Das siebte Kreuz (Taschenbuch) / Anna Seghers Testbericht

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Erfahrungsbericht von giselamaria

Anna Seghers: Das siebte Kreuz

Pro:

sehr informative Schilderung einer Flucht aus dem KZ, und der ganzen Zusammenhänge. Sehr spannend geschrieben, und im wunderbaren Stil der Anna Seghers gestaltet.

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Ja

Ich möchte euch ein Buch vorstellen, dass nur dem Anschein nach schwer zu lesen ist!!!
Es bietet selten ausgedrückte Empfindungen und Schilderungen über die Gefühle von Menschen, in Bezug auf andere, was ich damit meine: das Abwägen, was ein anderer denken, fühlen würde, wenn......
Es ist sehr interessant, und hat überhaupt nichts damit zu tun, dass diese Geschichte in der Nazizeit spielt und Inhalt die Flucht dieser Häftlinge aus einem KZ ist!!!
Nur bieten eben solche Erlebnisse und Gedankengänge - hervorragend von der Autorin zur Sprache gebracht - Einsicht in die Empfindungen in Grenzfällen der Existenz.


Die Autorin
Anna Seghers wird am 19. November 1900 als Netty Rehling in Mainz geboren.
1919 beginnt sie Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie und Philologie in Köln zu studieren.
Ihr Studium schließt sie ab mit der Promotion über Rembrandt.
Das Pseudonym wählte siie nach dem von ihr bewunderten Radierer und Maler Hercules Seghers, auch unter Segers bekannt.

Sie heiratete den kommunistischen Gesellschaftswissenschaftler László Radványi (später: Johann-Lorenz Schmidt) aus Ungarn, sie haben zwei Kinder.

1928 trat sie der KPD bei, 1928 war sie Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1930 reiste sie erstmals in die Sowjetunion.
Von den Nazis wurde sie verhaftet, ihre Bücher wurden verboten. Sie flieht zunächst in die Schweiz, von dort aus dann nach Paris.
Dort arbeitete sie an Zeitschriften anderer deutscher Emigranten mit, war Mitglied der Redaktion der „Neuen Deutschen Blätter“.

Sie gründete mit anderen zusammen den „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ in Paris.
Nach dem Einmarsch der Nazis in Paris, zusammen mit ihren Kindern gelingt ihr die Flucht nach Südfrankreich, wo sie sich um die Freilassung ihres Mannes und ihre Ausreise bemühte.
Inspiriert von diesen Erlebnissen entsteht ihr Roman „Transit“.
Im Frühjahr 1941 kann sie mit ihrer Familie von Marseille aus über Martinique, New York, Veracruz nach Mexiko auswandern.

Sie gründete dort u.a. den antifaschistischen Heinrich-Heine-Club, wird dort Präsidentin.
1942 erscheint ihr Buch „Das siebte Kreuz“ in einer englischen Ausgabe in den USA, in Deutsch in Mexiko.
1947 kehrt Anna Seghers nach Berlin zurück.
Sie lebt zunächst in West-Berlin und wird Mitglied in der SED. 1950 zieht sie nach Ost-Berlin.
1952 wird sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR (bis 1978).

Anna Seghers lebte bis zu ihrem Tod zusammen mit ihrem Mann in Ostberlin (Berlin-Adlershof), die Straße heißt heute „Anna-Seghers-Straße“ – Ihr Wohnhaus bzw. ihre Wohnung dort ist heute eine Anna-Seghers-Gedenkstätte.
Es gibt noch zahlreiche andere Stätten, die ihren Namen tragen.
1981 werden Anna Seghers die Ehrenbürgerrechte der Stadt Mainz verliehen.

Sie stirbt 1983 und wird nach einem Staatsakt in Berlin beigesetzt.
Eine ausführlichere Biografie kann in Wikipedia oder anderen Seiten nachgelesen werden.


