Das siebte Kreuz (Taschenbuch) / Anna Seghers Testbericht

Auf yopi.de gelistet seit 02/2005
Erfahrungsbericht von giselamaria
Anna Seghers: Das siebte Kreuz
Pro:
sehr informative Schilderung einer Flucht aus dem KZ, und der ganzen Zusammenhänge. Sehr spannend geschrieben, und im wunderbaren Stil der Anna Seghers gestaltet.
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Ja
Es bietet selten ausgedrückte Empfindungen und Schilderungen über die Gefühle von Menschen, in Bezug auf andere, was ich damit meine: das Abwägen, was ein anderer denken, fühlen würde, wenn......
Es ist sehr interessant, und hat überhaupt nichts damit zu tun, dass diese Geschichte in der Nazizeit spielt und Inhalt die Flucht dieser Häftlinge aus einem KZ ist!!!
Nur bieten eben solche Erlebnisse und Gedankengänge - hervorragend von der Autorin zur Sprache gebracht - Einsicht in die Empfindungen in Grenzfällen der Existenz.
Die Autorin
Anna Seghers wird am 19. November 1900 als Netty Rehling in Mainz geboren.
1919 beginnt sie Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie und Philologie in Köln zu studieren.
Ihr Studium schließt sie ab mit der Promotion über Rembrandt.
Das Pseudonym wählte siie nach dem von ihr bewunderten Radierer und Maler Hercules Seghers, auch unter Segers bekannt.
Sie heiratete den kommunistischen Gesellschaftswissenschaftler László Radványi (später: Johann-Lorenz Schmidt) aus Ungarn, sie haben zwei Kinder.
1928 trat sie der KPD bei, 1928 war sie Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1930 reiste sie erstmals in die Sowjetunion.
Von den Nazis wurde sie verhaftet, ihre Bücher wurden verboten. Sie flieht zunächst in die Schweiz, von dort aus dann nach Paris.
Dort arbeitete sie an Zeitschriften anderer deutscher Emigranten mit, war Mitglied der Redaktion der „Neuen Deutschen Blätter“.
Sie gründete mit anderen zusammen den „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ in Paris.
Nach dem Einmarsch der Nazis in Paris, zusammen mit ihren Kindern gelingt ihr die Flucht nach Südfrankreich, wo sie sich um die Freilassung ihres Mannes und ihre Ausreise bemühte.
Inspiriert von diesen Erlebnissen entsteht ihr Roman „Transit“.
Im Frühjahr 1941 kann sie mit ihrer Familie von Marseille aus über Martinique, New York, Veracruz nach Mexiko auswandern.
Sie gründete dort u.a. den antifaschistischen Heinrich-Heine-Club, wird dort Präsidentin.
1942 erscheint ihr Buch „Das siebte Kreuz“ in einer englischen Ausgabe in den USA, in Deutsch in Mexiko.
1947 kehrt Anna Seghers nach Berlin zurück.
Sie lebt zunächst in West-Berlin und wird Mitglied in der SED. 1950 zieht sie nach Ost-Berlin.
1952 wird sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR (bis 1978).
Anna Seghers lebte bis zu ihrem Tod zusammen mit ihrem Mann in Ostberlin (Berlin-Adlershof), die Straße heißt heute „Anna-Seghers-Straße“ – Ihr Wohnhaus bzw. ihre Wohnung dort ist heute eine Anna-Seghers-Gedenkstätte.
Es gibt noch zahlreiche andere Stätten, die ihren Namen tragen.
1981 werden Anna Seghers die Ehrenbürgerrechte der Stadt Mainz verliehen.
Sie stirbt 1983 und wird nach einem Staatsakt in Berlin beigesetzt.
Eine ausführlichere Biografie kann in Wikipedia oder anderen Seiten nachgelesen werden.
Meine Zusammenfassung
In Westhofen befand sich ein Gefangenenlager, auch KZ genannt. Westhofen liegt in der Nähe des Rheins, in der Nähe von Mainz.
