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Erfahrungsbericht von strawberrymouse

Jostein Gaarder-durch einen Spiegel in einem dunklen Wort

Pro:

spannend, unterhaltsam

Kontra:

zum Ende hin etwas abfallend

Empfehlung:

Nein

Die Welt in einem anderen Licht

Wir weinen, wenn etwas traurig ist. Und wir vergießen auch gern über etwas Schöne eine Träne. Wenn etwas witzig oder hässlich ist, lachen wir. Vielleicht werden wir traurig, wenn etwas schön ist, weil wir wissen, dass es nicht von Dauer ist.
(Auszug aus: "Durch einen Spiegel in einem dunklen Wort")

Wie so viele andere, habe auch ich Jostein Gaarders "Sophies Welt" gelesen. Mich daran zurückerinnernd, stand ich mal wieder bei uns im Buchladen und wusste nicht so recht was ich als nächstes Lesen sollte: "Was klassisches? Oder doch lieber eine leichte Lektüre?" Da fiel mein Blick auf Gaarders "Durch einen Spiegel in einem dunklen Wort". Schon der Titel zog mich magisch an, ich bezahlte und machte mich auf den schnellsten Weg nach Hause (nicht ohne mir vorher noch einen Latte Macciatto besorgt zu haben).
Innerhalb kürzester Zeit nahm mich das Buch gefangen. Obwohl sehr leicht zu lesen, und somit sowohl für Kinder als auch Erwachsene empfehlenswert, büßt es nichts an seiner philosophischen Poesie ein. Gaarder gelingt es mit einfachen Wort die zauberhafte, wenngleich auch traurige Geschichte der kleinen Cecilie zu erzählen. Das sterbenskranke Mädchen liegt am Weihnachtstag in ihrem Bett, während der Rest der Familie (ihre Eltern, ihre Großeltern und ihr kleiner Bruder Lasse) alle Vorbereitungen für das große Fest treffen. Doch da erscheint ihr der kleine glatzköpfige Engel Ariel, welcher sich nur um sehr kranke Kinder kümmert, der sie zum Nachdenken über die Schöpfung, den Kosmos und die Sinne anregt und im Gegenzug alles über das Leben der Menschen wissen will. Cecilie und Ariel führen lange Gespräche, die ab und an vom „normalen“ Familienleben (soweit dies in der Situation des kleinen Mädchens möglich ist) unterbrochen werden und machen Ausflüge rund um das Haus. Cecilie hat sich sehnlichst ein paar Skier gewünscht, die sie unbedingt ausprobieren möchte und dies schafft sie nur durch Ariels Hilfe.
Gaarder betreibt, trotz seiner einfachen Worte, eine fantastische Bildmalerei, die zwar detailliert, jedoch nicht langweilig ist.
Die Gespräche zwischen Cecilie und Ariel regen zum Nachdenken an und lassen die Angst vor dem Tod schwinden. Besonders gut gefallen haben mir die Stellen, an denen Cecilie in ihr Tagebuch schreibt.
Hier werden noch mal all ihre Erkenntnisse verkürzt dargestellt.
Teilweise musste ich schmunzeln, teilweise innehalten und über das geschriebene Nachdenken, und ich kam auch nicht umhin ein paar Tränen zu vergießen.
Mehr möchte ich über dieses zauberhafte Buch gar nicht verraten...
Das Buch ist für Leser jeden Alters, obgleich es auch vom Tod handelt ist es trotz allem lebensbejahend und auch für jüngere Kinder geeignet. Und auch wenn man nicht an Gott glaubt, büßt es seine Magie nicht ein.
Mit einem Preis von 7,50€ (Weichcover) recht erschwinglich und auf jeden Fall eine lohnenswerte Anschaffung.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel,
in einem dunklen Wort;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkannt,
gleichwie ich erkannt bin.

Erster Brief des Paulus an die Korinther,
13.Kapitel, Vers 12


Jostein Gaarder, „Durch einem Spiegel in einem dunklen Wort“, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 3-423-12917-4


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-04-16 18:25:35 mit dem Titel Lessings Bürgerliches Trauerspiel "Emilia Galotti"

Marinelli- der heimliche Star?

