Über Themen mit H Testbericht

ab 125,80
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von LoMei

Seefahrt 17: Hierarchien an Bord

Pro:

Tiefer Einblick in Kultur und Gesellschaft

Kontra:

Starke persönliche Betroffenheit.

Empfehlung:

Nein

Als die erste Reise zuende ging, zog ich eine kleine Bilanz. Mir hatte vieles Spaß gemacht, aber manchmal hatte mir manches gestunken. Die Eingewöhnung an das Leben auf einem Schiff war anfänglich schon eine besondere Herausforderung. Da gab es richtige Hierarchien. Man konnte sie mehrfach unterteilen, in mittschiffs und achtern und oben und unten und auch noch in Deck und Maschine. Am deutlichsten wurden die Zusammenhänge, wenn man sich ansah, wer mit wem gemeinsam zu Tische saß.

INHALT

1. Mittschiffs
2. Achtern
3. Zwischen Mittschiffs und Achtern
4. Fazit


1. MITTSCHIFFS

Mittschiffs, ganz oben befand sich der Salon, das war fast so etwas wie der Olymp. Dort aßen die drei von der Schiffsleitung. Das war der Kapitän (der Alte), der 1. Offizier (chief mate) und der Leitende Ingenieur (chief eingineer oder kurz Chief). Für sie gab es einen eigenen Salon-Steward, der noch einen Jungen an seiner Seite hatte (Salon-Moses). Wenn Passagiere an Bord waren, hatten die beiden ganz schön zu tun.

Mittschiffs, ein Stockwerk tiefer war die Offiziersmesse. Dort aßen der 2. und 3. Ingenieur, der 2. und 3. Offizier, der Funker, der Elektriker und an einem Extratisch die Ingenieur-Assistenten. Für diesen Personenkreis war der Messe-Steward zuständig. Er servierte das Essen, hielt die Kammern sauber und baute auch täglich die Kojen (das heißt: er machte die Betten).


2. ACHTERN (HINTEN)

Achtern gab es die Matrosenmesse. Dort aßen die Matrosen, Leichtmatrosen Jungmannen und Jungen. Sie wur-den vom Decksjungen (Decks-Moses) betreut.

Dann gab es die Heizermesse. Dort aßen die Maschinenreiniger. Heizer gab es nur auf Dampfschiffen, aber der Name „Heizermesse“ war aus der Dampfzeit in die Motorenzeit herübergerettet. Dieser Teil des Maschinenpersonals wird vom Maschinenjungen (Maschinenmoses) betreut.

Achtern gab es noch eine weitere Gruppe, gewissermaßen die Unteroffiziere, nämlich den Bootsmann, den Zimmermann und den Schmierer bzw. Storekeeper. Diese drei aßen auch für sich allein und wurden ebenfalls von einem der Jungen betreut.


3. ZWISCHEN MITTSCHIFFS UND ACHTERN

Wir Assistenten (Assis) gehörten irgendwie und irgendwo dazwischen. Besonders von den älteren Wachingenieuren wurde uns gesagt: Haltet zu den Leuten an Deck etwas Distanz. Aber die gleiche Distanz hielten sie auch zu uns. Sie sagten sinngemäß: „Als Assis seid ihr Ingenieurassistenten aber gleichzeitig seid ihr Ingenieuraspiranten, Seht zu, wie ihr mit eurer Rolle zurecht kommt.“ Nach oben hin hielt ich mich an die Regel, aber nach achtern nicht unbedingt. Es kam immer darauf an, wer die Menschen waren und wie sie sich gaben.


4. FAZIT

Obwohl ich manchmal daran gedacht hatte, die Seefahrt an den Nagel zu hängen, bin ich zehn Jahre dabeigeblieben. Es waren an Bord besondere Bedingungen, denn es wirkten alte festeingefahrene Traditionen in den Alltag hinein. An Land gibt es eine Trennung von Privatleben und Arbeitswelt. Das war auf einem Schiff nicht möglich. Man konnte sich nicht aus dem Wege gehen. Dieses enge Miteinander konnte zu wirklich guten Freundschaften führen. Es konnte aber auch die Hölle sein.
Durch eine neue Generation wurden die Traditionen langsam aufgeweicht. Das brauchte einfach Zeit.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-04-30 22:16:25 mit dem Titel Ghana 3: Die Hexen von Gambaga