Es sind sieben geköpfte Platanen zu sehen, an jedem Stamm ist ein waagerechtes Brett angebracht und um die Bedeutung dieser sieben *Kreuze* geht es, bzw. hauptsächlich dann um das siebte, das letzte Kreuz.
Es ist die Geschichte von Georg. Als Mitglied bzw. Anhänger einer sozialistischen Gruppierung wurde er verhaftet, wie sehr viele damals aus der linken Ecke. Die Nazis waren an die Macht gekommen und diese Leute wurden als kriminell eingestuft und eingesperrt, wenn man ihrer habhaft wurde.
Sieben Gefangenen gelingt die Flucht, nacheinander werden sie alle wieder eingefangen, einer meldet sich auch selbst, und schließlich bleibt noch Georg übrig, der letzte der entflohenen Gefangenen aus Westhofen.
Es sind viele Hürden, die Georg zu nehmen hat, nahe am Zusammenbruch, ohne Essen, Trinken, frierend, ohne Schlafmöglichkeit, immer auf der Flucht, bis er auch nur mal richtig denken kann, laufen kann, sich fortbewegen kann, eine Perspektive zu finden für seine in seinen Augen kaum vorhandene Zukunft, es geht im Moment nur um eine Zukunft von ein paar Stunden, an mehr kann er gar nicht denken.
Jetzt werden zahlreiche Bewohner aus verschiedenen Orten geschildert, teils in Gedanken von Georg, teils in Gedanken von Franz, einem Freund aus seiner Jugend, vor seiner Inhaftierung. Wie und warum so mancher zu den *Braunen* überläuft, SS-Mann oder SA-Mann wird; es ist ja erst 1933, und die Nachwehen bzw. Erinnerungen an den ersten Weltkrieg sind noch frisch. Und es gibt mit der Zeit mehr Braune als Linke, werden die Linken doch von den *anderen* rigoros verfolgt. Von Judenverfolgung ist noch wenig zu hören und zu sehen, latent aber schon in den Gedanken der Braunen vorhanden, natürlich initiiert und forciert von den *höheren Nazis*.
Es geht auch um Wandlungen von Ansichten und Einsichten einiger; z.B. als Georg eine Jacke eines Jungen klaut in einer Scheuer, wird dieser viel später bei einem Verhör gefragt, ob dieses seine Jacke sei, als sie als Tauschobjekt wo anders auftaucht, sagt er: "nein ". - Wohl ahnend oder wissend, dass das dem Flüchtling eventuell helfen könnte.
Es werden einige Familien genauer beschrieben, vor allem wie sie denken, wann sie was denken, einige in fast jeder Familie sind Braune mittlerweile.
Als schließlich Georg einen alten Freund aufsucht, nach unendlich vielen Gedankengängen über dessen Zugehörigkeit, ob dieser noch *der alte* sei, oder ob und warum und vielleicht der vielleicht doch das Lager gewechselt haben könnte, die Abwägung, welche Gefahr das für den Freund evtl. wäre, wenn, und wie dann dieser Freund Kontakte zu den alten Linken aufbauen könnte, wird die Dramatik transparent.
Selbst kann Georg keinen Kontakt aufnehmen, befürchtet er doch, dass alle Leute die er kennt, bereits observiert werden - Er braucht aber Hilfe, er hat weder Papiere noch einen Unterschlupf, er will(muss ja ins Ausland) und so werden unzählige Gedankengänge für das Für und Wider des jungen Freunds beschrieben, wie er auf bestimmte Leute kommt; kann er ihnen vertrauen, wie verhielten sie sich in letzter Zeit? Oder sind das doch die Falschen? An was kann er das erkennen?? Ob er ein Risiko eingeht? Inwieweit wird seine eigene Familie hier in Gefahr gebracht und und. und - -
Das ist einer der interessantesten Teile dieses Buchs. Wie jemand in höchster Lebensnot Menschen seiner Umwelt einschätzen kann, an was er das festmacht, wo und wie er erkennen kann, ob sie vielleicht eine Gefahr sind. Oder ob er sich auf sie verlassen könnte. Er muss das Risiko eingehen, wenn er auch nur eine minimale Chance haben will.
