aber in den Worten, die wie der späte Widerruf seines Wunsches nach einem Zaubermantel klingen, kündigt sich das Ende seiner Bindung an Mephisto an: »Könnt? ich Magie von mei-nem Pfad entfernen, / Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, / Stünd? ich, Natur, vor dir ein Mann allein, / Da wär?s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.« Hundertjährig, von der Sorge, die ihn mit Blindheit schlägt, heimge-sucht, treibt Faust dennoch ungebrochen sein Werk voran, während schon die Lemuren unter Mephistos makaber-ironischer Anleitung sein Grab schaufeln. Im Wahn, das große Unternehmen gehe seiner Vollendung entgegen, »das Geklirr der Spaten« gelte dem unternommenen Graben«, bekennt er, den Augenblick höchsten Glücks zu genießen: »Solch ein Gewimmel möcht? ich sehn, / Auf freiem Grund mit freiem Volke steh´n. / Zum Augenblicke dürft? ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön/ / Er kann die Spur von meinen Erdetagen / Nicht in Äonen untergehn. ? / Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß? ich jetzt den höchsten Augenblick.« Damit ist nach dem Wortlaut des Vertrages sein Leben verwirkt und seine Seele in Mephistos Gewalt gegeben. Faust sinkt tot nieder, und Mephisto wacht mit seinen satanischen Gehilfen an seiner Leiche, um der den Körper verlassenden Seele habhaft zu werden. Er glaubt, die Wette gewonnen zu haben, doch eine himmlische Heerschar schwebt rosenstreuend hernieder und entführt Fausts »Unsterbliches«. ? In einer Schlußszene, die sich christlich-mittelalterlicher Bildsprache be-dient, steigt Fausts Entelechie in hierarchisch gestufte geistige Regionen auf; von den von Anachoreten bewohnten Bergschluchten bis zum »blauen, ausgespannten Himmelszelt«, dem Mantel der Gottesmutter, reichend, sind sie weltimmanent, nicht transzendentes Jenseits. Hier spricht der Chor der Engel die Verse, in denen, nach Goethes eigenen ? von anderen Äußerungen allerdings widerlegten ?Worten »der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten« ist (Goethe zu Eckermann, 6. 6. 1831): »Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen. / Und hat an ihm die Liebe gar/ Von oben teilgenommen, / Begegnet ihm die selige Schar / Mit herzlichem Willkommen.« Dem Streben nach »immer höherer und reinerer Tätigkeit« kommt (»von oben«) die »Liebe« helfend entgegen. Fausts Weiterleben nach dem Tode ist jedoch nicht »ewige Seligkeit« im traditionell christlichen Sinn; es ist neues, gestei-gertes Wirken, eine sich in ewiger Bewegung vollziehende Wandlung, ein aufsteigendes »Umarten« der Entelechie.
6) Kurz zur Werkdeutung
Die Ausweitung des Stoffes steht mit der grundlegend gewandelten Konzeption der beiden Protagonisten und ihres Verhältnisses zueinander in innerem Zusammenhang. In der Gestalt Fausts weitet sich das Teilphänomen des soge-nannten »faustischen« Menschen zum Phänomen des Menschen überhaupt.
Als »Knecht
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 10:05:08 mit dem Titel Der reine Tor!
Die Wüste ist aus gelbem Mehl. Groteskgedichte (Hammerschlag, Peter)141 Seiten - Zsolnay, Erscheinungsdatum: 1997; ISBN: 3552048294
Nur wenige werden ihn kennen: peter Hammerschlag geboren 1905 in Wien, tritt ab 1939 als kabarettist auf und wird einer der produktivsten und originellsten Dichter des literarischen Kabaretts der 30er Jahre. Nach dem "Anschluß" Österreichs wird er nach Ausschwitz verschleppt, wo er vermutlich 1942 den Tod findet. Außer wenigen Gedichten gibt es zu Lebzeiten keine Publikationen in Zeitschriften. Eine erste Textausgabe erschien erst 1972. In der Bibliothek Wiederaufnahme österreische Literatur des 20. Jahrhunderts erschien 1991 ein Band "Groteskgedichte", auf den sich dieser Bericht bezieht. (Verlag Jungbrunnen, wien, München 1991; Linzenzausgabe mit Genehmigung des Paul Zsnolnay Verlages Wien/Darmstadt, 81 Seiten). Es gibt auch Video mit gerhard Bronne/Elfriede Ott, die einige Gedichte und Szenen in den Wiener kammerspielen zur Aufführung brachten.
"Seine ganze Art war aus der Art" wurde er einmal charakterisiert. Hammerschlags Gedichte und Songs - von seinen Kabarettszenen ist leider nur "Von der Lüneburger Heide und der simmeringer Had" erhalten geblieben - zeichnen sich zumeist durch eine überaus verblüffende, radikale Bildwahl und groteske, skurille Vorstellungskraft aus, die humorlose Geister wahrscheinlich als dekadent bezeichnen würden. Er schreibt mir also aus der Seele.