Wir hatten auf unserer Reise durch Ghana erfahren, dass die Rolle der Frauen im Süden des Landes ganz anders ist als in den nördlichen Regionen. Wir hatten auch gehört, dass es in Gambaga ein „Hexendorf“ gäbe und gehofft, dass es möglich sein würde, dort einen Besuch zu machen. Der Besuch wurde zu einem Erlebnis besonderer Art und glich einem Abenteuer.
Dieser Bericht ist unter „Afrika, Tipps und Tricks“ gepostet. Tricks werden nicht verraten, aber der Tipp heißt: Afrika ist anders, und vieles erschließt sich dort nur über die Menschen und immer erst auf den zweiten Blick. Was wir erlebten, gilt ganz sicher nicht nur für Ghana.


ZUM INHALT

1. Die Fahrt nach Gambaga
2. Woran erkennt man, wer eine Hexe ist.
3. Das Leben im Hexen-Camp
4. Häuptlingsempfang in Gambaga
5. Besuch bei den Hexen
6. Welche Zukunft hat das Hexen-Camp
7. Hilfe für die verstoßenen Frauen
8. Zurück in Garu
9. Fazit


1. DIE FAHRT NACH GAMBAGA

Von Garu (südlich von Bawku) fuhren wir an einem Nachmittag in Richtung Süden zu den ausgestoßenen Frauen, den Hexen von Gambaga. Der Weg war staubig und an einigen Stellen in der letzten Regenzeit fortgespült. Manche Brücken waren von den Fluten zerstört. Wir passierten immer wieder Militärposten. Die Grenzen nach Burkina Faso und Togo sind hier nicht weit. Der Weg näherte sich einem steil ansteigenden Hochplateau. Manche Felsbrocken erinnern dort an den Pfälzer Wald. Die Gehöfte stehen bei den Mamprusi enger zusammen als bei den Frafra im Gebiet von Bolgatanga. Die Dörfer sind eine große Einheit.
Wir hielten beim Pastor der Presbyterianischen Gemeinde und wurden mit einer offiziellen Akwaaba-Zeremonie willkommen geheißen. Das Glas kalten Wassers war köstlich. Der zuständige Pastor Rev. Osei erzählte uns etwas über die verstoßenen Frauen (outcarst women) von Gambaga.


2. WORAN ERKENNT „MANN“, WER EINE HEXE IST.

In Afrika und besonders in der Northern Region und in den Upper Regions von Ghana herrscht der Glaube, dass immer dann, wenn jemand in Schwierigkeiten gerät oder ihm ein Unglück wiederfährt, eine Hexe dahinter steckt, die es mit einem Zauber verursacht hat.
Uns wurden einige Beispiele erzählt: Die Einwohner eines Dorfes in der Northern Region konnten nicht verstehen, warum der junge und erfolgreiche Yam-Farmer, der gerade von seinem Feld zurückkehrte, starb, ohne vorher krank gewesen zu sein.
Eine Familie aus Nareligu bezichtigte eine alte missgebildete Frau, am Tode ihres Sohnes schuld zu sein, der in einen LKW-Unfall verwickelt war.
An einem dritten Beispiel erklärte uns Rev. Osei, wie es in der Regel abläuft. Da sitzen einige junge Männer fröhlich bei einer Flasche Pitu (Hirsebier) unter einem Baobab-Baum. Sie trauen ihren Ohren nicht, als sie erfahren, dass ein Blitz einen ihrer Freunde in einem nahen Dorf getötet hat. „Die Hexen stecken dahinter. Lasst sie uns zum Fetischpriester bringen, damit sie gestehen“ ruft einer von ihnen. Und augenblicklich wird eine verdächtige alte Frau gepackt, und unter Schlägen zum Haus des örtlichen Fetischpriesters gezerrt. Am Fetisch-Schrein werden der Beschuldigten Fragen gestellt wie: „Du bist eine Hexe!“, „Du hast den jungen Mann getötet.“ Wenn sie auf all die Beschuldigungen und Anklagen keine zustimmenden Antworten gibt, stürzen sich die Angehörigen auf sie, bis sie gesteht. Aber bevor die Frau ein Wort sagen kann, erhält sie an die zwanzig Schläge ins Gesicht. Man droht, sie zu lynchen. Zitternd vor Angst gibt die „Hexe“ schließlich alle Beschuldigungen zu.
Unmittelbar darauf werden ihre Angehörigen aufgefordert, einen Betrag von ungefähr 5000 bis 8000 Cedis an den Fetischpriester zu zahlen und ihm darüber hinaus einige Kleidungstücke, etliche Schafe und Cola zu übergeben, weil er sie entlarvt bzw. „erkannt“ hat.
Wenn auch der örtliche Chief kein Veto einlegt, folgt die Reise zum Palast des Häuptlings von Gambaga, der im Besitz übernatürlicher Kräfte ist und Zauberkraft (witchcraft) austreiben kann. Am Palast bietet der Häuptling der „Hexe“ ein Gebräu an, das sie von ihrer Zauberkraft befreit. Anschließend unterwirft der Fetischpriester die Hexe einer Serie von schmerzhaften bizarren Ritualen, um sicherzustellen, dass alle Kräfte neutralisiert sind und schickt die Wehrlose dann zu einem Camp, das einige Meter vom Häuptlingspalast entfernt liegt. Dort kann sie ein neues Leben beginnen.
Auch Seher und Wahrsager können Personen der Hexerei anklagen und dafür sorgen, dass sie aus ihrem Zuhause vertrieben werden. Das hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt, und es wurden bisher (1986) keine ernsthaften Maßnahmen ergriffen, das abzustellen.


