Erfahrungsbericht von Indigo
Das Helfersyndrom und die hilflosen Helfer
Pro:
helfen ist notwendig
Kontra:
helfen kann krank machen
Empfehlung:
Nein
Das Helfersyndrom und die hilflosen Helfer
Ende der siebziger Jahre wurde der Begriff des Helfersyndroms durch Wolfgang Schmidbauer geprägt. Schmidtbauer, selbst Psychoanalytiker, kreierte diesen Begriff und stellte die These auf, dass das Helfersyndrom mit seinen konstituierenden Merkmalen allen helfenden Tätigkeiten zugrunde liegt und somit in den verschiedensten Berufsgruppen auftaucht.
Ein Syndrom ist laut Duden der Zusammenschluss verschiedener Krankheitsmerkmale und Schmidtbauer erklärt dieses Syndrom aus psychoanalytischer Perspektive. Ursächlich nennt er das stark ausgeprägte elterliche Über-Ich, die verborgene narzisstische Bedürftigkeit und die Vermeidung von Gegenseitigkeit in Beziehungen.
Hier soll jetzt jedoch nicht die Konstitution des Helfersyndroms Gegenstand der Betrachtung sein, sondern vielmehr die Erscheinungsebene des Helfersyndroms im Alltag.
Ich arbeite nebenberuflich an einer Berliner Hochschule und lehre im Fachbereich Sozialpädagogik, Sozialmanagement und Methodik/Didaktik.
In den Erstsemesterveranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass die persönliche Biographie signifikant oft eine Berührung mit sozialer Arbeit aufweist. Im 1. Semester sitzen ehemalige Sozialhilfeempfänger, trockene Alkoholiker, Missbrauchsopfer, Vorbestrafte und ehemalige Junkies ebenso wie Studierende mit einer Heimkarriere oder aus unvollständigen Familien. In Anlehnung an die Helfersyndromthese lautet die Schlussfolgerung:
WEIL MIR NICHT GEHOLFEN WURDE, WERDE ICH HELFER.
Dieser Aspekt ist für die Soziale Arbeit berufskonstituierend, so dass ich in meiner Einführungsveranstaltung die Studierenden regelmäßig mit „Guten Morgen, liebe Studenten und Klienten“ begrüße. Die Tatsache, dass ca. 80 Prozent der Studierenden Frauen sind, sei hier nur am Rande erwähnt. Traditionell ist Sozialarbeit und Sozialpädagogik ein Frauenberuf, die Helfersyndromproblematik hingegen ist keineswegs geschlechtsspezifisch, auch wenn Frauen bezüglich ihrer Rollenzuweisung ein offeneres altruistisches Verhalten zeigen.
Gegenüber der dargestellten These formiert sich regelmäßig Widerstand. Auch das ist für die Freunde psychoanalytischer Konzepte bezeichnend und konzeptimmanent.
In der beruflichen Praxis und im sozialen Umfeld ist der Helfersyndrom-Helfer aktiv. Der Drogencharakter der helfenden Beziehung führt dazu, dass nicht das Helfen an sich problematisch ist, sondern der Entzug. Wehe, ich kann nicht helfen.
So geben Sozialarbeiter sehr gern ihren Klienten ihre Privattelefonnummer, so schläft die Krankenschwester unruhig, wenn sie nicht im Dienst ist und der Gesundheitszustand des Lieblingspatienten kritisch ist und das Helfen wird zur Lebensaufgabe. Außerhalb des Dienstes werden Probleme und Fälle mit dem Partner oder der Familie diskutiert. Der Arbeitstag endet niemals bei Dienstschluss, der Helfer ist immer Helfer. Ich kenne Streetworker, die ihre Klientel am Wochenende mit nach Hause nehmen.