Ist G.E. Lessings bürgerliches Trauerspiel „Emilia Galotti“ noch interessant und mitreißend?

Die Geschichte in Kürze: Der Prinz von Guastalla trifft zufällig auf das Bürgermädchen Emilia Galotti. Er ist vom Gedanken besessen, dieses Mädchen zu bekommen. Als er hört, dass sie den Grafen Appiani heiraten soll, gibt er seinem Kammerherrn Marinelli den Auftrag alles zu tun um dies zu verhindern. Dieser schickt zwei bezahlte Verbrecher aus, um einen Anschlag auf den Grafen zu verüben. Appiani wird getötet, Emilia und ihre Mutter von Bediensteten auf das Schloss des Prinzen gebracht und das Unheil nimmt seinen Lauf...

Lessing greift in seinem Stück ein oft bearbeitetes Motiv auf; die von Livius in „Vom Ursprung der Stadt III“ (Ab urbe condita) erzählte Legende der Römerin Virginia, die von ihrem Vater getötet wird, weil dies der einzige Weg ist, sie vor der Willkür des Decemvirn Appius Claudius zu schützen. Bei Livius ruft die Tat von Virginias Vater einen Volkaufstand hervor, in dessen Verlauf die Decemvirn zurücktreten müssen und Appius Claudius ins Gefängnis geworfen wird, wo er sich selbst tötet.
Doch anders als bei Livius lässt Odoardo, den Vater Emilias, seine Tochter zwar umbringen, verlagert das Geschehnis jedoch in einen „neutralen“ Raum. Neutral, weil es innerhalb des Lustschlosses des Prinzen (welcher Emilia begehrt) passiert, also nicht in der Öffentlichkeit. Ebenso verzichtet er auf den rein politischen Hintergrund, lässt ihn nur teilweise einfließen und konzentriert sich auf Moral und Tugend. Auch den Personen verleit Lessing viel Tiefe. Ein Jeder hat seine Rolle; Emilia Galotti – die pubertierende Tochter, Claudia Galotti – die sich nur das Beste für ihre Tochter wünschende Mutter, der um seine Tochter besorgte Vater Odoardo Galotti, der Prinz Hettore Gonzaga – der sich für verliebt haltende Herrscher und die verletzte, rebellische ehemalige Geliebte Gräfin Orsina.
Jede/r hat seine Rolle, auf die er bzw. sie jedoch nicht beschränkt ist, Facettenreichtum zeichnen die Figuren aus; niemand ist nur gut oder nur schlecht, getrieben von den eigenen Wünschen, Vorstellungen und Empfindungen agieren die Charaktere.
Doch als hätte Lessing geahnt, dass das Publikum damit nicht zufrieden wäre, hat er einen weiteren Protagonisten erschaffen: Marinelli, den genialen Schachbrettspieler im Hintergrund, der scheinbar alle Fäden in der Hand hält. Des Prinzen Kammerherr und selbsternannter Freund lässt den Leser vor Kälte erzittern, seine Machtgier lässt ihn über Leichen gehen. Fast schon pervers ist diese Figur, durch und durch böse, und somit perfekt für jeden Thriller. Die Figur des Marchese ist so eindimensional und löst trotzdem so viele Gefühle in einem aus.
Macht dies Marinelli zum heimlichen Star? Ja! Er ist zugleich die abstoßendste und doch anziehendste Person des Dramas. Während die anderen Figuren durch ihre Vielschichtigkeit und innere Zerrissenheit fast schon langweilen, möchte man zu ihm gehen, ihn anschreien, schütteln und so seine bösen Gedanken austreiben.
So stehen die Figuren fast schon im Gegensatz zu Lessings Maxime: „Auf dem Theater sollen wir nicht lernen was dieser oder jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde.“ (G. E. Lessing, 19. Stück, Werke, Bd.5)
Ob es nun an den veralteten Idealen und Moralvorstellungen, den, trotz ihres Facettenreichtums, doch irgendwie langweiligen Figuren: Emilia ist, wenn im Stück mal präsent, fast schon zu nett, zu lieb und zu innerlich zerrissen zwischen Tugend und aufkeimender Leidenschaft, oder der Entfernung zum Absolutismus bzw. der Aufklärung liegt, oftmals kann man den Gedankengängen der Figuren nur schwer folgen. Einzige Ausnahme ist hier die Gräfin Orsina, die mit ihrem messerscharfen Verstand fast schon hellseherisch die Machenschaften des Doppels einfältiger Prinz und „Ich-will-alles-haben“-Marinelli aufdeckt (und Odoardo davon in Kenntnis setzt.)

