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Erfahrungsbericht von NicolaDD

Hochwasser bei uns (1. Teil)

Pro:

wahr

Kontra:

wahr

Empfehlung:

Nein

Also, im Moment bin ich ausnahmsweise mal richtig glücklich, daß ich am Rande der Stadt in \"meiner\" Plattenbausiedlung wohne. Warum? Ganz einfach: der Stadtrand liegt viel höher als das Stadtzentrum, wo das Hochwasser steigt und steigt.

Angefangen hatte es ziemlich harmlos. Die Elbe hatte schon seit einiger Zeit einen ziemlich hohen Wasserstand und eines Tages trat sie auch über die Ufer. Das ist nichts Besonderes, das tut sie ab und zu wie viele Flüsse. Im Frühling, wenn der Schnee schmilzt, ist das ein gewohntes Bild, aber auch im Laufe des Jahres kann es passieren, wenn es sehr viel geregnet hat.
Zuerst war die Uferstraße überschwemmt und die Fahrten der \"Weißen Flotte\" wurden eingestellt. Alles im Bereich des Normalen. Das Wasser stieg weiter, man hörte es im Radio. Ich nahm es zur Kenntnis, die Elbbrücken liegen nicht auf meinem Arbeitsweg und so sah ich das Wasser nicht - bis zum letzten Samstag.
Da hatten wir beschlossen, mit Freunden auszugehen und diesmal führte uns der Weg auf die andere Elbseite. Wir staunten gewaltig, als wir das viele Wasser sahen. Die Wiesen waren fast völlig verschwunden und Bäume sahen aus wie Sträucher, soweit standen sie schon im Wasser. Die große Freilichtbühne mit Leinwand, auf der von Juni bis August Filme gezeigt werden, drohte auch schon zu verschwinden. Von den Zuschauerbänken davor waren die unteren Reihen nicht besetzt. Keiner wollte sich freiwillig nasse Füße holen. Auf den Brücken standen eine Menge Leute mit Fotoapparaten oder Videokameras auf das Wasser gerichtet.


Am Sonntag fing es mächtig an zu regnen. Radio und Fernsehen brachten Hochwasserwarnungen. Naja, dachte ich, die übertreiben mal wieder. Es hörte aber nicht mehr auf zu regnen, auch am Montag nicht. Gleichbleibend kräftig plätscherte das Wasser herunter. Die Elbe stieg und dasselbe tat ihre kleine Schwester, die Weißeritz. Die Weißeritz ist normalerweise ein unscheinbare Flüßchen, fast nur ein Bach, der in die Elbe mündet. Solange ich mich zurückerinnere, hatte sie noch nie Hochwasser gehabt. Es würde schon nichts passieren.


Am Montag Abend kam mein Sohn nicht nach Hause. Nun gut, er ist 17 und kein Stubenhocker, aber es wurde immer später und ich wußte nicht, wo er war. Schließlich rief ich ihn auf dem Handy an und fragte, wo er stecke. Fröhliches Gejohle seiner Freunde war im Hintergrund zu hören, als er erzählte, sie wären alle an der Weißeritz und beobachteten das steigende Wasser. Die ersten waren schon barfuß, weil sie von seitlichen Wellen erwischt worden waren. Langsam wurde mir komisch. Ich fragte, ob denn mein Arbeitsweg noch befahrbar wäre, denn ich muß die Weißeritz überqueren. Alle jungen Herren waren einstimmig der Meinung, das wäre sicher auch am nächsten Morgen noch okay. Da konnte ich ja beruhigt schlafen gehen.


