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Erfahrungsbericht von LeaofRafiki

Der Welt den Rücken (Elke Heidenreich)

Pro:

teils sehr schöne Liebesgeschichten

Kontra:

in der Mitte etwas fade

Empfehlung:

Nein

Bislang war mir Elke Heidenreich eher als die Metzergsgattin \"Else Stratmann\" ein Begriff, jedenfalls solange, bis eine nette Frau mir ihr neuestes Werk auslieh. Ein Buch mit sieben, nein nicht Siegeln, sondern Kurzgeschichten, die sich häppchenweise am Stück abends vor\'m Ofen lesen ließen.
Tja, und so lag es nu da, das gute Stück, funkelnagelneu zu Weihnachten erhalten und schon in fremden Händen. Liebesgeschichten sollten es sein, auf dem Cover ein Paar in Umarmung, die Frau mit weitzurückgebogenem Kopf, offenem Mund und roten Haaren, der Mann nur von hinten zu sehen, seinen bloßen Oberkörper geschmückt mit einer Tätowierung: einem von einem Pfeil durchbohrten Herz. Ob die Frau vor Lust oder Schmerz schreit, bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen. Doch der Titel paßt zum Bild: \"Der Welt den Rücken\".

Eines abends begann ich dann tatsächlich mit dem Lesen und es entwickelte sich schnell eine Haßliebe zwischen diesem Buch und mir, bedingt durch

die erste Geschichte DIE SCHÖNSTEN JAHRE:

Schon die ersten Seiten zogen mich an und stießen mich ab zugleich. \"Sie sah mir zu, wie ich mit den Gardinen auf der Leiter stand, gab Anweisungen, rügte: \"Du machst sie mit deinen Pfoten ja gleich wieder dreckig\", oder fand, daß ich die Azaleen ganzfalsch zurückgeschnitten hätte. Sie bedankte sich auch nie, konnte es nicht einmal über sich bringen, \"das hast du gut gemacht, Nina\" zu sagen. Das hatte sie nie gekonnt. Bei uns zu Hause wurde nicht gelobt.\" Die klassische Tragödie zwischen Mutter und Tochter... Ich wollte mich doch bei einem guten Buch entspannen, nicht meine eigene Geschichte mit meiner Mutter gespiegelt bekommen! So legte ich das Buch wieder aus der Hand, nur um es einige Tage später wieder vorzunehmen.
Ich quälte mich durch deren beider Quälerei. Diese typischen, verhärteten Mißverständnisse, wohl kaum zwei Menschen kennen einander so gut, daß sie treffsicher die wunden Punkte beim anderen erwischen wie Mutter und Tochter. Sei es der falsche Wein, die falschen Gesprächsthemen, die unweigerlich zu Streit führen, das falsche Weihnachtsgeschenk, die unbeachtet im Schrank ein trostloses Dasein fristen, oder oder oder...
Doch dann nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung.
Nina, frisch verliebt in Flora, will diese in Italien besuchen und Mutter will mit! Sie, also Nina, flüchtet sich in Ausflüchte, aus Sorge was ihre Mutter \"dazu\" sagen würde, sie, die Mutter hingegen, erfindet Erpressungsversuche en masse und es kommt, wie es kommen muß: kurz darauf fahren die beiden Frauen los.
Im Auto, ohne Fluchtmöglichkeit, entspannt sich wider Erwarten die Stimmung, die beiden Frauen kommen nach Jahrzehnten das erste Mal ins Gespräch, tasten sich an alte Wunden und zu der Musik von Schubert passiert das Wunder: \"Schön, mal mit dir so zu reisen\". Ich konnte mich nicht erinnern, wann sie jemals so etwas Nettes zu mir gesagt hat.\" (S.31)
Nina erfährt viel über das Leben als alleinerziehende Mutter in den letzten Kriegsjahren und danach, über die Geschwister ihres Vaters einschließlich Tante Karla, die in einer Bombennacht Hebamme bei ihrer Geburt gespielt hat. \"Als wir weiterfuhren, hätte ich ihr beinahe von Flora erzählt. Ich hätte so gern einfach darüber gesprochen, daß ich eine Frau liebte und ob das überhaupt möglich war nach einer so langen Ehe, nach zwei Söhnen, nach zahllosen Affären. Aber ich sagte natürlich nichts, denn das war nun wirklich ein Thema, daß man mit meiner Mutter nicht besprechen konnte. Dachte ich.\" (S.33)
Sie bringen die Reise hinter sich, Nina kann ein Aufeinandertreffen von ihrer Mutter mit ihrer angeblichen Arbeitskollegin Flora auf dem Mailänder Flughafen nicht verhindern, es verläuft glimpflich. \"Als wir sie endlich zu ihrem Abflugsteig brachten, gab sie uns beiden einen Klaps und sagte keck: \"Macht\'s gut, ihr zwei!\".
Zwei Jahre später stirbt sie, die Mutter und ihr Nachlass birgt, mehr will ich nicht verraten, eine Überraschung.