Und Georg geht das Risiko ein. Er ist der einzige der entflohenen Gefangenen, der entkommt; durch falsche Papiere und Vermittlung alter Freunde kann er auf einem Rheinschiff das Land verlassen.
Ein kleiner Auszug aus dem Nachwort von Sonja Hilzinger, 1993.
"Jetzt sind wir hier, was jetzt geschieht, geschieht uns - mit diesen Sätzen zieht Anna Seghers ihre Leser in die atemberaubende Geschichte der Flucht des Häftlings Georg Heisler hinein, und sie entlässt sie mit den Worten: Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar."
- - - - - - und zum Schluss: "Solange ihr Roman von der gelungenen Flucht eines KZ-Häftlings aus Nazi-Deutschland gelesen wird mit aufmerksamem Blick für Entscheidungssituationen, in denen Menschlichkeit bewahrt oder preisgegeben wird, wird widerlegt sein, was für Anna Seghers, als sie im französischen Exil diesen Roman schrieb, eine furchtbare Erfahrung schien: "ein Niemandsland sollte gelegt werden zwischen die Generationen, durch das die alten Erfahrungen nicht mehr dringen könnten".
Meine Meinung
Es ist ein ungemein fesselndes Buch, besticht nicht nur durch die Erzählkunst der Seghers, sonderen ebenso durch ihr Hineinversetzenkönnen in jeden Einzelnen, die möglichen Gedankengänge zu beschreiben, und nicht zuletzt das Formulieren der eigentlich unbeschreiblichen Begebenheiten, sei es jetzt im KZ oder auch in einzelnen Haushalten, Familien usw.
Auch wenn das Buch schon in den Jahren zwischen 1937 und 1939 während ihres Exils in Frankreich entstand, ist die Aussage noch genauso gültig, auch heute noch und für alle Zukunft.
PS: Die Zitate habe ich so übernommen, weil sie mir sehr wichtig erscheinen.
Anna Seghers ist eine meiner großen Favoriten, ich habe alle oder alle mir bekannten Bücher von ihr gelesen.
109 Bewertungen, 41 Kommentare
-
25.01.2009, 17:26 Uhr von panico
Bewertung: sehr hilfreichAllerliebste Sonntagsgrüße von panico:-)
-
01.01.2009, 16:52 Uhr von ronald65
Bewertung: sehr hilfreichlg
-
29.12.2008, 22:59 Uhr von LiFo
Bewertung: sehr hilfreichIch hoffe du hattest schöne Weihnachten und wirst gut rutschen ;o)
-
08.11.2008, 09:58 Uhr von Puppekaa
Bewertung: sehr hilfreichsehr schöner Bericht - LG
-
21.10.2008, 18:20 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichSPITZE gemacht . Lg Sigi
-
05.10.2008, 18:53 Uhr von HEIDIZ
Bewertung: sehr hilfreichdieses Buch hab ich mir letzte Woche von einem Gutschein bei buecher.de bestellt, wollt ich schon immer mal lesen, klasse Bericht, wie immer KOMPLIMENT
-
03.10.2008, 12:46 Uhr von tk7722
Bewertung: sehr hilfreichsehr gut berichtet, machs gut
-
23.09.2008, 21:34 Uhr von misscindy
Bewertung: sehr hilfreichEin sehr schöner Bericht, lg Sylvia
-
16.09.2008, 15:53 Uhr von Fenja
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüsse und einen schönen Dienstag Nachmittag wünscht Fenja
-
15.09.2008, 23:18 Uhr von Jerry525
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße an dich Jerry
-
15.09.2008, 15:45 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichda haette ich dir doch gern ein bw gegeben. lg eva