Dienstag früh.
Ich werde davon geweckt, daß mein Mann hektisch hin und her rennt und mir Katastrophenmeldungen aus dem Radio wiedergibt und erzählt, welche Straßen schon gesperrt sind. Naja, denke ich, schaumermal. Ich fahre ein bißchen früher los als sonst. Es gießt immer noch. Bis zum Auto bin bin ich trotz Schirm schon ganz schön naß. Los geht die Fahrt. Die erste Ampel ist aus, aber die nächste funktioniert. Na also, alles in Ordnung. Ich fahre weiter und befinde mich auch schon mitten in einem Stau, der, wie ich bemerke, nicht von einer Ampel ausgelöst wird. Es ist alles verstopft. Ich suche Schleichwege, aber da ich ein kleines Stück Hauptstraße fahren muß, komme ich immer wieder zum Stau zurück. Dann endlich freie Fahrt, hurra! Es geht vorwärts und ich frage mich schon wieder, warum die Medien alle Leute in Panik versetzen müssen. Doch dann sehe ich verdächtige grüne Autos mitten auf der Straße stehen - die Polizei riegelt die Straße ab. Oje, was nun? Kollektives Wenden setzt ein, wir suchen ein anderes Schlupfloch. Aber überall die grünen Autos und winkende Polizisten. Auf der einen Straße können wir soweit nach vorn fahren, daß wir sehen, was los ist: eine Straße ist keine mehr, sie ist zum Fluß geworden! Braunes Wasser rast nur so die Straße entlang. Ich sehe endlich ein, da ist kein Durchkommen mehr. Mühselig suche ich mir einen Weg zur Hochstraße, die muß ja befahrbar sein. Natürlich hatte ich diese Idee nicht als einzige. Auf der Brücke stauen wir alle gemütlich dahin, danach geht es endlich besser, weil leicht bergan.

Unterwegs muß ich trotz Regen und nervenaufreibendem Fahren in Schritttempo schmunzeln. Da sehe ich plötzlich einen Mann, der ganz bestimmt ein Bankangestellter ist, barfuß und mit hochgekrempelten Anzughosen durchs Wasser waten. In der Hand hat er Schuhe und Aktenkoffer, Krawatte, weißes Hemd und Sakko sind tadellos. Die Fahrradfahrer, von denen es plötzlich wimmelt, sind auch fast alle barfuß. Man weiß sich zu helfen! Von der Brücke kann ich auch einen Blick auf das Flüßchen Weißeritz werfen, sie nimmt die Straßen links und rechts von ihr komplett ein. Eklige braune Brühe überall.
Nach 2 Stunden Fahrzeit treffe ich auf Arbeit ein (normalerweise brauche ich 15 Minuten). Mit großem Hallo werde ich begrüßt wie heute jeder Eintreffende. Hauptgesprächsthemen des Tages: wer ist wo lang gefahren, wie hoch war da das Wasser, was haben sie in den Nachrichten gebracht. Manche sind nicht angekommen, sie rufen nach und nach an und berichten, wo sie steckengeblieben sind bzw. umkehren mußten.

An dem Tag arbeiten wir nicht sehr viel. Das Mobilfunknetz bricht ständig zusammen, man erreicht kaum jemanden. Emails kommen nicht an und wir werden auch kaum angerufen. Anscheinend sind alle mit anderen Sachen beschäftigt. Wir bleiben auch nur bis in den frühen Nachmittag, alle haben Angst, daß der Weg nach Hause schon abgeschnitten sein könnte. Das kleine Radio, das ein Kollege mitgebracht hat, meldet ständig steigenden Wasserpegel von Elbe und Weißeritz. Mein Stadtteil soll schon von der Stadt abgeschnitten sein.
Als ich mich hoffnungsvoll auf den Weg mache, bieten mir ein paar Kollegen an, bei ihnen zu übernachten, falls ich es nicht bis nach Hause schaffe. Selbst mein Chef bietet mir ein Zimmer an. Ich bin richtig gerührt und dankbar, hoffe aber trotzdem, daß ich zu Hause schlafen kann.