Ein guter Helfer ist auch immer gut gelaunt, immer fit und stets authentisch. Hat der Helfer private Sorgen, so steckt er diese weg. Ist der Helfersyndromhelfer einmal überfordert, so zieht er sich gern mit dem nächsten Hilfesuchenden aus der Affäre. Ich kann zwar immer helfen, aber nicht allen gleichzeitig. Schmidtbauer berichtet von einem französischen Psychologen, der seinen Patienten wieder nach Hause schickt, mit der Bemerkung, er könne ihm heute nicht helfen. Stellen wir uns nur vor, ein Lehrer teilt der Schulklasse mit, er könne heute nicht unterrichten, weil sich seine Frau gerade scheiden lassen will. Nahezu unvorstellbar. Der Helfersyndrom-Helfer ist allzeit bereit.
Eines kann der hilflose Helfer gar nicht gut: Hilfe annehmen! Exemplarisch kann hier angeführt werden, dass es ziemlich schwierig ist einem Lehrer etwas zu erklären. Der Lehrer unterrichtet und ist permanent gewohnt, dass er mehr weiß als sein gegenüber. Wehe, das ist mal umgekehrt! So geht es auch dem Helfersyndrom-Helfer.
Statistisch ist belegbar, dass kaum ein Helfer sein Berufsleben über 40 Jahre mit der gleichen Klientel durchsteht, viele Helfer Therapieangebote in Anspruch nehmen und heutzutage eine berufsbegleitende Supervision und Praxisberatung kaum verzichtbar ist. Die Ärzte haben ihre Balint-Gruppen, Sozialarbeiter landen auf der Couch und Wolfgang Schmidtbauer wird zum Bestsellerautor.
Hier ist schön zu sehen, dass erst das Buch auf dem Markt war und dann plötzlich ganz viele Helfer wussten, dass sie ein Helfersyndrom haben.
Neuerdings sorgt die Pharmaindustrie dafür, dass ganz viele Eltern ein ADS-Kind haben und jeder zweite Lehrer glaubt Hyperaktivität diagnostizieren zu können.
Die Zeiten ändern sich. Der Markt der sozialen Dienstleistungen wächst und die Professionalität der Helfertätigkeit steckt weiterhin in den Kinderschuhen.
Nehmen wir diesen Beitrag als Denkanstoss für das Frühjahr 2005. Eine Lösungsstrategie bzw. eine Helfer-Rezeptur existiert bislang nicht. Zur Immunisierung und Prophylaxe empfehle ich abschließend noch meinen Beitrag „Kann mir mal einer helfen?“
Indigo
Ende der siebziger Jahre wurde der Begriff des Helfersyndroms durch Wolfgang Schmidbauer geprägt. Schmidtbauer, selbst Psychoanalytiker, kreierte diesen Begriff und stellte die These auf, dass das Helfersyndrom mit seinen konstituierenden Merkmalen allen helfenden Tätigkeiten zugrunde liegt und somit in den verschiedensten Berufsgruppen auftaucht.
Ein Syndrom ist laut Duden der Zusammenschluss verschiedener Krankheitsmerkmale und Schmidtbauer erklärt dieses Syndrom aus psychoanalytischer Perspektive. Ursächlich nennt er das stark ausgeprägte elterliche Über-Ich, die verborgene narzisstische Bedürftigkeit und die Vermeidung von Gegenseitigkeit in Beziehungen.
Hier soll jetzt jedoch nicht die Konstitution des Helfersyndroms Gegenstand der Betrachtung sein, sondern vielmehr die Erscheinungsebene des Helfersyndroms im Alltag.
Ich arbeite nebenberuflich an einer Berliner Hochschule und lehre im Fachbereich Sozialpädagogik, Sozialmanagement und Methodik/Didaktik.
In den Erstsemesterveranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass die persönliche Biographie signifikant oft eine Berührung mit sozialer Arbeit aufweist. Im 1. Semester sitzen ehemalige Sozialhilfeempfänger, trockene Alkoholiker, Missbrauchsopfer, Vorbestrafte und ehemalige Junkies ebenso wie Studierende mit einer Heimkarriere oder aus unvollständigen Familien. In Anlehnung an die Helfersyndromthese lautet die Schlussfolgerung:
WEIL MIR NICHT GEHOLFEN WURDE, WERDE ICH HELFER.