Diese erste Geschichte, muß ich zugeben, hat mich am meisten gepackt, wie erwähnt, anfangs eher negativ, dann konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen, so warm und herzlich ist sie geschrieben, mit augenzwinkerndem Humor ob der schnippischen Rituale der beiden Frauen.


Die zweite Geschichte trägt den Titel: SILBERHOCHZEIT
In ihr wird gefeiert, geredet und gestritten und am Ende \"gab es zwei Trennungen und einen, der vielleicht bald sterben würde.\" (S.45) Hier wirft Elke Heidenreich den Scheinwerfer auf eingespielte Verhaltensweisen von Paaren, den Umgang von Menschen mit unglaublichen Offenbarungen und der stillen Erkenntnis, daß das Leben mehr zu bieten hat, wenn jeder für sich selbst verantwortlich handelt, seinen eigenen Weg geht. \"Letztlich war das Leben ein Rätsel, ein Geheimnis, es war irgendwie unauffindbar, und Glück, dachte Alma, Glück, da hat Jonathan recht, Glück ist Sonne auf der Hoteltapete.\" (S.75)

Nun, ich will niemanden mit den Inhaltsangaben der restlichen Geschichten langweilen, selber lesen macht klug, aber ein Wort noch zur letzten, der dem Buch den Titel gebenden

DER WELT DEN RÜCKEN
Hier spannt Elke Heidenreich einen Bogen über dreissig Jahre zwischen zwei Begegnungen derselben zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, die in wechselnden Rollen einander Lehrer und Retter sind. Was sie als junges Mädchen von erfahren hat, kann sie ihm als erfahrene Frau zurückgeben - dies ist so wunderschön geschrieben, daß es mich genauso nachhaltig beeindruckte wie die Anfangsgeschichte des Buches. \"Dann stieg sie in ihr Taxi, sagte: \"Zum Bahnhof!\" und sah sich nicht mehr nach Heinrich um, der vor seiner Haustür stand, die Tüte mit dem Anzug in der Hand, und ihr nachwinkte, ein alter, aber aufrechter und selbstbewußter, ein immer noch schöner Mann. Er glitzerte wieder, wie Franziska das nannte.\" (S.190)

Die Liebesgeschichten sind so warm, mit Charme und Witz erzählt, \"von den (großen) Verlusten und (kleinen) Triumphen (Klappentext) so einfühlsam, daß ich mir dieses Buch selber kaufen werde, auch wenn ich den Mittelteil eher überflogen habe. Dies will nichts bedeuten, einem anderen Leser werden andere Geschichten ans Herz wachsen... Sie haben mir Appetit gemacht, mich neugierig gemacht auf die anderen Erzählbände von Elke Heidenreich, wie mir diese Lektüre bekommen ist, werde ich beizeiten berichten.

Zur Autorin:
Elke Heidenreich ist 1943 geboren, war Moderatorin verschiedener Talkshows im Fernsehen, las über zehn Jahre die\"Metzersgattin Else Stratmann\" im Hörfunk, schrieb siebzehn Jahre lang die Brigitte-Kolumne und hat etliche Bücher veröffentlicht, u.a. auch Nero Corleone (1995), die Geschichte eines italienischen Katers.

ElkeHeidenreich
Der Welt den Rücken
Carl Hanser Verlag 2000
ISBN 3-446-20052-5

© LeaofRafiki 30.05.2002


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ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick bei regelmäßig bei Ciao, häufig bei Dooyoo seltener bei Ecomments, so gut wie gar nicht mehr bei Hitwin und ab und an doch wieder bei Yopi *grins*

12 Bewertungen, 1 Kommentar

  • LaMagra

    31.05.2002, 13:44 Uhr von LaMagra
    Bewertung: sehr hilfreich

    wow super Bericht!