Zu den Groteskgedichten zählt etwa "Eia Popeia", in dem der Säugling nüchterne, ja eiskalte Antworten auf die einschmeichelnden Töne und den auch klagenden und anklagenden Monolog der verlassenen Mutter gibt.
"Pfeift durch das Lädchen - na was denn? - der Wind,
Wieget ein Mädchen - na was denn? - sein Kind ...
Weißt du, mein Kleines, um Märzveilchen blau?
Weißt du, um Lieben, auf lenzjunger Au?
Weißt du, wie glühend die falschheit küßt?
weißt nicht einmal, wo dein Vater ist!
Denkt sich der Kleine: wie Vater wohl heißt?
eia popeia, wenn du es nicht weißt!
Sehnst dich nach Vater? Er tat von uns gehn ...
Einsamer Weg durch der Leute Gehöhn!
Kennst du der Schande dornige Kron?
Schlafe, mein Liebes, was weißt du davon ...?
Denkt sich das Liebe: Er tat von dir gehn?
Eia popeia, das kann ich verstehn!
Schlafe, mein Schäfchen, es ist ja schon spät ...
Habe kein Quentchen Elektrizität!
Weißt du von Qualen in einsamer Nacht?
Weißt du, was du mir für Schmerzen gemacht?
Denkt sich das Schäfchen: mir reißt die Geduld!
Eia popeia, jetzt bin ich noch schuld!
Liegts du, mein Armes, auf ärmlichen Pfühl ...
weißt du um wasser, so tief und so kühl?
Weißt du um Ruhe nach endloser Qual?
Einmal ihn sehn noch, ein einzige Mal!
Drauf sagt das Arme - nicht sehr infantil:
Spring schon ins Wasser und red nicht so viel!
Weißt du, mein Kind, was das Herz mir zerreißt?
Weißt du vielleicht auch, was Heimweh heißt?
kennst du die reue und höllisches Weh?
kennst du das Häuschen am Michigansee?
Weißt, wieviel Sternlein am himmlischen zelt ...?
Eia popeia! ... - Das Hurenkind bellt ..."
Einige Texte kreisen umm den Tod (nachruf auf einen messerstecher, Zirkusreferat), mit anderen wollte er bewußt schockieren oder provoziere, wie in den allerorginellsten der "Weihnachtsdirne" oder der "Forellensusi".
"Mein Susi versteht sich aufs Wasser!
selbst die Fischlein beneiden sie bald.
ich liege am ufer als nasser
Bewunderer ihrer Gestalt.
Heut ist sie spazieren geschwommen,
und Stunden und Stunden vergehn ...
ich frag die Forellen beklommen:
'habt ihr nicht mein Susi gesehn?'
'Du trägst nach Schön-susi verlangen?
Schön-susi glich uns zu sehr!
man hat sie geangelt ... gefangen ...
Du findest Schön-Susi nicht mehr...'
Im Schwimmtrikot, triefend und triste,
So stürz ich zum Seeblick-hotel -
und seh, wie ein bankprokuriste
Mein Susi grad frißt, der Gesell!
Er grinst voll teuflischem Hohen,
zerteilt mit dem Messer mein Glück.
Sie trägt statt der Märtyrerkrone
Im Maul ein Zitronenstück ...
Tags drauf fand man den prokuristen
Erstochen, in schwärzlichem Blut.
Am dorffriedhof, ganz unter Christen,
Dort schläft er jetzt relativ gut.
Doch ich hab kein ruhiges Stündchen,
Mir liegt Schön-susi im Sinn.
Ich seh stets ein todblasses Mündchen
mit einer Zitrone darin."
Auch das erotische kam bei Peter hammerschlag in Annäherung an den Expressionismus nicht zu kurz. "Die Schwergewichts-Maitresse" sei dafür ein Beispiel mit der zeile "Wer nie mit Steinbruch Unzucht trieb,
der ahnt nicht, wie sich mich begrub."
Seine gestalten sind Messerstecher, Huren, Matrosen, Zirkusleute, abgewiesene Liebhaber, verlassene Mädchen, Kaffehaushocker und Wirtshausgeher.
immer wieder gibt es leise Melancholie in seinen Gedichten, "ein armer kleiner jud, der kein scharfes Messer hat". So im "liebslied an ein Proletariermädchen", in dem es die Spittelberg Buam, die vulgären, gewalttätigen bei den Mädchen haben als er. hammerschlag bleibt auf Distanz, "bringt süße Mehlspeis' und muß betteln: sei mir ein bisserl gut."
Auch der "abschiedsbrief des poetisch veranlagten stubenmädchens Lisi an ihren Elektriker" schlägt in die gleiche Kerbe.
es gibt aber auch Gedichte, die an morgenstern, kafka oder Kubin erinnern. seine tiergedichte von seehunden, pekinesen, Möpsen, Mäusen, krokodilen, Nilpferden, Affen, Hyänen, Max dem dachs, Arnold dem nervösen Karnickel, über das stinktier Klein-skunks, der sich nicht waschen läßt, dem jungen Hund, der nicht in seine haut paßt oder dem trauigen Löwen im Zoo, der ein telegramm aus der sahara bekommt, daß ihm ein Sohn geboren wurde, seien dafür Beispiele.