-
10.09.2008, 15:56 Uhr von sandieheinrich
Bewertung: sehr hilfreichGrüßle
-
08.09.2008, 21:17 Uhr von Daisy_Bluemchen
Bewertung: sehr hilfreichviele Grüße ... Daisy
-
08.09.2008, 12:55 Uhr von Striker1981
Bewertung: sehr hilfreichSH und Liebe Grüße vom STRIKER
-
07.09.2008, 13:50 Uhr von ingoa09
Bewertung: besonders wertvollErneut klasse beschrieben! Liebe Grüße, Ingo
-
05.09.2008, 14:34 Uhr von cosch
Bewertung: sehr hilfreichschönes wochenende und LG von cosch
-
05.09.2008, 13:36 Uhr von Zzaldo
Bewertung: sehr hilfreichliebe Grüße sendet dir Stephan
-
04.09.2008, 12:19 Uhr von Music-King
Bewertung: besonders wertvollLiebe Grüße vom gegenlesenden Roland
-
03.09.2008, 20:52 Uhr von Tratschonkelchen
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich! Liebe Grüsse aus der Schweiz, Raphael
-
03.09.2008, 02:35 Uhr von Tuffi2106
Bewertung: sehr hilfreichSH, Lieben Gruß! Tuffi
-
31.08.2008, 22:31 Uhr von Turbotisl1
Bewertung: sehr hilfreichGuter Bericht ! Liebe Grüße !
-
31.08.2008, 14:29 Uhr von bundy109
Bewertung: sehr hilfreichSchönen Sonntag. LG Andre
-
30.08.2008, 17:24 Uhr von doelau
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Bericht, Gruß doelau.
-
30.08.2008, 16:31 Uhr von MasterSirTobi
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Bericht. LG von MasterSirTobi
-
30.08.2008, 13:20 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichZauberhaftes sonniges Wochenende wünsche ich Dir
-
30.08.2008, 11:18 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichSchöner Bericht. LG, Daniela
-
30.08.2008, 00:36 Uhr von Puenktchen3844
Bewertung: sehr hilfreichSH, guter Bericht. LG
-
29.08.2008, 23:59 Uhr von Estha
Bewertung: sehr hilfreichHallöööchen
-
29.08.2008, 23:13 Uhr von presscorpse
Bewertung: sehr hilfreichprima bericht! lg presscorpse
-
29.08.2008, 22:03 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichschönes wochenende und lieben gruss
-
29.08.2008, 22:01 Uhr von Clarinetta2
Bewertung: sehr hilfreichein wichtiges buch bw dafür
-
29.08.2008, 21:29 Uhr von wolli007
Bewertung: sehr hilfreichliebe Grüße, Wolli
-
29.08.2008, 15:17 Uhr von Volker111
Bewertung: sehr hilfreichSollte man gelesen haben
-
29.08.2008, 13:45 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße Chrissy
-
29.08.2008, 11:59 Uhr von Baby1
Bewertung: sehr hilfreich.•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.
-
29.08.2008, 11:25 Uhr von paula2
Bewertung: besonders wertvollliebe Grüße
-
29.08.2008, 01:21 Uhr von frankensteins
Bewertung: sehr hilfreichliebe Grüße Werner
-
28.08.2008, 21:36 Uhr von barbu
Bewertung: besonders wertvollich hab den film gesehen, der ebenfalls sehr ansprechend und mitfühlend, besonders spannend ist.
-
28.08.2008, 19:44 Uhr von Mondlicht1957
Bewertung: besonders wertvollDas hab ich mit 16 gelesen, solle ich vielleicht noch einma tun, LG Pet
-
28.08.2008, 19:11 Uhr von Beachtime01
Bewertung: sehr hilfreichsehr guter Bericht! lg
-
28.08.2008, 17:52 Uhr von chevyfan
Bewertung: sehr hilfreichsh beschrieben

Bewerten / Kommentar schreiben