Sophie Scholl - Die letzten Tage (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von ZordanBodiak

...das Richtige tun...

Pro:

Sehr gut aufgearbeitetes und dargestelltes Portrait...

Kontra:

...das stark belastet.

Empfehlung:

Ja

Der Vorabend des 18. Februar 1943. Eine Gruppe Münchener Studenten druckt Flugzettel gegen den nationalsozialistischen Wahnsinn. Ein Großteil soll verschickt werden. Die übrigen in verschiedenen Lokalitäten ausgelegt werden. Einer der ihrigen – Hans Scholl – will dieses Mal jedoch weitergehen und am morgigen Tage die Pamphlete in der Universität auslegen. Zunächst von seinen Verbündeten als verrückt eingestuft, erhält er Unterstützung von seiner drei Jahre jüngeren Schwester Sophie. Voller Zuversicht gehen sie während einer morgendlichen Vorlesung in die Uni, verteilen ihre Zettel vor den verschlossenen Hörsaaltüren – Sophie jedoch möchte größeres Aufsehen und stößt einen Blätterstapel von der Balustrade der zweiten Etage. Just in diesem Moment enden die Vorlesungen, wie es scheint können die Geschwister Scholl unentdeckt in der Masse verschwinden.

Jedoch wurde ihre Tat von einem systemtreuen Hausmeister beobachtet, der sie zunächst zum Direktor schleift – von wo sie direkt in die (getrennten) Verhörräume der Münchener Polizei verfrachtet werden. Leugnen sie zunächst noch ihre Taten, werden sie nach dreitägigem Dauerverhör von der eindeutigen Beweislage erdrückt. Ihnen – und dem aufgrund seiner Handschrift festgenommenen Christoph Probst – wird bereits am 22. Februar der Prozess gemacht, zu dem der Richter Roland Freisler extra aus Berlin anreist. Sie werden aufgrund Hochverrats, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung verurteilt. Das Strafmaß: Todesstrafe vollstreckt durch eine Guillotine.

Die Gerichtsverhandlung endet um 14:00 Uhr, das Todesurteil wird bereits um 17:00 Uhr im Münchener Gefängnis Stadelheim vollstreckt.
In der Folgezeit werden die weiteren – allesamt friedlich vorgehenden – Mitglieder der „Weißen Rose“ ebenso für ihre „Verbrechen“ hingerichtet.


Das Leben der Geschwister Scholl wurde bereits zweifach verfilmt, so dass man sich notgedrungen fragen muss, ob im Rahmen der filmischen Neuaufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, die vor allem durch den großen Erfolg des „Untergangs“ zusätzlich angefeuert worden ist, eine weitere Neubearbeitung notwendig war. Ob es nicht ausgereicht hätte die beiden Filme aus dem Jahre 1982 für sich sprechen zu lassen – vor allem auch, weil Lena Stolze in beiden Werken äußerst stark ein Abbild Sophie Scholls zum Besten gab.

Nach dem Betrachten der Neuverfilmung muss man jedoch jegliche Zweifel an der Daseinsberechtigung „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ verwerfen. Während „die Weiße Rose“ von Michael Verhoeven seinen Fokus auf die Geschichte des Münchener Studentenwiderstands legte, erzählt Percy Adlons „fünf letzte Tage“ die Geschehnisse mit einer gewissen Distanz aus der Sicht der Scholl’schen Zellengenossin Else Gebels. Marc Rothemund – der zuvor nur an TV-Produktionen und an der Teenie-Klamotte „harte Jungs“ beteiligt war – jedoch stellt gänzlich den Charakter der Sophie Scholl in das Zentrum des Geschehens. Er folgt ihr in jeder Einstellung. Zeigt ihr noch unbekümmertes Zusammentreffen mit einer Freundin. Das Leugnen der Taten im Verhör mit Robert Mohr. Die emotionalen Zusammenbrüche in der Gefängniszelle und das überzeugte Auftreten vor Gerichte.

Diese Fokussierung auf Sophie Scholl wurde vor allem dadurch ermöglicht, dass die beiden Filmemacher Rothemund und Fred Breinersdorfer, der das Drehbuch verfasste, nach dem Fall der Mauer Einblicke in zuvor in den DDR-Staatsarchiven gehütete Verhörprotokolle erlangen konnten. Die somit mögliche stärkere Orientierung an der Realität führt vor allem in den voranschreitenden Verhörszenen zu einer immer größer werdenden emotionalen Anspannung, die der Zuschauer ertragen muss, bis das Geschehen in einem chancenlosen Schauprozess und der Hinrichtung gipfelt.