Hammerschlag schreibt Wienerisch und mit jiddischem, ungarischen oder böhmischen Einschlag (ungarische Schöpfungsgeschichte Die Ballade vom
Lustmörder Alois Blawatschek), ein Vorgänger des legendären Herrn Karl von Helmuth Qualtinger).
zum abschluß, vielleicht haben ja alle mitbekommen, daß Peter Hammmerschlag zu meinen Lieblingsdichter zählt noch das gedicht:
Portrait eines trottels (Widmung nicht einmal mit den Anfangsbuchstaben; es kennt ihn jeder)
"Der Trottel schritt zur Bergeshöh,
Da stand am Wege eine Fee.
Ihr leib, der war wie Elfenbein,
Ihr Haar von rotem Golde fein,
Dazu ihr blaues Augenpaar,
Das wie der frühlingshimmel war.
Sie sprach zu ihm:'mein Knabe du,
ich bin die fee, drum hör mir zu.
Warts fleißig, lieb und brav dabei,
dafür steht jetzt ein Wunsch dir frei.
Verlang von mir, was die gefällt!
Willst du Erfolg? Berühmtheit? Geld?
Willst du am End ein Mägdelein?
Soch ich wohl deine Liebste sein?'
da zog der Trottel seinen Hut
und sprach servil, doch wohlgemut:
'Wie spät ist's denn, ich bitte schön?
was-zehne schon? Dann muß ich gehn!'
der Trottel zieht des Wegs fürbaß.
die Fee steht da und ist ganz blaß."
ich wünsche viel Spaß beim lesen und dem Buch viele Leser.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 08:56:45 mit dem Titel Da kommt jeder auf den grünen Zweig!
Stefan Zweig: Balzac
Stefan Zweigs letztes Werk, das sein Hauptwerk werden sollte, ist eine tiefe Verbeugung vor dem Literaten Balzac. Eine „Sternstunde der Menschheit“ sollte geschildert werden und dadurch ein Stück Menschheit selbst. Eine erlebte, erlittene, erschriebene comédie humaine ist es auch geworden, und beim Lesen bekommt man Lust, die werke Balzacs nochmals vorzunehmen. Aber diese „große Balzac“, der 1920 publiziert wurde, ist nicht nur das unvollendete „magnum opus“ Stefan Zweigs, nicht nur der Ausdruck der Bewunderung für einen großes Vorbild, sondern zugleich ein fesselnder Roman, gerade weil er auch die kleinen und großen Schwächen eines Genies, die Arbeit und Anstrengung, den Kampf und die Herausforderung des schöpferischen Menschen nicht unerwähnt lässt.
Obwohl flüssig und interessant geschrieben, ist es doch kein Buch für ein schnelles, unaufmerksames Darüberhinweglesen; manches sollte man zweimal, oder noch öfter lesen, immer wieder wird man Neues entdecken, das einem bis dahin entgangen war. Bei zweiten Mal Lesen lässt man sich weniger vom Erzählfluß mitreißen und erfährt dadurch sehr vieles, nicht nur über Balzac sondern auch über das Problem des Schriftstellers in seiner Zeit, seinen Kampf um Anerkennung und, in diesem speziellen Fall, seine Situation als Hanswurst der Gesellschaft und großer Literat zugleich.
Schon einmal hatte sich Stefan Zweig mit dem Problem des Genies beschäftigt: in der „Schachnovelle“; dort war es der dumpf-einfältige Schachkünstler im Kampf gegen den Intellektuellen, der das Schachspiel nur als Rettung vor der Langeweile in der Gestapohaft gebraucht hatte: hier geht es um den Kampf des Dichters um Geld, Liebe, Anerkennung und Vollendung seines Genies und seines von seiner Zeit noch nicht verstandenen Werkes. Beide Bücher verdienen einen Ehrenplatz in jeder Bibliothek, als ausgezeichnete Darstellung dieses Problems.
Balzac. Eine Biographie.
von Stefan Zweig
Preis:* DM 28,91
EUR 14,78
Taschenbuch - Fischer-TB.-Vlg.,Ffm
ISBN: 3596221838
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 09:20:55 mit dem Titel Die Klitoris hat doppelt soviel Nerven wie ein Penis!
Diese und viele andere derartige Fakten findet man im Buch und im Stück "Vagina Monologe" von Eve Ensler. Ich habe das Stück in London im New Ambassodords Theatre gesehen. Die Inszenierung (falls man von einer solchen sprechen kann, denn drei Damen auf Barhockern teilten sich einfach den Text) war Irina Brown; es spielten Pam ferris, Josette Simon und Jerry Hall, manchen noch als Ex-Frau von Rolling-Stone Mick Jagger bekannt.