Meine Zusammenfassung
In Westhofen befand sich ein Gefangenenlager, auch KZ genannt. Westhofen liegt in der Nähe des Rheins, in der Nähe von Mainz.
Es sind sieben geköpfte Platanen zu sehen, an jedem Stamm ist ein waagerechtes Brett angebracht und um die Bedeutung dieser sieben *Kreuze* geht es, bzw. hauptsächlich dann um das siebte, das letzte Kreuz.
Es ist die Geschichte von Georg. Als Mitglied bzw. Anhänger einer sozialistischen Gruppierung wurde er verhaftet, wie sehr viele damals aus der linken Ecke. Die Nazis waren an die Macht gekommen und diese Leute wurden als kriminell eingestuft und eingesperrt, wenn man ihrer habhaft wurde.

Sieben Gefangenen gelingt die Flucht, nacheinander werden sie alle wieder eingefangen, einer meldet sich auch selbst, und schließlich bleibt noch Georg übrig, der letzte der entflohenen Gefangenen aus Westhofen.
Es sind viele Hürden, die Georg zu nehmen hat, nahe am Zusammenbruch, ohne Essen, Trinken, frierend, ohne Schlafmöglichkeit, immer auf der Flucht, bis er auch nur mal richtig denken kann, laufen kann, sich fortbewegen kann, eine Perspektive zu finden für seine in seinen Augen kaum vorhandene Zukunft, es geht im Moment nur um eine Zukunft von ein paar Stunden, an mehr kann er gar nicht denken.

Jetzt werden zahlreiche Bewohner aus verschiedenen Orten geschildert, teils in Gedanken von Georg, teils in Gedanken von Franz, einem Freund aus seiner Jugend, vor seiner Inhaftierung. Wie und warum so mancher zu den *Braunen* überläuft, SS-Mann oder SA-Mann wird; es ist ja erst 1933, und die Nachwehen bzw. Erinnerungen an den ersten Weltkrieg sind noch frisch. Und es gibt mit der Zeit mehr Braune als Linke, werden die Linken doch von den *anderen* rigoros verfolgt. Von Judenverfolgung ist noch wenig zu hören und zu sehen, latent aber schon in den Gedanken der Braunen vorhanden, natürlich initiiert und forciert von den *höheren Nazis*.

Es geht auch um Wandlungen von Ansichten und Einsichten einiger; z.B. als Georg eine Jacke eines Jungen klaut in einer Scheuer, wird dieser viel später bei einem Verhör gefragt, ob dieses seine Jacke sei, als sie als Tauschobjekt wo anders auftaucht, sagt er: "nein ". - Wohl ahnend oder wissend, dass das dem Flüchtling eventuell helfen könnte.
Es werden einige Familien genauer beschrieben, vor allem wie sie denken, wann sie was denken, einige in fast jeder Familie sind Braune mittlerweile.

Als schließlich Georg einen alten Freund aufsucht, nach unendlich vielen Gedankengängen über dessen Zugehörigkeit, ob dieser noch *der alte* sei, oder ob und warum und vielleicht der vielleicht doch das Lager gewechselt haben könnte, die Abwägung, welche Gefahr das für den Freund evtl. wäre, wenn, und wie dann dieser Freund Kontakte zu den alten Linken aufbauen könnte, wird die Dramatik transparent.

Selbst kann Georg keinen Kontakt aufnehmen, befürchtet er doch, dass alle Leute die er kennt, bereits observiert werden - Er braucht aber Hilfe, er hat weder Papiere noch einen Unterschlupf, er will(muss ja ins Ausland) und so werden unzählige Gedankengänge für das Für und Wider des jungen Freunds beschrieben, wie er auf bestimmte Leute kommt; kann er ihnen vertrauen, wie verhielten sie sich in letzter Zeit? Oder sind das doch die Falschen? An was kann er das erkennen?? Ob er ein Risiko eingeht? Inwieweit wird seine eigene Familie hier in Gefahr gebracht und und. und - -

Das ist einer der interessantesten Teile dieses Buchs. Wie jemand in höchster Lebensnot Menschen seiner Umwelt einschätzen kann, an was er das festmacht, wo und wie er erkennen kann, ob sie vielleicht eine Gefahr sind. Oder ob er sich auf sie verlassen könnte. Er muss das Risiko eingehen, wenn er auch nur eine minimale Chance haben will.
Und Georg geht das Risiko ein. Er ist der einzige der entflohenen Gefangenen, der entkommt; durch falsche Papiere und Vermittlung alter Freunde kann er auf einem Rheinschiff das Land verlassen.