Zwar ist das bürgerliche Trauerspiel eine typische Tragödie, doch geht Lessings Hamburgerische Dramentheorie hier, aus der heutigen Sicht, nicht auf. So hat man zwar Mitleid mit Emilia, jedoch fühlt man nicht mit ihr. Liegt das vielleicht an unserer heutigen fehlenden Nähe zum Konflikt zwischen Bürgertum und der damit zusammenhängenden bürgerlichen Moral und dem absolutistischen Herrscher und dessen Werteverfall und seiner politischen Macht?
Das Ende des bürgerlichen Trauerspiels ist durch die Schuldfrage ebenso offen, wie die Reaktion des Publikums. Das Stück bringt den Zuschauer zum Nachdenken, nicht zu einer Tränenflut, vielleicht verzichtete Lessing bewusst auf alles Rührselige.

Fazit: Ein Buch das man gut lesen kann, aber nicht muss.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-04-16 18:50:20 mit dem Titel Milan Kundera: Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Die Entdeckung der Langweiligkeit

oder wie Milan Kundera mit seinem Roman \"Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins\" 301 Seiten Langatmigkeit präsentiert

~ eine Rezension ~

Als Schülerin bin ich ja gewohnt Bücher lesen zu müssen, die langweilig und bedeutungslos sind. Im besten Falle ergibt sich hinterher eine gute Note im Test oder Klausur. Umso erfreuter ist man dann, wird von der Lehrkraft mal nicht zu sogenannten Klassikern gegriffen, sondern zu einem Bestseller. Muss man sich mal nicht mit der \"Gretchenfrage\" auseinandersetzen, muss man sich mal nicht von irgendwelchen Liedern von irgendwelchen Glocken nerven lassen und kann Kafka mal \'nen guten Mann sein lassen.

Als ein Lichtblick am Deutsch-Horizont erscheint da Milan Kundera und sein Roman \"Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins\". \"Hm, klingt philosophisch\", denkt man sich, doch schon nach ein paar Seiten ist einem klar; von philosopgisch kann hier keine Rede sein - Lichtblick verschwunden.
Hier wird einem nur die unerträgliche Liebesgeschichte zweier Menschen während des Prager Frühlings präsentiert, die so gar nicht zusammenpassen und doch ohne einander nicht leben können. Klingt nach billigem Kitsch? Absolut! Und Kundera lässt sich in aller epischen Breite über den Begriff \"Kitsch\" und dessen Bedeutung aus. Danach dürfte jedem klar sein: \"Ja, das ist Kitsch!\"
Überhaupt hat man ständig das Gefühl, dass Milan Kundera beim Schreiben große Angst davor gehabt haben muss, man könne ihn missverstehen. Ständig wird der Lesefluss durch Kommentare und Erklärungen unterbrochen, Platz für eigene Ansichten und Interpretationen bleibt da kaum.
Apropos Lesefluss, einen Pluspunkt hat das Buch: es lässt sich, trotz seiner Langatmigkeit, den ewigen Autoren-Kommentierungen und nicht linearen Erzählweise, recht einfach lesen. Das war\'s dann auch mit den Pluspunkten.
Die Figuren bieten keinerlei Identifiaktionsmöglichkeiten. So ist Tomas ein neurotischer Don Juan für Arme, der es vorzieht in den Betten anderer Frauen herumzutollen, statt sich um das Seelenheil seiner Frau Teresa zu kümmern (und sie überhaupt nur heiratet, damit sie sich besser fühlt). Theresa hingegen ist ein provinzielles, ewig leidendes Naivchen, das sich mit den Sexabenteuern ihres Mannes, ihrem Körper und den mit beiden zusammenhängenden Albträumen quält. Erwähnenswert wären noch Sabina, eine typische Künstlerin, Tomas beste Freundin und liebste Gespielin und deren Liebhaber Franz, dessen eigentlich von Anfang an verwirkt ist. Einzige Figur zu der man wirklich bezug findet ist der Hund Karenin, der ist umso kunffiger.
Gut, das Kundera einem klar macht, dass seine Figuren fiktiv und nur aus dem Feld der Möglichkeiten entstanden sind. Solche Leute treffen? Nein danke.
Die Liebe der beiden Protagonisten Tomas und Theresa steht einzig unter dem Stern der Abhängigkeit und Treue/Untreue und ist ein ewiges voreinanderweg- und zueinanderhinlaufen. Ihr Leben ist von anfang an verwirkt, irgendwann kann man den beiden nur noch den Tod wünschen. Schade nur, dass es dann immer noch 40 Seiten bis zum Ende des Romans sind!