Zuerst geht es zügig voran, aber je weiter ich bergab und stadtwärts komme, umso dichter wird der Verkehr und dann rollen wir wieder im Schritttempo. Ich will wieder auf die Hochstraße, aber sie wird gerade abgesperrt. Die Abfahrt auf der anderen Seite ist überschwemmt. Wir müssen uns alle weiter stadtwärts halten. Es gibt noch viele gut befahrbare Straßen, nur manche enden abrupt in einer großen tiefen Pfütze. Da hatte man es nur mit dem Absperren noch nicht geschafft. Wenden, andere Richtung. Ich überlege mir immer neue Möglichkeiten, nach Hause zu kommen, aber oft komme ich gerade noch zurecht, um zu sehen, wie meine Strecke abgesperrt wird. Ich will schon kapitulieren und meine Kollegin anrufen, um mich zum Übernachten anzumelden. Da sehe ich plötzlich einen Wegweiser zur Autobahn. Na klar, das muß klappen, die Autobahn führt außen um die Stadt herum, die muß befahrbar sein! Wieder reihe ich mich in die Schlange derer ein, die denselben Gedanken hatten. Es klappt wirklich! Wir erreichen die Autobahnauffahrt am entgegengesetzten Ende der Stadt und so komme ich nach nunmehr zweieinhalb Stunden zu Hause an. Auch hier werde ich strahlend empfangen: \"Da bist du ja. Ist das Auto noch ganz?\" Männer!

Im Gegensatz zu vielen anderen haben wir noch Strom. Gott sei Dank, der Tiefkühlschrank taut nicht ab. Das warme Wasser ist aber weg, im Fernsehen kommen nur grieselige Bilder, das Telefon funktioniert nur sporadisch und das Internet gar nicht. Dafür fliegen ununterbrochen Hubschrauber über uns hinweg. Man hat angefangen, ein Krankenhaus zu evakuieren und auch die Leute, die gleich neben der Weißeritz wohnen. Deren Häuser sind mittlerweile voller Wasser und manche sitzen ängstlich auf den Dächern und warten, daß sie weggeholt werden. Das erfahren wir aus dem Radio. Es regnet immer noch, wenn auch ein bißchen weniger. Der Wasserstand der Elbe liegt jetzt bei 7,50 m, normal sind so um die 3 m. Und das Wasser steigt weiter! Langsam steht die ganze Altstadt unter Wasser, in der Gemäldegalerie beginnt man, die Bilder in Sicherheit zu bringen.

Wo soll das bloß hinführen??

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-17 12:26:44 mit dem Titel Hochwasser bei uns (2. Teil)

Mittwoch.
Ich überlege, ob ich überhaupt versuchen soll, zur Arbeit zu fahren. Die Stadt ist voller Wasser, Brücken wurden geschlossen und die restlichen Strecken sind sicher völlig zugestopft. Dazu fliegen immer noch die Hubschrauber, es müssen unheimlich viele Leute evakuiert werden. Schrecklich.
Aus den Nachrichten kann ich nichts entnehmen, was mir Aufschluß über mögliche Fahrstrecken für mich gibt. Die Lage ändert sich ständig. Ein Kollege wohnt in der Nähe, den rufe ich an und frage, ob er den Weg geschafft hat und wie. Er ist schon auf Arbeit angekommen und gibt mir einen guten Tip, wo \"alles frei\" ist. Als ich anderthalb Stunden später diese Strecke fahre, ist natürlich nichts mehr frei. Wieder geht es nach dem Motto \"Drei Meter fahren, zwei Minuten stehen\", vorwärts. Aber diesmal brauche ich nur eine gute halbe Stunde für die Fahrt. Es hört langsam auf zu regnen, endlich, endlich.
Mein Chef begrüßt mich heute so strahlend wie schon lange nicht - alle anderen, die sich durchgekämpft haben, genauso. Heute darf ich ungeniert im Internet surfen und nach aktuellen Fotos aus Dresden, Freital und Pirna suchen. Von dort überall kommen unsere Kollegen. Der Chef selbst guckt auch mit. Was wir sehen, übertrifft unsere schlimmsten Vorstellungen.

Da ist eine Straße voll Wasser und von den Autos sieht man nur noch die Dächer.
Das muß ja bald 1,5 m hoch sein! Kann man die Autos noch gebrauchen? Trocknet das? Bezahlt das die Versicherung?

Ein Mann watet mit hochgekrempelten Hosenbeinen über knietief durch braunes Wasser. Vor ihm ragt ein Vorfahrtsschild aus dem Wasser. Wie deplaciert das jetzt wirkt! Keine Straße - keine Vorfahrt.