Ein kleiner Auszug aus dem Nachwort von Sonja Hilzinger, 1993.
"Jetzt sind wir hier, was jetzt geschieht, geschieht uns - mit diesen Sätzen zieht Anna Seghers ihre Leser in die atemberaubende Geschichte der Flucht des Häftlings Georg Heisler hinein, und sie entlässt sie mit den Worten: Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar."

- - - - - - und zum Schluss: "Solange ihr Roman von der gelungenen Flucht eines KZ-Häftlings aus Nazi-Deutschland gelesen wird mit aufmerksamem Blick für Entscheidungssituationen, in denen Menschlichkeit bewahrt oder preisgegeben wird, wird widerlegt sein, was für Anna Seghers, als sie im französischen Exil diesen Roman schrieb, eine furchtbare Erfahrung schien: "ein Niemandsland sollte gelegt werden zwischen die Generationen, durch das die alten Erfahrungen nicht mehr dringen könnten".


Meine Meinung
Es ist ein ungemein fesselndes Buch, besticht nicht nur durch die Erzählkunst der Seghers, sonderen ebenso durch ihr Hineinversetzenkönnen in jeden Einzelnen, die möglichen Gedankengänge zu beschreiben, und nicht zuletzt das Formulieren der eigentlich unbeschreiblichen Begebenheiten, sei es jetzt im KZ oder auch in einzelnen Haushalten, Familien usw.

Auch wenn das Buch schon in den Jahren zwischen 1937 und 1939 während ihres Exils in Frankreich entstand, ist die Aussage noch genauso gültig, auch heute noch und für alle Zukunft.

PS: Die Zitate habe ich so übernommen, weil sie mir sehr wichtig erscheinen.

Anna Seghers ist eine meiner großen Favoriten, ich habe alle oder alle mir bekannten Bücher von ihr gelesen.

109 Bewertungen, 41 Kommentare

  • panico

    25.01.2009, 17:26 Uhr von panico
    Bewertung: sehr hilfreich

    Allerliebste Sonntagsgrüße von panico:-)

  • ronald65

    01.01.2009, 16:52 Uhr von ronald65
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg

  • LiFo

    29.12.2008, 22:59 Uhr von LiFo
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich hoffe du hattest schöne Weihnachten und wirst gut rutschen ;o)

  • Puppekaa

    08.11.2008, 09:58 Uhr von Puppekaa
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr schöner Bericht - LG

  • sigrid9979

    21.10.2008, 18:20 Uhr von sigrid9979
    Bewertung: sehr hilfreich

    SPITZE gemacht . Lg Sigi

  • HEIDIZ

    05.10.2008, 18:53 Uhr von HEIDIZ
    Bewertung: sehr hilfreich

    dieses Buch hab ich mir letzte Woche von einem Gutschein bei buecher.de bestellt, wollt ich schon immer mal lesen, klasse Bericht, wie immer KOMPLIMENT

  • tk7722

    03.10.2008, 12:46 Uhr von tk7722
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr gut berichtet, machs gut

  • misscindy

    23.09.2008, 21:34 Uhr von misscindy
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein sehr schöner Bericht, lg Sylvia

  • Fenja

    16.09.2008, 15:53 Uhr von Fenja
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüsse und einen schönen Dienstag Nachmittag wünscht Fenja

  • Jerry525

    15.09.2008, 23:18 Uhr von Jerry525
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße an dich Jerry

  • anonym

    15.09.2008, 15:45 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    da haette ich dir doch gern ein bw gegeben. lg eva