Die Autorin:
Eve Ensler ist Dramatikerin, Lyrikerin, Drehbuchautorin und in der Frauenbewegung aktiv. Als Dramatikerin schrieb sie Stücke wie "The Depot", "Floating Rhoda and the Glue Main", "Extraordinary Measures" "Lemonade" und "Ladies and Scooncat". Die Stücke wurden in vielen Staaten gespielt, sie erhielt auch sehr viele Preise. Bekannt geworden ist sie aber durch ihre "Vagina Monologe".
Der Inhalt:
200 Frauen unterschiedlichen Alters, Herkunft, Berufes und Familienstandes hat Eve Ensler zu ihrer Vagina interviewt: Wenn sie sprechen könnte, was würde sie sagen? Wenn deine Vagina sich anziehen würde, was würde sie tragen? Sie gibt damit eine Anregung zur weiblichen Selbsterkenntnis, eine Aufforderung an alle Frauen, den eigenen Weg zur Lust zu finden. Gleichzeitig ist dies ein entschiedenes Plädoyer gegen sexuelle Gewalt. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Ausdrucksweisen der Befragten geben dem Buch eine lebendige Vielfältigkeit. Witz und Leichtigkeit stehen neben Traurigem und Erschütterndem. Die Vagina-Monologe wurden zwei Jahre lang in einem New Yorker Off-Broadway-Theater gespielt. In Deutschland läuft das Stück Anfang 2000 im Staatstheater in Stuttgart und an vielen anderen Bühnen.
Was soll ich sagen, das Stück, das ich sah, dauerte 80 Minuten und ich habe viel glernt, viel gelacht, nachher mit meiner Freundin viel diskutiert und auch vieles gehört, was mich betroffen machte: etwa wenn eine bosnische Frau aus einem Flüchtlingslager über ihre Vergewaltigungen berichtete. Oder der Bericht einer75jährigen, die ihre Scham und ihre verdrängte Lust beschreibt, die sie durch negative Erfahrungen bis zum Tag des Interviews verdrängt hatte. Kein bißchen pornografisch, hier muß ich alle, die sich das erwarten enttäuschen, oft sehr berührend, vieles in den Mund nehmend, worüber noch immer zu wenig gesprochen wird: falsche Scham, Orgasmus-Probleme, Männer (was würde die Vagina sagen "Langsamer/Slow down).
Klar ist es kein tiefgründiges Werk, kein wissenschaftliches Stück oder Buch. Aber ist es nicht an der Zeit, auch über Vaginas und Penisse zu lachen? Jedenfalls war das Nachahmen der unterschiedlichen Orgasmen bei Katholen, Juden. Mohamedanern, überrraschten, lebhaften etc. Frauen einfach zum brüllen.
Natürlich ist vieles auch echt amerikanisch: die Ausrufung eines V-Tags, die Abhaltung von V-Workshops und das immer wieder eingeforderte Herausbrüllen des Wortes "Vagina" etwa. Ich halte das Werk trotzdem für sehr wichtig und kann nur empfehlen: anschauen und/oder lesen.
Die Vagina- Monologe.
von Eve Ensler; Preis: DM 24,80; EUR 12,68
Gebundene Ausgabe - 116 Seiten - Ed. Nautilus, Hamburg, Erscheinungsdatum: 2000
ISBN: 3894013451
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-15 10:39:52 mit dem Titel Die Prosa des reinen Toren!
Die Affenparty (Hammerschlag, Peter), 176 Seiten - Zsolnay, Erscheinungsdatum: 2001; ISBN: 3552051643
Ich komm von ihm nicht los. Vor wenigen Wochen ist unter dem namen "Die Affenparty" gesammlete Prosa von Peter Hammerschlag erschienen. (Verlag Paul Zsolnay, Wien mit 11 Zeichnungen des Autors, herausgegeben von Volker Kaukoreit und Monika Kiegler-Griensteidl, 167 Seiten, ATS 298,--)
Das Buch ist wichtig, es enthält einen sehr ausführlichen und dem Stand der neuesetn Forschung entsprechenden Lebenslauf des Autors (einige Daten am Ende meines Berichts), Quellenangaben und Anmerkungen. Außerdem ist es die erste umfangreiche Sammlung an Prosa von Peter Hammerschlag, von dem nur 1984 einmal 5 Geschichten in Buchform publiziert wurden. Aber schön der Reihe nach.
Peter Hammerschlag (1902-1942) wurde zunächst als Kabarettist und Lyriker wiederentdeckt. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum der Stadt Wien 1997 machte auf ihn als Grafiker und zeichner aufmerksam. 1984 erschien eine Hammerschlag-sammlung "Steif weht die Brise von der Postsparkassa. Groteskgedichte und Gelegenheitsprosa", mit eben den fünf kurzen Prosatexten. Allein im Nachlaß, der sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet, lassen sich rund 100 weitere Prosatexte nachweisen. Vieles davon blieb bis heute unpubliziert, einiges ist in nicht immer eindeutig identifizierbaren Zeitungen und Zeitschriften - etwa im Unterhaltungsblatt "Wiener Magazin" veröffentlicht worden. Der vorliegende Band präsentiert nun 21 Texte.