Aufgrund der intensiven Inszenierung sind vor allem die finalen Minuten – und ihre nachhaltigen Wirkung – wohl das Quälendste, was in der bisherigen (Neu-)Aufarbeitung des Nationalsozialismus gezeigt worden ist. Sophie wird unter die Guillotine gelegt. Das Fallbeil senkt sich. Schwärze. Leise hört man noch das weitere Geschehen, nimmt noch akustisch die Hinrichtungen ihres Bruders und Christoph Probsts wahr. Diese äußerst drastische Inszenierung wird in einen erdrückenden Kontrast zu den letzten Minuten vor der Vollstreckung des Todesurteils gesetzt. Sophie verabschiedet sich von ihren Eltern und darf entgegen der Gefängnisregeln noch eine Zigarette mit den beiden Mitverurteilten rauchen. Das unausweichliche Ende wird etwas aufgehellt, um dann mit aller Rigorosität zuzuschlagen, die den Zuschauer vor allem schmerzt, weil er in der vorangegangenen Spielzeit eine derart tiefe Beziehung zu Sophie Scholl aufbauen konnte.


Erstaunlich im Gesamtkontext des Filmes erweist sich jedoch, dass die Filmhandlung nur wenig Bezug zum nationalsozialistischen Regime nimmt. Zwar erkennt man unzweifelhaft die geschichtlichen Zusammenhänge, gleichwohl werden diese nur in wenigen Szenen visualisiert. Es werden zwar Hakenkreuze und Portraits des Führers gezeigt, vor allem die Marionetten des nationalsozialistischen Apparates wirken aber in ihrem Auftreten überwiegend „neutral“. Der verhörende Robert Mohr ist zuallererst ein Gesetzeshüter, der strikt den Paragraphen folgt – unabhängig davon wer sie erlassen hat. Im Verlaufe der Diskussionen mit Sophie Scholl wird dieser jedoch immer mehr in die Defensive gedrückt. Seine Argumentationen verpuffen – bis er letztlich seinem Opfer gar Respekt entgegenbringt.

Einzig Richter Dr. Roland Freisler wird durch die diabolische Vorstellung André Hennickes zu einem wirklichen Brennpunkt des Bösen. Er brüllt wie ein wildes Tier umher - seine Verhandlungsweise ist rüde, rücksichtslos und lässt den Betrachter erschaudern. Aber selbst die weiteren Richter und Anwesenden im Gerichtssaal erhalten in gewissem Maße ein austauschbares Gesicht. Sie zeigen sich zwar empört über die regimefeindlichen Äußerungen der Mitglieder der „Weißen Rose“, werden aber nicht als klassische Nazischergen dargestellt. Das Feindbild, das über dem gesamten Filme schwebt, ist unsichtbar.

Aufgrund der geringen Bezüge auf die eigentliche historische Zeit, bewirkt Rothemunds Inszenierung, dass „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ vermehrt wie eine Abhandlung über Zivilcourage wirkt. Dies erweist sich als äußerst gelungener Mittelweg: Zwar werden historische Begebenheiten soweit wie möglich nachgestellt, gleichfalls wird aber auch ein Thema behandelt, das stetig im Bewusstsein der Menschheit aktuell ist.


Wenn man Schwachpunkte in dieser herausragenden Produktion finden will, muss man sich wohl an die vom Titel schon angedeutete Konzentration auf die letzten Tage im Leben der Sophie Scholl wenden. Die kurze Einführung macht es einerseits dem unwissenden Zuschauer schwer sich in der Handlung zurechtzufinden – andererseits wirkt das Geschehen so auf den ersten Blick etwas zusammenhangslos. Man kann die Hintergründe für Sophies Handeln nur erahnen. Zunächst. Denn im Verlauf des polizeilichen Verhörs wird für die Ausarbeitung des Charakters genügend Raum geschaffen. Überhaupt hätte wohl die Voranstellung weiterer Stationen im Leben der Widerständlerin dafür gesorgt, dass ihre letzten Tage zu einem „reißerischen Finale“ verkommen wären. Unter dieser Fokussierung entfaltet die Filmhandlung eine größere Wirkung, die sich vor allem in den beklemmenden Verhören zeigt. Die Konfrontation zwischen der Münchner Studentin und dem Nazi-Schergen Robert Mohr wird spartanisch gefilmt, fast wie ein Kammerspiel von stehenden Bildern geprägt. Jede der beiden Figuren erfährt in dieser Zeit einen äußerst tiefgreifende Charakterisierung - es werden die jeweiligen Beweggründe für das Verhalten offengelegt.


Als äußerst erfreulich erweist es sich, dass das von Fred Breinersdorfer verfasste Drehbuch es vermeidet, die zum Tode verurteilten Mitglieder der „Weißen Rose“ als Helden zu stilisieren. Vielmehr charakterisiert er die „Titelheldin“ als selbstbewusste junge Frau, die für ihre Überzeugung bis zum Äußersten geht – aber vor Schwächen und Emotionen ebenso wenig gefeit ist wie jeder andere Menschen. In ihrer Zelle bricht Sophie Scholl wiederholt unter der psychischen Belastung zusammen, während der Unterredungen mit Mohr versucht sie ihre innere Aufgewühltheit zu unterdrücken. Diese Darstellung ist vor allem beobachtend – obgleich natürlich die Geschichte einer Märtyrerin erzählt wird.