Dieser Aspekt ist für die Soziale Arbeit berufskonstituierend, so dass ich in meiner Einführungsveranstaltung die Studierenden regelmäßig mit „Guten Morgen, liebe Studenten und Klienten“ begrüße. Die Tatsache, dass ca. 80 Prozent der Studierenden Frauen sind, sei hier nur am Rande erwähnt. Traditionell ist Sozialarbeit und Sozialpädagogik ein Frauenberuf, die Helfersyndromproblematik hingegen ist keineswegs geschlechtsspezifisch, auch wenn Frauen bezüglich ihrer Rollenzuweisung ein offeneres altruistisches Verhalten zeigen.
Gegenüber der dargestellten These formiert sich regelmäßig Widerstand. Auch das ist für die Freunde psychoanalytischer Konzepte bezeichnend und konzeptimmanent.
In der beruflichen Praxis und im sozialen Umfeld ist der Helfersyndrom-Helfer aktiv. Der Drogencharakter der helfenden Beziehung führt dazu, dass nicht das Helfen an sich problematisch ist, sondern der Entzug. Wehe, ich kann nicht helfen.
So geben Sozialarbeiter sehr gern ihren Klienten ihre Privattelefonnummer, so schläft die Krankenschwester unruhig, wenn sie nicht im Dienst ist und der Gesundheitszustand des Lieblingspatienten kritisch ist und das Helfen wird zur Lebensaufgabe. Außerhalb des Dienstes werden Probleme und Fälle mit dem Partner oder der Familie diskutiert. Der Arbeitstag endet niemals bei Dienstschluss, der Helfer ist immer Helfer. Ich kenne Streetworker, die ihre Klientel am Wochenende mit nach Hause nehmen.
Ein guter Helfer ist auch immer gut gelaunt, immer fit und stets authentisch. Hat der Helfer private Sorgen, so steckt er diese weg. Ist der Helfersyndromhelfer einmal überfordert, so zieht er sich gern mit dem nächsten Hilfesuchenden aus der Affäre. Ich kann zwar immer helfen, aber nicht allen gleichzeitig. Schmidtbauer berichtet von einem französischen Psychologen, der seinen Patienten wieder nach Hause schickt, mit der Bemerkung, er könne ihm heute nicht helfen. Stellen wir uns nur vor, ein Lehrer teilt der Schulklasse mit, er könne heute nicht unterrichten, weil sich seine Frau gerade scheiden lassen will. Nahezu unvorstellbar. Der Helfersyndrom-Helfer ist allzeit bereit.
Eines kann der hilflose Helfer gar nicht gut: Hilfe annehmen! Exemplarisch kann hier angeführt werden, dass es ziemlich schwierig ist einem Lehrer etwas zu erklären. Der Lehrer unterrichtet und ist permanent gewohnt, dass er mehr weiß als sein gegenüber. Wehe, das ist mal umgekehrt! So geht es auch dem Helfersyndrom-Helfer.
Statistisch ist belegbar, dass kaum ein Helfer sein Berufsleben über 40 Jahre mit der gleichen Klientel durchsteht, viele Helfer Therapieangebote in Anspruch nehmen und heutzutage eine berufsbegleitende Supervision und Praxisberatung kaum verzichtbar ist. Die Ärzte haben ihre Balint-Gruppen, Sozialarbeiter landen auf der Couch und Wolfgang Schmidtbauer wird zum Bestsellerautor.
Hier ist schön zu sehen, dass erst das Buch auf dem Markt war und dann plötzlich ganz viele Helfer wussten, dass sie ein Helfersyndrom haben.
Neuerdings sorgt die Pharmaindustrie dafür, dass ganz viele Eltern ein ADS-Kind haben und jeder zweite Lehrer glaubt Hyperaktivität diagnostizieren zu können.
Die Zeiten ändern sich. Der Markt der sozialen Dienstleistungen wächst und die Professionalität der Helfertätigkeit steckt weiterhin in den Kinderschuhen.
Nehmen wir diesen Beitrag als Denkanstoss für das Frühjahr 2005. Eine Lösungsstrategie bzw. eine Helfer-Rezeptur existiert bislang nicht. Zur Immunisierung und Prophylaxe empfehle ich abschließend noch meinen Beitrag „Kann mir mal einer helfen?“
Indigo

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