Zumeist handelt es sich um zeitkritische humorvolle Geschichten mit ironischen, satirischen, grotesken, selten zynischen Inhalten. Manches sind Auftragsarbeiten, um Zeilenhonorar zu lukrieren, oft rasch im Kaffehaus auf kleine Zettel oder rechnungen geschrieben. Viele von Hammerschlags Lieblingsthemen tauchen wieder auf, nur das lasziv-obszöne und makabre kaumt kaum vor. Viele Geschichten sind aus den Blickwinkeln von Kindern und Tieren erzählt, die Welt des Theatres, Films und der Musik kommt prominent vor mit ihren Diven, Heroen und Moden vom Vamp (Marlene Dietrich) bis zu einem fiktiven und sehr skurilen Auftritt der Mickey Maus in Wien. Der Autor mokiert sich über den "americasn way of life", über Trendsetter, Naturisten (er nennt sie zynisch Naturheiler), Rationalisten und Fortschrittsoptimisten. Die Geschichten sind damit auch moderner, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Er erzählt wie der Mensch auf den Hund und der Hund auf den Menschen, die Menschen zurück zum Affen und der Affe auf die Höhe des modernen Menschen kommen kann. Ein weiteres Hauptthema ist die Liebe und der aussichtlose Kampf zwischen den Geschlechtern.
Hammerschlag ist auch ein genauer Beobachter des Alltags in Schul- und Bürosituationen, in der marktschreierischen Erscheinung eines Straßenverkäufers oder bei der Fahrt in der Wiener Straßenbahn. Hammerschlag stellt dabei seine Figuren bloß, indem er ihre Schwächen ausbreitet und mit Witz, Dummheit, Oberflächlichkeit, Ignoranz und Selbstverkennung geißelt. Dabei spart er auch nicht mit Selstironie - viele Figuren etwa der Held in "Blamage in Hellbrunn" oder der malträtierte Journalist in "Mickey Maus in Wien" tragen autobiographische Züge.
leider ist es, anders als bei den Gedichten, nicht möglich, ganze Geschichten im Wortlaut zu bringen, das würde den Rahmen wirklich sprengen, ein paar Passagen möchte ich aber doch bringen:
Aus "Der kleine Marathonläufer". " DER KLEINE BUB RENNT; RENNT; RENNT ...
Er ist böse dran, und die Angst, die er in sich trägt, ist zehnmal größer als er selbst.
Die Großen, um deren Knie er große Bögen macht und deren mantelzipfel seine Schultern streifen, haben gar keine Ahnung, wie ihm zumute ist. Viele von den Erwachsenen, deren manche ihm nachknurren oder entgegenlächeln, werden vielleicht heute auch zu spät kommen. Aber selbst der böseste Bureauvorstand kann nicht so schauen wie der Herr Lehrer. Und die großen werden sich heute an höchstens einem halben Dutzend schadenfroher Bureaukollegen vorbeizudrücken haben...
Nach ihm aber, dem Kleinsten und Schwächsten der Hastenden und doch schon zum Zuspätkommen-Verdammten, werden sich 56 Schulbuben umdrehen, und ein gedämpftes 'Uh!' wird durch die Klasse gehen! Weil er in dieser Woche schon zum dritten Mal zu spät kommen wird.
Er rennt verzweifelt. (...)
Und an der nächsten Ecke fliegt der federkasten aus der Schultasche, er hat obenauf gelegen. Und der deckel fährt aus der Rinne, und Federhalter, Bleistift, alles, rollt, klappert, rasselt auf das feuchte Trottoir. Federhalter und Bleistift erwischt er noch, bevor sie über den Rand des Steiges gerollt sind, er hat sich fast auf den Bauch geworfen. (...)
Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät? Es ist eine kindische Hoffnung, aber der, der sie hegt, ist ja auch noch ein Kind. Vielleicht gehen die schwarzen und goldenen Zeiger falsch? Und der hagere, große herr, der eben vorübereilt, hört von unten irgend ein Stammeln, sieht ein rotes, schmutziges, schweißnasses Kleinbubengesicht, mit angstgeweiteten Fischaugen und nassem Karpfenmund ...
(...)
Er pfaucht irgend etwas, seine Abschiedsverbeugung reißt ihn fast um, er beginnt wieder zu rennen, zu rennen, zu rennen ...
Die Türe des Klassenzimmers ist schon geschlossen. Nur die Stimme des lehrers klingt heraus."
Zum Schluß, wie versprochen, noch etwas Biographie zu Peter Hammerschlag:
27. 6. 1902 Peter Hermann Hammerschlag wird als Sohn jüdischer Eltern Viktor (Hals-, Nasen-, Ohrenarzt) und Hedwig (geb. Buinzl) Hammerschlag in Wien geboren.
2.9. 1908 Peter Hammerschlag und seine Mutter werden romisch-katholisch getauft.