Da steht ein Haus mitten im Wasser. Es steht schon ganz zur Seite gekippt und wird sicher gleich umfallen. Ein ganzes Haus, mit 2 Stockwerken!
Die Bewohner sind evakuiert, es ist niemand dort zu sehen. Was ist, wenn sie erfahren, daß ihr Haus verschwunden ist? Der Inhalt weggeschwommen? Sie stehen vor dem Nichts. Auf der einen Seite steht der materielle Verlust, der natürlich immens ist, auf der anderen Seite der ideelle. Was hat man nicht alles in einem Haus! Was hebt man nicht alles auf. Erinnerungsstücke, Fotos, Kleinigkeiten, wichtige Papiere, man könnte endlos listen. Und mit einem Schlag ist alles weg. ALLES. Was würde ich in dem Moment empfinden? Mir fehlt die Vorstellungskraft. Einer sagt \"Da kann man gleich hinterherspringen.\"

Der Hauptbahnhof steht komplett im Wasser.
Man könnte Boot fahren in der Halle. Der Zugverkehr ist eingestellt. Die Schalter sind natürlich geschlossen, wer ginge da schon rein. Aber die ganze Elektronik an den Schaltern! Wann wird das wieder funktionieren? Bekommen wir die Reparaturkosten auf die Fahrpreise aufgeschlagen? Wie wird der Bahnhof aussehen, wenn das Wasser weg ist, er war doch gerade so schön renoviert worden!

Ein Krankenhaus ist vom Wasser eingeschlossen. Man evakuiert die Patienten schon per Hubschrauber.
Wir haben gehört, zuerst werden die Patienten der Intensivstation ausgeflogen. Die Schwerstkranken, die z. B. an Beatmungsgeräten hängen, die sowieso schon ums Überleben kämpfen. Es ist fast unvorstellbar. Dann eine Frühgeborenenstation, die brauchen auch jede Menge Gerätschaft und so viel Vorsicht.

Fotos, Fotos, Fotos. Man kann sie gar nicht alle beschreiben und inzwischen sendet das Fernsehen ja ständig neue Bilder, jeder kann sich die Katastrophe vorstellen.

Natürlich gibt es überall und viel zu oft auf der Welt Naturkatastrophen. Erdbeben, Waldbrände, Hochwasser. Aber meistens sind sie ja so weit weg, man sieht die Bilder im Fernsehen und denkt, \"oh wie schrecklich\" und vergißt sie bald wieder. Es betrifft uns ja nicht und was soll man schon machen. Aber jetzt passiert es hier, gleich nebenan, in unserer gemäßigten Klimazone! Wie kann das sein? Steht uns das jetzt öfter bevor? Zuerst war das Hochwasser fast noch eine Sensation für uns, wir staunten. Aber jetzt sind wir langsam entsetzt, es ist so nah und es überschwemmt immer mehr Straßen und Plätze, die wir kennen, und es will nicht aufhören zu steigen. Die Stadt sieht wirklich furchtbar aus. Immer mehr Leute sind betroffen, die anderen beobachten ängstlich, wohin das Wasser fließt.

Beim Mittagessen in der Kantine kommt ein Kollege angestürzt und erzählt, er hätte gerade einen Anruf von einem Freund bekommen und erfahren, der Damm der nahen Talsperre Malter wäre durchgebrochen. Wir werden blaß. Das Wasser einer ganzen Talsperre sollte sich jetzt auch noch in die sowieso schon völlig überfluteten Orte ergießen? Bleibt denn da überhaupt noch etwas stehen? Wir diskutieren. Ist die Meldung glaubwürdig? Müßte das Wasser nicht schon da sein, wenn der Damm gebrochen wäre? Keiner ist sich sicher. Keiner hat je einen Dammbruch miterlebt.
Wir hören weiter Radio und schauen ins Internet.
Entwarnung! Die Meldung war nur eine Ente. Ich frage mich, wer hat die Nerven, in so einer Lage noch Falschmeldungen zu verbreiten??

Inzwischen ist das Wetter richtig schön geworden und die Sonne scheint. Wüßte man es nicht genau, keiner würde glauben, daß unten im Tal die Hölle los ist. Der Chef ist stolz auf seine Entscheidung, die Firma so weit oben angesiedelt zu haben. Aber was ist mit unseren Kooperationspartnern, den vielen kleinen Firmen, die nicht in so einer glücklichen Lage sind? Zu vielen gibt es keine Telefonverbindung mehr.

