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Erfahrungsbericht von Kikakeks

Hakuna Matata - Kein Problem (?)

Pro:

viel junge interessante Menschen, Kennenlernen von anderen Kulturen, Sprachen...

Kontra:

Verständnislosigkeit und Desinteresse der Einheimischen

Empfehlung:

Nein

Sommerlager/Workcamp Sachsenhausen 1999


„Willkommen in Brandenburg“ begrüßte mich ein Schild an der Landstraße. Ich freute mich, denn ich kam meinem Ziel -Oranienburg- immer näher. Auch in diesem Jahr wollte ich wieder an einem Workcamp von ASF teilnehmen. Und während ich so dahinfuhr änderte sich meine gute Laune schlagartig. Waren doch die herrlichen Alleebäume, durch die lustig die Sonne blinzelte, bestückt mit Wahlplakaten rechtsextremer Parteien. Eine Landkarte brauchte ich nun nicht mehr, denn die besagten Plakate führten mich genau nach Oranienburg ins Workcamp.
Auch vor dem Eingang unserer Unterkunft hängten große Papptafeln, die in jeder Nacht dem Konkurrenzkampf verschiedener Prteien standzuhalten versuchten. Nicht nur ich war enttäuscht über diese „nette Begrüßung“, sondern auch die anderen Workcamp-Teilnehmer . Und so gab es gleich ein Thema, über das wir uns, während wir warteten bis alle eingetroffen sind, unterhielten.

Auch in diesem Jahr waren wir wieder eine „bunte“ Gruppe: 27 TeilnehmerInnen aus neun Ländern (Afghanistan, Algerien, Polen, Litauen, Lettland, Weißrußland, Türkei, Kenia und Deutschland). Einige waren bereits zum zweiten oder dritten Mal dabei.


Unsere Arbeiten, die wir voriges Jahr an der „Villa Eicke“ begonnen hatten, führten wir in diesem Jahr fort. Aus der „Villa Eicke“, die während unseres Camps den Namen „Villa Eierkuchen“ bekam, soll eine Internationale Jugendbegegnungsstätte werden. In ihr wohnte einst der SS-Führer Theodor Eicke mit seiner Familie. Und so packten alle fleißig an, damit bald Jugendliche aller Nationen in ihr wohnen und feiern können.
Unsere Arbeiten waren sehr vielseitig, so luden wir zum Beispiel Äste und Erde in einen Container, harkten Laub und reinigten die Villa gründlich.

Doch nicht nur Arbeit stand auf unserem 14-tägigen Programm. Wir führten auch Exkursionen durch: in die Mahn- und Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück und nach Berlin. Dort besuchten wir die „Topographie des Terrors“ und zeigten unseren ausländischen WorkcamperInnen einige Sehenswürdigkeiten. Viele standen zum ersten Mal vor dem Brandenburger Tor und kletterten mit großer Begeisterung in die Kuppel des Reichstages.

Außerdem hatten wir noch einen „freien Tag“, an dem sich viele auf den Weg nach Potsdam machten. Dort überraschten wir einen Freund, den wir im vergangenen Jahr beim Workcamp kennengelernt hatten, in seinem Restaurant. Er freute sich sehr und tischte uns schnell türkische Köstlichkeiten auf.

Gut gelaunt begaben wir uns am frühen Abend auf den Heimweg. Als wir mit der Straßenbahn fuhren stiegen zwei kahlköpfige Jugendliche mit Springerstiefeln und Bierdosen zu. Meine Freundinnen Basia und Beata aus Polen fragten mich: „Sind das Nazis?“
Souhorsha aus Afghanistan kam auf die Idee: „Laßt uns doch ein Lied singen, es ist so ruhig hier!“ Und Eric aus Kenia stimmte an: „Jambo, Jambo bwana? Habari gani? Mzuri sana...“ Dieses Lied, wir nannten es „Hakuna Matata“ ( „Kein Problem“), begleitete uns schon seit Beginn des Workcamps. Wir sangen es oft, wenn wir traurig waren und uns über unschöne Vorfälle (Beschimpfungen und Pöbeleien) ärgerten. Eric, dessen Landessprache Suaheli ist, hat es uns allen beigebracht. Und als wir unser Liedchen sangen, drehten sich die beiden Fahrgäste mit ihren Bierdosen zu uns um. Sie schauten ganz erstaunt: 15 gut gelaunte junge Leute singen ein Lied und sie verstehen kein Wort.
Vielleicht fühlten sie sich angegriffen, denn schon an der nächsten Haltestelle warfen sie ihre Bierdosen weg und verließen die Straßenbahn. Melek aus der Türkei meinte: „Zum Glück sind wir so viele.“
„Ja das stimmt“ fügte Souhorsha hinzu, der schon oft Opfer rechter Gewalt war.