3. DAS LEBEN IM HEXEN-CAMP

Eines der größten Probleme, das sich den ausgestoßenen Frauen nun stellt, ist die Unterbringung. Ihre Hütten im Camp können eher als Verschläge bezeichnet werden, und nicht als Häuser für menschliche Bewohner. Hier schlafen und kochen sie in den baufälligen kleinen Räumen, die keine Fenster und keine Belüftung haben. Da die meisten von ihnen überhaupt keinen Lebensunterhalt haben, werden die ausgestoßenen Frauen von dem Häuptling und der örtlichen Bevölkerung als Lasttiere benutzt.
Die Frauen versorgen sich selbst und müssen noch auf den Feldern des Chief für ihn arbeiten.
Der Häuptling von Gambaga Yidana Tia wurde 1985 von Journalisten gebeten, etwas über die Lebensverhältnisse der Hexen zu sagen. Er gab zu, dass ihm das Leiden der ausgestoßenen Frauen nicht unbekannt sei. Er sagte: „Als traditioneller Chief betrachte ich sie als meine Kinder, und ich habe ihnen geholfen, sich ihren Lebensunterhalt auf meiner Farm zu verdienen.“
In Gambaga ist es vorgekommen, dass den Ausgestoßenen das Wasserholen an den öffentlichen Zapfstellen verwehrt wurde. Am Pfarrhaus ist jedoch eine Pumpe, wo sie unbehelligt Wasser holen können. Wenn sie den Gottesdienst besuchen, sitzen sie ohne Diskriminierung zwischen den anderen Gemeindegliedern.
Unser Gespräch bei Rev. Osei wurde durch das Erscheinen des katholischen „Father James“ und von Rev. A.A. Sulaimana, dem Pastor der Assemblies of God unterbrochen. Beide fügten weitere Informationen bei. Rev. Sulaimana wollte uns zum Hexendorf begleiten und dort unser Dolmetscher sein.