Gymnasium, Matura
1921-1929 P.H. besucht ein semester den lehrgang Buch- und Illustrationsgewerbe, studiert Kunstgeschichte. Er verfaßt Mittelschulrevuen. Diverse Schreib- und Zeichenaufträge. Erste illustrierte Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften.
Dez. 1929 - Mitte 1930: Aufenthalt in Berlin. Auftritte im "Küka" (Künstlerkaffee), einem kabrettistischen Kleinunternehmen
7.11.1931 Stella Kadmon eröffnet die Kleinkunstbühne "Der liebe Augustin". Peter Hammerschlag arbeitet dort als Hausautor, "Blitzdichter", Conférencier und Schauspieler bis Herbst 1935. Er schreibt auch Texte für andere Bühnen wie "Stachelbeere" und "Österreichische Volksbühne".
1935-1938: P.H. erscheint in den Programmen bekannter Wiener Kleinkunstbühnen auf. "ABC", "literatur am Naschmarkt", "Kleinkunst in den Collonaden".
Juli 1938 die Familie wird aus ihrer Wohnung verwiesen
August 1938: P.H. reist nach Jugoslawien aus.
November 1938: Ausweisung aus Jugoslawien und Rückkehr nach Wien.
Jänner 1939: Im Programmhet des "Wiener Werkel" erscheint Peter Hammerschlags Name das letzte Mal auf (bis September 1939)
1939: "Die wunderbaren Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen", eine von P.H. in Versen gefaßte Münchhausiade erscheint als einzige selbständige Publikation zu Lebzeiten im Leipziger Trenkler-verlag. (Wer weiß, wo ich die bekomme, dringend Mail schicken).
19.9.1941-15.6.1942: Zwangsarbeit im "ersatzpflegemagazin - Leergutsammelstelle" der deutschen Wehrmacht im Wiener Prater.
Juni 1942: Eltern werden am 20.6. deportiert, P.H. taucht unter. Als er die Wohnung verläßt, wird er auf der Straße verhaftet.
17.7.1942: datum des Deportationstransportes mit dem P. H. nach Ausschwitz gebracht wird. Das Datum seiner Ermordung ist unbekannt.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-12 19:15:39 mit dem Titel William Shakespeare: hamlet. Bin ichs oder nicht!
Hamlet
Ich bleib wieder einmal bei den Klassikern. Diesmal nehme ich mir Hamlet von William Shakespeare (1564-1616) vor. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen, doch bitte ich trotzdem um ein wenig Lesegeduld.
Die Einteilung
1) Vorbemerkung/Stoff und Werkgeschichte
2) Der Inhalt
Exkurs über Hamlets Charakter
3) Thema und Problematik
4) Die Sprache des Werkes
5) Aufnahme des Werkes
6) Was mag buhsi am Hamlet
7) Ende und Schluß mit Ausgaben, Verfilmungen und ein paar Standardwerken
1) Vorbemerkung/Stoff und Werkgeschichte
Das Werk hießt im Original The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke (übersetzt: Die tragische Geschichte Hamlets, des Prinzen von Dänemark). Es handelt sich dabei um eine Tragödie in fünf Akten in Versen und Prosa, die etwa um 1600 entstanden sein soll. Der Erstdruck (Quarto I) stammt von 1603, die erste belegte Aufführung vom Juli 1602 in London. Die Grundlage für heutige Ausgaben des Dramas bildet aber nicht Quarta I, ein weitgehend auf die Kriminalstory reduzierter Raubdruck, sondern der sorgfältig redigierte Text von Quarto II (1605), ergänzt durch die Folio-Ausgabe von 1623. Die stellenweise willkürliche Einteilung in fünf Akte nahm überhaupt erst eine Quarto-Ausgabe von 1676 vor.
Der Stoff ist alt. Shakespeare ist auch alt, aber der Stoff ist noch älter. Mit im wesentlichen den gleichen Personen und Handlungselementen findet er sich im dritten Buch von SAXO GRAMMATICUS: GESATA DNORUM (begonnen etwa 1185). Als Shakespeares unmittelbare Quelle gilt eine erweiterte Bearbeitung der Sage in FRANCOIS DE BELLEFORTS: HISTOIRES TRAGIQUES (1582). Ein nicht überliefertes Hamlet-drama, das wegen seiner offensichtlich zahlreichen Beziehungen zu KYDS: THE SPANISH TRAGEDY diesem zugeschrieben wird, erscheint 1589 in London Stadtgespräch gewesen zu sein. Sicher ist, dass 1594 eine – wohl mit dieser identische – Hamlet-Tragödie in dem auch von Shakespeares Truppe bespielten Newington Butts Theatre aufgeführt wurde, und mit größter Wahrscheinlichkeit hat Shakespeare auf sie zurückgegriffen.