Wir alle wurden nachdenklich. Jedem fiel wieder ein, was wir uns anhören mußten, wenn wir in Oranienburg unterwegs waren: „Dreckiges Pack!“ und „Ihr stinkt wie Käse!“ wurde uns bei einem Abendspaziergang aus vorbeifahrenden Autos zugerufen. Daraufhin bekamen viele Angst und wir begaben uns schnell in unsere Unterkunft zurück. Aber auch wenn es hell war gehörten Beschimpfungen und unfreundliche Gesten zu unseren täglichen Erfahrungen. Ein Mann, der Werbung verteilte, weigerte sich, Eric einen Zettel auszuhändigen; Souhorsha wurde in einem Fotofachgeschäft falsch beraten und kaufte Diafilme, statt gewöhnlichen Farbfilmen, die nicht wie von der Verkäuferin bestätigt 36 , sondern 24 Bilder enthielten.

Sehr interessant waren für uns die Zeitzeugengespräche. Ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers und des Speziallagers Sachsenhausen berichteten aus ihrem Leben und beantworteten sehr genau unsere Fragen. Auch die Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg, Almuth Berger, stand uns bei ihrem Besuch Rede und Antwort.
Weiterhin führten wir Spiele- und Länderabende durch.

Ein wichtiger Bestandteil waren auch die Gesprächskreise, die wir zum Thema „Die Wurzeln der Gewalt verstehen - gewaltfrei leben?“ durchführten. Vor allem die Flüchtlinge konnten viel aus eigener Erfahrung berichten und spielten Szenen nach, die sie selber erlebt haben; auf der Straße, auf dem Schulhof und sogar im Klassenzimmer.

Den Höhepunkt unseres Workcamps bildete ein Internationales Begegnungsfest. Der „Initiativkreis zur Errichtung einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen“ e.V. hatte Freunde, Interessierte und Jugendliche dazu in die Villa eingeladen. Für Musik sorgte die Band „Bernhard Mayo & HorizonM“. Doch auch wir hatten uns etwas einfallen lassen. Mit unserem Theaterstück „Verrückte Welt - Ein Deutscher im Ausland“ zeigten wir ironisch, wie alltägliche Situationen in Deutschland für Ausländer zur Qual werden können:

Auf einer Parkbank sitzt ein junger Deutscher und versucht eine türkische Zeitung zu lesen. Hinter IHM werden Plakate hochgehalten und ER blättert im Wörterbuch. Aufschriften wie: „Kriminelle Deutsche abschieben!“ und „Deutschländer raus!“ machen IHM Angst. Drei türkische Mädchen streiten sich lauthals über ein Kochrezept und schreien auch IHN an. Der Deutsche versteht leider nichts. Eine Gruppe Jugendlicher kommt vorbei und schubst IHN fast von der Bank, weil sie Fotos von sich machen wollen. Letztendlich schieben sie IHN in die Mitte, denn so einen wie IHN haben sie hier noch nie gesehen. Straßenmusikanten kommen vorbei und trommeln so laut, daß ER weglaufen möchte, aber ER ist umzingelt. Und so kommen noch viele Menschen vorbei. Zum Schluß gehen zwei junge Paare an IHM vorüber. ER schaut den Mädchen hinterher und pfeift leise. Einer der Jungen hat das gehört und geht auf IHN los. Zur Verstärkung kommen alle anderen herbei, doch bevor es zu einer Schlägerei kommt, greift ein Junge ein und ruft: „Was machen wir hier eigentlich? Was soll die Gewalt? Laßt uns einfach alle Freunde sein!“ Dann stimmt er „Hakuna Matata“, unser Lied, an. Wir forderten das Publikum auf, einen großen Kreis zu bilden und mit uns zu singen.
Als Dank bekamen wir einen großen Applaus.
Nach der Aufführung wurde unser internationales Buffet eröffnet und wir feierten und tanzten bis spät in die Nacht.

„Schade, daß die Zeit so schnell vergangen ist.“ sagte Fethi aus Algerien traurig am letzten Tag und Liuda aus Weißrußland fügte hinzu: „Ich werde euch alle vermissen.“ Und auch alle anderen schauten traurig aus. Asia aus Polen wird den großen Abwasch vermissen und Johannes aus Bayern weiß nicht, wann es bei ihm mal wieder so leckeres Essen gibt, wie in den vergangenen zwei Wochen. Schnell wurden noch Adressen ausgetauscht, T-Shirts bemalt und mit Grüßen versehen. Dann mußten auch schon die ersten zum Bahnhof gebracht werden.

Ich fuhr als letzte ab, denn gleichen Weg wie vor 14 Tagen, nur umgekehrt. Die Sonne blinzelte lustig und auf der Landstraße grüßte mich ein Schild: „Willkommen in Sachsen“.

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