Fazit: Die Titelierung Bestseller als Garant für einen guten Roman? Ganz schnell vergessen.



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-04-16 19:14:01 mit dem Titel Bernhard Schlink: Der Vorleser

Das Überraschungsei der deutschen Gegenwartsliteratur

oder (mehr als) 3 gute Gründe Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ zu lesen.


Was ein Mix aus Schokolade und Spielzeug mit einem Roman zu tun hat? Auf den ersten Blick wahrscheinlich nichts, anders jedoch, wenn man Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ liest. Denn dieses Buch ist ebenso überraschend, überraschend spannend, überraschend anders. Und das fängt bei der Verpackung bereits an.Unscheinbar wie ein Überraschungsei der karge Titel, wer jedoch einen langweiligen Groschenroman erwartet, irrt. Schlink greift Themen auf, welche auf den ersten Blick miteinander unvereinbar scheinen: die Liebe, die Bewältigung der NS-Zeit und den Analphabetismus. Aber das sind ja gleich drei Themen auf einmal! Ja, und Schlink gelingt es sie in Einklang zu bringen. Geschickt verflechtet er in der Biografie seines fikitiven Protagonisten Michael Berg, die Liebesbeziehung mit einer reifen, zwanzig Jahren älteren Frau.Ist das Staniolpapier erstmal entfernt, arbeitet man sich genüßlich durch die Schokolade, das Buch entwickelt sich zu einem Ge(ri/s)chichtsroman. Und da plötzlich: das kleine gelbe Plastikei! Oder bei Schlink: das Ende in Form einer psychologischen Tragödie über Schuld und Aufrichtigkeit.
Mag kompliziert und verwirrend klingen, doch Bernhard Schlink schafft es zum einen durch die Aufteilung des Romans in drei Teile,zum anderen durch das Motiv des Vorlesens, welches sich kontinuierlich als roter Faden durch das Buch zieht, eine geradlinige Geschichte zu erzählen. Und diese Geradlinigkeit lässt sich auch in seinem Schreibstil wiederfinden: er benutzt eine einfache, lakonische Sprache. Fast schon panisch, meidet er Metaphern und Nebensätze und arbeitet trotzdem mit sorgfältiger Genauigkeit Szenen mit fast filmischer Präsenz heraus. Schlinks Stil ist einfach, aber extrem fesselnd.
„Der Vorleser“ ist kein lauter Roman, leise erzählt er die Odyssee Michaels vom Kind zum reifen Mann, eine Entwicklung die immer von der früheren Liebebeziehung zu der älteren Hanna überschattet wird. Diese Liebe lässt Michael nicht los und Michael lässt diese Liebe nicht los. Selbst dann nicht, als er erfährt das seine Geliebte während der Zeit des Nationalsozialismus als KZ-Aufseherin gearbeitet hat. Auch die therapeutische Niederschrift dieser Beziehung hilft ihm nicht: die Geschichte zu schreiben um sie los zu lassen, gelingt nicht.
Bernhard Schlink moralisiert nicht, er bietet keine Patentlösung an, dafür erzählt er von Dingen, die keinen Anspruch auf Freiheit und Versöhnung haben. Der Roman wirft Fragen auf, aber eines darf man nicht erwarten: eine Lösung. Mit Sicherheit bleibt aber zu sagen sagen: „Der Vorleser“ ist sozusagen das ersehnte „siebte Ei“, mit einer Überraschung am Ende, welche jedoch anders ausfällt wie vermutet.
Fazit: Was für (Schul)Kinder gut ist, kann für Erwachsene ja nicht schlecht sein!

