Erfahrungsbericht von frorgy
Walters, Minette: Dunkle Kammern
Pro:
subjektiver Blick auf Geschichte
Kontra:
Inhalt leidet unter Konzept
Empfehlung:
Nein
Gefangen im eigenen Gedächtnis
Eine junge Frau ist mit ihrem Auto gegen einen Betonpfosten gerast, der mitten in offener Landschaft stand. Ganz offensichtlich ein Selbstmordversuch, zumal sich schnell herausstellt, daß ihr Verlobter vor kurzem die Verlobung gelöst hat. Die Frau überlebt, behauptet allerdings, sich nicht an die letzten Wochen erinnern zu können. Sie wird in eine Klinik eingeliefert, wo sie umfassend ärztlich betreut wird. Doch schon nach kurzer Zeit kommen der Polizei und dem behandelnden Arzt erhebliche Zweifel an der Selbstmord-Theorie. Die Frau ist eine erfolgreiche Fotografin, erwartet nach dem Tod ihres Vaters ein Millionenerbe, und schließlich ist sie keineswegs traurig über den Verlust ihres Verlobten.
Die Polizei versucht, die Angelegenheit zu klären, der Arzt versucht, das Vertrauen seiner Patientin zu gewinnen und ihr zu helfen, ihr Vater versucht, sich und seine Familie zu schützen. Und die Fotografin selbst? Welche Rolle spielt sie wirklich? Ist die Amnesie nur vorgetäuscht? Denn auch in ihrer Vergangenheit finden sich dunkle Punkte...
Minette Walters gelingt es, ein spannendes Netz aus mysteriösen Einzelheiten zu flechten, in dem der Leser bald selbst gefangen ist. Zwar bringt er der Fotografin und ihrem Arzt schnell Sympathien entgegen, doch die Zweifel an ihrer Unschuld mehren sich mit der Erkenntnis, daß sie mehr über ihre eigene Vergangenheit weiß, als sie zugibt. Der Roman führt den Leser aus verschiedenen Perspektiven immer tiefer in das Leben der Hauptfiguren hinein. Schlaglichtartig werden die dunklen Kammern, in denen die Fotografin durch ihren Gedächtnisschwund gefangen ist, erhellt.
Schwächen hat dieser stilsicher geschriebene Roman eigentlich wenige, vielleicht werden einige der ausgelegten Fährten etwas zu offensichtlich als frühzeitig Holzwege deutlich.
Minette Walters Roman \"Dunkle Kammern\" garantiert spannende, manchmal auch etwas beklemmende Unterhaltung. Empfehlenswert.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-16 09:44:08 mit dem Titel Gaarder, Jostein, Sofies Welt
Philosophie für Grundschüler
Da hat ein Lehrer sein zugegebenermaßen beeindruckendes didaktisches Konzept zu einem Buch verarbeitet, und es wurde ein Bestseller daraus. Endlich kann man sich Platon, Aristoteles und Kant noch kurz zwischen Tagesschau und Tatort reinziehen - aber kann man dies wirklich? Meiner Ansicht nach nein. Denn die großen Philosophen verlangen nun einmal danach, daß man ihre Gedanken (zugegebenermaßen mühsam) nachvollzieht, sie lassen sich nicht in ein Fast-Food-Programm quetschen. Genau dies aber macht Gaarder. Er zieht einen oder zwei Grundgedanken aus ihren Werken heraus und erklärt sie in anschaulicher Weise. Doch damit werden tausend andere Gedanken, die ebenso wesentlich sind, ausgeblendet, das vielschichtige Werk der Philosophen auf eine Dimension reduziert.
Die Rahmenhandlung ist denkbar einfach: Ein zunächst Unbekannter (Gaarders alter ego) macht ein Mädchen durch anonyme Briefe neugierig aufs Philosophieren und befriedigt ihre Neugier dann häppchenweise mit schmalen Ausschnitten aus der Philosophiegeschichte.