4. HÄUPTLINGSEMPFANG IN GAMBAGA

Wir fuhren also zum Palast (Anwesen) des Paramount Chief. Das war von außen betrachtet ein großer Komplex von Lehmbauten. Vor dem Eingang saß ein großer Mann auf einer schweren Yamaha. Ein weiterer Mann kam dazu. Rev. Osei sprach mit ihnen und erklärte, dass wir gerne die ausgestoßenen Frauen besuchen möchten. Der Chief wurde unterrichtet. Nach einer Weile trug man eine Bank heraus und stellte sie unter einen Baum. Wir setzen uns und warteten. Nach einiger Zeit kam ein Jungendlicher mit einem Kissen unter dem Arm. Ihm folgte ein alter schon etwas gebeugter Herr. Das war also Yidana Tia, der Paramount Chief (Gebietskönig) von Gambaga. Er war nicht besonders fein angezogen und konnte von uns schwerlich für den Häuptling gehalten werden.
Er wies an, wie er sitzen wollte. Wir standen alle auf und setzten uns so, dass wir in seine Richtung blicken konnten. Die Begrüßung lief traditionsgemäß über seinen Sprecher (linguist). Wir wurden durch Rev. Sulaimana vorgestellt. Ich sagte einen Gruß und erklärte unsere Wünsche. Der Chief signalisierte Verständnis und ließ dann fragen, ob Bärbel und Annette meine Frauen seien, und ob er wohl eine davon heiraten könne. Ich könnte dafür zwei seiner Frauen bekommen. Die Frage war mit einem Augenzwinkern gestellt. Ich antwortete, das sei nicht möglich. Da müsste vorher der Großvater gefragt werden, und der sei in Deutschland. Mit leichter Heiterkeit wurde das Thema abgeschlossen.
Ich konnte mich insgesamt des Eindrucks nicht erwehren, dass Yidana Tia sich als Herr über die „Hexen“ ein bisschen wichtig vorkam.


5. BESUCH IM HEXEN-CAMP

Der Chief gab uns den Weg zu den Ausgestoßenen frei. Wir erhoben uns und gingen an mehreren Hütten vorbei zum Camp der Frauen. Ein langes Gefolge von „Offiziellen“ und Schaulustigen schloss sich uns an.
Die Frauen waren informiert und hatten sich alle „gut“ angezogen. Sie saßen in einem großen Halbkreis. Das Oberhaupt, eine alte blinde Frau saß in der Mitte. Sie hieß Asana Kpandara. Sie wurde zuerst begrüßt. Nachdem wir uns ihr gegenüber auf kleine Hocker gesetzt hatten, wurden wir vorgestellt und der Grund unseres Besuches erklärt.
Asana Kpandara war vor zwanzig Jahren in das Camp gebracht worden, nachdem sie von ihren Nachbarn in Lawraregu beschuldigt worden war, eine Hexe zu sein. Auf die Frage, ob sie eine Hexe sei, antwortete sie: „Diejenigen, die mich hierher gebracht haben, können die Antwort geben. Ich bin froh, dass ich am Leben bin und meine bittere Geschichte erzählen kann. Seht, wo ich hier bin. Ich habe in meinem Dorf ein ordentliches Haus mit meinen Kindern. Aber weil ich zu einer Hexe gemacht worden bin, lebe ich von Familie und Kindern getrennt. Gott wird diese Angelegenheit eines Tages richten.“ Magazia Tia, eine der ältesten Frauen sagte, sie sei nach ihrer Abstempelung zur Hexe auch vor ungefähr zwei Jahrzehnten nach Gambaga gebracht worden. Sie dankte den Kirchen und dem Sozialamt für alle Hilfe. Nabia Nakpangori, eine Aussätzige, erzählte, sie sei in das Camp gebracht worden, nachdem ihre Angehörigen sie der Hexerei bezichtigt hatten. „Wenn ich von mir rede, weiß ich, dass ich keine Hexe bin. Aber meine Verwandten sagen, ich bin eine Hexe. Was soll ich machen? Gott weiß, wer eine Hexe ist und wer nicht.“ Nabia wurde getauft und trägt den christlichen Namen Naomi. Imma Sanatu von Savelugu erklärte, dass sie inzwischen vier Jahre in dem Camp verbracht hätte, und dass sie froh sei, nun zu einer christlichen Gemeinschaft zu gehören. Manko Fabri, eine junge blinde Frau mit deformierten Füßen berichtete, sie sei vor etwa acht Jahren in das Camp geschickt worden, weil man sie angeklagt habe, am Tode eines Verwandten schuldig zu sein. Sie sei fürchterlich geschlagen und aus dem Dorf gejagt worden. Bugri Buni sagte, obwohl sie nicht der Hexerei angeklagt worden sei, war sie von der unmenschlichen Behandlung der Frauen sehr stark berührt. Sie erklärte: „Ich habe deshalb beschlossen, hier mit ihnen zu leben und ihnen zu helfen.“
Ich sagte ein Grußwort und versuchte dabei ziemlich hilflos auf die Situation der Frauen einzugehen und wünschte ihnen für die Zukunft alles Gute. Der Pfarrer bat mich, zum Abschluss ein Gebet zu sprechen. Die Vertrauten des Chief waren anwesend und beobachteten die Szene. Wir fragten, ob wir ein Gruppenbild machen dürften. Danach verabschieden wir uns.
Zur Zeit unseres Besuches im Hexen-Camp am 2. März 1986 befanden sich dort 118 ausgestoßene Frauen, die alle aus ihren jeweiligen Heimatdörfern vertrieben waren. Die meisten der Frauen sahen unterernährt und kränklich aus. Ihre Kleidung war abgetragen, und sie trugen keine Sandalen. Einige waren verkrüppelt, stumm, blind oder taub. Einige waren Aussätzige.
Keine der Frauen kam aus Gambaga selbst. Sie kamen aus dem Gebiet der Mamprusi, der Dagomba und zum Teil auch aus dem nahen Togo.