Zum Leidwesen vieler Schüler ist Hamlet mit 4.000 Zeilen, von denen 40 Prozent auf die Titelgestalt fallen (deshalb ist sie so sehr von Schauspielern geliebt und gefürchtet), Shakespeares längstes Drama. Macbeth ist etwa nur halb so lang. Außerdem ist es das problematischste Drama des Autors. Es hat zahllose Deutungen erfahren und fordert noch immer zu neuen Interpretationsversuchen heraus. Während meines Studiums (Theaterwissenschaften) habe ich gelernt, daß täglich rund 100 Artikel zu Hamlet erscheinen. Aus diesem Schatz schöpfen heute noch die Deutschlehrer, meist aber nur aus wenigen Büchern, eine komplette Interpretationsgeschichte kann wegen der Fülle des Materials gar nicht wirklich geschrieben werden. Ich finde dann immer – jeder hat recht – meistens stimmt es sogar. Jedenfalls ist Hamlet die erste der großen Tragödien und markiert einen Wendepunkt im Schaffen Shakespeares. Das Grundmodell der Handlung entstammt dem Rachedrama SENECAS, wie es von KYD, MARLOWE, PEELE und anderen für die englische Bühne weiterentwickelt wurde.
2) Der Inhalt
Die wichtigsten Personen
Hamlet
Claudius, sein Onkel
Gertrud, seine Mutter
Polonius, Hofmeister
Ophelia, Tochter des Polonius
Laertes, Sohn des Polonius
Rosenkrantz, Höfling
Guildenstern, Höfling
Horatio, Hamlets Freund
Fortinbras geg, Prinz von Norwegen
Prinz Hamlet wird vom Geist seines Vaters, des vormaligen Königs von Dänemark, beauftragt, für den an ihn begangenen Meuchelmord Rache zu nehmen. Ziel soll Claudius sein, der Bruder des Ermordeten und jetziger Inhaber des Thrones, der jetzt mit Gertrude, der Mutter Hamlets in (nach Renaissance-Begriffen) inzestuöser Ehe lebt. Hamlet gelobt Rache. Jetzt folgt kein Krimi (für manche leider). Die Hauptfrage des Dramas ist nicht wie und gegen welche Hindernisse Hamlet sein versprechen einlöst, sondern die entscheidende Frage, ob er es überhaupt einlöst. Es geht also um den inneren Konflikt des Helden. Das erklärt auch die vielen (7) Monologe Hamlets.
Dieser Konflikt war (und ist so spannend, dass auch das keineswegs sehr gebildete Publikum der Shakespeare-Zeit stundenlang, teilweise stehend im Theater aushielt, um dem verschlungenen, oft auf der Stelle tretenden, von sieben langen Monologen des Prinzen unterbrochenen Gang des Dramas zu folgen. Einen Spannungseffekt gibt es jedoch. Hamlet stellt sich aus taktischen Gründen wahnsinnig und tritt damit fast in einer Doppelrolle auf.
Träger der Handlung sind zwei Familien, die königliche und die des Hofmeister Polonius. Die Handlung selbst spielt auf engstem Raum – in Schloß Elsinor und in nächster Umgebung – aber umfasst sehr verschiedene Personenkreise, wie Hof, Militärs, Schauspieler, Totengräber und Studenten. Beide Familien sind am Ende ausgelöscht, tot. Zu jeder dieser zwei Familien gehört eine Frau, zu der Hamlet in tiefer emotionaler Beziehung steht. Gerade diese Beziehungen bestimmen wesentlich den Gang der Handlung. Da gibt es Hamlets Mutter, über deren Mitschuld am Königsmord weder für Hamlet noch für den Zuschauer je Klarheit herrscht. Und da gibt es Ophelia, die Hamlet liebt und die ihn liebt. Er jedoch stößt sie von sich, tötet ihren Vater Polonius und treibt sie dadurch mittelbar – ich würde fast sagen unmittelbar – in den Wahnsinn und in den Selbstmord durch Ertrinken. Ophelia hat jedoch einen Bruder, Laertes, der von Claudius zu unlauteren Kampfmethoden überredet Hamlet ersticht.
Hamlets unmittelbarer Gegenspieler ist jedoch Claudius, ein redegewandter Diplomat mit gewinnenden Manieren und speziellen Abhörpraktiken. Claudius ist aber auch ein Mann, dem Heuchelei so zur zweiten Natur geworden ist, dass er selbst im Gebet keine Reue aufbringen kann. (DIE WORTE FLIEGEN AUF, DER SINN HAT KEINE SCHWINGEN). Claudius ist aber auch ein Machtmensch, der andere – Ophelia, die Höflinge, Rosenkrantz und Guildenstern, mit deren Hilfe Hamlets Gesinnung ausspioniert werden soll – als Werkzeuge benutzt. Er kämpft nicht mit dem Schwert sondern mit Gift. Folgerichtig versucht er Hamlet aus der Welt zu schaffen, indem er ihn in Begleitung von Rosenkrantz und Guildenstern mit einem verräterischen Brief nach England schickt.
Hamlet versucht die Schuld des Königs zweifelsfrei ans Licht zu bringen, indem er vor dem Hof ein Schauspiel aufführen lässt. Das Modell dazustammt von einem 1592 in Italien geschehenen Mordfall, bei dem ein Marquese Alfonso Gonzago von seinem Neffen umgebracht wurde. Claudius verrät sich tatsächlich, aber Hamlet zieht nicht sofort Konsequenzen.