So kann man versuchen, jemandem \"philosophisch denken\" beizubringen - und das ist ja der Grundgedanke von Gaarders Konzept (Die Rahmenhandlung macht dies deutlich). Aber die Philosophen versteht man damit noch lange nicht.
(Wer sich etwas ernsthafter mit der Geschichte der Philosophie befassen will: Wilhelm Weischedels \"Philosophische Hintertreppe\" ist auch nicht dicker als \"Sofies Welt\", etwas anstrengender, aber durchaus verständlich und weit kompetenter...; oder auch, noch kürzer: Otfried Höffe, Kleine Geschichte der Philosophie)
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-19 10:57:40 mit dem Titel Grass, Günter: Mein Jahrhundert
Jahrhundertwerk?
Nein, das ist es nicht geworden. Günter Grass schreibt hundert kurze Episoden, jeweils aus einer anderen Ich-Erzähler-Perspektive, die je ein Ereignis der Jahre 1900 bis 1998 zum Inhalt haben (die 99er-Episode, aus der Perspektive von Mutter Grass, ist reine Fiktion), mal aus der großen Weltpolitik, mal Szenen aus der Lokalpresse. Dabei gewinnt man als Leser den Eindruck, daß die inhaltliche Füllung der Grundidee untergeordnet wird (und so ist es auch zu erklären, daß manche Geschichten sich im nächsten Kapitel einfach fortsetzen). Die Personen, von denen erzählt wird, stammen aus allen Schichten, allen Regionen (teils wird Dialekt verwendet), allen gesellschaftlichen Bereichen. Aber gerade dabei versagt an manchen Stellen auch Grass\' Sprachmächtigkeit, so in dem gern zitierten Beispiel, als sich ein einfacher Landser \"zwecks Einschiffung\" im Hamburger Hafen einfindet - so redet kein einfacher Mann vom Lande!
Zum Teil lebendig geschilderte Facetten des Jahrhunderts, zum Teil gute Unterhaltung, zum Großteil aber eine echte Enttäuschung. Von einem Grass, einem der zweifellos größten Autoren des 20. Jahrhunderts, hätte ich mehr erwartet.
Eine junge Frau ist mit ihrem Auto gegen einen Betonpfosten gerast, der mitten in offener Landschaft stand. Ganz offensichtlich ein Selbstmordversuch, zumal sich schnell herausstellt, daß ihr Verlobter vor kurzem die Verlobung gelöst hat. Die Frau überlebt, behauptet allerdings, sich nicht an die letzten Wochen erinnern zu können. Sie wird in eine Klinik eingeliefert, wo sie umfassend ärztlich betreut wird. Doch schon nach kurzer Zeit kommen der Polizei und dem behandelnden Arzt erhebliche Zweifel an der Selbstmord-Theorie. Die Frau ist eine erfolgreiche Fotografin, erwartet nach dem Tod ihres Vaters ein Millionenerbe, und schließlich ist sie keineswegs traurig über den Verlust ihres Verlobten.
Die Polizei versucht, die Angelegenheit zu klären, der Arzt versucht, das Vertrauen seiner Patientin zu gewinnen und ihr zu helfen, ihr Vater versucht, sich und seine Familie zu schützen. Und die Fotografin selbst? Welche Rolle spielt sie wirklich? Ist die Amnesie nur vorgetäuscht? Denn auch in ihrer Vergangenheit finden sich dunkle Punkte...
Minette Walters gelingt es, ein spannendes Netz aus mysteriösen Einzelheiten zu flechten, in dem der Leser bald selbst gefangen ist. Zwar bringt er der Fotografin und ihrem Arzt schnell Sympathien entgegen, doch die Zweifel an ihrer Unschuld mehren sich mit der Erkenntnis, daß sie mehr über ihre eigene Vergangenheit weiß, als sie zugibt. Der Roman führt den Leser aus verschiedenen Perspektiven immer tiefer in das Leben der Hauptfiguren hinein. Schlaglichtartig werden die dunklen Kammern, in denen die Fotografin durch ihren Gedächtnisschwund gefangen ist, erhellt.
