Norwegen Testbericht

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Erfahrungsbericht von LoMei

Seefahrt 14: Erzreisen vom Jössingfjord nach Rotterdam

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Zwischen April und Juli 1956 machte unser Schiff fünf Erzreisen. Die Ladung ging jedes Mal vom Jössingfjord nach Rotterdam.
Bei der Erzfahrt ist es ähnlich wie bei der Tankfahrt. Die Lade- und Löschzeiten sind extrem kurz. Sie lagen bei jeweils 8-10 Stunden. Die Fahrt vom Jössingfjord nach Rotterdam oder umgekehrt dauerte je nach Wetter und Seegang 1½ Tage. Wenn die Lade- und Löschanlagen nicht belegt waren, liefen wir ohne Zeitverzug sofort wieder aus.
Wenn das Schiff voll war, also die Lademarken vorne, mittschiffs und achtern die Wasserlinie erreicht hatten, konnte bei einem Blick in die Laderäume der Eindruck entstehen, das Schiff sei noch halb leer. Das liegt am hohen spezifischen Gewicht der Erzladung.
Für einen empfindlichen Magen, wie ich einen habe, ist das eher unvorteilhaft. Der Schwerpunkt des Schiffes liegt bei einer Erzladung viel tiefer als z.B. bei Stückgut, wo es immer Hohlräume gibt. Das Schiff hat bei einer durch Sturm und Wellen hervorgerufenen vorübergehenden Schlagseite das Bestreben, sich schnell und fast ruckartig wieder aufzurichten. Und das geht auf den Magen! Spezialschiffe für die Erzfahrt sind so gebaut, dass die Ladung höher liegt.
Die Nordsee kann ein richtig nettes ruhiges Gewässer sein. Sie kann aber auch weiße Schaumkronen aufsetzen und die Schiffe so richtig durchschütteln.


INHALT

1. Im Jössingfjord
2. Bootsmanöver
3. Frühling mit Gewalt
4. Sommerwanderung
5. Fazit


1. IM JÖSSINGFJORD

Am 5. April 1956 gingen wir das erste Mal in aller Frühe im verhältnismäßig kleinen Jössingfjord ganz im Süden Norwegens, ungefähr dort wo die Südspitze des Landes in die Nordsee ragt, vor Anker. Die Erz-Schüttanlage war noch besetzt. Wir mussten warten. Der Fjord ist beeindruckend. Steil steigen die gewaltigen Felswände aus dem stillen Fjordwasser auf. Ganz hoch oben runden sie sich zu einer abgeschliffenen Kuppe. Das muss man gesehen haben. Ich konnte nur immerzu gucken und gucken und gar nicht viel sagen.


2. BOOTSMANÖVER

Der Kapitän nutzte die Wartezeit und setzte ein Bootsmanöver an. Das Steuerbord-Rettungsboot wurde ausgeschwenkt und an den Davits herabgelassen. Wir ruderten eine Weile im Fjord umher. Es gab sogar einen Wettkampf Backbord gegen Steuerbord. Welche Seite war stärker und konnte das Boot ohne Eingreifen des Steuermannes vom Kurs abbringen? Uns machte es Spaß, aber für Fachleute war es sicher kein schöner Anblick.


3. FRÜHLING MIT GEWALT

Am Nachmittag gingen unser Heizer und ich an Land und erklommen einen Felsen. Je höher wir kamen, umso schöner wurde es. Der Fjord unter uns war schließlich nur noch ganz klein, und hinter einigen Schären glitzerte silbern das sonnenbeschienene Meer. Die Berge haben oben keine schroffen und scharfen Kanten und Zinnen, sondern runde abgeschliffene Kuppen und Kegel. Das sind die Spuren der Eiszeiten. Hier haben sich vor Jahrmillionen Eismassen darüber hinwegschoben und Steinschotter und Findlinge bis nach Norddeutschland befördert. Als wir auf der höchsten Spitze standen, warfen wir vor lauter Lust unsere Arme in die Luft und versuchten zu jodeln. Es war auch zu schön. Der Blick auf den jetzt winzigen Fjord unter uns, auf das Meer und die noch schneebedeckten Felsenketten weiter landeinwärts war einzig. Mir fielen die Worte von Gottfried Keller ein, die wir in der Schule gelernt hatten: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält von dem gold’nen Überfluss der Welt.“
Landeinwärts blickte man auf einen großen verschneiten See. Plötzlich hörten wir ein Krachen, dem ein Knirschen und Grollen folgte. Dann war es still. Wir blickten uns erschrocken an. Das Tauwetter hatte eingesetzt, und nun brach das Eis, und Risse zogen sich mit Getöse von einem Ufer zum anderen. So etwas hatte ich nie erlebt. Der Frühling kam mit Gewalt.
Der Abstieg war nicht ganz so einfach wie der Aufstieg. Aber dank unserer rutschfesten Kreppsohlen konnten wir auch die steilsten Steigungen langsam abwärts klettern. Zum Abendbrot waren wir wieder an Bord. Es war ein herrlicher Tag.
Noch am selben Abend wurde das Schiff voll, und auf unserer Wache ging es in Richtung Rotterdam auf die Nordsee hinaus.
Wenige Tage später waren wir ein zweites Mal da. Ich war von den hochragenden Felsen und dem ganzen Fjordbild mit seiner steinernen Ruhe genau so begeistert wie beim ersten Mal. Zu einem Landgang reichte es diesmal nicht.


