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Erfahrungsbericht von Daverigger

"Mr. Aufziehvogel" von Haruki Murakami - Perücken und feuchte Träume

Pro:

Interessante Geschichte

Kontra:

Hätte ausführlicher sein können

Empfehlung:

Nein

Ich habe bisher mehrere Bücher von Haruki Murakami gelesen, darunter auch "Gefährliche Geliebte" und "Naokos Lächeln". Ich war bisher von jeder Geschichte aus Murakamis Feder beeindruckt und beim Lesen dieser Bücher gefesselt bis zur letzten Seite. Seine Geschichten sind roh, oft surreal und versprühen einen einzigartigen Charme, der sich in einer unglaublich bildhaften Erzählweise niederschlägt, die ihresgleichen sucht und den Leser immer wieder in eine Welt entführt, die in ihrer unglaublichen Vielfalt absolut einzigartig erscheint.

Ich ging daher mit sehr hohen Erwartungen an "Mr. Aufziehvogel" heran. Ich kannte den Autor, seine Geschichten und seine Erzählweise, war von seiner Sprache beeindruckt und konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man mit einem seiner Bücher einen Fehlgriff tun könnte, gerade wenn das Buch vom Spiegel und anderen namenhaften Zeitschriften als eines seiner besten Werke tituliert wird. Um so enttäuschter war ich nach der Lektüre.

Aber erst einmal ein kurzer und sehr grober Überblick über die Story von "Mr. Aufziehvogel".

Toru Okada ist ein junger, verheirateter und momentan arbeitsloser gelernter Jurist, dessen Frau Kumiko in der Redaktion einer Zeitschrift arbeitet. Das Leben des Pärchens verlief in den vergangenen 6 Jahren ihrer Ehe stets normal. Doch plötzlich sind da diese Anrufe einer fremden Frau, die mit Toru Telefonsex machen will, der nach Kumikos Bruder benannte Kater Noboru Wataya ist plötzlich verschwunden, und dann lernt Toru auch noch die 16jährige May Kashara kennen, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun scheint, als sich im Garten zu sonnen und nicht im Mindesten daran denkt wieder in die Schule zu gehen, sondern lieber darüber nachdenkt, wie wohl die „Sache Tod“ aussieht und sich in den Händen anfühlt, wenn man sie fassen könnte.
Kumiko ist der Kater sehr wichtig, daher engagiert sie die medial veranlagten Schwestern Malta und Kreta Kano, mit denen sich Toru treffen soll. Auch Noboru Wataya soll bei diesem Termin dabei sein, was Toru einiges Unbehagen bereitet, da Noboru seit jeher das schwarze Schaf der Familie ist. Niemand kann ihn leiden, er ist hochintelligent, stets abweisend, schroff und gedanklich so gut wie immer in seiner eigenen, seltsamen Welt.
Und nach diesem Treffen beginnt die Geschichte wirklich merkwürdig zu werden. Kumiko verschwindet plötzlich, der Kater taucht auch nicht wieder auf und Toru beginnt, feuchte Träume von Kreta Kano zu haben und klettert für mehrere Tage auf den Grund eines Brunnens auf dem Nachbargrundstück.
Für Toru ist nach diesen einschneidenden Erlebnissen nur eins klar: Er muss Kumiko zu sich zurückholen, egal wie, und nachdem er einen Brief von ihr erhält, in dem sie ihm erklärt warum sie ihn verlassen hat, bildet sich auf seiner linken Wange ein großes, dunkelblaues Mal, wie ein Leberfleck.
Und mit diesem Mal beginnt eine völlig neue Geschichte um den jungen, verlassenen und orientierungslosen Mann, der von May Kashara in Anlehnung an den Vogel, der jeden Morgen durch seinen Gesang vor Torus Haus die Feder der Welt neu aufzuziehen scheint, "Mr. Aufziehvogel" genannt wird und eine dubiose Agentur, betrieben einzig von Frau Muskat und ihrem stummen Sohn Zimt, die sich Aufziehvogels Mal auf der Wange zunutze machen wollen.