Am Abend haben wir wieder Fernsehempfang und sehen Hochwasser-Reportagen auf vielen Kanälen. Es ist dramatisch. Manche Leute weinen, manche starren apathisch vor sich hin, andere nehmen achselzuckend, aber mit ungläubigem Gesichtsausdruck zur Kenntnis, was da passiert. Sandsäcke werden gefüllt und an gefährdeten Stellen aufgeschichtet, aber wie hoch müssen die Wälle sein? Keiner weiß es genau. Auf jeden Fall haben sich sehr viele freiwillige Helfer gemeldet und es geht zügig voran. Das muß es auch, denn das Wasser steigt immer noch unaufhörlich, langsam, aber stetig.


Donnerstag.
Wir haben uns schon ein bißchen an die Situation gewöhnt. Die Weißeritz fließt wieder ausschließlich in ihrem Bett, aber man sieht, welche Schäden sie hinterlassen hat. Eine Brücke ist so gut wie weg, bei einer anderen kann man nicht einschätzen, ob sie repariert werden kann. Sie voller Dreck. An den Böschungen ist das Gras aberissen, Wurzeln ragen heraus, an denen Gerümpel hängt: Schuhe, jede Menge Plastefetzen, kleine kaputte Gegenstände. Im Matsch neben dem Fluß kriechen ganze Armeen von Nacktschnecken.

Alltägliche Sorgen sind jetzt keine mehr, wir freuen uns, wenn wir Strom und Wasser haben. Wir füllen Trinkwasser ab, falls es knapp werden sollte. Wir kaufen Lebensmittel ein, aber viele Leute werden sofort zu Hamsterern und die Geschäfte sind bald leer. Die Lastwagen mit neuen Lieferungen kommen nur schwer durch und schon verfallen die ersten in Panik, daß es bald nichts mehr zu essen gibt. Ich sehe zwar noch nicht so schwarz, schicke aber nun auch per Telefonanruf meinen Mann und Sohn (beides Schüler, und Schule fällt aus) los, um noch ein bißchen Brotvorrat anzulegen. Der Vorrat fällt bescheiden aus, sie ergattern schon das letzte Brot für heute.
Aus dem Miniradio eines Kollegen erfahren wir, daß sich auf dem tschechischen Teil der Elbe Lastkähne losgerissen haben und nun herrenlos dahintreiben. Auch das noch! Die würden die Brücken beschädigen oder sogar einstürzen lassen, wenn sie kollidieren. Dresden hat sowieso schon zuwenig Brücken, jeder Ausfall würde Chaos im Straßenverkehr hervorrufen. Von den Kosten eines Neubaus gar nicht zu reden! Später erfahren wir, die Kähne werden gesprengt und versenkt. So schaden sie keiner Brücke mehr, aber was ist mit dem Treibstoff? Der fließt nun sicher mit dem Wasser weiter.

Heute müssen schon ein paar Kollegen von uns evakuiert werden. Sie ziehen zu Eltern, Freunden, Bekannten. Noch sind ihre Wohnungen oder Häuser trocken, aber das Wasser ist nicht mehr weit entfernt. Die Stimmung wird immer gedrückter. Man ist selbst betroffen. (nicht ich selbst, sonst hätte ich keinen Nerv, das aufzuschreiben). Keller werden ausgeräumt, solange es noch möglich ist. Viele Kollegen fahren schnell mal nach Hause, um sich zu vergewissern, daß das Wasser ihre Häuser noch nicht erreicht hat. Die Meldungen sind zu widersprüchlich, man weiß nicht mehr, was man glauben soll.