Einzig im Finale, in dem Sophie die letzten Sonnenstrahlen erhaschen kann, erhält das Geschehen durch seine kurzzeitige visuelle Aufhellung eine Wertung: Es lohnt sich immer zu kämpfen. Davor aber beschränkt sich Rothemunds Inszenierung gänzlich darauf den Charakter Sophie Scholls zu durchleuchten. Wie konnte ein derartig gewöhnliches Mädchen sich zu einer solchen Märtyrertat durchringen? Wie konnte eine unauffällige Studentin derartig willensstark sein, dass sie für ihre Überzeugung in den Tod geht.

Diese schwer herauszuarbeitende Charakterstudie könnte unter schwachen Schauspielern zusammenbrechen, Marc Rothemunds Arbeit wird aber vor allem von einer beeindruckenden Julia Jentsch [zuvor „die fetten Jahre sind vorbei“] getragen. Sie gibt ihrem Charakter eine extreme Tiefe, wandelt zwischen dem Stolz und der Niedergeschlagenheit ihrer „Figur“. Besonders tritt diese hervorragende Darstellung hervor, wenn sich Julia Jentsch in den zahlreichen Unterredungen mit Robert Mohr, dargestellt von einem ebenso mimischstarken Gerald Alexander Held [zuvor schon u.a. als Nazi in „Napola“ und „der Untergang“], befindet. Sie versucht ihre Emotionen zu kontrollieren, will keine Schwäche zeigen – obgleich man an ihren nervösen Handbewegungen die innere Anspannung erkennen kann. Dieses facettenreiche, mit dezenter Körpersprache versetzte Spiel Julia Jentschs wäre alleine schon ein Grund sich den Film anzugucken – glücklicherweise rechtfertigt aber auch die restliche, ruhige Inszenierung das Betrachten.


Der psychische Tiefschlag, den der Zuschauer während des Betrachtens erleben muss, wird durch einen sanften Abspann abgeschlossen. Die Namen der Filmbeteiligten erscheinen auf Photos der wirklichen Scholls. Sophie und ihr Bruder in Zeiten voller Freude. Vergangene Tagen, in denen die Jugendlichen noch unbekümmert in den Tag leben konnten. Ein äußerst stilvolle Würdigung der Widerständler, die ohne jegliche Gewalt für ihre Ideale einstanden.

Dieser kunstvolle Abschluss erweist sich letztlich als einer der wenigen inszenatorischen Kniffe – ansonsten beschränkt sich Rothemund auf das Notwendige und versucht die Gedanken des Zuschauers nicht durch verfälschende Stimmungsbilder zu beeinflussen. So fällt die musikalische Untermalung äußerst spärlich aus, die Bebilderung durch Martin Langer wirkt äußerst bieder und kann zu keinem Zeitpunkt die Brillanz eines „Totmachers“ entfalten. Diese zurückhaltende Inszenierung „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ ist aber einer der Hauptgründe für die dichte filmische Wirkung. Keine technischen Spielereien nehmen den Charakteren den Raum zur Entfaltung. Die gesamte Kraft, die der Film entfalten kann, steht und fällt mit den Figuren und den Darstellern, die diese so herausragend verkörpern.


Fazit

„Sophie Scholl - Die letzten Tage“ ist sicherlich ein schwer zu verdauender Film. Geprägt von den herausragenden Darstellern erweist sich die ruhige, kammerspielartige Verfilmung jedoch als wichtige Würdigung der Zivilcourage Sophie Scholls. Ob dieser filmische Beitrag dennoch nach zwei bereits entstandenen Verfilmungen notwendig war? Ohne Zweifel, denn bisher wurde nie der Fokus des Filmes auf die in den Geschichtsbüchern als zentrale Figur der Gerichtsverhandlung dargestellte Sophie Scholl gelegt – und gerade diese hat ein derartig emotionalforderndes Denkmal verdient! Ein meisterhafter Beweis für die große Klasse des „neuen“ deutschen Films, der in Julia Jentsch einen neuen Shooting-Star gefunden hat und bereits zweifache auf der Berlinale ausgezeichnet worden ist [jeweils der Silberne Bär für Julia Jentsch und Marc Rothemund].

Wertung: 9/10 Punkte
Internet: http://www.sophiescholl-derfilm.de


[auf eine Spoiler-Warnung wurde verzichtet, da geschichtliche Fakten den Inhalt des Filmes bilden – und selbige sollten eigentlich bekannt sein]

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