[I]Meine Meinung
Abschließend nochmal meine Ansichten zusammengefasst. Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er ist leicht zu lesen, was keinen Bruch mit seiner Qualität darstellt. Am Anfang war ich von der Problematik Junge liebt ältere Frau wenig begeistert,was sich aber schnell geändert hat. Da ich das Buch "Die Kaninchen von Ravensbrück" gelesen hatte, war ich mit der Problematik KZ gut vertraut, was sich als sehr hilfreich beim Charakter der Hanna herausgestellt hat.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-05-02 15:57:42 mit dem Titel Simply Irresistible

Phil: "Nichts ist, was es zu sein scheint. Wahrheiten sind so zerbrechlich wie die Menschen, die sie erschaffen."

Jetzt sitze ich hier, habe mir fest vorgenommen endlich den Bericht über Steinhöfels "Die Mitte der Welt" zu schreiben und irgendwie fehlen mir die Worte... Wie soll man auch ein derart wunderbares Buch beschreiben ohne typisch nichtsaussagende Phrasen zu verwenden und trotz einer merkwürdig-klingenden Geschichte es als ein Lese-Muss zu empfehlen?

~ Wie ich darauf gekommen bin ~

Gehört habe ich über das Buch bisher nur gutes. Auch der Titel sprach mich total an: "Die Mitte der Welt", klingt ja auch einfach philosophisch. Abschreckend allerdings das Lesealter, nämlich ab 14 Jahren und der männliche Protagonist. Ich mag weder diese auf Teenie-Problem-getrimmten Jugendbücher noch lese ich gern sowas über Jungs, denn damit kann ich mich kaum identifizieren.
Aber nun gut, ich stand mal wieder im Buchladen (wo ich, zum Graus meiner Freunde, schon mal Stunden verbringen kann - da erlebt man aber auch immer Geschichten...darüber könnte man auch Berichte schreiben, wie dem auch sei...) und war in Shopping-Laune (ca. 30 Tage im Monat *g*) und wollte mir ein Buch kaufen. Das Buch, welches ich eigentlich wollte, gab es natürlich nicht, da entdeckte ich "Die Mitte der Welt" im Regal. Das Cover sprang mir ins Auge (siehe oben), eine schöne schwarz-weiß-Fotografie und letztendlich war ich nun überzeugt.

~ Die Geschichte ~

Der 17jährige Phil lebt mit seiner liberalen und alles andere als kleinbürgerlichen Mutter Glass (so führt sie beispielsweise eine Liste aller Männer die sie "hatte") und seiner introvertierten Zwillingsschwester Dianne in Visible, einer riesigen alten Villa. Nicht genug, dass die Dorfgemeinschaft nicht viel von dieser Familie hält, Phil und Dianne als "Hexenkinder" verschrien sind, auch taucht in Phils eigenen Umfeld das ein oder andere Problem auf. So will er unbedingt etwas über Nummer 3 erfahren, doch behält Glass stillschweigen über seinen Vater, auch in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter krieselt es und das Phil eine Tunte ist (so wird er von der lesbischen Freundin seiner Mutter nach einem "Schwulen-Test" tituliert) und sich in den neuen Mitschüler verliebt, macht es auch nicht leichter. Mehr mag ich gar nicht erzählen, weil es ansonsten die Spannung nehmen würde. Auch wenn die Geschichte für viele nicht so ansprechend klingen mag, sie ist einfach wunderbar erzählt. Wort-und bildreich werden Phils Eindrücke geschildert; teilweise philosophisch, aber niemals kitschig, denn Phil selbst beschreibt sein Leben, linear wird circa ein Jahr erzählt, welches immer wieder durch Zeitsprünge in die Vergangenheit unterbrochen wird. Doch endet dies keineswegs in einer wirren Geschichte, im Gegenteil, wie ein Puzzle werden die Geschehnisse verknüpft, der Zusammenhang immer klarer. Dies macht die Geschichte umso spannender, da sie sich immer wieder überraschend wendet. Letztendlich ist nicht nur Phils Leben geschildert, auch das der anderen, sehr farbigen und plastischen, Personen zeichnet sich immer klarer ab.
Das Buch beginnt mit Glass Flucht, nicht einmal 18 Jahre alt und hochschwanger, aus Amerika (Prolog) und endet mit Phils Flucht nach Amerika (Epilog).