Die Geschichte scheint auf den ersten Blick seltsam, zusammenhanglos, undurchsichtig, unlogisch und wie aus einem surrealistischen Albtraum abfotografiert zu sein. Und an vielen Stellen ist es auch tatsächlich so.
Das Buch ist durchwachsen wie eine Scheibe Roastbeef, durchzogen von zu vielen Sehnen. Zu Beginn liest es sich wie fast jedes Buch von Murakami. Locker, luftig, köstlich. Aufziehvogel kocht sich Spaghetti und es herrscht Alltagsstimmung, doch diese wird durch den plötzlichen Anruf einer Unbekannten zerfetzt, die mit ihm anscheinend Telefonsex machen will. Nach und nach häufen sich die seltsamsten Ereignisse rund um den arbeitslosen Aufziehvogel und er wird in einen Strudel der Merkwürdigkeiten hineingesogen.
Doch irgendwann fängt es an. Es tauchen Passagen auf, die genauso wie die Sehnen im Roastbeef schwer zu kauen sind und in den Zähnen hängen bleiben. Unangenehm stechen sie aus dem vollkommen erscheinenden Ganzen der Geschichte um Aufziehvogel, seiner Frau Kumiko, May Kashara und den vielen anderen mehr oder weniger durchsichtigen Charakteren heraus. Dies sind z.B. die ellenlangen Briefe von Leutnant Mamiya, oder die ausschweifenden Schilderungen von Muskats Vergangenheit.
Schier unerträglich scheinen sich diese Kapitel auszudehnen und die eigentliche Geschichte in den Hintergrund zu drängen, als gäbe es in "Mr. Aufziehvogel" nichts anderes mehr.

Eine Sache, die mir auch eher negativ als positiv in Erinnerung geblieben ist, bezieht sich auf die unterschwellige, manchmal sogar prall hervortretende Erotik, die sich durch den ganzen Roman zieht. Kumiko und Kreta Kano als Prostituierte des Körpers und des Geistes, als willenlose Befriedigungsmaschinen der verschiedensten Männer, das lustvolle Erkunden von Torus Mal mit der Zunge durch die Kundinnen von Muskat und Zimt, und die dauernden feuchten Träume Torus, wenn er sich wieder und wieder im Traum mit Kreta Kano vereinigt.
Vielleicht mögen all diese erotischen Zwischenspiele für die Handlung von Wichtigkeit sein, aber irgendwie stört es beim Lesen auch hin und wieder. Spätestens nach dem 3ten "Und ich bemerkte, das ich in die Unterhose ejakuliert hatte" wird es eher langweilig und nervend als interessant oder neugierigmachend.

Natürlich hat "Mr. Aufziehvogel" auch einige positive Aspekte. Die Geschichte an sich ist sehr ungewöhnlich und durch Murakamis Gabe, selbst das irrwitzigste als vollkommen natürlich erscheinen zu lassen, wirkt die Welt von Toru Okada zu beginn der Geschichte natürlich und mehr als nur "normal". Doch die Häufung der Seltsamkeiten, die mit dem ersten anzüglichen Anruf der Unbekannten Frau beginnt, fällt dem Leser zuerst nicht wirklich auf. Murakami beschreibt Toru’s Gedanken, Worte und Handlungen in einer Leichtigkeit und auch Genauigkeit, in der man sich als Leser verliert. Alles ist normal, alles ist ruhig, alles ist gut, auch wenn es nicht so ist.
Die Katze ist verschwunden und seine Frau ebenso, doch Mr. Aufziehvogel legt sich erst mal auf die Couch, döst ein bisschen und isst sich etwas Kartoffelsalat nachdem er den ausgetrockneten Brunnen vom Nachbargrundstück mitten in der Nacht verlassen hat, in dem er fast 3 Tage gesessen hat ohne etwas zu essen. Man liest das und denkt sich nichts dabei. Natürlich, jeder von uns hat doch schon mal für ein paar Tage auf dem Grund eines ausgetrockneten Brunnens gesessen, oder etwa nicht? Das ist das Besondere an Murakamis Geschichten. Er erzeugt Normalität, wo keine ist, füllt leeren Raum mit etwas, das man als Leser nicht erkennen, erfassen kann, aber dennoch da ist, wie ein weiches Polster, das alles unnatürlich auffängt, bevor es uns mit unvermittelter Härte treffen und unangenehm auffallen kann.