6. WELCHE ZUKUNFT HAT DAS HEXEN-CAMP

Nach mündlicher Überlieferung wurde das Hexen-Camp zwischen 1876 und 1915 während der Regierung von Na-Sheringa, dem damaligen Paramount Chief des traditionellen Siedlungsgebietes der Mamprusi, gegründet. Wenn in jener Zeit jemand krank wurde und vermutete, eine Hexe habe ihm das angetan, brauchte er nur ihren Namen zu nennen.
Der Zustrom an Neuankömmlingen im Hexen-Camp ist sehr unregelmäßig. Er kommt nur aus traditionellen Dörfern. Der christliche Glaube wird als Kraft angesehen, die stärker ist als die dämonischen Kräfte und die deshalb die black witchcraft überwindet. Christus ist stärker als jede Magie. Das ist der Grund, weshalb es in christlichen Dörfern keine Hexen gibt. Auch bei moslemischen Familien kennt man keine Hexenverfolgung. Allerdings muss man wissen, dass der Anteil der christlichen bzw. islamischen Familien in den Dörfern des Nordens sehr gering ist.
Wir hörten, die Verhältnisse im Hexendorf hätten sich durch die Arbeit der Kirchen verändert, weil die Öffentlichkeit immer stärker sensibilisiert worden ist. Besuche im Dorf sind von den Frauen sehr erwünscht. Das stärkt ihr angeschlagenes Selbstgefühl, und es beeinflusst auch das Verhalten des Paramount Chief. Es wurde vermutet, dass der Nachfolger des derzeitigen Chief eines Tages andere Wege einschlägt.
Der Besuch im Hexendorf hat uns alle doch sehr beeindruckt und betroffen gemacht.


7. HILFE FÜR DIE VERSTOSSENEN FRAUEN

Bei Rev. Osei gab es ein ghanaisches Abendbrot. Wir verarbeiteten gemeinsam die Erlebnisse des Tages und redeten mit ihm bis in den späten Abend.
Wir erfuhren, eine Übernahme des Dorfes durch die Kirche sei bei den derzeitigen Verhältnissen nicht möglich.
Die Presbyterianische Kirche begann ihre Arbeit 1981. Die römisch katholische Kirche und die Kirche der Assemblies of God stiegen mit ein. Auch das Sozialamt des Distriktes (Department of Cocial Welfare) wurde aktiv. Die Mitgliedskirchen des Christenrates von Ghana (Christian Councel of Churches) arbeiten hier eng zusammen.
Die Kirchen haben ein Projekt gestartet, um die Lebensverhältnisse, wie Unterbringung, Ernährung, Bekleidung, Wasserversorgung, Ausgabe von Medikamenten usw. zu verbessern. Das vorrangige Ziel heißt: Verbesserung der gegenwärtigen Bedürfnisse der Ausgestoßenen, damit ihr Lebensstandard auf ein menschlich vertretbares Niveau gebracht wird.
Die Kirchen und das Sozialamt sind übereingekommen, sie mit Lebensmitteln und gebrauchter Kleidung zu unterstützen.
Die ausgestoßenen Frauen haben, was für Afrikaner eigentlich undenkbar ist, keine Familie hinter sich. Das können wir Europäer uns nicht gut vorstellen, weil wir bei uns andere Strukturen haben. Familie heißt ständiges Miteinander und Füreinander. Da sind die Ahnen nicht ausgeschlossen. Sie gehören in Afrika zum Alltag.
Die Kirchen tragen die Kosten für eine anstehende Beerdigung und für die Begräbnisfeier. Auch das ist in Afrika vor dem eben erwähnten Hintergrund wichtiger als bei uns.
Es wurde ein Zweistufenplan entworfen. Auf der einen Seite geht es darum, die Frauen in ihrer täglichen Leidenssituation abzusichern und auf der anderen, ein Informations- und Bildungsprogramm aufzulegen, um die Öffentlichkeit aufzuklären.
Von Seiten der von Europa unabhängigen ghanaischen Kirchen wird angemahnt, dass in der Region eine wirklich greifende soziale Veränderung erforderlich ist. Diese Veränderung müsse durch Bildungsarbeit und Evangelisierung herbeigeführt werden. Es wurde gefordert: „Die Regierung muss verordnen, dass in diesem Gebiet kein Wahrsager und Medizinmann das Recht hat, irgend jemanden der Hexerei zu bezichtigen.“ Wenn das konsequent durchgesetzt wird, werden die Misshandlungen ausgestoßener Frauen ein Ende haben.