~ Fakten ~

Autor: Andreas Steinhöfel
Titel: Die Mitte der Welt
Verlag: Fischer (www.fischer-tb.de)
Seitenzahl: 460 Seiten (Taschenbuch)
ISBN: 3-596-14496-5
Kaptelzahl: 3 Teile (insgesamt 17 Kapitel, wenn ich mich nicht verzählt habe + Pro- und Epilog)
Preis: 8,90 € (18,90 DM)
Lesealter: ab 14 Jahre

~ Der Autor ~

Andreas Steinhöfel wude 1962 in Battenberg geboren, studierte in Marbug Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Erl lebt als Übersetzer, Drehbuchautor, Kinderbuchautor und ezensiert regelmäßig Jugendbücher für die FAZ. Die Mitte der Welt ist sein erster Roman, der Erwachsene wie Jugendliche ansprechen wird (Klappentext).


~ Eigener Eindruck ~

Die Investition hat sich für mich absolut gelohnt; ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Meine ersten Zweifel wegen der Geschichte und dem männlichen Protagonisten waren schnell aus dem Weg geräumt, das Buch ist wirklich fantastisch und ich habe nichts, absolut nichts daran auszusetzen. Häufig ist es bei mir so, dass die Bücher die von vielen Seiten gelobt wurden, mir nicht gefallen haben, in diesem Fall nicht. Das Buch ist bildreich, poetisch, fesselnd, aber nicht auf billig-kitschige Art und auch für Erwachsene empfehlenswert.
Hier nun noch ein paar Sätze aus dem Buch, die es mir besonders getan haben:

~ Leseproben ~

* Phil *:
- "Das habe ich nie vergessen: dass man liebt, um die Kälte zu vergessen und den Winter zu vertreiben."

-"Dann, irgendwann, ohne ersichtlichen Grund, ist meine Schwester verstummt. Sie hat sich wie ein Trugbild vor meinen Augen verflüchtigt. Zu wem auch immer sie jetzt geht, er weiß mehr über sie als ich."

-Ich hätte sie gern getröstet, einen Arm um sie gelegt, schreckte aber instinktiv davor zurück. Etwas in Tereza verweigerte sich jeder Anteilnahme. Glass war für sie mehr als eine Freundin, und Liebe erschlöscht nie, sie änderte bestenfalls ihre Form.

- In mein Zimmer und die schützende Höhle meines Betts zurückgezogen, baue ich meterhohe Gedankentürme aus den immer gleichen Bausteinen, reiße sie Stück um Stück wieder ein oder sehe dabei zu, wie sich vons selbst in sich zusammenstürzen.

- Noch immer glaube ich, den Boden unter meinen Füßen schwanken zu spüren, aber ich habe keine Angst mehr davor, zu stürzen. Es ist ein schönes Gefühl. Es ist das Gefühl von Leben in Bewegung.


* Händel (der Mathematik-Lehrer) *

- " Wir glauben an einen Sinn, weil wir den Gedanken nicht ertragen können, dass alles dem blinden Zufall unterliegt. Wir glauben an Zeichen, aber glauben Sie mir, es gibt keine Zeichen. Beethoven schuf einige seiner größten Kompositionen, nachdem er ertaubt war: Bedeutende Dinge vollziehen sich im Stillen. Katastrophen ereignen sich, ohne dass sich zuvor der Himmel verdunkelt..."




----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-18 13:02:33 mit dem Titel Cruel and Unusual


* Patricia Cornwell * Vergebliche Entwarnung

Um eines gleich vorweg zunehmen; ich habe das Buch im Original, also auf amerikanisch gelesen, dort heißt es auch \"Cruel and Unusual\" - ein Titel der mir weitaus besser gefällt, aber dazu später mehr.