Genauso verrückt wie die Story sind auch die Charaktere, die neben Toru "Aufziehvogel" Okada eine wichtige Rolle spielen. Neben Malta und Kreta Kano, den beiden medial veranlagten Schwestern, die geheimnisvolle mystische Kräfte besitzen und sich nach ihren Lieblingsinseln getauft haben, wären da zum einen noch May Kashara, die 16-jährige nicht-Schülerin, die den ganzen Tag in ihrem Garten liegt, sich bräunt und als Nebenjob Marktforschungsanalysen für eine Firma anstellt, die Perücken entwirft und herstellt. Außerdem wäre da noch Muskat, die modebewusste, reiche Agenturchefin, die Toru für ihr "Geschäft" engagiert und ihn komplett neu mit teuren Anzügen und Accessoires ausstattet, weil sie gegen schlechten Geschmack bei Kleidung allergisch ist, und ihr Sohn Zimt, der als kleiner Junge aufgehört hat zu sprechen, weil er keinen Sinn darin sieht. Noboru Wataya, Kumikos Bruder, der Sonderling der Familie, der hochintelligent seine Karriere bis in die hohen Etagen der Lokalpolitik geplant hat und skrupellos alles tut um seine Ziele zu verwirklichen und dabei sogar seine "spezielle Kraft" benutzt. Und zu guter Letzt wäre da noch der Kater von Mister Aufziehvogel, zu Beginn der Geschichte noch mit seinem ursprünglichen Namen, Noboru Wataya (Er sieht angeblich Kumikos Bruder sehr ähnlich) bezeichnet, später von Toru in "Oktopus" umgetauft, weil der Kater nach über einem Jahr Abwesenheit als erstes Tintenfisch fraß. Dieser ist das Wesen, das ihm über lange Zeit hinweg die nötige Wärme und Zuneigung gibt, die Toru braucht um nicht zu verzweifeln.
Natürlich gibt es in "Mr. Aufziehvogel" noch weitaus mehr Personen die auftauchen und das Leben von Toru Okada beeinflussen und/oder in gewisse Bahnen lenken, aber die hier genannten sind zweifelsohne die wichtigsten. Auch an diesen extrem kurzen Beschreibungen wird deutlich, wie unkonventionell Murakami diese Geschichte gestaltet hat.

Ich weiß nicht, was der große Unterschied zwischen diesem Buch und den anderen von Murakami ist. Die erzählten Geschichten finden alle in der Gegenwart statt, jedes Mal in Japan, es sind ganz normale Menschen, die plötzlich mit Dingen konfrontiert werden, die sie aus ihrem alltäglichen Leben herauskatapultieren.
Noch nicht mal Banalitäten wie z.B. das Design des Buchcovers hebt sich ab. Bunt, psychedelisch-bunte Farben und ein Auge sind vorne zu sehen. Aufziehvogel lässt grüßen.


Während ich die im Ganzen 765 Seiten, die sich in 2 "Bücher" unterteilen, gelesen habe überkam mich das zu Beginn angesprochene Zähigkeitsgefühl mehrere Male, und obwohl es weitaus mehr interessante und fesselnde Passagen gibt als jene langweiligen, trockenen und nervenden. Richtiger Lesespaß, der von der ersten bis zur letzten Seite an die Geschichte bindet, richtiggehend fesselt und das Gefühl erzeugt, man müsse das Buch unbedingt in einem Rutsch durchlesen, entsteht leider nicht. Ich war oftmals versucht, das Buch gänzlich in mein Regal zu verbannen. Manche Passagen, die sich auf den Lesefluss lähmend auswirkten habe ich sogar übersprungen, dies zwar nur 2 oder 3 Male, aber selbst 1x ist meiner Ansicht nach schon viel zu viel und darf in einem guten Buch nicht vorkommen!
Ich mag die Bücher von Haruki Murakami, habe mehrere gelesen und besitze diese auch. Ich muss sagen, dass, so sehr mich die vorhergehenden auch beeindruckt und gefesselt haben, "Mr. Aufziehvogel" nicht vermochte, mich auf die gleiche oder eine vergleichbare Weise zu faszinieren. Trotz der unvergleichlich individuellen Charaktere und der verqueeren Story kommt kein wirklicher Lesegenuss auf. An manchen Stellen hatte ich sogar das Gefühl, Murakami selbst habe beim Schreiben den Überblick über sein Werk verloren, so verworren und unlogisch setzte sich das Geschehen fort.

Wie schon angesprochen, wird "Mr. Aufziehvogel" in 2 Bücher unterteilt. Das erste Buch von S. 9 – 223 mit dem Titel "Die diebische Elster, Juni und Juli 1984", und das zweite Buch, von S. 227 – Ende mit dem Titel "Vogel als Prophet, Juli bis Oktober 1984".