Schwächen hat dieser stilsicher geschriebene Roman eigentlich wenige, vielleicht werden einige der ausgelegten Fährten etwas zu offensichtlich als frühzeitig Holzwege deutlich.
Minette Walters Roman \"Dunkle Kammern\" garantiert spannende, manchmal auch etwas beklemmende Unterhaltung. Empfehlenswert.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-16 09:44:08 mit dem Titel Gaarder, Jostein, Sofies Welt
Philosophie für Grundschüler
Da hat ein Lehrer sein zugegebenermaßen beeindruckendes didaktisches Konzept zu einem Buch verarbeitet, und es wurde ein Bestseller daraus. Endlich kann man sich Platon, Aristoteles und Kant noch kurz zwischen Tagesschau und Tatort reinziehen - aber kann man dies wirklich? Meiner Ansicht nach nein. Denn die großen Philosophen verlangen nun einmal danach, daß man ihre Gedanken (zugegebenermaßen mühsam) nachvollzieht, sie lassen sich nicht in ein Fast-Food-Programm quetschen. Genau dies aber macht Gaarder. Er zieht einen oder zwei Grundgedanken aus ihren Werken heraus und erklärt sie in anschaulicher Weise. Doch damit werden tausend andere Gedanken, die ebenso wesentlich sind, ausgeblendet, das vielschichtige Werk der Philosophen auf eine Dimension reduziert.
Die Rahmenhandlung ist denkbar einfach: Ein zunächst Unbekannter (Gaarders alter ego) macht ein Mädchen durch anonyme Briefe neugierig aufs Philosophieren und befriedigt ihre Neugier dann häppchenweise mit schmalen Ausschnitten aus der Philosophiegeschichte.
So kann man versuchen, jemandem \"philosophisch denken\" beizubringen - und das ist ja der Grundgedanke von Gaarders Konzept (Die Rahmenhandlung macht dies deutlich). Aber die Philosophen versteht man damit noch lange nicht.
(Wer sich etwas ernsthafter mit der Geschichte der Philosophie befassen will: Wilhelm Weischedels \"Philosophische Hintertreppe\" ist auch nicht dicker als \"Sofies Welt\", etwas anstrengender, aber durchaus verständlich und weit kompetenter...; oder auch, noch kürzer: Otfried Höffe, Kleine Geschichte der Philosophie)
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-19 10:57:40 mit dem Titel Grass, Günter: Mein Jahrhundert
Jahrhundertwerk?
Nein, das ist es nicht geworden. Günter Grass schreibt hundert kurze Episoden, jeweils aus einer anderen Ich-Erzähler-Perspektive, die je ein Ereignis der Jahre 1900 bis 1998 zum Inhalt haben (die 99er-Episode, aus der Perspektive von Mutter Grass, ist reine Fiktion), mal aus der großen Weltpolitik, mal Szenen aus der Lokalpresse. Dabei gewinnt man als Leser den Eindruck, daß die inhaltliche Füllung der Grundidee untergeordnet wird (und so ist es auch zu erklären, daß manche Geschichten sich im nächsten Kapitel einfach fortsetzen). Die Personen, von denen erzählt wird, stammen aus allen Schichten, allen Regionen (teils wird Dialekt verwendet), allen gesellschaftlichen Bereichen. Aber gerade dabei versagt an manchen Stellen auch Grass\' Sprachmächtigkeit, so in dem gern zitierten Beispiel, als sich ein einfacher Landser \"zwecks Einschiffung\" im Hamburger Hafen einfindet - so redet kein einfacher Mann vom Lande!
Zum Teil lebendig geschilderte Facetten des Jahrhunderts, zum Teil gute Unterhaltung, zum Großteil aber eine echte Enttäuschung. Von einem Grass, einem der zweifellos größten Autoren des 20. Jahrhunderts, hätte ich mehr erwartet.
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