~ Wie ich darauf gekommen bin ~

Ich lese gern Bücher diesen Genres (Medizin Thriller) und habe auch schon das ein oder andere Patricia Cornwell-Buch gelesen, allerdings noch keines aus der Serie um die Gerichtspathologin Kay Scarpetta. Bei uns im Buchladen habe ich dann den Band \"Cruel and Unusual\" entdeckt und da ich gern englischsprachige Literatur lese, einfach mal gekauft. Das Buch geriet allerdings in Vergessenheit und bei meiner letzten Aufräum-Aktion bin ich erneut darauf gestoßen und hab\' vorgestern einfach mal angefangen zu lesen.


~ Die Story ~

Das Buch selbst beginnt mit einem Prolog, einer Mediatation von Ronnie Joe Waddell, der in kürze auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden soll. Vor 10 Jahren hat er eine Fernsehmoderatorin auf bestialische Weise ermordet. Während Dr. Kay Scarpetta auf einen Anruf wartet, der sie darüber informiert, ob sie noch am selben Abend (es ist kurz vor Weihnachten) die Obduktion vorzunehmen hat, erreicht sie ein anderer; Detective Joe Trent, der ihre Hilfe braucht. Ein 13jähriger Junge wurde ermordet, Stücke aus seinem Körper fehlen. Und damit ist Kay Scarpetta in ihrem neuen Fall, es gibt nämlich auffällige Gemeinsamkeiten zwischen diesem Fall und dem Mord der Fernsehreporterin, der 10 Jahre zurückliegt. Scarpetta findet heraus, dass sie ihren Angestellten nicht mehr Vertrauen kann (durch die Unterstützung ihrer Nichte), weitere Morde geschehen und alles scheint mit dem bereits hingerichteten Waddell zusammen zuhängen. Das ganze gipfelt darin, dass sie sich selbst vor Gericht zu verantworten hat.
Mehr möchte ich nicht verraten...

~ FAKTEN ~

Autor: Patricia Cornwell
Titel: Vergebliche Entwarnung
Originaltitel: Crime and Unusual
Preis: 7,62 € (Taschenbuch/ dt. Ausgabe)
ISBN: 3426671034
Knaur Verlag

~ Meine Meinung ~

Ich finde den deutschen Titel ja mal wieder herrlich *ironisch*, wie kommt man nur von Cruel and Unusual auf Vergebliche Entwarnung? Nach dem Lesen des Buches kann ich es mir zwar denken, so richtig schlüssig finde ich es aber nicht; da passt der Originaltitel schon besser. Außerdem ist es ganz schön schwierig - sofern man nur den Originaltitel kennt - hier die richtige Kategorie zu finden...
Aber nun zum Buch selbst...ich habe keine Ahnung um welchen Teil aus der Serie es sich hier handelt, aber auch ohne bisherige Kay Scarpetta-Erfahrungen, lässt sich das Buch gut lesen - auch auf englisch. Schwierigkeiten haben mir nur die vielen Ausdrücke aus der forensischen Medizin gemacht, was in der deutschen Ausgabe wohl recht ähnlich sein wird, wenn man da keine Ahnung hat.
Patricia Cornwell betreibt eine sehr ausgeprägte Wortmalerei, alles ist sehr bildhaft, was aber durchaus in den Roman passt. Zu Anfang gipfelt jedes Kapitel in einem Höhepunkt, also eine gut gesetzte Pointe oder einem mysteriösen Umstand, so dass ich einfach immer weiterlesen musste, weil ich wissen wollte, wie das, ich sage mal Geheimnis, lautete. Und vieles ist anders als es zu sein scheint. Dies lässt leider zum Ende hin nach. Dafür wurde ich immer neugieriger wer denn nun der Mörder ist. Spannend ist das Buch auf jeden Fall, sonst hätte ich kaum die letzten 200 Seiten gestern Nacht noch gelesen. Nun kenne ich zwar die Auflösung, aber ich muss sagen, ein bißchen enttäuscht bin ich schon; man hätte einfach mehr aus dem Stoff herausholen können. Das Buch begann wahnsinnig spannend, es konnte spekuliert werden und bis zum Ende kommt man auch wirklich nicht auf die Auflösung, aber zum Schluss fällt die Geschichte einfach ab. Aus dem vielersprechenden Anfang von Korruption, mysteriösen Umständen und im dunkeln liegenden Machenschaften, hätte man einfach ein weitaus spannenderes Ende und einen besseren Mörder stricken können, leider hat Patricia Cornwell dies nicht getan. Ich spekuliere mal auf einen weiteren Teil dieser Serie in dem sie erneut auf den Mörder trifft, was die Sache nicht besser macht.
Ein bißchen enttäuscht bin ich schon, aber ich werde garantiert wieder zu Patricia Cornwell greifen (schon allein weil ich gutes von ihr gewohnt bin) und auch zu der Kay Scarpetta-Reihe, denn spannend war dieses Buch auf jeden Fall.