Ich kann das Buch zusammenfassend nicht wirklich weiterempfehlen, es dürfte nur für wirklich hartgesottene Liebhaber und Fans geeignet sein, Einsteiger in die Welt von Haruki Murakami sollten tunlichst die Finger von diesem Roman lassen!
Der Preis von ca. 12,5 € mag zwar für die 765 Seiten der Taschenbuchausgabe gerechtfertigt sein, aber der Inhalt ist mir das Geld nicht wert. Ich würde es zwar nicht als Fehlkauf bezeichnen, aber dies ist wirklich ein Buch, das man sich besser nur ausleiht, liest und dann wieder loswird. Ich finde dies zwar schade, aber ich glaube kein Künstler oder Schriftsteller kann von sich behaupten ausschließlich Meisterwerke geschaffen zu haben.


Zum Schluss noch eine kleine Kostprobe für Murakamis bessere, gelungene Passagen in diesem Buch, ein Stück Text, das ich sehr schön finde:

"Als wir nebeneinander durch den Wald zurückgingen, zog May Kashara ihren rechten Handschuh aus und schob die Hand in meine Tasche. Das erinnerte mich an Kumiko. Sie hatte das früher auch oft getan, wenn wir im Winter zusammen spazieren gegangen waren; so konnten wir uns an einem kalten Tag eine Tasche teilen. Ich hielt May Kasharas Hand in der Tasche fest. Es war eine kleine Hand, und warm wie eine einsame Seele."


Wen es interessiert: Dieser Roman wurde von Giovanni Bandini und Ditte Bandini aus dem englischen ins Deutsche übersetzt, die auch schon "Gefährliche Geliebte" übersetzten.

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-08 14:44:43 mit dem Titel Zeit in Flammen / Kenson, Stephen - Verschenktes Potential

In der Shadowrun-Reihe bei Heyne ist es seit einiger Zeit recht beliebt, wenn ein Autor bekannte Charaktere wieder aufleben lässt, die schon in früheren Abenteuern die Rolle der Protagonisten innehatten. So machte sich nun auch Stephen Kenson daran, den beim Publikum äußerst beliebten Magier Talon für den 44ten band der SR-Reihe aus der Versenkung zu holen und diesen mitsamt seinem Team durch ein flammendes Action-Inferno zu schicken.
„Zeit in Flammen“, Band 44 der Shadowrun-Reihe, schließt somit an den früher erschienenen Band 36 (Am Kreuzweg) an, in dem sich Talon endgültig von seinem ehemaligen Team bei „Assets inc.“ loslöste um sein eigenes aufzubauen.

Eine kleine Vorgeschichte zu Talon, um diejenigen, die nicht mit ihm vertraut sind, nicht im Dunkeln tappen zu lassen.
Talon ist ein homosexueller menschlicher Magier, der in Shadowrun erstmals als Mitglied der Elite-Truppe um Ryan Mercury auftauchte. Ryan, der Schüler des toten Großdrachens und ehemaligen Präsidenten der vereinigten Amerikanischen und Canadischen Staaten, kurz UCAS, Dunkelzahn, musste die magische Komponente seiner Truppe nach einem gescheiterten Run ersetzen und stellte Talon ein, einen bis dato noch unbekannten, aber dennoch sehr guten Magier. Zum Ende der Drachenherz-Saga wurde Talon festes Mitglied von Assets und in Band 36 bereits zum vollwertigen Einzelgänger und Protagonisten, als es darum ging, Insektengeister und einen Feuerelementar, den er selbst in seiner frühen Jugend geschaffen hatte, zu bekämpfen. Talon entwickelte sich so zu einem eigenständigen Runner, der sich nach und nach ein eigenes Team aufbaute, das nun in „Zeit in Flammen“ komplett im Mittelpunkt steht.