Exkurs über Hamlets Charakter
Dieses Zaudern lässt sich nicht einfach aus Hamlets Charakter erklären: denn Hamlet ist, obwohl seine Verwandtschaft mit der zur Zeit Shakespeares beliebten literarischen Figur des Melancholikers zwar unverkennbar ist und er sich selbst im Zorn als solchen schmäht, kein introvertierter Träumer, kein unentschlossener Schwächling. Ophelia rühmt an ihm nicht nur DES HOFMANNS AUGE, DES GELEHRTEN ZUNGE sondern auch DES KRIEGERS ARM. Auch Fortinbras, der ihn mit kriegerischen Ehren zu bestatten befiehlt, ist überzeugt, dass Hamlet UNFEHLBAR SICH HÖCHST KÖNIGLICH BEWÄHRT hätte. Daß Hamlet gezielt und entschlossen handeln kann, erfahren Rosenkrantz und Guildenstern, die er dem ihm selbst zugedachten Tod ausliefert, Polonius, den er in der Meinung, es sei der ihm nachspionierende König, wie EINE RATTE ersticht, und am Ende der König selbst, den der Prinz zuvor, als er ihn im Gebet findet, verschont, um nicht dem Mörder zu einem Platz im Himmel zu verhelfen, während der IN SEINER SÜNDEN MAIENBLÜTE getötete Vater in ewiger Verdammnis schmachtet.
Hinweise auf die Hintergründe seines Zauderns und seines sprunghaften, oft irrationalen Reagierens geben bereits Hamlets erste Auftritte. Er hält sich beim königlichen Staatsempfang, als einziger in Trauerkleidung, am Rande der versammelten Gesellschaft, und seine ersten Worte sind ein leises Beiseitesprechen. Er ist ein Außenstehender, der dem Augenschein nicht traut, - eine Eigenschaft, die sich in der Szene seiner Begegnung mit dem Geist bestätigt. Diese Begegnung spielt sich räumlich, zeitlich und geistig an Grenzen ab: an der Grenze zweier Elemente (am Meer), an der Grenze zwischen Tag und Nacht und an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. Das ist ein genaues Bild von Hamlets innerer Situation. Sein von Zweifeln geprägtes Bewußtsein steht auch an Grenzen – an der Grenze zwischen von tradierten Verhaltensvorschriften (Blutrache) und dem Glauben an eine überirdische Gerechtigkeit gesicherte Daseinsform und einer bis zum Zynismus kritischen Lebenshaltung, die dem Individuum die Hauptlast der Verantwortung für den Zustand der Welt aufbürdet. Und diese Welt ist für ihn zutiefst verrottet, wie die Mitteilung des Geistes ihm blitzartig klarmacht. DIE ZEIT IST AUS DEN FUGEN; SCHMACH UND GRAM, DASS ICH ZUR WELT, SIE EINZURICHTEN, KAM.
So ist Hamlets Wahnsinn nicht nur bewusst gewählte Clownmaske, die ihm erlaubt, schlimme Wahrheiten öffentlich zu äußern, sondern auch Ausdruck der abgebrochenen Kommunikation mit der normalen, als bösartig und heuchlerisch befundenen Umwelt. Ophelia, Hamlets Spiegel- und Gegenbild – auch sie entzieht sich dem Normalen – taucht im Wahnsinn aus der schmerzhaften Helle des Bewußtseins in die Traumzone des Unbewussten und damit in ihren eigentlichen Daseinsraum unter wie in das Wasser des Flusses, in dem sie, blumenbekränzt und singend, unter Weidenbäumen hinabtreibt, ehe sie versinkt. WIE EIN GESCHÖPF GEBOREN UND BEGABT FÜR DIESES ELEMENT.
Hamlet gelangt aber erst im Wahn-Sinn zur vollen Klarheit seines Denkens, und diese schockartige, überdeutliche Einsicht in das Böse, Verworrene unter der Oberfläche des glatten Scheins, die jähe Konfrontation mit dem Tod, die Skepsis selbst gegenüber dem eigenen Denken, das, bei Licht betrachtet, EIN VIERTEL WEISHEIT NUR UND STETS DREI VIERTEL FEIGHEIT hat – sie sind es, die ihm die unbedachte Spontaneität rauben. Daher haben Horatio, der verlässliche Freund, ein von keinem Zweifel geplagter Stoiker, Rosenkrantz und Guildenstern, die austauschbaren Produkte einer konventionskonformen Erziehungsdressur, der geschwätzige alte Polonius, der Kalenderspruchweisheiten austeilt, ohne selbst danach zu handeln, als normale Spielarten der Gesellschaft neben ihrer unmittelbar dramatischen Funktion noch die, Hamlets Anderssein hervortreten zu lassen. Als markanteste Kontrastfigur steht ihm der junge Fortinbras gegenüber, der Prinz von Norweg
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