~ Meine Bewertung ~

Ich empfehle das Buch auf jeden Fall, es bekommt von mir eine 1, obwohl ich vom Ende etwas enttäuscht bin, aber der Anfang ist wirklich hervorragend und insgesamt ist es sehr spannend. Beim Niveau habe ich anspruchsvoll angegeben, bedingt durch die vielen Ausdrücke der forensischen Medizin. Unterhaltend ist das Buch auf jeden Fall und ein paar humorvolle Pointen sind auch drin.

Warum der Titel im Original \"Cruel and Unusual\" heißt, möchte ich Euch auch nicht vorenthalten:
Gruemann, Kay Scarpettas ehemaliger Uni-Professor, sagt in einem Gespräch zu ihr:
\"You can understand better, perhaps, my passionate opposition to capitol punishment, which is cruel and unusual.\"
Das Cruel and Unusual (grausam und ungewöhnlich) bezieht sich also auf die Todesstrafe.

~ Zum Schluss noch ein Leseauszug: ~
An jenem Montag, an dem Ronnie Joe Waddells »Gedanken« in meiner Handtasche steckten, sah ich kein Tageslicht. Es war noch dunkel gewesen, als ich morgens zur Arbeit fuhr, und es war schon wieder dunkel, als ich mich abends auf den Heimweg machte. Regentropfen blitzten im Scheinwerferlicht, und die Nacht war neblig und bitter kalt.

Während ich in meinem Wohnzimmerkamin Feuer machte, stellte ich mir Felder vor, auf denen Tomaten reiften, und einen jungen Schwarzen in dem stickigen Führerhaus eines Pick-up-Trucks. Ob er schon damals Mordgedanken hatte? Waddells »Gedanken« waren im »Richmond Times-Dispatch« abgedruckt worden, und ich hatte den Zeitungsausschnitt ins Büro mitgenommen, um ihn seiner ständig wachsenden Akte beizufügen, doch vor lauter Arbeit vergaß ich es, und so blieb der Ausschnitt in meiner Handtasche. Ich hatte ihn beim Frühstück gelesen und wieder einmal verblüfft vor dem Phänomen gestanden, daß in einem Menschen gleichzeitig Poesie und Grausamkeit wohnen konnten. Zudem war die Ausdrucksweise für einen so einfachen Mann höchst ungewöhnlich.

In den nächsten Stunden füllte ich Überweisungsformulare aus und schrieb Weihnachtskarten, während leise der Fernseher lief Wie alle anderen Bürger Virginias konnte auch ich nur aus den Medien erfahren, ob im Zusammenhang mit einer Hinrichtung alle Appelle fehlgeschlagen waren oder der Gouverneur eine Begnadigung aussprach. Die Nachrichten würden darüber entscheiden, ob ich zu Bett gehen durfte oder zum Leichenschauhaus fahren mußte.

Es war kurz vor zehn, als das Telefon klingelte. Ich erwartete meinen Stellvertreter oder einen anderen Angehörigen meines Stabes am anderen Ende der Leitung, der wie ich abrufbereit dasaß.

»Hallo«, sagte eine mir unbekannte männliche Stimme...

[ Quelle: http://www.medical-thriller.de/vergebliche_entwarnung.html]

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