In „Zeit in Flammen“ geht es darum, das Talon von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Während eines Deals erscheint ihm eine geisterhafte Form, die wie sein toter Geliebter und Mentor Jase aussieht. Durch Talons heftige Reaktion auf diese Erscheinung platzt der Run, der den Diebstahl einer Biochemischen Substanz zum Ziel hat und die Kontaktperson, Dan Otabi, flieht. Während des kompletten Runs wird Talon immer wieder von Visionen und Erscheinungen eingeholt, bis ihm klar wird, das Jase aus den Metaebenen zu ihm Kontakt aufzunehmen versucht.
Zwischenzeitlich bereitet die Untergrundhexe Mama Iaga sich darauf vor, ihre Macht zu verstärken, indem sie mit einer Bio-Waffe, die sie von ein paar Terroristen beschaffen lässt, eine Feier anlässlich des 40ten Jahrestages des Erwachens zu sprengen. Als Hilfe hat sie den auf Rache sinnenden Feuerelementar Gallow herbeibeschworen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seinen Vater Talon, der ihn einst vernichten wollte, leiden zu sehen. Gallow beginnt einen eigenen Rachefeldzug und bemächtigt sich Troubles Körper, ein Mitglied von Talons Team und sozusagen seine engste Freundin.
Der Jahrestag des Erwachens verursacht im Gefüge des Astralraums starke Fluktuationen und überall auf der Welt beginnt ein neues Erwachen, ähnlich dem von 2011, so dass die Menschheit in Panik verfällt. Diese Unruhen nutzt Mam Iagi aus, um ihren Schlag vorzubereiten. Gallow lockt Talon zum Detonationspunkt der Bio-Waffe, um sich dort an ihm zu rächen, und Talon gelingt es, Jases Geist aus den Metaebenen zu befreien.
Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn wenn der Kanister mit dem Virus explodiert, würde dies ein schreckliches Kapitel für die erwachte Welt des Jahres 2061 bedeuten. Talon muss also Gallow besiegen, Trouble retten und die Bombe entschärfen.

Die Story des Romans ist noch weitaus vielschichtiger und verworrener als die Zusammenfassung meinerseits es ohnehin schon ist, aber ins Detail zu gehen würde den Rahmen sprengen.
Die junge Deckerin Trouble ist noch immer in Talon verliebt, doch da dieser homosexuell ist und von Jase nicht loskommt, gibt es für sie keine Chance an Talon heranzukommen. Gleichzeitig taucht ihr früherer Lebensgefährte, der irische Terrorist Ian, wieder auf, da er mit seinen Leuten für die Installation der Biochemischen Bombe zuständig ist. Somit entwickelt sich für Trouble ein ungeheurer Gefühlszwiespalt, da sie sich zu Ian hingezogen fühlt, der ihr einen Heiratsantrag macht, aber dennoch in Talon verliebt ist, der für sie unerreichbar bleibt. Sie muss erkennen, das ihre Gefühle für Talon den Rahmen sprengen und erwägt sogar eine Geschlechtsumwandlung.
Was hierbei sehr überrascht ist die absolute Lockerheit, mit der diese Themen in „Zeit in Flammen“ angegangen werden. Überaus nüchtern beschreibt Stephen Kenson die Gefühle Troubles und ihr Arzttermin, bei dem sie sich über eine Geschlechts-OP informiert, erscheint so normal wie ein Kontrollbesuch beim Zahnarzt. Es ist sehr interessant zu lesen, wie alltäglich mit solchen Themen in einer Gesellschaft umgegangen wird, die der unseren nur knapp 60 Jahre voraus ist. Zwar erscheint das Shadowrun-Universum größtenteils als eine alptraumhafte Zukunft, jedoch gibt es auch solche Lichtblicke, die von einem großem Zuwachs an Toleranz zeugen. Eine Einstellung, über die unsere heutige Gesellschaft ernsthaft nachdenken sollte!

Die Wiederaufbereitung des Konflikts zwischen Talon und seinem Feuerelementar Gallow gelingt leider nicht so gut wie von mir anfangs erhofft. „Zeit in Flammen“ setzt leider wiederholt die Kenntnis von Band 36 voraus und liefert nur wenige Erklärungen zu Talons Vergangenheit, die inhaltlich soweit komplett sind, das man die Entwicklung auch ausreichend nachvollziehen kann. Nach und nach bekommt der Leser zwar durch Träume von Talon und eingeschobene erzählerische Einlassungen einen Überblick über die vergangenen Ereignisse und Entwicklungen, ein komplettes Bild entsteht jedoch leider nicht.
Im Gegensatz dazu wird die Beziehung zwischen Talon und Jase kurz, aber dafür vollständig erklärt, sodass der Leser nicht das Gefühl hat, das noch wichtige Informationen zum Verständnis der Geschichte fehlen.
Ähnlich auch die Beziehung zwischen Trouble in Ian. Auf diese wird in Band 36 eingegangen, in „Zeit in Flammen“ jedoch kaum. Natürlich gehört sie nicht in den Vordergrund, jedoch wäre es für den Leser interessant und auch hilfreich, ein wenig mehr über Ians Vergangenheit und seine gescheiterte Beziehung zu Trouble zu erfahren.