8. ZURÜCK IN GARU

Im Dunkeln verabschiedeten wir uns und fuhren den nächtlichen Weg zurück.
Im Quartier angekommen, ging es erst einmal unter die Dusche. Anschließend wusch ich meine Wäsche, bis um 22:00 Uhr das Licht ausging. Bei Taschenlampenlicht zog ich eine Wäscheleine und hängte die Sachen auf.
Es hatte sich draußen etwas abgekühlt. Man musste nachts den Schlafanzug anziehen und sich sogar noch zudecken. Ich schlief in dieser Nacht spät ein.
Bärbel und Annette ging es ähnlich. Sie erlebten im Traum, dass sie an einem finsteren Ort eingesperrt waren und nirgends einen Ausweg fanden. In der Nacht wachten sie voller Angst auf und schrieben ihre Traumerlebnisse ins Tagebuch.


9. FAZIT

Keine der verstoßenen Frauen und keiner der kirchlichen Gesprächspartner hatte uns gesagt, es gäbe keine Hexen. Sie haben lediglich die Art und Weise der „Erkennung“ beklagt. Afrika ist eben anders. Wir mussten öfter daran denken, dass auch in Europa Frauen als Hexen verfolgt und verbrannt worden waren. Ich denke, Hexenverfolgung hat nichts mit Christentum oder den traditionellen Stammes-Religionen zu tun, sondern eher mit Missgunst, Angst und Machtstrukturen. Die Macht liegt in den Händen von Menschen. Verantwortungsvoller Umgang damit ist nicht immer gewährleistet.
Das unten angegebene Buch von Kofi Edusei ist für den wirklich Interessierten von großem Wert. Ich habe es vor meinen Reisen gelesen und das Gelesene in Ghana in Abhängigkeit von unterschiedlichen Stammestraditionen bestätigt bekommen.
Wer Ghana und andere afrikanische Länder besucht und mit den Leuten ehrlichen Kontakt sucht, wird viel über die Hintergründe des Lebens erfahren können.
Hilfreich beim Schreiben dieses Berichtes waren Hintergrundinformationen aus einem Artikel des Christian Messenger, Accra, Ausgabe Mai/Juli 1985.
Literatur:
Kofi Edusei: Für uns ist Religion die Erde, auf der wir leben.
ISBN 3 87838 444 0

20 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Andreas68

    11.06.2002, 15:36 Uhr von Andreas68
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich denke, dass Hexenverfolgung schon etwas mit patriarchalischen Strukturen zu tun hat - sonst wären Hexen nämlich geachtet. Faszinierend ist die Skizze einer ganz anderen Welt, die sich einem Pauschaltouristen nicht erschließen würde

  • Duffy_2000

    11.05.2002, 03:44 Uhr von Duffy_2000
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das warn wieder mal drei SUper Reiseberichte, bin ja zwischenzeitlich nix anderes von dir gewohnt. Einfach klasse !!!