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Erfahrungsbericht von Raileigh

Rolf Osang - Lissabonner Perspektiven

Pro:

Ein Blick ins Innere der Stadt

Kontra:

Nur für Liebhaber Lissabons

Empfehlung:

Nein

Lissabon, Stadt mit der Sehnsucht im über das Meer schweifenden Blick.
Viele fühlen sich berufen diese atlantische Perle zu besingen oder zu beschreiben. Liebevoll, realistisch, emotional oder professionell ungerührt. Als Quelle der Inspiration oder als Ort der Verwahrlosung und Schäbigkeit. Doch kaum einer wird alles zusammenfassen können, was diese Stadt ausmacht. Immer werden es nur Momentaufnahmen bleiben. Denn Lissabon ist facettenreicher, vielschichtiger, als viele andere Städte.

Lissabon ist eine gespaltene Persönlichkeit. Liebevolle Mutter und unnachsichtiger Vater. Schöne Geliebte und eifersüchtiger Gatte. Gepflegte Schönheit und verlotterte Bettlerin.
Eine angenehme Momentaufnahme der Stadt gelang Ralf Osang mit seinem kleinen, in der Picus-Lesereisen-Reihe erschienenen Buch "Seefahrer, Sehnsüchte und Saudade - Lissaboner Perspektiven".

Mit der Kenntnis des Dauergastes, der Liebe des Zugereisten und den mäandernden Wortwinkelzügen des Profijournalisten, erzählt er kleine Geschichten aus dem Leben der quirligen, aber oft auch behäbigen Stadt am Tejo.
Von den Kapverdianern im "Blechviertel", in dem ihm nicht eine der kriminellen Delikte widerfuhr, vor denen er gewarnt wurde, vom Markt der Diebin, der Ferra da Latra, hinter der Kirche Sao Vicente, auf dem man zuerst schauen sollte, nachdem einem ein Autoradio oder ähnliches gestohlen wurde. Vom König der Kreuzung, dem Verkehrspolizisten, der das wilde Tier des hektischen Straßenverkehrs gebändigt hat und von den Frauen der Stadt, die sich schwerfällig mit schweren Einkaufstaschen die Treppen in den alten Häusern hinaufschleppen, während ihre Männer auf den Largos, den kleinen Plätzen über die Welt und die Bedeutung Portugals und über das Leben die Köpfe zerbrechen.
Von den Nelkenrevolution schreibt er, in der der Nachbar dem Soldaten eine Nelke in die Gewehrmündung schob und von Fernando Pessoa, dem großen literarischen Sohn Lissabons.

Alles dies erzählt Osang mit den Stimmen derjenigen, die er beschreibt. Zuweilen launisch, manchmal melancholisch, oft weitschweifig und ausufernd, so wie sie nun mal sind, diese Menschen am Tejo, denen man sich nicht aufdrängen kann, sondern, die einen von sich aus ins Herz schließen müssen.
Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der Lissabon bereits verfallen ist. Für Menschen, die Lissabon noch nicht in ihr Herz geschlossen haben jedoch, könnte es etwas spröde und ablehnend wirken.

8 Bewertungen