Mein Vater fragt, ob er bei uns übernachten kann. Ich bin überrascht, denn meine Eltern wohnen gar nicht in Wassernähe. Aber durch die Verkehrslage, das Chaos, ist er von zu Hause bis in seinen Blumenladen so lange unterwegs, daß er kaum noch zum Schlafen kommt. Natürlich kann er hier schlafen, wir klappen ihm die Couch aus. Vorher sehen wir alle zusammen wieder die neusten Reportagen. Heute haben noch mehr Orte Hochwasser, Grimma z. B. ist fast völlig verschwunden, Meißen sieht schlimm aus, und in Dresden stehen immer mehr Straßen unter Wasser. Der Herr Bundeskanzler persönlich kommt nach Sachsen und sieht sich die Schäden aus der Nähe an. Spontan verspricht er Hilfe von 100 Mio Euro, doch was ist das bei dem schon jetzt erkennbaren Ausmaß der Schäden? Es ist ein Spendenkonto eingerichtet worden, die Medien bitten alle Bürger um Spenden, egal in welcher Höhe. Auch für einen Euro ist man schon dankbar, sagt der Radiosprecher.

Es gibt nirgends ein anderes Gesprächsthema als das Wasser. Fast stündlich werden wieder höhere Wasserstände gemeldet. Es kommt näher. Es breitet sich aus. Und man ist so hilflos.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-24 18:14:14 mit dem Titel Hochwasser bei uns (Schluß)

Freitag
Die Lage verschlechtert sich immer noch.
Das Wasser steigt weiterhin.
Ganze Stadtteile werden evakuiert.
Alle Brücken werden für den Individualverkehr gesperrt, nur Versorgungs- und Hilfsfahrzeuge dürfen sie noch benutzen.
Am Gymnasium gegenüber verkündet ein großes handgeschriebenes Pappschild, daß hier die Kompanie von Leutnant Nitzsche einquartiert ist, eine von vielen, die uns zu Hilfe gekommen ist.
Überall hört man die Martinshörner der Hilfsfahrzeuge von Feuerwehr, Polizei, Rotem Kreuz, dem Technischen Hilfswerk und vielleicht auch noch anderen, die ich gar nicht alle kenne. Es wird fieberhaft gearbeitet.
Gegen Abend wird der Scheitelpunkt der Flut erwartet - hoffentlich stimmt es! Das Wasser ist schon über 9 m hoch, ich höre schon gar nicht mehr richtig auf die neuen Zahlen.

Am Abend kommt wieder mein Vater zum Übernachten. Zusammen gehen wir zu Fuß Richtung Stadt. Wir wollen nicht \"gaffen\" und stören, aber wir wollen einmal mit eigenen Augen gesehen haben, was für eine Wahnsinnskraft Wasser haben kann. Man hat es im Fernsehen gesehen, aber selbst davor zu stehen, ist doch etwas anderes.
Straßenbahnen fahren kaum bzw. nur in ganz kleinen Abschnitten. Wir laufen kilometerweit.
An der Weißeritz, die immer noch reißend schnell fließt, liegen immer wieder Bäume ohne Kronen, nur Stämme und ein paar Wurzeln. Alle Brücken sind stark beschädigt und gesperrt. An der Brücke, die ich auf dem Weg zur Arbeit überquere, ist die ganze Rechtsabbiegerspur weggebrochen. Geländer sind umgeknickt oder fehlen ganz. Tote Fische liegen neben dem \"Flüßchen\" - das Becken einer Forellenfarm ist übergelaufen, die Fische wurden herausgespült und sind gestorben, sei\'s an dem vielen Schmutz im Wasser oder seinem rasenden Tempo. Ich weiß es nicht. Eine Straße scheint total unterspült gewesen zu sein, denn die Straßenbahngleise hängen an einer Stelle schräg nach unten, daneben klafft ein ca. metertiefes Loch. Man sieht Kabel und andere Leitungen.

Langsam bekommen wir eine Vorstellung vom Ausmaß der Schäden. Wir ahnen, daß die Überschwemmung selbst nur der erste Teil der Katastrophe war. Wann werden die Straßen wieder befahrbar sein, wann die Brücken, wann fahren wieder Straßenbahnen und Busse ihre gewohnten Linien? Es gibt ein Spendenkonto und es wird auch wirklich viel gespendet. Ich werde mich natürlich auch beteiligen. Doch das Geld ist nur die eine Seite der Medaille. Bis hier wieder Normalität einkehrt, werden Monate vergehen und Jahre, bis alles wieder hergestellt ist.

Wir werden uns auf eine lange unbequeme Zeit einstellen müssen.

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