Leider erscheinen durch die oftmals sehr knappen Schilderungen von Stephen Kenson einige Geschehnisse fast schon als alltäglich. Die Trennung von Talon und seinem Familiar (Ein mit dem Magier verbundener eigenständig denkender Geist mit magischen Fähigkeiten) Aracos am Ende des Romans im U-Bahntunnel wird so beiläufig erzählt wie das verspeisen eines Fertiggerichts, obwohl es für einen Magier und den Verbündeten ein unglaublich großer Schritt ist, wenn er überhaupt gemacht wird, was an sich schon eine Seltenheit darstellt, da der Magier sterben oder dem Tod zumindest sehr nah sein muss. Dies wurde in anderen SR-Romanen weitaus nachvollziehbarer erzählt, so z.B. in Nuke City (18) von Tom Dowd.

Auch bei anderen Passagen und allgemein in diesem Roman würde ich mir einige ausführlichere Schilderungen wünschen. Auf den nur knapp 270 Seiten dieses Romans vermisse ich die gewohnte Detailverliebtheit von Kenson, einige Kapitel erscheinen sogar abgehakt, als wolle er Platz sparen. Schade, denn der Stoff für diese Geschichte hätte das Potential zu einer der großen Sagen zu werden, wie z.B. Drachenherz, da der Feuerelementar Gallow an sich viel Stoff bietet, Talon recht beliebt ist, und die beginnende neue Welle des Erwachens auch noch für Furore sorgen wird.
In diesem Zusammenhang muss ich Kenson jedoch für die Erschaffung des neuen Charakters Kilroy loben. Der zu anfangs unter dem Namen Roy Kilaro agierende Konzerndecker wird im Laufe der Geschichte zum Shadowrunner und birgt viel Potential, zu einem interessanten und vor allem amüsanten Teil von Talons Team zu werden. Außerdem lockert er durch sein unbeholfenes Verhalten die Stimmung oftmals auf, was durchaus für den einen oder anderen Schmunzler beim Lesen sorgt.

Positiv fällt hingegen auf, das es Heyne offenbar immer öfter gelingt, zum Buch das passende Cover zu finden. Oft kam es vor, das man vergeblich die auf dem Cover abgebildete Szene im Buch suchte, um dann zu erkennen, das sich das Cover auf einen späteren Roman bezog. Seit Band 39 scheint dies aber endgültig der Vergangenheit anzugehören, mit dem neuen Farbdesign wurden die Cover auch abgeglichen. So sehen wir auf diesem Talon und sein Team im Kampf gegen 3 Agenten der Cross-Konzernsicherheit in einem geheimen Zugang zu Booms Nachtclub „The Avalon“. Die Zeichnung ist zwar nicht so detailverliebt wie bei Band 36, auf dessen Cover Talon sehr genau gezeichnet wurde, aber ein Hingucker ist dieses sehr schön gestaltete Cover auf jeden Fall.
Auch der Buchrücken ist positiv zu erwähnen, verrät der abgedruckte Text ausnahmsweise einmal nicht zu viel über die Story. Bei anderen Bänden kam es öfter vor, das ein Teil der Spannung schon durch den Klappentext genommen wurde, hier wird jedoch der Großteil noch nicht einmal erwähnt.


Insgesamt gesehen ist das Buch „Zeit in Flammen“ für einen Fan der Shadowrun-Reihe ein Muss. Die Geschichte um Talon und seine Freunde wird weitergeführt, und es beginnt eine Einführung in das zweite Erwachen. Für Einsteiger und Neulinge kann ich den Romane auf keinen Fall empfehlen, da er zu viel voraussetzt. Ich verweise hier mal auf Band 1, der den perfekten Einstiegsroman darstellt.
Ich selbst habe das Buch größtenteils mit Vergnügen gelesen, da die aufkommende Action überzeugt und die Story inhaltlich einiges bietet. Zwar gibt es Lücken, und so manche Passage hätte länger sein können, aber für seine 270 Seiten und dem üblichen Preis von 7,95 Euro bietet dieser Band einen netten Lesespaß für zwischendurch, der zwar ein wenig kurzweilig, dafür aber auf jeden Fall sehr unterhaltsam erscheint.

37 Bewertungen, 1 Kommentar

  • dreamweb

    08.06.2002, 16:46 Uhr von dreamweb
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr guter Beitrag, Gruß Miara