4. SOMMERWANDERUNG

Das dritte Mal fuhren wir Anfang Juni wieder in den Fjord ein. An einem Sonntagabend nach dem Abendbrot machten wir zu zweit einen wunderbaren Spaziergang in die Berge. Bei unserem letzten Trip hierher hatten die Berge grau und fahl dagestanden. Jetzt leuchtete in allen Nischen und Ritzen frisches Grün, und im Tale bei den Häusern standen vollbelaubte Bäume. Das war ein ganz anderes Bild. Mit fiel hier ganz besonders auf, wie lange es hell ist. Wir gingen durch die kleine Siedlung und folgten einer Straße, die immer weiter bergan führte. Als wir die Passhöhe erreicht hatten, verlief die Straße waagerecht weiter. Linkerhand waren einige angelegte Fischteiche, in denen die Abendsonne ihre letzten Strahlen badete. Das Wasser war kristallklar und tief. Die Felsen standen in ihrer majestätischen Ruhe wie Mahner da. Es herrschte absolute Stille. Es war 22:00 Uhr. Über dem gewaltigen Felsmassiv im Nordwesten war der Himmel blutrot. Der Tag schied langsam. Um 22:30 Uhr war es immer noch ein wenig hell. Obwohl die Beine müde waren, fühlte ich mich durch diese Wanderung unendlich frisch und gestärkt. Ich fühlte mich wie in einem großen Dom, in dem man nicht zu sprechen wagt. Diese Welt der norwegischen Berge muss man erleben und sich davon begeistern lassen.
Am 2. Juli kamen wir auf der vierten Reise nachts im Jössingfjord an. Ein scharfer und kalter Wind wehte von den Felswänden herab. Es regnete und es war alles andere als sommerlich. An Land konnten wir leider nicht. Abends kurz vor Mitternacht schwammen wir schon wieder auf der Nordsee Richtung Rotterdam.
Am 26.7. kurz nach dem Abendbrot lagen wir ein fünftes Mal im Jössing-Fjord. Am nächsten Morgen wurde mit dem Laden begonnen und am Nachmittag liefen wir schon wieder aus.
Auf diesen Reisen sagten wir öfter unseren Spruch: „Seemann müsste man sein, dann kann man von ferne Länder sehen.“


5. FAZIT

Wir sind an Land gegangen und haben uns die Schönheiten angesehen, wann immer es möglich war. Wir haben von dieser südlichen Ecke Norwegens nur ein ganz kleines Eckchen kennen gelernt. Aber was wir gesehen und erlebt haben, hat uns begeistert.
Ich möchte jeden ermuntern, dort hin zu fahren und „mit den Augen zu trinken, was die Wimper hält.“ Das Land ist heute genau so schön wie damals.

23 Bewertungen, 3 Kommentare

  • antjeeule

    05.04.2002, 15:17 Uhr von antjeeule
    Bewertung: sehr hilfreich

    Norwegen muss ein sehr schönes Land sein. Mein Vater war als junger Mensch oft dort und hat mir davon vorgeschwärmt. Für mich steht fest, dass ich in den nächsten Jahren auch diese Region einmal bereisen möchte. Deine Eindrück

  • AliAsAliAs

    04.04.2002, 20:05 Uhr von AliAsAliAs
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr schön geschrieben.

  • DrDuke

    04.04.2002, 19:59 Uhr von DrDuke
    Bewertung: sehr hilfreich

    Klasse Bericht und schön Ausführlich