  • sandieheinrich

    10.09.2008, 15:56 Uhr von sandieheinrich
    Bewertung: sehr hilfreich

    Grüßle

  • Daisy_Bluemchen

    08.09.2008, 21:17 Uhr von Daisy_Bluemchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    viele Grüße ... Daisy

  • Striker1981

    08.09.2008, 12:55 Uhr von Striker1981
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH und Liebe Grüße vom STRIKER

  • ingoa09

    07.09.2008, 13:50 Uhr von ingoa09
    Bewertung: besonders wertvoll

    Erneut klasse beschrieben! Liebe Grüße, Ingo

  • cosch

    05.09.2008, 14:34 Uhr von cosch
    Bewertung: sehr hilfreich

    schönes wochenende und LG von cosch

  • Zzaldo

    05.09.2008, 13:36 Uhr von Zzaldo
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße sendet dir Stephan

  • Music-King

    04.09.2008, 12:19 Uhr von Music-King
    Bewertung: besonders wertvoll

    Liebe Grüße vom gegenlesenden Roland

  • Tratschonkelchen

    03.09.2008, 20:52 Uhr von Tratschonkelchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich! Liebe Grüsse aus der Schweiz, Raphael

  • Tuffi2106

    03.09.2008, 02:35 Uhr von Tuffi2106
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH, Lieben Gruß! Tuffi

  • Turbotisl1

    31.08.2008, 22:31 Uhr von Turbotisl1
    Bewertung: sehr hilfreich

    Guter Bericht ! Liebe Grüße !

  • bundy109

    31.08.2008, 14:29 Uhr von bundy109
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schönen Sonntag. LG Andre

  • doelau

    30.08.2008, 17:24 Uhr von doelau
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht, Gruß doelau.

  • MasterSirTobi

    30.08.2008, 16:31 Uhr von MasterSirTobi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht. LG von MasterSirTobi

  • anonym

    30.08.2008, 13:20 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Zauberhaftes sonniges Wochenende wünsche ich Dir

  • anonym

    30.08.2008, 11:18 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht. LG, Daniela

  • Puenktchen3844

    30.08.2008, 00:36 Uhr von Puenktchen3844
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH, guter Bericht. LG

  • Estha

    29.08.2008, 23:59 Uhr von Estha
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hallöööchen

  • presscorpse

    29.08.2008, 23:13 Uhr von presscorpse
    Bewertung: sehr hilfreich

    prima bericht! lg presscorpse

  • anonym

    29.08.2008, 22:03 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    schönes wochenende und lieben gruss

  • Clarinetta2

    29.08.2008, 22:01 Uhr von Clarinetta2
    Bewertung: sehr hilfreich

    ein wichtiges buch bw dafür

  • wolli007

    29.08.2008, 21:29 Uhr von wolli007
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße, Wolli

  • Volker111

    29.08.2008, 15:17 Uhr von Volker111
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sollte man gelesen haben

  • anonym

    29.08.2008, 13:45 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Chrissy

  • Baby1

    29.08.2008, 11:59 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    .•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.

  • paula2

    29.08.2008, 11:25 Uhr von paula2
    Bewertung: besonders wertvoll

    liebe Grüße

  • frankensteins

    29.08.2008, 01:21 Uhr von frankensteins
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße Werner

  • barbu

    28.08.2008, 21:36 Uhr von barbu
    Bewertung: besonders wertvoll

    ich hab den film gesehen, der ebenfalls sehr ansprechend und mitfühlend, besonders spannend ist.

  • Mondlicht1957

    28.08.2008, 19:44 Uhr von Mondlicht1957
    Bewertung: besonders wertvoll

    Das hab ich mit 16 gelesen, solle ich vielleicht noch einma tun, LG Pet

  • Beachtime01

    28.08.2008, 19:11 Uhr von Beachtime01
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr guter Bericht! lg

  • chevyfan

    28.08.2008, 17:52 Uhr von chevyfan
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh beschrieben